jederzeit

02/10/2015

(c) Bild aus der Serie "eingesperrt - never forget", Oskar Stocker, Ölfarbe auf Abfallkarton, 2015

(c) Bild aus der Serie „eingesperrt – never forget“, Oskar Stocker, Ölfarbe auf Abfallkarton, 2015

wenn nun der schatten über dein gesicht fällt? sich an deine wangen heftet, ihr fett aufsaugt, jede farbe löscht. sich vertieft in den ringen unter deinen augen, die brachliegen wie ein feld, vergessen und verdorrt.

wenn keine zeit bleibt, dinge zu ordnen, verfügungen zu treffen oder gar: koffer zu packen.

wenn dein denken beschließt, kein denken mehr zu sein, sondern ein wirren, ein jagen von sinn zu nichtsinn, von funkeln zu glimmen zu erlöschen zu nichts.

wenn man dir dein haus nimmt, dich aus deiner stube zerrt. beim kamin steht noch das glas mit dem roten wein. lange hast du gesucht nach diesem jahrgang, degustiert und geschlürft, gespuckt. geprüft hast du die schlieren am glas, kathedralen, sagtest du, siehst du, riechst du, wie fruchtig, wie alt und samtig. noch steht das glas beim kamin. und was, doch was? wenn dir nichts mehr gehört, weder glas noch kamin noch haus noch das recht, das haus zu betreten.

wenn die straße alles ist, das bleibt und nicht vergeht. was, wenn sie als einzige gewissheit besteht neben nacht und tag und wieder nacht, neben der leere, die kommt und herrscht, sich ausbreitend, einnistend, dehnend und schrumpfend gleichzeitig im bauch im kopf in der seele. im all.

und deine bildung, auf die du viel hältst: wenn sie nichts mehr zählt. dich nichts berechtigt, nichts befähigt, nichts versichert, nichts ernährt.

was dann?

nimm, heißt es, frag nicht. nimm was du kriegst. sei dankbar, sei leise, sei die demut. sei unsichtbar in dem winkel, der dir zugeteilt wird. sei froh, dass du ihn hast. sein wert ist größer als der deine. ein wurm bist du, weniger. ein unglück unter fremden blicken. hochmut wuchert über deinen leib, verdorrt dir den mund.

du glaubst, du bist gefeit? niemand ist gefeit. niemand ist sicher. niemals. der nächste, der geht. die nächste, die fällt, bist du.

(textbeitrag zum ausstellungs-katalog für oskar stockers projekt: „eingesperrt – never forget“. zu sehen in der grazer schell collection bis ende 2015)

Any time

02/10/2015

What to do when shadow falls upon your face? Attaches itself to your cheeks, sucks out your fat, extinguishes every color. Digs into the rings under your eyes which lie fallow like a field, forgotten and withered. When there is no time left to put things in order, to make provisions or even: to pack bags. When your thoughts decide to no longer be thoughts, but rather are tangled, jumping from sense to nonsense, from sparks to glimmering to going out to nothing.  Den Rest des Beitrags lesen »

Kürzestprosa, jawohl! Erschienen soeben im Klartext Verlag als schönes Ergebnis des Wettbewerbes „Geschichten zum Mitnehmen“, den der Verlag im Herbst 2014 gemeinsam mit dem Literaturbüro Ruhr und der Funke Mediengruppe ausgeschrieben hatte. Zwei der kleinen Texte („Traktor„, „Am Morgen, am Pier“) sind von mir. Dank an die Herausgeber/innen: Gerd Herholz, Verena Geiger, Jens Dirksen, Ulli Langenbrinck.

"Die Sachensucherin" - Klartext Verlag, 2015

(Mein Kürzestprosatext „Traktor“ ist Text des Monats August des Literaturbüros Ruhr.) „Ich kann, sagte der Bauer, die Straße so verdrecken, wie ich möchte. Du kannst, sagte der Polizist und schob dabei die Kappe nach hinten, wischte sich den Schweiß von der Stirn, du kannst das nur, wenn du den Dreck wieder wegmachst. Und zwar gleich, sagte der Bauer, lachte und stieg hinauf die zwei Metallstufen seines Traktors, während – von weit hinten – ein Raunen anhob und im nächsten Moment zu einer Frau wurde, auf einem Motorrad mit breiten Reifen, und nichts nutzte das.“ (Weiterlesen? Hier steht der ganze Text.)

