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Die Blitze haben die Farben ausgeknipst

Manchmal ist man mausgrau und manchmal ist man’s nicht. Blitzige Nacht, mit Donner und Hagel. Selbst stand man am Bügeltisch und starrte durchs Fenster. Mit dem Schlaf kam was Trauriges und das Mausgraue über einen. Der Gewitterregen hatte den Liftschacht geflutet, die Hausmeisterin erzählt es am Morgen, im Treppenhaus vorbeikeuchend, auf dem Weg nach oben.

Selbst ist man auf dem Weg nach unten, auf die Straße, nach unten, zur U-Bahn. Wo man draufkommt, dass man das Handy vergessen hat vor lauter Mausgrauigkeit. Aber zurück ist weit weg, mag es klingeln. Keine Lautwegstöpsler ins Ohr, keinen Sonnenbrillenfilter vor die Augen, heut muss alles pur rein ins Hirn, alle Bilder, alle Geräusche. Asiate mit Holzperlenarmband. Frau mit goldenen Sandalen.

„Golgene Sandalen“ schreibe ich erst, als Kind verwechselte ich immer d und g. Als Große mache ich das an Tagen wie heute. Haarscharf vorbeischrammen an der Depression, bloß nicht Reinkippen in das brackige Wasser. (Was erzählt sie uns, werden Sie denken. Das, was ist, also das Übliche.)

„Erbst“ sagte mein Sohn früher, ihm fehlte das H. Als Kind fehlt einem immer was, Mut zum Beispiel oder Gleichgültigkeit, und jetzt winke ich meiner Schwester zu (erinnerst Du Dich an den Urlaub bei den Großeltern am Attersee?). Ich erinnere mich an Scham. Grüne kurze Hosen aus Frottee. An die Scham, sich darin vor fremden Kindern zu zeigen.

Aber älter wurden wir mit Stil, meine Schwester und ich. Drehten alle Lichter ab bei Gewitter, öffneten alle Fenster weit und hörten Klassik, bis uns alphaltnasser Sommerduft in die Nasen stieg. Bis kiloschwere Tropfen das Alublech am Fensterbrett zerbombten und wir nichts sagen mussten, nicht, weil wir uns so lieb hatten, dazu stritten wir zu oft, sondern weil wir uns so einig waren.

Die Stadt hat heut mein Mausgrau angezogen und zeigt sich mutig hässlich. Mach das auch, sag ich mir, zeig dich mal in grünen Frotteehosen, vorne ein kleiner blauer Anker draufgestickt, vielleicht lacht ja eh niemand. Unwahrscheinlich. Vielleicht ist es aber auch egal.

Am Handgelenk baumelt Türkis in Armbandform. Fahren Sie mit der U6 Richtung Spittelau und zählen Sie die türkisen Flecken, es sind viele. Oder die Stadt spiegelt sich einfach und wenn ich morgen das Kupferfarbene trage, holt sie es auch heraus. Die Stadt. Aus dem Schmuckkästchen. Kupfer. Rost. Alles Metallische.

Wien ist wunderschön im Sommer.

Wenn doch das Mausgraue zurückbleiben könnte, aber ganz wird man es wohl nie los. Man versteckt sich am besten, indem man sich nicht versteckt und ziemlich sicher ist es gut, auf Cioran zu hören – der meinte, das nichts, was einem widerfährt, für jemand anderen von Belang sei, von irgendeinem Interesse.

Nur, worüber schriebe ich sonst? Über Ausgedachtes? Das bewusste Lügen fällt recht schwer, man sollte es zumindest probiert haben. Unbewusst lüge ich oft, aber ungelogen ist, dass ich müde bin und sicher nicht depressiv, sondern, ich sagte es: mausgrau. Gestern haben die Blitze die Farben ausgeknipst. Das geht vorüber.

Unterwegs in Sachen Mord und Totschlag

Wenn du, fragt er, in deinen Texten die Leute ansprichst, bist du per Sie oder per Du? Immer per Sie, außer, der Text wendet sich an jemand bestimmten.

(Meine Tasche riecht nach Brot, ich hab mich grad gebückt und den Notizblock rausgeholt. Da steht er, der Titel für diesen Text. Schreib ihn schnell auf, dachte ich mir vor ein paar Tagen, der ist gut. Vielleicht gibt es schon ein Buch, das so heißt, einen Kriminalroman, ein Handbuch für Mörder oder Mörderinnen.)

Wenn du, fragt er weiter, jemanden verletzen würdest. Töten. Würdest du diesen jemand mit Du oder Sie anreden? Mit Sie, natürlich, wenn es denn ein Fremder ist. Oder eine Fremde. Ich würde so Sachen sagen wie: Entschuldigen Sie bitte, das wird jetzt ein wenig weh tun. Und mit dem Messer sanft die Haut ritzen. Die vielschichtige Haut. Die Hornschicht leicht zerteilen. Mit einem millimeterfeinen Schnitt beginnen. Aber dann. Tief, tief, tief. Natürlich würde Blut fließen.

So ging das Gespräch noch eine Weile weiter. Das ist gelogen, wir hörten gleich auf, es war ein Telefonat, halbberuflich, aber in meinem Kopf ging es weiter. Szenen aus American Psycho, Szenen aus Büchern von Jean Genet bis Stephen King. Die Messerspitze an den weißen Augapfel gedrückt, bis dieser platzt.

Ich stelle mir vor, wie es ist, ein Gesicht mit der Hand an den groben Putz einer Hausmauer zu pressen. Einen Körper in den Straßendreck zu zwingen. Das Knie im Kreuz des anderen, das Gewicht verlagert. Zwischen mir und Asphalt ein weinender Mensch, der um sein Leben bettelt. Mit einem heftigen Ellbogen-Schlag eine Nase zertrümmern, bis dunkles Blut hervorschießt.

