Ich bin’s, dein Kardinal

15/08/2007

Gott riecht nach Weihrauch

Ein Kreuz liegt vor mir, geschnitzt von Menschen im Heiligen Land, aus dem Holz des Olivenbaums, ein Zeichen der Hoffnung sei es, schreibt Christoph Kardinal Schönborn, und wendet sich dabei an meinen Sohn. Lieber junger Christ. Ein Begleiter auf Ihrem Lebensweg sei das Kreuz, steht in dem Brief, mit blau eingedruckter Unterschrift, die suggeriert: Hier hat wer selbst unterschrieben, so gut wie. Nicht ganz. Die Absicht zählt.

Du sollst nicht lügen, fällt mir zum blau Eingedruckten ein, aber ist das Lüge? Eher die gängige Methode. Die Diözese ist groß, jeden Brief selbst zu unterschreiben unmöglich, auch für einen Diener Gottes. Mein Sohn wollte weder Brief noch Kreuz, beides liegt auf meinem Schreibtisch, beides ungewollt und modern, mit angetäuschter Unterschrift das eine, das andere noch im Zellophansackerl, a „Gift From The Holy Land“, ein T-förmiges Ding, ohne den geknechteten, geschundenen Körper des gestorbenen Jesus, der mich seinerseits vom Briefkopf her ansieht, arrogant und fern.

Ich höre fast auf zu atmen, so gewaltig drückt es auf der Seele. Vor drei Tagen saß ich in der Kirche, eingeladen zur Hochzeit von gläubigen Freunden, hoch über uns wölbte sich ein steinerner Himmel. An den Wänden krochen pausbackige Putten aus allen Winkeln, Blattgold und schwarzes Ebenholz, Schnörkel und hüfthohe Statuen von Heiligen und Marien und Mönchen, ein haushoher Altar, unerreichbar. Gott ist nicht nah, sprach es aus den Steinen und Mauern und Geräuschen, und Du bist nicht würdig, einzugehen unter sein Dach. Die fröhlichen, kindlichen Kirchenlieder des Chores verstärkten das Fremde; von einem liebenden Vater wurde gesungen, dessen Kind man sein möchte und dessen Liebe unendlich sei, und wenn er da war, dieser liebende Vater, dann haben wir uns verpasst, wie immer bei solchen Gelegenheiten.

Wie tief das noch sitzt, das Katholische. Man erhebt sich, wenn alle sich erheben, man murmelt sein „Amen“, sein „Wir bitten Dich, erhöre uns“, sein „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“, auf einmal ist man wieder ein kleines Mädchen, mit Faltenrock, weißer Strumpfhose und einem Handtäschchen aus Plastik, das ein Taschentuch und Geld für die Kollekte birgt. Man ist wieder sieben oder acht Jahre alt, rutscht mit seinem kleinen Hintern hin- und her, macht alles, was die Oma macht, oder der Opa, betrachtet die dicken Engel, zeichnet mit dem Finger das Hausschild in der Kirchenbank nach, kaltes Messing, zählt die Ecken der elendshohen Säulen und staunt über die langen, langen Ketten, an denen die Luster hängen, während vorne der Priester aus seinen Worten einen Teppich murmelt, einen Vorhang, eine Decke, bis man schläfrig ist vor lauter Heiligkeit, bis man auf die Knie sinken darf und sich die Strümpfe zerreißt, und Gott riecht nach Weihrauch und Oma nach Kölnisch Wasser, und beide sind ewig.

Der Wind zupft an den Jalousien und bringt mich wieder in die Gegenwart zurück, in die gottlose, der Aquarell-Jesus sieht mich immer noch mit hochgezogenen Augenbrauen an, sein Heiligenschein ist blau wie die eingedruckte Unterschrift vom Erzbischof Wiens. Daneben liegt das Kreuz. Aus Olivenholz geschnitzt. Lieber Herr Schönborn, vielen Dank, wir wollen es nicht. Ich würde es Ihnen gerne zurückschicken, weil wegwerfen geht auch nicht, eigenartig. So sehr hat mich die Kirche noch im Griff, obwohl ich mich schon vor mehr als zwanzig Jahren von ihr verabschiedet habe, von diesem leidenden, katholischen Gott, der in meiner Kleinmädchenfantasie frierend und nackt in einem ungastlichen Kirchenschiff wohnte, ein geschundener Jesuskörper, hinter gotischen Säulen versteckt.

Statt mit mir zu reden, Herr Kardinal, warum ich diese Kirche verlassen habe, sprach der damalige Dechant unserer Kleinstadt lieber meine Mutter an. Er frage die Wirtin, die jeder kannte, in der Volksbank, vor allen Leuten, welcher Sekte ich jetzt angehöre. Hätte ich gewusst, dass die Pfarre das Gasthaus meiner Eltern über Monate meiden wird, weil eines ihrer Kinder, weil ein Mensch aus dieser großen, traditionell katholischen Familie sich entscheidet, nicht dazuzugehören, hätte ich bis zu meinem Umzug nach Wien gewartet. Es ging mir nicht ums Geld. Es ging mir um Nähe, Herr Kardinal, und Ihre Kirche täuscht Nähe nur vor, finde ich, wie blau eingedruckte Unterschriften auf Musterbriefen.

Ihr Schreiben hat meinen Sohn nicht berührt. Nicht ich habe ihn von der Kirche ferngehalten, er ist getauft und gefirmt. Wir haben über Gott geredet, über den Tod, über alles. Die Kirche hat sich selbst von ihm ferngehalten. Sie hat ihm gezeigt, wie man demütig die Hände faltet. Über die Demut selbst hat sie sich ausgeschwiegen. Oder über die Sehnsucht, die in ihm ebenso groß ist wie in mir. Lieber junger Christ. Diese Chance, Herr Kardinal, haben Sie und ihre Kollegen verpasst.

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