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Slow down in the night of the living dead

Johnnys Untertitel zum diesjährigen Weihnachtsfest lautet: „Die Nacht der lebenden Toten.“ Wer Radio hört, weiß warum: Quer durch (fast) alle Radiosender durften in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember sämtliche Radioleichen fröhliche Urstände feiern. Wir hatten Stunden, um uns davon zu überzeugen. Wir fuhren nämlich von unserem Heimatstädtchen zurück in das zirka 200 Kilometer entfernte Wien, mitten in der Nacht. Mit Tempo 80. Maximal. Die Autobahn war fast leer, mein Sohn saß neben mir, im Fond döste mein Freund, der Kurde, die Heizung bullerte und aus dem Radio hämmerten Songs, denen die Zähne bereits ausgefallen waren, mit Greisenstöcken gegen meine Nerven. Am Anfang war’s ja noch lustig. Johnny und ich sangen mit, was das Zeug hielt. Man kennt die Sachen ja von den letzten Jahren.

Aber dann schlief der Knabe in den Beifahrersitz gekuschelt ein. Der Kurde ließ auch nichts mehr von sich hören. Es war ein ziemlich anstrengender Tag gewesen.

Gegen Mittag hatte ich das Auto vom Autoverleih geholt. Unverschämt teuer, aber die einzige Möglichkeit, Weihnachten richtig zu feiern – mit Familie, echten Bratwürsteln und solchen aus „Tufo“ (Copyright mein Vater, dafür hat er die vegetarischen Dinger diesmal nicht verbrannt …), dem Gelächter beim Versuch, „Stille Nacht“ zu singen und dem pulloverwarmen Gewusel um den Christbaum.

Da Johnny arbeiten musste, konnten wir aber erst am frühen Nachmittag von Wien aus gen Westen ziehen. Endlich zu Hause, begrüßte mich mein Vater mit einem Lächeln und den Worten: „Du hast einen Platten.“ Ah ja. Der Herr vom ÖAMTC war auch der Ansicht und montierte den Ersatzreifen … soll heißen: Den Notreifen. Ich versuchte ja, es zu ignorieren. War schlicht unmöglich. Das große, gelbe Pickerl auf dem Notreifen schrie: Nicht schneller als 80 km/h!

Mit 80 km/h mitten in der Nacht zurück nach Wien? Sollte das mein Weihnachten sein? Mein geliebtes Weihnachten, dem ich ohne jedwede Ironie gegenüber stehe? Jawohl, es sollte – denn mein Junior musste sich für das Gastgewerbe entscheiden und am nächsten Morgen um sechs wieder wie aus dem Ei gepellt fremde Buffets aufbauen.

Was blieb mir anderes übrig. Ich wünschte dem ÖAMTC-Typen ein frohes Fest und machte mich ans Räucherwerk: Als meine Oma noch lebte, sind wir zwei in den Raunächten durch unser uraltes, riesiges Haus gewandert, vom Keller bis zum Dachboden, vom Vordereingang durch den Hof bis ans Ende des Gartens, in dicke Weihrauchschwaden gehüllt. Wegen der wilden Jagd, die in solchen Nächten über das Land zieht.

Meine Oma starb, als ich 14 war. Und seither gehe ich mit dem alten, mit glühenden Kohlen gefüllten Bügeleisen in der ersten der drei Raunächte allein durchs Haus und verbrauche dabei Unmengen edles Räucherharz. Im Keller stehe ich besonders lang, und dann nehmen wir beide, also das alte Haus und ich, einen tiefen Lungenzug Weihrauch. So war es auch diesmal.

Und später, nach den Bratwürsteln, Gelächter und Gewusel, beladen mit selbst gebastelten (oder angesetzten) Geschenken (danke für den Schnaps!), einer Kiste Kekse und immer noch nach Räucherkammer riechend, machten wir uns auf den Heimweg.