Ich stelle mir vor, wie es ist, jemanden Angst zu machen. Wirkliche Angst. Es ist schwer, bei diesen Bildern zu bleiben. Das ist nicht die übliche idyllische Panoramatapete aus netten Erinnerungen. Ich taste mich durch unbekanntes Terrain, an Gedankenwänden entlang, an Holzwänden mit zerrissenen Plakaten. Es riecht nach altem Leim und nach Hunde- und Männerurin.

Meiner Schwester träumte einmal, sie hätte eine Leiche zu entsorgen. Da ihr nichts Besseres einfiel, ließ sie die Leiche durch die Bügelmaschine laufen, faltete sie säuberlich und legte sie in einen Kasten.

Wenn ich mir vorstelle, einen Menschen getötet zu haben, dann ist der Platz rund um mich und dann bin ich selbst voll Blut und Hautfetzen und Haarbüscheln und meine Zähne sind gefletscht und das Adrenalin stößt durch meinen Körper. Nichts von wegen Etikette. Aber viel Inferno und Höllenqual, blinde Wut, kreischende Dämonen, die sich zwischen den Rippen ins Freie bohren, mit geifernden Mäulern. Da bleibt kein Platz für höfliche Worte vor dem finalen Cut.

Oh, sieh an. Wohin dieser Text führt. Ich sollte wirklich mehr schlafen und weniger Horrorfilme ansehen. Allerdings gibt es gar nicht so viele gute Alternativen.

(Ich hatte Brot gekauft, auf dem Weg nach Hause. Ich ging zu Fuß aus dem 18. in den siebten Bezirk, durch eine nach Land duftende Stadt. Schweinestallgeruch. Die Felder werden gedüngt. Den ganzen Tag hatten wir über Führung gesprochen, auf einer firmeninternen Fortbildung. Der Trainer schrieb auf die Tafel: Krieger, Bauer, Magier und Fürst. Ganz grob wären das die Archetypen. Wo seht ihr euch, hieß es dann.)

Szenen einer arrangierten Beziehung

Ich war zwanzig, als es hieß, ich hätte nur mehr zwei bis sechs Jahre. Die Leber würde versagen, früher oder später, was den Tod bedeute. Ach, wie war das süß. Der Arzt, ein Primar, hatte meinen Eltern die Nachricht verkündet. Ich war auch dabei. Er sprach von „der Karin“, von „ihrer Tochter“, als wäre ich schon weg. Meine Eltern waren gekommen, um mich abzuholen. Nicht als Todkranke, sondern als wieder halbwegs Gesunde.

Die Gallenblase musste raus. In einem Fläschchen schwammen drei Steinchen. Ich drehte es – im weißen Spitalsbett liegend – zwischen den Fingern hin und her. Diese Winzigkeiten, dachte ich, können nicht der Grund für den Schmerz gewesen sein.

Waren sie auch nicht. Der Grund lag tiefer. Der Gallengang eine Perlenkette, die Gallenwege ein verkrüppeltes Mostapfelbäumchen. Werte wie ein schwerer Alkoholiker. Ohne Alkohol. Ohne Rausch. Ich fühlte mich um den Rausch betrogen. Der Arzt, ein Primar, stellte den Tod in sein Sprechzimmer. Damit waren wir fünf: Er in Kittel und Fremdheit. Ich mit meiner Reisetasche und der frischen Narbe am Rippenbogen. Meine Eltern, blass. Und der Tod.

Aber ich glaube, der stand gelangweilt am Fenster und sah den Blättern beim Fallen zu. Er wusste, es war zu früh. Wollte noch nicht bleiben. Ließ ihn aber nicht mehr gehen, den Süßen. Nahm ihn mit. Der Arzt sagte: Massive Schäden. Zwei bis sechs Jahre. Neue Leber.

Eine neue Leber einbauen. Oder draufgehen an dem Versagen der alten. Oder draufgehen beim Einbau der neuen. Das nächste Bild, an das ich mich erinnere: Ich sitze in der Gasthausküche in der Nische neben dem Ofen. Der beste Platz. Es ist warm. Ich überlege, was ich mit dieser Botschaft anfange. Um dann das zu machen, was man mit Botschaften macht. Man verkündet sie.

Vier enge Freunde hatte ich damals. Die nahm ich mir einzeln vor. Perfekte Inszenierung. Wir gingen im Herbstwald spazieren. An der Donau, in den verfärbten Auen. Bedeutungsschwer. Ich weidete mich an ihrer Verstörtheit. Und suhlte mich am eigenen Leid, an der vorgeschossenen Trauer um mein junges, verlorenes Leben.

Ein paar Jahre später verließ mich einer der vier knapp vor der Hochzeit. Ich war noch immer nicht gestorben. In Wahrheit hatte ich das auch nicht erwartet. Es war ein krankes Spiel. Und eine ernstzunehmende Option. Eine fremde Leber wollte ich nicht haben. Was ich wollte, war die Möglichkeit des Todes. „Manifeste Depression“, nannte es später ein Heilkundiger. Trauer verhärtet im Oberbauch, damit war der Kopf frei, das Ganze hatte einen Namen und wenn man sich mit dem Sterben beschäftigt, ist das Leben grad ums Eck.

Mittlerweile haben wir uns arrangiert, das Spiel und ich. Anfang dreißig noch ein letzter langer Fieberschub, seither nur ab und an ein Zwicken, ein paar Tabletten, und aus. Als mein Sohn klein war, zeichnete er mit seinen Kinderfingerchen die blasse Narbe nach: Was ist das? Da, log ich, bist du rausgekommen. Und vorher? Vorher, sagte ich, bist du drinnen gesessen und hast meine Leber gestreichelt. Und dann? Und dann ist es mir besser gegangen. Und das war nicht gelogen.

