Muscheln und Steine

15/11/2009

Man trägt Getöse durch die Stille

Wieder sollte es ruhiger sein. Was treibt, ist die Sehnsucht, was bremst, ebenso. Ruhig geht man durch die Straßen, durch den Morgen, den Schlaf im nachtschweren Nacken, grau innen und grau außen mit schwarzen Rändern. Die sich auflösen sollten, denkt man und dann gleich: Bitte nicht. Bitte nicht auflösen, weil in einem töst es grell, in orangegelben Farben, die drängen sich unter der Haut und machen beides, warm und unruhig. Man trägt Getöse durch die Stille. Nicht umgekehrt sich selbst still durch eine laute Welt.

Ich warte auf einen Freund, jetzt, am Abend, im Cafe Ritter, bald wird er kommen. Wir werden darüber sprechen, wie es uns geht, vor allem, wie es ihm geht. (Ich versuche, mich auf diesen Text zu konzentrieren, der ungeduldig neben mir steht und sich nicht einfangen lassen will. Seit die Abstände zwischen den Kolumnen so groß sind, fällt das Schreiben nicht mehr so leicht, vorher war es ein leises Auf und Ab, eine Wellenbewegung am Strand, ein innerer Moll-Ton, der kam und ging und nie ganz weg war. Das hat sich verändert. Ich warte auf den Bus, der mich zum Strand bringt.)

Jetzt. Bin ich auch Studentin, mein Sohn ist groß und ich packe noch mehr in mein Leben, will noch mehr von diesem grellen Getöse, weil, das ist das Geheimnis: Ab und zu wird es mitten drin ganz still. Das ist die Essenz, die Potenz der Stille und wer die kennt, will mehr. Vor allem ist das ein Teil der Fülle.

Wenn der Freund kommt, wird er Kopfhörer tragen und einen leicht zugespitzten Mund, oben die Schultern angehoben und unten mit großen Schritten das Lokal durchmessend. Er wird die Hände in den Taschen haben, und bevor er mich zur Begrüßung auf die Wangen küsst, kurz nach links oder rechts schauen. Dann wird er „Mm“ machen, ein ganz kurzes, abgehaktes, sehr liebes „Mm“, eher hoch, obwohl er keine hohe Stimme hat. Aber das macht er immer so. Damit meint er vielleicht, ich will dir nix Böses. Danach hat er einen schmalen Mund.

Immer, wenn ich aufblicke, verändert sich das Bild. Vorhin saßen drei Männer schräg gegenüber, nun sind daraus zwei Frauen geworden, beide mit dicken Pullovern und Pferdeschwanz. Daneben sitzt eine alte Frau mit rosa Pullover, grauer Igelfrisur und einer Brille auf der Nase. Sie liest und notiert. Der Ober serviert ihr etwas, das auf die Distanz wie ein Beuschl mit Knödel aussieht.

Das aßen bei uns im Wirtshaus die Männer beim Frühschoppen. Ein kleines oder großes Beuschl, Würstl mit Senf, Kren, einen Einspänner, Debreziner. Wir kannten die Männer schon, und ihre Frauen, die an einem eigenen Tisch saßen, und mussten nicht mehr fragen. Das war auch Familie. Damals, im Faltenrock Teller durch das Gastzimmer jonglierend, damals waren die Farben hell und warm, die Gerüche und Düfte, es roch nach Kaffee bei der Schank und nach Bier, aber diese Erinnerung ist verblasst. In der Küche züngelte Feuer im alten Herd und folglich roch es nach Holz, wenn gerade nicht gekocht wurde. Ich überlege, ob das damals schon so war, mit dem inneren Lärm. Mein Problem war eher, Strumpfhosen ohne Laufmaschen zu finden, rechtzeitig zum Frühschoppen fertig zu sein und wieder nicht gelernt zu haben.

Ich muss mich beeilen, der Freund wird bald kommen, bis dahin sollte der Text fertig sein, der wohl mehr eine lose Sammlung ungewaschener Muscheln und Steine ist, mit Sand vom Strand dazwischen. Wenn wir geredet haben, wenn wir uns verabschiedet haben und nach Hause gegangen sind, wenn wir geschlafen haben und, mit den Resten der Nacht im Nacken, durch die kühle Stille des Morgens gehen. Was dann? Nichts. Grelloranges Getöse eben, Graffiti hinterm Solarplexus, Beats und Drums und wirklich laute Rhythmen und mitten drin ein stiller Fleck. Gut so. Ohne das wäre alles nichts.

Später, nach Mitternacht. Der Text ist nicht fertig geworden, aber zwischen vorhin und gerade eben, wo ich zuhause sitze, haben wir die Stadt angemalt, die Bäume blau, die Wände grün und den Himmel über uns, diesen dunklen, auskragenden leeren Himmel, mit sattem, tiefen Violett.

Langsam wird es ruhiger in mir und ein Nichts breitet sich aus im Raum, ein Nichts, in dem man gut schlafen kann, nachdem man noch eine Weile gelauscht hat, die Hand auf dem Bauch, auf die Geräusche von draußen, von der Straße, den Nachbarn, die durch ihre Zimmer wandern, Türen öffnen und schließen, leise Schritte. Und umgeben von diesen guten, lebendigen Geräuschen trägt man sich dann schlafend und still dem Tag entgegen und der Sehnsucht und dem, was einen drängt und treibt.

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