Mit 80 km/h. Auf der ziemlich leeren Autobahn. Die Zombielieder mussten in der Höhe von St. Valentin einer CD weichen. Johnny schlief, der Kurde sann im Fond seinen Gedanken nach, es war warm, die CD auch im dritten Durchlauf wunderschön, ich war so ruhig wie seit Wochen nicht mehr – und spätestens in St. Pölten wünschte ich mir noch 100 Kilometer mehr auf dieser Fahrt durch die Nacht der lebenden Toten.

Meine Eltern, die Schule und ich

Meine Eltern sind gute Menschen. Warmherzig, gelassen, hilfsbereit. Mein Vater, der in jungen Jahren Rita Hayworth bekochte, deckt eine ganze Kleinstadt mit Weihnachtskeksen ein (ganzjährig). Meine Mutter bestrickt nicht nur charakterlich, sondern auch tatsächlich: Gib ihr einen Knäuel Wolle, sie macht daraus einen Pulli, den du nie wieder ausziehen willst.

Ich liebe meine Eltern samt Keksen, Pullis, Familientreffen und dem Nachbarkater Moses, der die beiden adoptiert hat. Und weil das so ist, schwöre ich an dieser Stelle Stein und Bein, dass ich in ihrer Gegenwart nie wieder die Killerkombination „Johnny“ und „Schule“ erwähnen werde. Das ist nämlich passiert: Sie ist mir aus dem Mund gefallen, während ich mit meinem Vater telefonierte. Ich wollte sie noch zurückstopfen: zu spät.

Alles fing ganz harmlos an. Wir unterhielten uns über dieses, jenes und Johnnys neue Lehrstelle, die ihm wirklich gefällt. Und dann meinte ich, der Knabe müsse jetzt nur noch die Berufsschule ernst nehmen. (Die Worte kamen aus dem Hinterhalt, sie dürften hinter dem Gaumenzäpfchen gelauert haben.) Das ist wie beim Tennis. Du spielst einen Ball, der Gegner schlägt zurück.

Mein Vater schlug zurück: „Ja, du musst schon aufpassen, dass er lernt.“ (15:0) Ich konterte: „Johnny ist 16 und langsam selbst dafür verantwortlich. Wenn er Hilfe braucht, kann er jederzeit kommen.“ (15:15) Vater: „Das hast du schon gesagt, als er acht war.“ (30:15) Ich: „Das stimmt doch gar nicht! Das ist nicht fair!“ (Out, daher 40:15) Vater: „Warte, ich geb‘ dir Mutti.“ (Spiel, Satz und Sieg.)

Bitte. Ich habe mehr Stunden lernend an der Seite meines Sohnes verbracht, als ich je in meiner eigenen Schulzeit auf Lernen verschwendete. Der Beweis: Ich kann jetzt ohne Taschenrechner dividieren, sogar mit Kommastelle. Hatte ich vorher nie begriffen. Ich kenne die geologische Struktur meines Heimatortes besser als mein Bankkonto und habe entdeckt, dass auch Englisch grammatikalischen Prinzipien folgt. (Die Geschichte meiner Schulkarriere ist eine Geschichte voller Missverständnisse.)

Reden, motivieren, anspornen, schimpfen, verzweifeln, erleichtert sein: Es gab Zeiten, da hätte ich mir die Baldriantropfen am liebsten intravenös verabreicht, so nervös hat mich Johnnys Art gemacht, sich mit dem österreichischen Schulsystem zu konfrontieren. Seine Volksschullehrerin meinte einmal über ihn: „Johnny ist wie ein Schwamm. Er saugt jede Information auf, die er kriegen kann. Jede. Das kann eine Geschichte sein, die ich erzähle, oder die Schneeflocken draußen vor dem Fenster. Manchmal entscheidet er sich eben für die Schneeflocken.“

Das erinnerte mich allerdings an etwas: Ich war 16, wir hatten Betriebswirtschaftslehre und ich wachte erst aus meiner Versunkenheit auf, als der Professor vor meinem Gesicht herumfächelte. Was glauben Sie, was ich betrachtet hatte? (Kleiner Hinweis: Es war Winter.)