Ein eckiges Thema, das Sterben. Vor zwei Wochen haben wir unseren alten Onkel begraben. Knarrende Kirchenbänke, Weihrauch, die Lesung, Fürbitten, Taschentücher und Gehuste. Es gab Chorgesang und Orgel. Später die Zehrung im Gasthaus, mit Totensemmel und Rindfleisch und allem, was dazugehört.

Aber vorher in der Kirche. Ich sitze zwischen meinem großen Sohn und den Eltern. Wenn ich gestorben bin, dann. Ich weiß ganz genau, was ich sagen möchte. Will es festhalten, für die Nachwelt, quasi an meinem Sarge zu verkünden. Das Drehbuch zum eigenen Begräbnis. Warum auch nicht?

Der Tod ist immer noch bei mir, wir sind das alte Paar einer arrangierten Ehe. Mein Glück, dass er sich so früh zeigen musste. Jetzt steht er am Fenster und betrachtet gelangweilt die Baustelle gegenüber. Spute dich (sagt er), du hast einen Termin um halb zehn. Ja, aber nicht mit dir (sag ich) und er tut, als würde er gähnen. Der Süße. Wir entkommen einander nicht.

Die Stadt ist nass, die Straßen glänzen

Freitagabend, 20:00 Uhr. Mache mich auf den Heimweg. Zuvor noch in der Fabrik den Geschirrspüler eingeräumt, haha, „Fabrik“, das sag ich nur so. Die „Fabrik“ ist Großraumbüro mit Schreibtischgrüppchen und Glaswänden, grauem Teppich, schwarzem Linoleum und vielen Menschen.

Geschirrspüler einräumen an Freitagabenden ist fast Ritual. Auf Chaos folgt nüchterne Leere und Ordnung – ich will übrigens nach Texas oder Arizona oder wo man in den USA sonst in karge Weiten starren kann, aber das nur nebenbei. Möchte auch in die Antarktis, oder zumindest nach Feuerland. Denke daran, während ich die Tische der Kaffeeküche abwische und die Sessel hinstelle, wo sie hingehören.

Kurz darauf gehe ich mit eingezogenem Kopf Richtung Straßenbahn. Die Luft ist lau und dunkel, die Straße regennass, die Stadt spiegelt sich im Asphalt und kokettiert golden mit ihrer üblichen Nüchternheit. Ein Lichtwurm windet sich heran, Köpfe an den Fenstern, ich steige ein und werde selber ein Kopf am Fenster der Straßenbahn. Vor mir liegt eine vergessene Schachtel mit Kopfwehtabletten. Ob sie leer ist?

Paranoia. Die Tabletten sind präpariert. Die blauweiße Schachtel ist ein Köder, ist Gift. Du musst sie wegnehmen, wegwerfen. Du musst retten.

Keine Lust. Draußen fährt Wien vorbei. Nass und glänzend, helle Spots im dunklen Rahmen. Haltestellen, Tankstellen, Lokale, Hoteleingänge. Gelbe Fenster, warmes Licht. Rundherum dunkle Ebenen, geschichtete Dunkelheit, Schattenflächen, von geduckten Schattenmenschen durcheilt.

Ich überlege, ob mir kalt ist. Verneine. Oder. Richtig kalt ist es nicht. Genau die Kippe zwischen angenehm und gerade noch nicht frieren. Ich stelle mir einen Hund vor, der fast ganz entspannt ist, aber weiß, dass jede Sekunde wer ums Eck kommen könnte.

Loriot setzt sich schräg gegenüber. Hinten steht ein Mann, der sieht aus wie John Candy, der Schauspieler. Bis auf ein sich Belanglosigkeiten erzählendes Pärchen ist es still in der Straßenbahn. Obwohl, wer urteilt darüber, was belanglos ist. Und was nicht. Ich mustere die Tablettenpackung, stupse sie mit dem Bleistift kurz an. Scheint voll zu sein.

Durch mein Gesicht im Fenster sehe ich wieder auf die Straße. Morgen wird der Sturm kommen, an der Stadt zupfen, ziehen und zerren (und wir werden die Dachplatten vom Nachbarhaus fliegen sehen und ängstlich den Kran beäugen, der sich über unseren Köpfen neigt). Der Wind pfeift uns was vor, während wir in den Betten liegen, dem Rumoren lauschend. Dann wird’s ruhig. Später wird die Mutter anrufen, der alte Onkel ist gestorben.

Aber noch ist Freitagabend. Die Straßenbahn biegt in den Ring ein und füllt sich beim Schottentor mit Lärm und Menschen. Ich setzte die Kapuze auf, als wär’s dann ruhiger, krieche in mich und vergrabe die Hände in den Taschen. Vor dem Rathaus drehen sich Eisläufer auf dem Eislaufplatz, ich stelle mir vor, sie täten dies in aller Stille, hochkonzentriert, ganz ernst.

Volkstheater. Ich sehe von oben schon: Noch drei Minuten, dann kommt die nächste U-Bahn. So langsam wie möglich gehe ich die Stufen hinunter, zähle erst die Menschen, die mir entgegenkommen (drei Männer, drei Frauen, später noch ein Mann) und dann die Löcher in einer Abdeckung (16 mal fünf, also 80 pro Tafel).

Nur zwei Stationen, dann bin ich daheim. Ein Fremder erzählt einer anderen – auch ihm – Fremden, dass er perfekt englisch spricht, aber nie wirklich gelernt hat. Die andere Fremde steigt höflich aus. Der erste Fremde winkt ihr nach und erzählt einer neuen Fremden, dass er bei einer Firma arbeitet, die keine Kleider für große Größen macht. Die neue Fremde und ich steigen aus.

Gleich bin ich zuhause. Noch lebt der Onkel, mein Taufpate, noch beschäftigt mich keine Erinnerung an Osterstriezel und andere Geschenke. Ich öffne das Haustor, drücke den Liftknopf. Feuerland. Kopfweh. Die Tabletten fallen mir ein. Die sind schon am Südbahnhof.

