Zwischen uns

28/02/2010

Jahre und nichts

A. sitzt mir gegenüber. Am anderen Ende des Raumes, auf dem Teppichboden, wie ich den Rücken an die Wand gelehnt. Wir sagen nichts, wir sehen uns an. Wir sehen in uns hinein, ernst, ruhig, jeder für sich. Das möchte ich. A. war aus der Welt und jetzt ist er wieder in ihr. Er war verschwunden. Im Regal steht ein Bild, das er mir geschenkt hat. Wann, weiß nicht, vor vielen Jahren. Eines dieser persischen Bilder, eine gemalte Miniatur, reitende Krieger. Wo ich hinzog, war das Bild bei mir. Anfangs noch mit A. behaftet, dann einfach nur etwas. Aus der Vergangenheit. Die es nicht gibt, diese Vergangenheit, die sich im Grunde neben uns erstreckt und zwischen uns dehnt und das Weltall aus den Angeln kippt, wenn plötzlich, nach so langer Zeit, jemand wieder in deine Welt kommt, und glauben Sie, das war heftig, als ich das Mail im Posteingang fand: Bist Du das, stand da, bist du diejenige, welche? Damals, im Zug von Wien nach Linz?

Damals, im Zug von Wien nach Linz, die Zigarette, die ich nicht geraucht habe, aber dafür die ersten Pistazien meines Lebens gegessen. Noch keine zwanzig, noch alles neu, grad die Zeit, wo man pure Kraft ist, wo unter der Haut nichts ist als Muskeln und Energie und dazwischen ein See gemischt mit Traurigkeit und Lebendigkeit im Verhältnis 1:1, die Lebendigkeit lässt dich jubeln, und die Trauer, diese alte Seele, lässt dich innehalten und schauen und spüren, so weit ist alles, so weit. Dir sitzt im Abteil ein junger Mann gegenüber, der vor Heimweh vergeht, trotzdem in Wien studiert, aber. Eben auch jemanden braucht, an dem er sich festhalten kann. Du bist jung und kraftvoll, sagst: Halt dich nur, an wem sonst, wenn nicht an mir. Weil, die Neugier macht dich ganz unrund, mit schiefem Kopf schaust du den Fremden an, der Jagdinstinkt geweckt, deine Sammelleidenschaft, wenn du ehrlich bist, hat das früh begonnen, dieses Sammeln von Menschen, die besonders sind.

Besonders. Wir schreiben uns, besuchen uns, Bilder flackern auf, seine Hände beim Kochen, das Joghurt zum Reis und nichts ist zwischen uns als Zuneigung und Achtung. Dann kommen die Briefe aus Deutschland, später aus dem Orient, das mit arabischen Schriftzeichen bedruckte Kuvert auf dem roten Tischtuch, auch so eine Erinnerung. Zwei, drei Jahre lang, ich werde Mutter, er studiert in seiner Heimat, schreibt eines Tages: Ich werde heiraten. Kleine, mit Spitzen umhäkelte Deckchen für seine Frau als Hochzeitsgeschenk, sorgfältig verpackt, ein Brief mit guten Wünschen, das wäre doch, denke ich mir, das Ende seiner Einsamkeit, die Ankunft dort, wohin er sich gesehnt hat, und dann wird es still um ihn und um uns.

Das Bild zieht mit, ein kleiner Kern A. zieht mit, wohin auch immer, die Freundschaften kommen, manche verblassen, die Lieben kommen und gehen, mein Sohn wird groß, die Muskeln unter der Haut sind nicht mehr aus Stahl, dafür aber echt. Das Verhältnis von mit Trauer gemischter Lebendigkeit verändert sich mehr oder weniger, im Grunde bleibt es gleich. Noch tiefer, noch ruhiger, und das Sehnen rüttelt dich nicht mehr ganz so unverhofft aus der Spur. Meistens.

Allerdings. Wenn dann jemand, der aus deiner Welt war und, fast fünfundzwanzig Jahre später, unvermittelt wieder mitten in deiner Welt ist, du öffnest das Bild im Mail-Anhang und mit dem Bild steht dieser junge Mann vor dir, hinter dem grauen Bart und den grauen Haaren steht dieser junge Mann und sieht dich an – wow, das ist wie ein Zeitsprung, und in dir klickt sich wieder die an die Oberfläche – diejenige welche – die du ja auch warst und im Grunde immer noch bist, die mit den harten Muskeln direkt unter der Haut, die mit der immensen Kraft und dem Hunger nach Leben und Weite und den weitoffenen Armen, groß genug, um fünf Welten zu umfassen, ja, genau die.

Dann staunst du. Oder? Und sehnst dich und wunderst dich über das Sehnen. Nein, du wunderst dich nicht darüber. Sondern, wie gut man das zur Seite schieben kann und wie unerträglich gut es sich anfühlt.

Deswegen. Kommt es mir so vor, als würden A. und ich im selben Raum sitzen. Jahre zwischen uns. Nichts zwischen uns. Und uns ansehen. Ruhig. Sein ernstes Gesicht auf meinem und meines gespiegelt in seinem. Im Ansehen betrachten wir uns selbst, erkennen die eigenen Gedanken im anderen.

%d Bloggern gefällt das: