Freitagabend, 20:00 Uhr

15/03/2008

Die Stadt ist nass, die Straßen glänzen

Freitagabend, 20:00 Uhr. Mache mich auf den Heimweg. Zuvor noch in der Fabrik den Geschirrspüler eingeräumt, haha, „Fabrik“, das sag ich nur so. Die „Fabrik“ ist Großraumbüro mit Schreibtischgrüppchen und Glaswänden, grauem Teppich, schwarzem Linoleum und vielen Menschen.

Geschirrspüler einräumen an Freitagabenden ist fast Ritual. Auf Chaos folgt nüchterne Leere und Ordnung – ich will übrigens nach Texas oder Arizona oder wo man in den USA sonst in karge Weiten starren kann, aber das nur nebenbei. Möchte auch in die Antarktis, oder zumindest nach Feuerland. Denke daran, während ich die Tische der Kaffeeküche abwische und die Sessel hinstelle, wo sie hingehören.

Kurz darauf gehe ich mit eingezogenem Kopf Richtung Straßenbahn. Die Luft ist lau und dunkel, die Straße regennass, die Stadt spiegelt sich im Asphalt und kokettiert golden mit ihrer üblichen Nüchternheit. Ein Lichtwurm windet sich heran, Köpfe an den Fenstern, ich steige ein und werde selber ein Kopf am Fenster der Straßenbahn. Vor mir liegt eine vergessene Schachtel mit Kopfwehtabletten. Ob sie leer ist?

Paranoia. Die Tabletten sind präpariert. Die blauweiße Schachtel ist ein Köder, ist Gift. Du musst sie wegnehmen, wegwerfen. Du musst retten.

Keine Lust. Draußen fährt Wien vorbei. Nass und glänzend, helle Spots im dunklen Rahmen. Haltestellen, Tankstellen, Lokale, Hoteleingänge. Gelbe Fenster, warmes Licht. Rundherum dunkle Ebenen, geschichtete Dunkelheit, Schattenflächen, von geduckten Schattenmenschen durcheilt.

Ich überlege, ob mir kalt ist. Verneine. Oder. Richtig kalt ist es nicht. Genau die Kippe zwischen angenehm und gerade noch nicht frieren. Ich stelle mir einen Hund vor, der fast ganz entspannt ist, aber weiß, dass jede Sekunde wer ums Eck kommen könnte.

Loriot setzt sich schräg gegenüber. Hinten steht ein Mann, der sieht aus wie John Candy, der Schauspieler. Bis auf ein sich Belanglosigkeiten erzählendes Pärchen ist es still in der Straßenbahn. Obwohl, wer urteilt darüber, was belanglos ist. Und was nicht. Ich mustere die Tablettenpackung, stupse sie mit dem Bleistift kurz an. Scheint voll zu sein.

Durch mein Gesicht im Fenster sehe ich wieder auf die Straße. Morgen wird der Sturm kommen, an der Stadt zupfen, ziehen und zerren (und wir werden die Dachplatten vom Nachbarhaus fliegen sehen und ängstlich den Kran beäugen, der sich über unseren Köpfen neigt). Der Wind pfeift uns was vor, während wir in den Betten liegen, dem Rumoren lauschend. Dann wird’s ruhig. Später wird die Mutter anrufen, der alte Onkel ist gestorben.

Aber noch ist Freitagabend. Die Straßenbahn biegt in den Ring ein und füllt sich beim Schottentor mit Lärm und Menschen. Ich setzte die Kapuze auf, als wär’s dann ruhiger, krieche in mich und vergrabe die Hände in den Taschen. Vor dem Rathaus drehen sich Eisläufer auf dem Eislaufplatz, ich stelle mir vor, sie täten dies in aller Stille, hochkonzentriert, ganz ernst.

Volkstheater. Ich sehe von oben schon: Noch drei Minuten, dann kommt die nächste U-Bahn. So langsam wie möglich gehe ich die Stufen hinunter, zähle erst die Menschen, die mir entgegenkommen (drei Männer, drei Frauen, später noch ein Mann) und dann die Löcher in einer Abdeckung (16 mal fünf, also 80 pro Tafel).

Nur zwei Stationen, dann bin ich daheim. Ein Fremder erzählt einer anderen – auch ihm – Fremden, dass er perfekt englisch spricht, aber nie wirklich gelernt hat. Die andere Fremde steigt höflich aus. Der erste Fremde winkt ihr nach und erzählt einer neuen Fremden, dass er bei einer Firma arbeitet, die keine Kleider für große Größen macht. Die neue Fremde und ich steigen aus.

Gleich bin ich zuhause. Noch lebt der Onkel, mein Taufpate, noch beschäftigt mich keine Erinnerung an Osterstriezel und andere Geschenke. Ich öffne das Haustor, drücke den Liftknopf. Feuerland. Kopfweh. Die Tabletten fallen mir ein. Die sind schon am Südbahnhof.

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