Im Schein der Lavalampe

Der Russe boxt dem Ami mehr als eins auf die Nase und gewinnt daher den Boxkampf. Ideales Schwergewicht: Nicht zu groß, aber Masse. Sehr flott auf den Beinen, noch flotter mit den Fäusten. Und aggressiv. Meine Fresse. Samstag im TV, besser als Kino. Mittelgewicht ist vergleichsweise fad. Potemkin heißt er nicht, aber: Povetkin, Alexander Wladimirowitsch. Wie der Amerikaner heißt, habe ich vergessen.

Den Walujew habe ich mir gemerkt, den Lamon Brewster und natürlich die Klitschkos. Obwohl, die kommen mir immer durcheinand‘. Wladimir oder Vitali, wer weiß. Ein Bekannter von mir sieht haarscharf aus wie Klitschko in viel kleiner. Aber ganz genau. Der boxt nicht. Früher hat er mit uns Kung Fu trainiert, der Bekannte, bis das Studium zu arg war und das Kung Fu nicht mehr spannend genug. Dabei ist das sogar sehr spannend. Nach dem Training sind meine Unterarme manchmal voll blauer Flecken. Dann komme ich mir verwegen vor.

Als Mäderl von zehn oder elf Jahren lernte ich Karate. Dass man in Eferding Karate lernen konnte, wusste ich erst, als die Karatekas in unserem Gasthaus Weihnachten feierten. Im Stüberl. Dabei wurden Gläser zerbissen. Am nächsten Tag fragte ich die Eltern, ob ich das auch dürfte. Nicht Gläser zerbeißen. Karate lernen.

Ich durfte. Nach einem Jahr hatte ich den ersten Gürtel, stand vor der zweiten Prüfung und konnte schon die dritte Kata. Und der Club siedelte sich weg. Zu weit weg. Das war sehr traurig, nicht nur wegen dem Karate. Ich war verliebt, in einen Kollegen. Der hatte mich einmal auf dem Gepäckträger seines Fahrrads mitgenommen. Vielleicht war ich auch schon zwölf.

Die Vergangenheit kommt einem so durcheinand‘ wie die Klitschko-Brüder. Fest steht nur: Wäre der Club nicht abgesiedelt, hätte ich jetzt mindestens zwanzig schwarze Gürtel. Und meine eigene Karateschule.

Dass Frauen boxen dürfen, ernsthaft nämlich, erfuhr ich leider zu spät. Ein Teil von mir versucht sich ja im seriösen Lebensstil. Der andere Teil macht Kung Fu und will prügeln.

Reden wir über fast freiliegende Aggressionen oder doch lieber über die Frau mit den zwei dicken Dackeln? Die geht bei uns immer um den Block. Mit Winzigschritten. Kein Vorwärtskommen. Den jüngeren dicken Dackel an der Leine, der ältere (sehr) dicke Dackel watschelt zwanzig Meter hinterher. Bleibt stehen. Hechelt. Geht drei Meter. Steht. Hechelt. Schaut zum Frauerl. Die schaut zum Dackel. Der jüngere dicke Dackel schaut auch.

Alle schauen. Ich könnte das nicht. Würde den einen unter den Arm klemmen und den anderen per Leine weiterschleppen. Hätte ich einen Hund, wär das mindestens ein Border-Collie. Was Schnelles.

Ich sollte eigentlich schlafen, weil die Nacht so kurz ist. Neben mir arbeitet die Lavalampe an der Herstellung verschiedener roter Blasen. Gerade tropft eine runter, in Ultraslowmotion, schwebt nach Quallenart durchs blaugrüne Gallert und vereinigt sich mit dem Untergrund.

Warum hat Österreich eigentlich so viele dicke Dackel und keine guten Boxer?

Povetkin. Merken Sie sich diesen Namen. Achtundzwanzig, um die einsachtundachtzig, zu Hause im Sauerland-Boxstall, Linksauslage. Betreut vom jungen Sauerland persönlich. Unser Lieblingstrainer ist übrigens Ulli Wegner. Keiner sagt „mein Junge“ wie der.

Vielleicht träum ich vom Boxen. Und wache ganz verwegen auf. Wenn ich von den Dackeln träume, bin ich sicher den ganzen Tag müde. Bleibt noch die Lavalampe. Stell ich mir interessant vor. In die Arbeit zu wappern wie durch grünqualliges Gallert. Mal sehen, was das Schlafprogramm zu bieten hat. Was Aggressives wär nett.

Sanfte Welt

15/01/2008

Ein Teil sehnt sich immer weg

Vorgestern, am letzten Abend 2007, fuhr ich aufs Wien-nahe Land, mit Mann und dessen Vater im Auto, wie auf Eiern fuhr ich durch den Schneeregen auf rutschigen Straßen. „You drive very carefully“, sagte der alte Mann neben mir, im schwarzen Mantel, den Stock in der Hand, den Hut auf dem Kopf. Wir sprachen über Politik, über Pakistan, die Lage im Irak, dort kommt er her, nie wieder wird er zurückkehren.

Dann schwiegen wir. Ich dachte über den Text nach, den Sie jetzt lesen, dachte Sachen wie: Wie soll man leben, wenn es so hell ist überall, wenn die eigene Sehnsucht nach Aufmerksamkeit so groß ist wie die Angst davor, bemerkt zu werden. Dieses Paradoxon. Solipsistische Kampfkröte nannte mich ein Freund vor vielen Jahren, daran hat sich nichts geändert. Vielleicht am Kampf. Der Freund übrigens igelt sich ein mit Frau und Kind und fehlt mir.