OK! Meine Eltern sind zu einschlägig vorbelastet, um das Thema „Schule und Johnny“ als das zu sehen, was es ist: Kein Problem. Der Knabe hat alles geschafft, was zu schaffen war. Er hat aus eigenem Antrieb und ohne Beziehungen eine wunderbare Lehrstelle gefunden und die grauen Haare, die mir in den letzten zehn Jahren gewachsen sind, könnte ich zur Not färben.

Vorerst ziehe ich mich in den warmen Strick meiner Mutter zurück, während sich die Weihnachtskekse meines Vaters überlegen, meinen Körper neu zu modellieren. Und denk‘ mir meinen Teil. (Draußen schneit es.)

Gibt es so etwas wie Männergespräche?

Ich kann nicht über Johnny schreiben, ohne irgendwann den Kurden zu erwähnen. Denn in meinem Freund hat mein Sohn etwas gefunden, das für allein erziehende Söhne sprichwörtliches Manna ist (auch wenn der Kurde nicht eben vom Himmel fiel): einen Couchgefährten.

Der Kurde hatte von Anfang an ein Händchen für den Knaben. Psychologisch einwandfrei könnte man sogar sagen: Er holt Johnny dort ab, wo der sich gerade befindet. Und das ist in neun von zehn Fällen die Couch. Gut, das war böse. In acht von zehn Fällen. Wobei das verhunzte Therapeutenvokabel „abholen“ natürlich nicht wörtlich zu nehmen ist. Ist es ja nie. Gott, ich könnte jedem, der „abholen“ im Psychotantenjargon verwendet, ins Gesicht springen, mittlerweile. (Genau genommen müsste ich jetzt mir ins Gesicht springen.) (Noch genauer genommen holt der Kurde den Knaben auch gar nicht ab. Er setzt sich einfach auch auf die Couch.)

Also: Johnny, der Kurde und die Couch. Die Längslänge nimmt der Kurde ein, die Querlänge der Halbwüchsige. Die beiden unterscheiden sich hauptsächlich durch die leicht dunklere Färbung des einen, sieben bis acht Zentimeter Körperlänge und etwa 15 Kilo Masse und, ach ja, der Kurde trägt Brille und hat mehr Bart, wenn es nicht gerade Donnerstag und er folglich frisch rasiert ist. Mit dem Einschalten des Fernsehers gleicht sich auch das intellektuelle Niveau der beiden an. Was nicht unbedingt heißen muss, dass Johnnys IQ steigt. Die Lieblingssendung des Kurden ist „King of Queens“, alternierend mit Schwergewichtsboxen und wehe, es läuft „Miami Vice“. Oder „Raumschiff Enterprise“ in egal welcher Entwicklungsstufe.

Läuft grad nix im Fernsehen, das knallt, rumpelt, explodiert, blutet oder zumindest knapp angezogen und sexy ist, unterhalten sich die beiden. Worüber? Über Dinge, die knallen, rumpeln, explodieren, bluten oder zumindest knapp angezogen und sexy sind.

Der Kurde spricht eindeutig mehr Sprachen als Johnny, nämlich fünf. Andererseits spricht Johnny einwandfreies Oberösterreichisch, sowie diverse Mixformen bis hin zum (fast) lupenreinen Hochdeutsch. Zählt das? Sein noch etwas holpriges Schulenglisch gleicht er durch einen unglaublichen Charme aus, den er eindeutig von mir geerbt haben muss. Oder von seinem Opa, der ist auch so. Egal.

Die Sprache, die von den beiden Jungs auf meiner Couch gesprochen wird, ist mir übrigens völlig fremd. Sie riecht nicht nur irgendwie anders, sie fühlt sich auch anders an. Und manchmal webt sie einen unsichtbaren Grenzzaun um die Couch, der mich ausschließt. Drinnen: der Kurde, Johnny und das undefinierbare, aber wahrscheinlich eindeutig männliche Etwas. Draußen: ich.

