Ein bisschen wie Meer

31/05/2007

Nur grüner und stacheliger

Wieder schreibe ich nichts über meinen Sohn, auch wenn Sie sagen: Zeit wär’s und überhaupt, was macht er so und wie geht’s ihm denn, und obwohl er natürlich immer noch mehr als genug Stoff für Kolumnen liefert, schreib ich trotzdem nix und dafür gibt es einen Grund. Lieber erzähle ich Ihnen, dass es lustig ist, mit der Bahn zu fahren, etwa mit der Linzer Lokalbahn, wo der Schaffner dem Lokführer bei der letzten Haltestelle „Vorrücken!“ zuruft, wie ein General seiner Armee, und dann rücken wir vor, die bäuerlichen Heerscharen aus dem Eferdinger Becken gegen die Hauptstadt aus Stahl.

Ich weiß, mit dem Krieg soll man nicht spaßen, darüber ließe sich diskutieren, aber immer ist es ja auch nicht lustig, das Bahnfahren, etwa wenn ein kleiner Junge grad reden gelernt hat und die paar Worte, die sich in seinem Köpfchen sinnhaft formen, probehalber in den halbleeren Wagon plaudert, die Oma das aber nicht möchte und dauernd „Psst“ sagt. Psst. Und dass die Eisenbahn böse werden würde, wenn er nicht folgt. Und dass der Herr Schaffner böse werden würde, und dann würde der Zug stehenbleiben und man dürfe nicht mehr mitfahren, das wäre schön dumm, gell?

Fast hätte ich zur fremden Oma „selber Psst“ gesagt, quasi in Stellvertretung für den Kleinen, der zu soviel Schlagfertigkeit noch heranreifen muss. Aber nach dem gedanklichen Durchspielen aller möglichen Konsequenzen ließ ich es doch bleiben. Bin ich nun friedliebend oder konfliktscheu? Womöglich gibt’s da gar keinen Unterschied. Jedenfalls haben mich alle lieb. Sogar die, die nur so tun.

(Jetzt hätte ich gerne ein Stück Schokolade. Nie hat man Schokolade dabei, wenn man sie braucht.)

Was könnte ich Ihnen noch erzählen? Vielleicht, dass ich mich vorhin in Linz in den falschen Zug gesetzt habe, in einen, der ganze zwei Stunden nach Wien braucht und nicht eine Stunde vierzig und überall stehenbleibt. Nicht überall. Aber fast. Das ist zu langsam, ich mag es gern schneller, auch der Text hier sollte ein schneller sein, einer, der über die Seiten rast und um die Kurven fliegt, dass es nur so quietscht und rumpelt, damit Sie sich anhalten müssen beim Lesen und Schutzbrillen tragen und all das Zeug und es in Ihnen nachher noch ein wenig weiterrast, obwohl ich längst wieder weg bin.

Das mache ich mal, aber ich glaube, heute ist eher der Tag für ein Fahrtenspiel, oder wie heißt das, wenn man beim Laufen das Tempo variiert? Weil, gelaufen sind wir heute auch schon, am Vormittag, durch den Auwald, allerdings immer gleich gemächlich, mit vom weichen Waldboden gedämpften Schritten. Immer ruhiger sind wir dabei geworden, ganz andächtig still war es zwischen uns und den Bäumen und dem gebündeltem Licht. Wenn man in so eine grüne Tanne schaut, und der Wind bewegt die Äste sachte auf und ab, dann ist das ein bisschen wie Meer, nur grüner und stacheliger.

(Man muss übrigens nicht immer Urlaub am Meer machen. Ich war vor kurzem drei Wochen in Florida und in diesen drei Wochen genau dreißig Minuten am Strand von Daytona, von diesen dreißig Minuten ganze drei Minuten bis zu den Waden im Atlantik, und das war’s dann mit Meer, obwohl man bei Florida den Strand gleich mitdenkt, und der Zug bleibt schon wieder stehen, verflixt.)

Hoffentlich setzt sich niemand in mein Abteil, ich habe die Schuhe ausgezogen und immer noch die Laufsocken an, und zugegeben, in meinem Kopf ist es eher konfus heute, aber nachdem mir durchaus lobend mitgeteilt wurde, dass manche meiner Texte gut für Depressionen sind (gut in dem Sinn, dass es dann den Depressionen gut geht), werde ich einen Teufel tun und was Trauriges schreiben, statt dessen habe ich Sie mitgenommen in den Zug und in den Auwald, sogar in Daytona waren wir kurz und haben die Füße in den Atlantik gesteckt, und bald sind wir zu Hause in Wien, wo ich stellvertretend für uns alle ein Stück Schokolade essen werde, jawohl.

Dann werde ich Ihnen gute Nacht wünschen und die Tür zumachen, obwohl mir jetzt tausend Geschichten über meinen Sohn einfallen würden, Erinnerungen an die erste gemeinsame Zugfahrt in eben jener Linzer Lokalbahn, die schon meinen schwangeren Bauch durch die Gegend geschaukelt hat, und so weiter und so fort, aber ich erzähle heute nichts über meinen Sohn, weil, und das ist der Grund: Weil der so großartig erwachsen wird in letzter Zeit. Ganz ohne mein Zutun, immer dann, wenn man nicht hinschaut. Deswegen.

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