Eingeigelt waren wir vorgestern auch, in die Wohligkeit eines vom Kaminfeuer gewärmten, abgedunkelten Zimmers. Wir standen vor den großen Fenstern, die Ebene vor uns ausgebreitet, eine Bühne für tausend Silvester-Raketen. Ganz still waren wir, der Mann, seine Familie und ich. Eingebettet in Glückseligkeit. Nein. Eingebettet in Zuneigung, in vertraute Gewohnheit. Aber. Das Nichtvertraute fehlt. Es ist kein restloses Glück, zu dem tauge ich nicht. Es ist Glück vermischt mit Sehnsucht vermischt mit Ungewissheit.

So wie ich mich durch diesen Text gleiten lasse, lasse ich mich durch die Tage gleiten, an Inseln vorbei treibend, gegen Felsen stoßend, in die Tiefe gezogen und an die Oberfläche gespuckt, nach Luft ringend, ruhiger werdend vor den nächsten Strömungen. Wie das klingt. Dabei steckt nichts anderes dahinter als Angst vor einem Zuviel an Gewohnheit, vor Sattheit, vor Zufriedenheit. Ein Teil steht am Fenster, zerplatzende Raketen sprenkeln den dunklen Himmel, spiegeln sich wieder in Glas und Augen, verstärken die Nähe. Wir lauschen dem Knallen draußen und dem ruhigen Atmen neben uns. Ein Teil sehnt sich weg.

Sehnt sich immer weg. Weniger will ich werden, denke ich kurz nach Mitternacht, aber was heißt das? Diese Bilder, die im Kopf auftauchen, sind klar, ihre Bedeutung ist es nicht. Weniger werden, bedeutet das, weniger von sich reden? Sich weniger in den Mittelpunkt der eigenen Betrachtung stellen? Wie weit kann ich gehen in diesen Texten? Wie weit begleiten Sie mich bei dieser Nabelschau zwischen Fast-Depression und Beinahe-Glück? Und worum geht es in diesem Geschreibe, um schöne Worte, Gefühle, Satz-Konstruktionen? Geht es darum, kommentiert zu werden? Nein. Es geht um das Hinsehen. Um das Zeigen, was man sieht.

Nachdem die Intensität des Feuerwerks abgenommen hatte, tranken wir unseren Sekt aus und sahen fern. Eine Show mit alten Hits, „Shadow on the wall“, Roger Chapman. Wir lachten, erinnerten uns daran, wie das früher war. Mit dem Puch Maxi in die Landdisco, 16 Jahre alt und dauernd verknallt, Gedichte schreibend und viel zu ernst für die meisten Jungs. Während wir uns Geschichten erzählten, saß der alte Mann im Lehnstuhl, die Beine hoch gelagert, schlafend. Kurz zuvor hatte er noch zärtlich mit seiner jüngsten Enkeltochter gegurrt, in seiner fremden Sprache, sie zupfte in seinem Gesicht herum und gurrte zurück, babylallend.

Man sieht etwas, und schreibt darüber. Man beobachtet es und notiert. Dieses und jenes. Meinen Sohn, der vielleicht ausziehen wird im Sommer, betrachte ich, aber was ich sehe, teile ich nicht mit Ihnen, im Moment. Diese Zeit jetzt noch mit ihm, die gehört uns allein. Vielleicht ist sein von mir Weggehen Teil des Wenigerwerdens. Vielleicht stelle ich mich auch weniger in Frage, akzeptiere das, was ist, warte auf das, was kommt und gebe dem Kommenden einen Ort zum Anhalten. Das ist nicht von mir, sondern von William Saroyan, der in „Tracys Tiger“ den magischen Satz schreibt: Man musste schnell gehen und sich doch zugleich fast nicht bewegen.

Noch so ein Paradoxon. Ach, was soll’s. Ich werde schon herausfinden, wie weit man sich hier entkleiden darf, und wann es genug ist.

Um halb zwei setzten wir den alten Mann vorsichtig ins Auto, die steile Hauseinfahrt war schneeglatt. Dicke Schneeflocken fielen den ganzen Heimweg lang, sanfte Welt. Bei seiner Wohnung angekommen, umarmte er mich, sagte „Thank you, take care“ und wünschte mir Glück. Dabei hab ich schon soviel davon. Prosit.

Wir nähen ihre Münder zu

Es lassen sich ja doch keine Ecken und Kanten in die Luft schneiden, keine Löcher zum zeitweisen Verschwinden. Aber. Einen schwarzen Stein hab ich in der Tasche und ein Messer und damit zieh ich durch die Straßen, zu Dir, mein Freund, und nehme Dich bei der Hand.

Dezember ist, die Leute heulen sich was vor, packen vor ihre Masken noch Lametta, packen noch eins drauf und spielen Glück, grinsende Monster, es ist zum Verrücktwerden. Aber wir, wir wandern durch die Nächte und nähen mit feinen Nadeln verlogene Münder zu, verknoten die Enden der Fäden. Belangloses Geschwätz. Wir schlagen mit winzigen Hämmern auf rumselige Dumpfheit, die Becher zerklirren zwischen Tannengrün im Dreck, so ist das.

Wovon soll man denn schreiben in so einer Zeit? Vom Glück? Wenige Wochen geballter Sehnsucht und Einsamkeit, schlecht verborgen hinter falscher Vorfreude, wen soll man anlügen? Wir warten auf Entscheidungen, oder darauf, das etwas vergeht, vorüberzieht und reden darüber nur flüsternd und angedeutet. Weil wir Angst haben vor den Fragen, vor der Fehlbarkeit, vor Schwäche und dem Erklären müssen. Na und?