Gemaltes Gegenüber

24/07/2015

Mit Michael Hedwig verbindet mich ein umfangreiches Portfolio gemeinsamer Projekte (Peschka_Hedwig_2015). Da dem „Sterntaler“ somit wieder etwas Gebundenes folgen könnte, kleiner und handlicher, sind wir auf der Suche nach einem Verlag, der sich für unsere Bild-Text-Bild-Projekte interessiert. Projekte wie „Watschenmann-Schwärzungen/Ergänzung„, „BIteLDxt/TEbiXTld-Dialog“ oder „Tagwerk & Nachtarbeit“, hier ein Auszug aus der zwölfteiligen Serie:

(c) Michael Hedwig, 2014

Michael Hedwig, Nr. 12 aus der Serie „Tagwerk & Nachtarbeit – 12 Radierungen zu Texten von Karin Peschka“ (Zerkall Kupferdruckkarton, 250g, 27 x 38 cm), 2014

fuenfzehnviervierzehn

was nacktes. oder? getickte nacht zerteilt. in den büschen rascheln die vögel im schlaf. nicht die blätter: die vögel. oder katzen. könnten auch
ratten sein.

was stehst du am fenster? wieso greift nichts
nach mir, wieso ist oben, im hofdächergeviert,
der himmel bleidunkles anthrazit? gekipptes gebirge aus schwarzer schattierung, verkehrt lockt der gipfel. schauen muss ich, schauen.

das versteht doch kein mensch.

farbtupfer husten, hupen.

was nacktes? sicher.

—–

Die „Watschenmann“-Schwärzungen

Watschenmann“ – das ist mein im September 2014 im Salzburger Otto Müller Verlag erschienenes Buch. Die Hauptfiguren sind Heinrich, Dragan und Lydia, die im Wien des Jahres 1954 gemeinsam in einem alten Schuppen leben. Heinrich ist ein junger Mann, der glaubt, dass der Krieg wie ein Wurm in den Menschen weiterlebt.

In den Schwärzungen stehen aber drei Nebenfiguren im Vordergrund: Die Pritschlerin, der Kummerl und der Lichterl-Sigi. Sie sind Außenseiter, isoliert von und in jeder Gesellschaft. Durch Schwärzungen jener Textstellen des Originalmanuskriptes, in denen die Figuren in die Geschichte eingeführt werden, habe ich versucht, diese Isolation noch zu verstärken. Alles, was auf andere Personen hinweist, wurde herausgestrichen. Jede Ansprache, jede Hinwendung, jede fremde Geste. Übrig bleibt das Skelett der Figuren – und Michael Hedwig hat diesem Herausgestellten eine Gestalt gegeben.

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Beispiel aus den Watschenmann Schwärzungen/Ergänzung

Die „Watschenmann“-Ergänzung

Im Anschluss an die Verbildlichung der Schwärzungen zeichnete Michael Hedwig eine Figur ins „Watschenmann“-Universum hinein. Eine, die noch nicht hineingeschrieben worden war, von der also auch ich nichts wusste. Nachdem ich das Bild von Michael bekommen hatte, verfasste ich den Text dazu, so, wie er auch im Roman hätte stehen können. Michael Hedwig hat sich dafür entschieden, den „Kindern der Pritschlerin“ Gesicht und Gestalt zu geben. Somit sind auch sie Teil des Romans geworden, über das Geschriebene hinaus. Die Ergänzung steht für die Lebendigkeit einer Geschichte – die mit der Drucklegung, der Veröffentlichung des Romans nicht fertiggeschrieben ist.

Die Schwärzungen, den Text zu den „Kindern der Pritschlerin“ und Michaels Bilder dazu stellen wir derzeit noch nicht online. (Bei Interesse bei Michael Hedwig oder mir per Mail anfragen.)

über dem nördlichen wendekreis steht die sonne still. der längste tag. die kürzeste nacht. der see spuckt mir vor die füße. sagt es war der wind. sonnenflecken. treffen nur das holz. der eine schwankt im wellengang. der andere steht fest. der hölzerne schwankt immer noch. schwankt doppelt. den steinernen kümmert es wenig. dreht sich weg. wenn er ein gesicht hat. dann ist es auf der anderen seite. der hölzerne berg kommt näher. während sich der andere umwolkt. weil der steinerne kein leuchten hat. schmückt sich der hölzerne mit licht. von oben muss das unten glänzen. sind immer zwei. sagst du. sind immer zwei. der hölzerne wippt und quert. wellengang. ein gezitter. gemuster. unscharf. verworren. wie sich das eine unter das andere schiebt. oder darunter. der hölzerne gaukelt sich ein meer. und segelt fort. hinter die landzunge. dort. du siehst es nicht auf deinem festen sockel. dort. geht es weiter. dort. hat sich der horizont verschoben. und mit ihm alles andere. hinter das erdenrund.

Der BERG ist ein Projekt von Clemens Bauder, Felix Ganzer und Ella Raidel im Rahmen des Festivals der Regionen 2015 in Ebensee (Schichtwechsel – Hackeln in Ebensee). Ich darf das Projekt literarisch begleiten. Was auch immer mir einfällt, passt. Was mir eingefallen ist, sind „Flüstertexte“ – wie obiger Auszug, geflüstert zu einer von meiner kleinen, billigen Kamera aufgenommenen Szene (der BERG fährt ein in die Traunkirchner Bucht). Ein Experiment, wie alles.