Kosovo Nr. 4

02/10/2019

Ist schon ein anderes Land, ist nicht mehr der Kosovo, sondern Montenegro. Prishtina liegt hinter mir. Oder in mir. (Siehst du, Frau, genau deswegen sollst immer Abstand halten, Distanz bis zum nächsten Text, damit das Rührselige verborgen bleibt. Was willst jetzt schreiben? Ein Loblied auf das Energische, das Herzliche, auf die besondere Bereitschaft zur Nähe in dieser Stadt?)

Gar nichts schreib ich. Sitz im kleinen Hotelzimmer und hab das Licht abgedunkelt. Draußen bellt ein Hund mit sich überschlagender Stimme. Grillen die Zirpen oder zirpen die Grillen. Donnert das Wetter oder rangieren nächtliche Züge, der Bahnhof von Podgorica ist nebenan.

Die Biene frühstückt, während ich frühstücke. (Door 74 – gleich neben der WG, vorletzter Tag in Prishtina.)

Podgorica liegt einen Hauch südlicher als mein* Prishtina. Aber gar nicht so weit weg, nimmt man die Luftlinie. Nimmt man die Buslinie, braucht’s gute dreihundert Kilometer und mehrere Stunden. Weil Grenzen, weil Berge, weil unglaublich schönes Land dazwischen und, wenn über Albanien, Küste, Meer und sogar Menschen, die noch darin baden am zweiten Oktober. (Ein Übermaß an Bildern. Wird auch nicht besser, wenn man – beim Sich-Entfernen – stundenlang aus dem Busfenster schaut.)

Auf dem Turm der Mutter-Teresa-Kathedrale. Unten lärmt’s.

Ruhig und samtig war die Luft auf dem Turm der Mutter-Teresa-Kathedrale, am vorletzten Tag in Prishtina. Floriana und ich haben einem jungen Mann jeweils einen Euro bezahlt, er uns in den Lift geführt, umständlich einen Schlüssel umgedreht und dann ging es real fünf (gefühlt siebzehn) Stockwerke hinauf.

Rundum der Straßenlärm wie eine Brandung, die nicht ganz bis zu uns reicht. Die bricht. Im letzten Septemberlicht. Nur die Deppen auf ihren Motorrädern mit den aufgebohrten oder was auch immer Auspuffen. Ziehen eine Lautspur zwischen den Häuserschluchten. Zwei sind es, immer über den Boulevard und durch die Gassen im eckigen Kreis herum.

Markt im alten Viertel, unweit der Moscheen.

Am letzten Tag ein letzter langer Spaziergang in eine Gegend, in der ich noch nicht war. Noble Botschaften in guter Lage. Häuser und Wohnungen zu vermieten. Übersetzungsbüros. Bäume, Gärten. Security beim Tratschen. Ich folge zielstrebigen Frauen mit Einkaufstaschen und finde so die besten Abkürzungen. Dabei will ich gar keine Abkürzungen, ich will eher mehr Zeit. Nur: Am Abend ist die Abschiedslesung, ich muss vorher nach Hause, ruhig sein.

Wolken stehen der Stadt generell gut. Zumindest im September.

Die Lesung, das Gespräch, Aurela von Qendra Multimedia führt es, Texte sind ins Albanische übersetzt, wir lesen im Wechsel. Alle strahlen alles. Bin fertig, weil intensiv, und fertig, weil fertig mit der kosovarischen Schreibresidenz. Ein Bier noch, wir singen zu 80er-Pop, dann werde ich gedrückt und geherzt und drücke und herze und schnell, weg. (Weißt eh, die Rührung.)

In Montenegro donnert es wirklich. Es blitzt, es regnet. Der Hund ist still geworden, vielleicht hat er Angst vor dem Gewitter. In einer Stunde ist Mitternacht, hier wie dort (gute dreihundert Kilometer weiter östlich). Bis dahin wird dieser Text online sein, ein paar Bilder hineingeklebt, mit oder ohne Fehler.

Das wird mir auch fehlen.

Was bleibt: Abstand gewinnen, den/die längeren Kosovo-Text/e schreiben und – hoffentlich – wie geplant 2020 wiederkommen.

Selvije, Florida, Floriana, Fidan, Isi, Klevis, Leni, Aurela, Verena, Sabina und Fatlum, der mich am 2. September vom Flughafen abgeholt hat: Ich danke Euch allen sehr, sehr, sehr für absolut Alles!

Eure Karin Kati Karen

*Ja, was soll’s, ist es halt „mein“ Prishtina, ich hab auch schon über „mein Teheran“ geschrieben, und da war ich nur fünf Tage. Keine achtundzwanzig.

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