Mein Freund. Ich nehm Dich bei der Hand und zieh Dich auf die Straße. Löcher in die Realität kann ich keine schneiden, aber, wer immer Du bist: Atmen können wir draußen, rennen können wir und alle Leute anrempeln und umstoßen, die uns im Weg stehen. Wir stehlen ihnen die Hauben von den Köpfen, werfen ihre Schals auf die Bäume. Sie werden uns anschreien und nachlaufen, aber nicht weit. Glaub mir, sie laufen nie weit, sie geben auf, aber wir nicht. Wir laufen weiter, raus aus der Stadt. Die Häuser werden niedriger, die Luft klarer, feiner Regen sticht sich tausendfach in unsere Gesichter, in die nackten Arme, weil wir die Jacken ausgezogen haben und die Pullover und einfach weiter rennen, bis nichts mehr geht.

Bis sich die Ungewissheit aus uns herausgeschält hat, das ganze unnütze Sehnen herausgerissen ist, bis wir all die hinter uns gelassen haben, die Vernunft einfordern und Verständnis und elende Geduld, bis ihre Vorwürfe, ihre Forderungen nicht mehr zu hören sind. Bis ich die Hand auf Deinen Arm legen kann, Du ruhiger wirst und still und nichts ist in dem Moment, außer Leere, gar nichts.

Natürlich macht so ein Text keinen Sinn, nur für die, die sich darin wiederfinden und für die ist er geschrieben. Dann wird er zu einer Höhle, in der man sich zusammenrollen kann zu einer wolligen Kugel. Und weil der Boden ein wenig abfällt zum hintersten Eck, und weil wir nicht die einzigen sind, die grad eine dunkle Höhle zum Zusammenrollen brauchen, findet sich dort bald ein kleiner Haufen wolliger, weicher Kugeln, alle in sich gekehrt und aneinander geschmiegt, Berührung.

Letztlich, einsam bleiben wir ja trotzdem irgendwo. Da kann man soviel Paulo Coelho lesen, wie man erträgt, soviel Xavier Naidoo hören, bis einem das Kotzen kommt. Es wird Euch nicht retten. Nur, wenn man das weiß, dass die Einsamkeit so natürlich ist wie dieser Text unnütz und verschroben, dass sie eine ganz logische Sache ist und völlig in Ordnung, dann ist alles nicht mehr so schlimm.

Dann regt man sich in seiner warmen Kugel, spürt nach draußen, rührt sich ein bisschen, greift nach dem Messer, dem schwarzen Stein und nach einer Hand, mit der man durch die Straßen laufen kann, von Zeit zu Zeit, lebendig und stark. Kalt soll es sein, der Sturm schlägt die Lichterketten von den Häusern, verschlägt uns die Sprache, die Leute drängen sich in die Hauseingänge und wollen uns für verrückt erklären, aber wir haben ihre Münder verschlossen und lachen sie aus, und lachen über uns, laufen weiter, bis alles gut ist. Weil, irgendwann werden wir untergehen, aber jetzt, mein Freund, noch nicht.

Mir träumte von Vampiren

Letzte Nacht träumte mir, ich wäre ein Vampir. Seltsame Menschen gibt es im Übrigen genug. Am Samstagvormittag standen wir vor dem Bahnhof von Traiskirchen. Ein alter Mann kam aus einem Lokal. Trainingshose über dem dicken Bauch fast bis unter die Achseln. Kariertes Hemd. Er humpelte auf unsere Straßenseite. Stellte sich vor ein Verkehrsschild. Spuckte in die Hände. Umfasste dann die Stange, als wolle er sie aus dem Boden reißen. Hob dabei, vorgebeugt, das linke Bein. Dann humpelte er wieder in das Lokal zurück. Später sahen wir ihn noch ein Mal. Weggehen. Mit Krücken.

Kurz darauf saßen wir im Audi des Freundes. Ich hinten, in den Ledersitz geplättet, die Sitzheizung auf Vier. Richtung alte Heimat. Das Gerede der Männer, die Reifen auf dem Asphalt. Ein Geräuschteppich zum Nachdenken. Über Steine im Weg, die Menschen sind. Über. Heimat.

(Im Traum kletterte ich an Häusern entlang wie eine Spinne, die rostigen Fingernägel in den rauen Putz gekrallt, der Schwerkraft trotzend, mit schwarzen Augen und Muskeln und Sehnen und)

Höhe Haag am Hausruck schlief ich ein. Die Woche war hart, das Leben ist grad hart und ich bin hart zurück, dreifache Härte, unnachgiebig, und wenn ich geistig nicht werk, muss ich laufen, rennen, den Körper schinden, bis es mich klescht und die Muskeln einreißen, weswegen ich jetzt selber humple wie der alte Mann.

Eingerissen ist der Muskel im Bezirk Eferding. Beim aus einem Lieferwagen steigen. Nicht aussteigen, sondern von der Ladefläche runter. Ein zu großer Schritt und aus. Eingeladen, umgeladen, rausgetragen wurde das Mobiliar meiner Freundin. Die hat sich ein Haus gemietet in der Stadt, weil sie da, wo sie bis jetzt wohnte, zwar die Rehe husten hörte. Die Igel stöhnen. Aber die drei Jungmenschen immer dahin und dorthin bringen musste, oder abholen. Oder mich abholen. Oder zu mir fahren, wenn ich bei den Eltern war.

(Warm war es im Traum, nämlich warm im Bauch, nur die Ohren waren kalt und die Haare im Wind ganz dünn und ausgefranst, kein schöner Vampir. Ein geschundener Fetzen von Körper, schmerzlos und weggerichtet der Blick, aufgeschlagen die Nase, ganz spitz eisige Luft schnüffelnd und)

Zwischen dem Rehe-Hust-Haus und dem Mitten-Stadt-Haus pendelnd, im Lieferwagen, im Auto, mit Fremden, allein, mit meiner Freundin, dann wieder selbst fahrend, einen Freund ihres Sohnes nach Hause, durch die Nacht, Fraham, Unterhillinglah, Eferding, dort Schränke putzend, während Horden von 13- bis 19-Jährigen vorbeiziehen, Gitarren spielen sich warm, Pizza und Kuchen und Kaffee wird verteilt, eine letzte Fahrt zu den Rehen. Allein. Wir treffen uns oben, sagt meine Freundin, ich bin eher da als sie. Sitze im Wagen. Warte dann in der fast leeren Wohnung, wo noch die Meerschweinchen schlafen.

