Kosovo Nr. 3

23/09/2019

Das Angestrengte zu übersehen, ist leicht und schwer. Bei Schönwetter leicht, bei Regen schwer. So einfach. Wie winzige Ameisen aus dem Notebook zu schütteln. Gestern gemacht, nach dem Aufwachen in Vlora. (Das Notebook lag unter dem Hotelbett auf den kühlen Fliesen, warm und einladend.) Komm mit nach Albanien, meinte Selvije, wir fahren nach Tirana und von dort mit meiner Freundin Isi weiter ans Meer, komm komm komm. (Also zeig ich der Zicke, die mein Roman grad ist, die kalte Schulter, pack sie heimlich ins Herz und ins Hirn und nehm sie mit.)

Sonntagabend, auf dem Weg von Tirana nach Prishtina, wir trinken Kaffee kurz vor der Grenze.

Zurück nach zwei Sonnenhitzetagen, anderen Geschichten, neuen Menschen, stundenlangen Gesprächen. Zurück im Kosovo, es regnet, das Angestrengte lässt sich nicht ausblenden. Der Herbst zieht überall gleich ins Land. In die nasse Stadt. Reife Kastanien unter braungeränderten Blättern. Die Wohnung, der Küchentisch hält mich nicht mehr, ich möchte ins Dit‘ e Nat‘, um diesen Text zu schreiben. Bin angekommen in Prishtina, weil: Schau ich links oder rechts, suche ich nach dem Weg? Nein. Ich schaue vor allem auf den Boden, weil ich mir den Gehsteig nicht nur, wie gewohnt, fallweise mit Bäumen und mutig geparkten Autos teilen muss, sondern mit Pfützen in verschiedensten Größen und Farben.

Heute am Nachmittag – die Luan Haradinaj in Prishtina.

Vor dem Dit‘ e Nat‘ schüttle ich meinen gelben Regenschirm aus, umsonst, denn alle Tische sind besetzt. (Und wieder: das Leichte.) Es macht nichts. Wandeln Sie weiter, Frau K., gehen Sie, sehen Sie: den Mann, der in der Fußgängerzone Beeren anbietet. Den anderen Mann, der – am Boden sitzend, den aufgespannten Schirm neben sich – bettelnd singt oder singend bettelt. Die Lichter, die sich in der Nässe spiegeln. Den Bücherstand, der geschlossen ist und trotzdem offen. Es tropft und tropft. Auch dieser Text.

Weil, worüber will ich schreiben und es lässt sich nicht fangen? Das Angestrengte in den Gesichtern der Menschen. Vor allem dieser jungen Frauen, die mir erzählen, wie es ist, hier. Wie es war, damals. Wie es sein soll, bald. Wie es nicht sein wird, wahrscheinlich. Es ist so: Heut muss es zögernd bleiben. Muss ich immer an mein Privileg denken. (Steht der Koffer da, bereit, jederzeit.) An die Gute-Nacht-Wünsche von Klevis per WhatsApp, an ihren Zusatz: „Unfortunately I will not be able to sleep as there was another earthquake just 30 minutes ago.“

Heroinat Memorial, tausend Frauen-Gesichter in einem vereint.

Mit Klevis bin ich gestern von Tirana zurück nach Prishtina gefahren. Am Vortag ein Erdbeben ganz in der Nähe, während wir, Selvjie, Isi und ich auf einem Ausflugsschiff das ionische Meer kreuzten, döhnender Balkan-Pop aus den Lautsprechern, ein als Pirat verkleideter Reiseleiter. Dann die Anrufe von Familie und Freunden, wo seid ihr, geht es euch gut?

In meinem Leben waren Krieg und Erdbeben immer die Erlebnisse der anderen. Sogar hier, so nah dran, bin ich weit weg. Klevis Familie lebt in Tirana, Sprünge im Putz, furchtbare Geräusche, die verängstigten Kinder. Vielleicht ist das der Grund für das Brüchige in diesem Text: So nah dran bin ich an diesen Menschen, so sehr öffnen sie sich mir und ich mich ihnen. Aber das Erlebte entscheidet mit über Nähe und Distanz.

Im Vordergrund: Mualebi Kadaif. Dahinter: Prishtina, nach wie vor nass.

Das Missini-Café, in dem ich sitze, füllt sich, es regnet nach wie vor. Ich habe Kaffee getrunken, ein Mualebi Kadaif gelöffelt, werde bald heimgehen, zurück zum Küchentisch und meinem Roman, der keine Zicke ist, keine Diva, sondern sich Zeit lässt. (Wir sind im Kosovo, sagt er, was willst? Ein bisschen Chaos ist hier völlig normal.)

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