Vielleicht ist der Kurde ja doch vom Himmel gefallen. Geschickt als dringender Ausgleich für das weibliche Übermaß in Johnnys Leben – Kindergärtnerinnen, Volksschullehrerinnen, Mittelschullehrerinnen, Nachhilfelehrerinnen, Großmütter, Tanten, Freundinnen – und ich. War nicht sogar Godzilla ein Weibchen?

Wundern würd’s mich nicht.

Die Zeitfressmaschine

 Ich warte. Das kann ich mittlerweile schon ziemlich gut, das Warten. Und wo ich schon überall gewartet habe! Besonders beliebt: Vor dem Generali-Center, vor der Apotheke am Schwedenplatz, vor diversen Schulen, in Arztpraxen, in Unfallambulanzen – womit wir beim Thema wären: Johnny.

Der ja an sich ein Unfall war. Also in dieser Form, nein: generell, nie geplant. Ich wollte keine Kinder haben; allein, die Realität holte mich ein. Die Realität hieß Werner und war mit einer 900er Honda Bol d‘Or ziemlich schnell unterwegs.

Kurz: Der Motorrad-Urlaub auf Korsika endete mit einer schweren Verkühlung, die meinen Zyklus derart beeinflusste, dass – Zack Bumm. Na ja. Meine Oma meinte damals, ich triebe böse Scherze mit einem Mutter-Kind-Pass-Prospekt vom Frauenarzt. Um meine Familie ein bisschen auf den Arm zu nehmen. Liebe Oma im Omahimmel, du siehst ja, was aus diesem Scherz geworden ist! So böse ist er übrigens gar nicht. Nur ein bisschen verpickelt zur Zeit.

Worauf ich hinaus will: Mein Sohn hat mich immer schon warten lassen. Begonnen hat das bei seiner Geburt: Johnny kam nicht. Zwei Tage nach dem errechneten Termin begann es zu zwicken; es war, ich weiß es noch genau, ein Sperrtag. Also: ein Freitag. (Ich lebte damals im Gasthaus meiner Eltern, die es sehr zu schätzen wussten, dass Johnnys Ankunft den laufenden Betrieb nicht störte.)

Gegen Mittag informierte ich den Kindesvater. Werner machte sich auf den Weg nach Wels, wohin auch ich mich begab, um in der Frauenklinik niederzukommen (was für ein Wort!). Franz ließ sich Zeit – er hoffte, den blutigen Teil der Angelegenheit zu verpassen. Er ließ sich viel Zeit. Johnny ließ sich allerdings noch mehr Zeit als sein Vater, der irgendwann, neben mir sitzend, in den Stand-by-Modus kippte. Wäre vor dem Klinikfenster nicht eine Gasleitung explodiert, Werner hätte durchgeschlafen. So konnte er dann wenigstens der Feuerwehr zusehen, während ich mich fadisierte.

Von Zeit zu Zeit tröpfelte medizinisches Personal ins Zimmer, überprüfte den Stand der Dinge, zuckte die Schultern und verzog sich wieder. Die Wehen kamen und gingen, wer nicht kam: Johnny. Der wollte einfach nicht. Wahrscheinlich war es ihm zu anstrengend. Schließlich gab er ganz auf, und da wurde es spannend: Nach der Diagnose „Geburtsstillstand am Beckenboden“ fand ich mich plötzlich einsam und verlassen im Zimmer wieder.

Alle, inklusive Werner, waren im angrenzenden Operationssaal. Als sich das Fehlen der Hauptperson bemerkbar machte, wurde ich doch noch zur Party gebeten. Dann ging alles sehr schnell: Man schnallte mich auf eine Liege, eine Hebamme hechtete auf Arztkommando von rechts hinten schräg über meinen Körper („Drüüücken!“) – und da war der Wonneproppen. Johnny sah übrigens laut Zeugen haarscharf aus wie der Bruder von ET.

Eine Stunde später (ich wartete…) legte man mir den Winzling geduscht und gewickelt auf den Bauch. Den Blick, den er mir zuwarf, werde ich nie vergessen: Wie könnte ich auch. So sieht er heute noch aus, wenn man ihn aufweckt. Egal, wie lange er geschlafen hat.