Wieder was zu Ende. Stehe am Fenster, blicke zum Waldrand. Schau in mich. Es gibt keine Heimat, außer dem Kern in mir. Mein bohnengroßes Heimatstück. Es gibt Seligkeit und Kachelofenwärme, den Vater auf der Couch, die Mutter strickend. Milchkaffee mit Likör beim Bruder, Käsestangen bei der Schwester und Zuneigung, so ein Glück. Aber keine Heimat. Weswegen auch.

Meine Freundin kommt. Stellt sich nicht neben mich, sondern packt Klopapier, Duschzeug und Handtücher in einen Karton. Schaut sich um, dreht das Licht ab. Wir fahren zurück. Erst im Klapperauto nach Eferding, Zauberpunsch trinken beim Schmiedstraßenfest, still und fröstelnd, weil müde und kalt. Und dann, am nächsten Tag, im Audi, Sitzheizung auf Vier, zurück in die Stadt der Lichter.

(Mir träumte. Von eingerissenen Lippen, von Stärke und den anderen, mir träumte von der Gruppe. Wir zogen durch die dunkle Straße, regennass, spürten einander, waren für uns gut, waren grausam, gierig und lebendig.)

Die Kuh träumt

01/12/2007

Dieser schöne, geile Schwachsinn

Ich möchte. Sagt sie. Und schweigt dann wieder. Dem Taxler glühen die Ohren ein wenig. Wir fahren durch die Nacht, und führen fort, was wir zuvor begonnen haben. Meine Süße, sagt sie zu mir, dieses Weibsbild, und ich sag: Du Kuh. Du Gurke. Wir schauen uns an, dann auf die Straße, sie rechts, ich links, wie immer, einander zugeneigt schon lang.

Zuvor, das war noch in einem Lokal, dessen rauchige Luft in unseren Haaren hängt und in den Kleidern und in den Stimmen, die sonst recht nüchtern sind. Meine zumindest. Ihre nicht, weil, die Kuh träumt. Sie sehnt sich.

Ich möchte, sagt sie ein zweites Mal. Ich weiß, sag ich, weil ich es einfach weiß und der Taxler schon genug zum Nachdenken hat. Sie möchte eine Hand auf ihrem Bauch liegen haben, nicht die ihre, sondern die eines Bestimmten. Eines ganz Bestimmten. Der verwirrt sie ein wenig sehr, der Gute, unbewusst, weil, sie weiß ja auch nicht, wo das herkommt, das Herkommen wollen wir ja ergründen, oder, in unserem Gespräch, aber wollen wir das wirklich?

Ich zieh mir den Schal über die Nase. Neben mir findet eine vitale Katastrophe statt, ein Angriff auf das Sonnengeflecht, dort, wo die Männerhand ruhen sollte – und während ich noch über Chemie und Hormone und so Zeugs nachdenke, setzt sich meine Freundin auf ihre eigenen Hände. Die tun weh, wenn sie verliebt ist. Die brauchen dann Betätigung, wollen greifen und fühlen, erkunden. Die Frau will was, ja, und das, was sie will, ist so komplex wie einfach, wie die Gründe für ihr Wollen auch komplex und einfach sind, und ich sag Ihnen, das ufert noch aus.

Sie möchte: Sex. Klar. Da sitzen wir zwei Mädels im Taxi und reden in Hieroglyphen über Sex. Über das Begehrtseinwollen und das Begehren. Die Stimme des besagten Herrn reiche aus, sagt meine Freundin, um ihr die Brust einzuengen. Mit 14 war das nicht anders als jetzt mit über 40, um keinen Deut anders nämlich. Auch damals wären ihre Hände zu Sensoren mutiert, und schon damals war sie auf der Suche nach dem Auslöser für den Schwachsinn, den schönen, geilen Schwachsinn, der sich da auftut. Seltener sei das geworden, aber nicht minder intensiv.

Neben mir, im Taxi.

Du Kuh, sage ich wieder, lache mit ihr und dann geht’s los: Groß und dunkel sei er, nicht schön, aber doch schön. Kein glattes Gesicht, bei dem der Blick nichts zum Festhalten hat, sondern mit Narben und einem Mund, Mädel, der Mund. Und die Schultern sind breit, der Mann ist stark, er könne sie sicher tragen. (Vielleicht geht es darum, um das Getragenwerden.) Ein direkter sei er, einer, der gern Bier trinkt und sagt, was er sich denkt und redet, ein „erdiger“, keine Ahnung, sie redet vor sich hin und ich lass sie, lass das Bild von dem mir unbekannten Mann wachsen in meinem Kopf, während sich das Taxi mit Sehnsucht füllt, bis wir alle, sie, ich und der Taxler, Herzklopfen haben und sie wieder still ist. Und aus dem Fenster schaut.

Ich schau woandershin. Weil, kenn das ja auch. Gab es schon umgekehrt – sie mich „Kuh“ schimpfend, während ich auf meinen Händen saß, während ich mich sehnte, in Beziehungen hinein, aus Beziehungen heraus, festgehalten, losgelassen, Wunden schlagend, Männer verletzend. Ich glaube, ich hab da ein krankes Plansoll erfüllt und denk zurück und fühle mich schuldig, obwohl. Hab ja nicht nur ausgeteilt. War ja nicht nur Täterin.