Manches bleibt eben immer gleich. Der Schlafzimmerblick – und das Warten. Jede Wette: Godot ist schneller als mein Sohn.

Niemals konnte ich mir auch nur ansatzweise das leisten, was man (also zumindest mein Sohn) als „richtigen Urlaub“ bezeichnet. Darunter stellt er sich vor: Strand, Hitze, mächtige Buffets zum unbegrenzten Nachladen und – vor allem – die Reise per Flugzeug.

Unsere Urlaube waren: Gardasee (Zelt), Kroatien (umgebauter VW-Bus mit Bremsproblemen), 3-Tage-Eurodisneyland (Reisebus, Nonstop Linz/Paris). Wie auch immer, in allen Varianten war das Platzangebot ähnlich ausufernd wie in einem Geburtskanal – und bevor jene Phase antritt, in denen sich das Kind weigert, gemeinsam mit der Mama zu urlauben, wollte ich eben jenes noch nachholen: „richtig“ urlauben. Etwas, von dem ich ungefähr ähnlich viel Ahnung habe wie vom Brotbacken.

Mein Geschenk zu Johnnys 16. Geburtstag war also eine Reise. Die Würfel fielen auf eine Woche Chalkidiki, Griechenland – und es war furchtbar. Obwohl es auch schön war. Zumindest die Hitze war schön. Und das Meer. Abgesehen von den Seeigeln, in die wir abwechselnd latschten. Wir hatten auch keinen Fernseher im Zimmer, das war auch schön, und viel Zeit zum Reden – was wir hin und wieder sogar taten.

Ansonsten war uns fad. Nicht der schlechteste aller Zustände. Johnny las ein Buch („Der Fänger im Roggen“), ich, weil ich mich noch weniger bewegte als er, zweieinhalb Bücher von jener Sorte, denen man einen Kuss auf den Buchdeckel drückt, sobald man fertig ist – darunter „Sehnsucht nach Sibirien“ von Per Petterson. Sehr passend bei 35 Grad im Schatten.

Aus Angst vor den endlosen Nächten im Touristenghetto zögerten wir das Abendessen so lange hinaus wie irgend möglich, begutachteten vorher den Bräunegrad des jeweils anderen und machten uns gegenseitig Komplimente. (Johnny zum Beispiel: „Dir steht braun eh nicht so gut, Mama, das passt gar nicht zu dir.“) Da wir uns ein Zimmer teilten, uns aber nicht mehr im Zustand paradiesischer Nacktheit voreinander präsentieren, durften sich die Zimmernachbarn wundern. Über Rufe wie: „Vorsicht, nackter Johnny!“ oder „Vorsicht, nackte Mutter!“ Ich bin nackt seit geraumer Zeit das Allerletzte, das Johnny sehen will – und der Schlachtruf reichte, um seine Augen zu verschweißen.

Beim Abendessen selbst schauten wir diversen Touristenkollegen in verschiedenen Abfüllgraden zu und flirteten (also ich) mit den (also einem) Kellner(n). Johnny nahm sich vom Buffet nur soviel, wie er wirklich essen konnte – er schämte sich für die Gier der andern und dafür liebe ich ihn.

Aber auch für den Tag in Thessaloniki, wo wir durch die emsige Stadt schlenderten, diverse antike Trümmer im Vorbeigehen streiften und den lieben Gott/Allah/Zeus einen guten Mann sein ließen. Bei diesem als Shopping-Tour getarntem Ausflug gaben wir zehn Euro für ein T-Shirt aus und 16 Euro für den Friseur – und als Johnny mir dann frisch geschoren und gekämmt, braungebrannt, mit billigen Sonnenbrillen beim McDonalds gegenübersaß, von innen leuchtend wie ein junger griechischer Held an der Schwelle zu tausend Abenteuern – da ging mir schlichtweg das Herz über vor Stolz und Zuneigung. Allein für diesen Moment hat sich der Urlaub gelohnt.

Schönen Sex noch!

15/08/2005

Ich stolpere über einen Laut…

Schluss mit dem Gezögere: Mutigen Schrittes durchmesse ich meine Wohnung. Festen Herzens, überzeugt von den guten, natürlichen Anlagen meines Sohnes öffne ich die Tür zum Zimmer des armen, in der Verwirrung seiner erwachenden Manneskraft gefangenen Knaben. Und beschließe im selben Moment, nicht mehr soviel Dostojewski zu lesen. Was ich sehe, ist gar nicht Dostojewski. Eher Bret Easton Ellis. Austrian Psycho. Er wird doch keine Leichen…? Schwachsinn. Höchstens die verwesenden Reste von Schokoosterhasen.

Na ja. Luft anhalten und Johnnys Zimmer entern sind eins. Während ich über das Kleiderschrankmassaker balanciere und dabei versuche, nicht auf die Bohrmaschine zu treten, stolpere ich über einen Laut. Jawohl, das gibt’s. Der Laut hat hier eindeutig nichts zu suchen, also stelle ich ihn zur Rede. Worauf sich der Schuft verteidigt: Er käme nicht von hier drinnen, sondern von draußen. Vom Hof. Mangels an Beweisen muss ich ihn freilassen. Empört atme ich ein – großer Fehler, mit Spätfolgen ist zu rechnen – da kommt der Laut wieder. Tatsächlich: Vom Hof.

Johnnys Zimmer hat nämlich ein Fenster zu diesem Hof, und eine unserer jungen Nachbarinnen hat auch eines. Außerdem hat sie Sex, ganz unbestreitbar. Klingt sogar nach gutem Sex. Nein, nicht der Neid lässt mich erbeben, guten Sex habe ich selber, danke der Nachfrage. Sondern die Tatsache, dass meinem Sohn mitten am Tag quasi gratis eine 0900er-Nummer frei Haus geliefert wird. Würde, wäre er da.

Jetzt verstehe ich, warum er nicht wegziehen will. Von wegen: Die Wohnung liegt so zentral.

Ich starre Richtung Fenster, wo sich ein Kaktus phallusartig in die Höhe stachelt. Die Dinger gedeihen prächtig in dieser von Sauberkeit völlig befreiten Höhle. Wen wundert’s. Die Dame nähert sich dem Höhepunkt. Ich nähere mich meinem Wecker und der Erkenntnis, dass Johnny nicht mehr sechs, sondern sechszehn ist, ich nicht mehr 28, sondern 38 und es sich hier nur meinerseits um einen Rückfall in die prepubertäre Mutterphase handeln kann. Ich hatte mich doch schon längst damit abgefunden, nicht mehr ins Bad zu dürfen, wenn mein Sohn duscht. Außer, ich will Gekreische. Will ich nicht. Ich war es doch, die ihm angesichts fünf riesiger Knutschflecke einen Rollkragenpulli geborgt und eine Packung Kondome geschenkt hat. Zum Trockentraining. Mit wem hat er sich vom Aufklärungsbuch (das süße mit den Mäusen von Janosch) bis zum Aufklärungsvideo (weniger süß, dafür aus Dänemark) hochgearbeitet? Mit mir.

Also, Mädel da draußen: Schönen Sex noch. Ich schnappe mir meinen Wecker, grüße im Vorbeigehen die Hose, die sich in den Schmutzwäschekorb stürzen will (sie hat’s immer noch nicht über den Rand geschafft) und sage zu ihr: Lass gut sein, alles halb so wild.

Mein Sohn kommt morgen. Zur Begrüßung bekommt er elf Sachen: einen Kuss, eine Umarmung, einen Müllsack, Schutzhandschuhe, Besen, Staubsauger, Wischmop, Eimer, Desinfektionsmittel, Putzanleitung und eine Salamipizza.

Bis auf die Salamipizza wird er auf alles andere verzichten wollen. Darf er aber nicht.