Wie kann man so denken, so ein Schwachsinn. Ich erinnere mich an eine Begegnung, an ein Hüttenfest, an nichts mehr als die Gegenwart eines Mannes im ärmellosen T-Shirt mit glatten Oberarmen (Hans hieß er) und dann noch an ein Tischfussballspiel im eiskalten Hinterzimmer, er stopft die Tore mit Fetzen zu, damit der Ball nicht verloren geht, wir haben kein Kleingeld mehr, und wenn das Spiel aus ist, müssen wir zurück in die warme Stube, zu den anderen, wir reden nicht drüber, wir wissen das einfach, und bei den anderen war auch mein damaliger Freund, der ein guter war, ein lieber, warum ihn kränken? Aber die Sehnsucht nach diesem Unausgesprochenen. Lang bin ich auf den Händen gesessen danach.

Ich winke meinen Verflossenen zu, kehre zurück in die Gegenwart, und denke so bei mir: Ach, kompliziert ist die Liebe, die ihre, romantische, genauso wie die meine, mit der Chemie und den Hormonen und den verpassten Gelegenheiten. Aber wer weiß, vielleicht sehnt sich ja in diesem Moment der Mann mit den Narben und dem schönen Mund genauso, vielleicht hat ja sein Sehnen diese Katastrophe ausgelöst. Ich schau meine Freundin an. Und dann schauen wir wieder alle drei auf die Straße, der Taxler, die Kuh und ich.

Mein Ramadan light

30/09/2007

Weniger will ich werden

 Man geht so in den Tag hinein. „Ganz junge Blüte“, schrieb ich gestern, „hauchzart, mit golden, pfirsichfarbenen Blütenblättern“. Später, schrieb ich weiter, komme das Getrampel. Und dass man so lange an der Nacht herumschaben möchte, „bis der Tag durchschimmert an den wundgeschabten Stellen“.

Dann hörte ich auf mit Schreiben, weil die zehn Minuten vorbei waren und zehn Minuten ohne Denken schreiben pro Tag reicht. Die Finger ständig auf der Tastatur, ob die Nase juckt oder der Schwachsinn, der den Bildschirm sprenkelt, schon weh tut, die Finger, bitteschön, stapfen wie kleine Esel über eine Schotterpiste. Schicht für Schicht den Müllberg im Kopf abtragen. In Säcke packen. Vor die Tür stellen. Jeden Tag einen. Dabei im Pyjama, gewaschen und zahngeputzt sein und gleich ins Bett fallen, traumlos schlafen.

Gestern schrieb ich dann auch noch, dass wieder einmal „der Mond durchs Bild wandert“ (das macht er recht oft), und, dass ich früh aufstehen müsse, frühstücken möchte und mir gut überlegen, was ich anzieh‘. Und was ich sag‘. Dann „mit der Bim in die Arbeit fahren.“ Weiter überlegen, wegen der Kolumne, „aber ich könnte auch über Träume schreiben, in denen Berührungen da sind, oder über die geträumten Begegnungen und warum Gesichter so leicht verschwinden.“

Das ergibt alles wenig Sinn, aber anders betrachtet, doch. Mein Kollege fastet, weil Ramadan ist. Ich faste ein bisschen mit, nenne das „Ramadan light“, und das ist natürlich Blödsinn. Vom ruhigen Glauben meines Kollegenfreundes bin ich so weit entfernt, wie. Ja, wie. Wenn ich mir überlege, wo sich überall Seele versteckt. (Überall, schrieb Ringelnatz, ist Wunderland, überall ist Leben.) Egal, ich faste also mit ihm, auf meine Art, und habe das auch schon beim letzten Ramadan so gehalten. Das hat auch was mit Essen zu tun, mit Gewürzkräutertee statt Kaffee, mit Tofuzeugs statt Käsebrot. Weniger will ich werden, auch wenn, von außen betrachtet, die Frau eh nicht gerade viel ist und isst, aber von innen, meine Herren, da schaut’s halt anders aus.

Von innen betrachtet kann man fett sein, kugelrund und behäbig, übersatt, und das ist der Punkt. Das Übersatte, das legt sich aufs Denken und auf den Blick, das Übersatte macht langsam und wunschlos unglücklich, falsch genügsam. Und da das eine das andere beeinflusst mit der Zeit, muss der eine Hunger zum anderen führen, ich meine: Das, was wir unter Hunger verstehen und eigentlich nur Lust auf Essen ist, das sollte nicht verwechselt werden mit dem echten Hunger, mit dem wirklich nix zum Fressen haben und stumpf werden und tot werden und aus.

Also, bevor ich mich verzettle, dieses kleine bisschen Hunger im Bauch führt, bestenfalls, zu einem kleinen bisschen Hunger im Kopf, und mit dem einen oder anderen Kilo Körperfett geht, hofft man, vielleicht auch das eine oder andere Kilo Denklast weg, die Schwere im Gemüt.

Ruhig möchte man sein, oder. Zumindest ein paar Wochen im Jahr. Ruhig in einem leeren Raum. Bin ich allein zu Hause, ist es jetzt fast ganz still. Kein Fernsehen. Kein Radio. Bin ich unterwegs, dann lausche ich. Keine Musik im Ohr. Nur diese paar Wochen. Das zwingt hineinzuhören und das Bild hat schon auch was für sich, dass das Denken eine Herde von wilden Tierchen ist, die, wenn man sie beobachtet, scheu verschwindet, und erst mit der Zeit, wenn man sich ruhig verhält und jähe Bewegungen vermeidet, sich wieder in die Nähe wagt.

Also verhalte ich mich ruhig, so gut es geht. Vielleicht wagt sich wieder etwas in die Nähe. Mag sein, dass ich mich täusche, mag sein, dass das alles ein Irrtum ist, aber eines sage ich Ihnen, die paar Wochen, die sind schon in Ordnung so. Und dass draußen der Tag durchschimmert, ist auch in Ordnung, weil ich hungrig bin und frühstücken werde, und später mit der Bim in die Arbeit fahre, mich in den geträumten Begegnungen verliere, und das Getrampel, keine Sorge, das kommt ohnehin von selbst. „Ganz junge Blüte“, von wegen.