Mutterängste

30/07/2005

Plant mein Sohn eine Karriere als Messie?

Tag zwei der Wecker-Rettungsaktion. Wieder stehe ich an der offenen Tür zu Johnnys Zimmer, wieder hindert mich eine innere Sperre daran, meinen Fuß in dieses Chaos zu setzen. OK, vielleicht hindert mich weniger ein internes Hemmnis, sondern doch eher das Chaos an sich am Betreten vom Reich meines Sohnes. So lässt sich zwar die Tür öffnen, aber nur gegen den heftigen Widerstand eines Wäschekorbes, der seinerseits von lose verteilten Regalteilen aus Johnnys Kleiderschrank am Nachgeben gehindert wird. Schieb. Ächz. Offen.

Auf den lose verteilten Regalteilen verteilt sich ebenso lose die Bekleidung meines Sohnes. Der Schmutzwäschekorb ist leer. Nur eine einsame Hose sieht aus, als würde sie sich über seinen Rand stürzen wollen. Sie hält den Atem an, weil ich hinsehe. Keine Angst, mein Blick schweift weiter zum Wäscheschrank, der ebenfalls leer ist. Ganz leer – weil sich Regale und Wäsche ja geradezu orgiastisch am Boden wälzen. Abgesehen von der einen Hose, die wahrscheinlich nicht mitmachen darf und in das Schmutzwäscheexil verbannt wurde. Wie alle bösen Hosen.

War es pubertärer Weltzorn, der Johnny zu diesem Schrankmassaker zwang? Aber nein – die Erklärung liegt auf der Hand. Besser gesagt, sie liegt, wie alles in diesem Zimmer, auf dem Boden. Unsere Bohrmaschine. In Kombination mit diversen Bohrlöchern an der Kleiderschrankseite macht alles wieder Sinn: Der Knabe wollte basteln. Und wenn Jonas bastelt, dann überkommt ihn das anfallsartig, so wie unsereins Heißhunger auf Schokolade. Da wird nicht geplant, Platz gemacht, angezeichnet oder was ähnlich Ödes, wie zum Beispiel um Erlaubnis gefragt. Idee, Begeisterung und Ausführung sind eins. Das Scheitern kommt dann zeitgleich mit der Erkenntnis, dass es so doch nicht geht. Dass sich also ein uralter blauer Kasten nicht einfach in ein… ja was?… verwandelt.

Erwähnte ich übrigens, dass Johnny zwar Fleecepullover & Co gerettet hat, aber nicht eine Ansammlung von CDs? Die liegen nämlich auf dem Tischchen neben dem Schrank und freuen sich über eine Kurpackung Sägespäne. Aber keine Sorge, die CDs gehören nicht ihm. Sondern mir.

Wenn der Knabe demnächst vom Papa-Urlaub zurückkommt, muss ich wohl ein ernstes Wörtchen mit ihm reden. Was wollte er mit dem Kasten anstellen? Einen Riesen-Resonanzkörper für die E-Gitarre basteln? (Die lehnt im Eck und jammert über zwei gerissene Saiten.) Und generell: Plant mein Sohn eine Karriere als Messie? Ich zähle schon die Plastiksäcke. Außerdem können Menschen mit starkem Magen zwei Wochen in Johnnys Zimmer überleben, ohne auf Hilfe von außen angewiesen zu sein. Davon bin ich überzeugt, ohne sichtbaren Beweis. Der riechbare reicht.

Nein, es sind doch nicht die äußeren Umstände, die mich an der Tür festhalten. Es sind Fragen wie: Wenn sein Zimmer so aussieht, wie sieht es erst in dem Jungen aus? Will er mir damit etwas sagen? Gibt er damit Zeichen, die ich erkennen soll – und mir schlechter Mutter fehlt der Dechiffrierungs-Code? Und schließlich die Frage aller Fragen: Was habe ich falsch gemacht?

Seufz. Ich schließe die Tür wieder. Der Wecker muss vorerst bleiben, wo er ist. Er kann ja, bis ich ihn rette, Stunden zählen. Oder Tage.

Schwellenängste

15/07/2005

Eigentlich wollte ich mir nur meinen Wecker holen

„Mein Name sei Legion, denn ich bin viele.“ Nein, nicht meiner. Seiner. Es ist schlicht unmöglich, dass einer allein soviel Mist macht. Um meinen Wecker zu retten (den sich Jonas, aka „Johnny“, die sechzehnjährige Frucht meines Leibes, lieh, um sicher zu verschlafen) wagte ich mich in sein Zimmer. Ja, ja, ich weiß: Privatsphäre, Eintritt verboten, Rückzugsgebiet für hormongebeutelte Jungmänner. Aber ich liebe ihn! Er ist ein Wunderwerk der Technik! Der Wecker, nicht mein Sohn.

Ich öffne also die Tür. Vorsichtig. Langsam. Wer weiß, was einem da ins Gesicht springt? Mit Sicherheit eine hoch interessante Duftmischung. Was ist es diesmal? Tief einatmen, trau dich, Mädel: Ein Hauch von Zitrone kitzelt die Nase, gefolgt von dem maskulinen Aroma alter Socken. Im Abgang schmeckt das Ganze nach wochenalten Fast-Food-Resten. Und von wegen „flüchtig“: Das einzige, das sich hier verflüchtigt hat, ist der Urheber dieses olfaktorischen Traumas – Johnny ist auf „Papa-Urlaub“. Der Duft selbst bleibt zuverlässig haften. An allem. Und daher muss ich den Wecker retten.

Der funktioniert durch simples Zuwinken. Anders als der Bengel, der nicht einmal auf Zuruf reagiert. Soll heißen: Wenn MEIN Wecker mich frühmorgens sanft aus dem Schlaf piepst, wedle ich mit der schlafwarmen Hand darüber und er hält das Mäulchen noch für fünf Minuten. Sooft ich will. Brüllt hingegen die Weckfunktion SEINES Handys mitten in der Nacht, dann brüllen wir zu zweit. Das Handy und ich. Denn Johnnys Handy geruht in meinem Zimmer zu nächtigen, und obwohl wir es gemeinsam versuchen und dabei an die Wand trommeln wie verrückt… reagiert mein hinter dieser papierdünnen Wand schlafender Sohn nicht einmal ansatzweise.

Wahrscheinlich hat es ihm die Ohren verschlagen. Akute Hormonverstopfung. Ach was. Meinereine hat auch geschlafen wie niedergeknüppelt, bis der Nachwuchs begann, seine Ellbogenfestigkeit an meiner Bauchdecke zu testen. Ganz zu schweigen von den babygeschreidurchkrähten Nächten. Dann die Töpfchenroutine. Und die Zu-Mama-ins-Bett-Routine mit dem garantierten Ich-dreh-mich-50-Mal-bevor-ich-einschlaf-Effekt. Die vielen durchschwitzten Hochsommernächte mit atmendem Thermophor inklusive Magnethaftung an meiner Seite. So betrachtet schlafe ich schon seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten nur mehr oberflächlich, obwohl ich nun schon seit Jahren wieder alleine schlafen darf. (Jetzt halten mich die Sorgen wach, die der Jungmann zwecks Psychohygiene mit einem lässigen „Gute Nacht“ bei mir abliefert, um sich derart erleichtert in den Schlaf zu wälzen.)

Wen wundert’s, dass ich noch immer in der spaltbreit geöffneten Tür stehe, umwölkt von Duftschwaden, die an Müllhalde erinnern und vergessen habe, was ich wollte… ach ja. Der Wecker. Ich winke ihm aus der Distanz zu, bevor ich die Tür wieder schließe. Morgen ist Sonntag. Ich hol‘ dich da raus.

(c) montage aus „hilter geburtshaus“ von  thomas ledl (lizenz: creative commons), via wikimedia commons und „funhouse mirrors“ von scott robinson (lizenz: creative commons)

bild zu spiegelhaus, braunau – beitrag vom 15. juli 2016