Das Unding Zeit

15/01/2009

Nimm mich mit auf die Reise

Die Zeit, dieses Unding, könne man sich vorstellen als etwas Körniges. Ein Granulat mikrowinziger Teilchen, unregelmäßig, ohne Norm. So, so ähnlich oder ganz anders. Nichts verstanden beim Zuhören, allein das Bild blieb hängen vom Körnigen, das uns umgibt, nach vorne, nach allen Seiten, rückwärts gewandt, nach innen – wir sind verdichtete Zeit.

Moleküle sind wir. Myriaden Einzelteilchen, Fischschwärmen gleich, die, aus der Distanz betrachtet, eine Form ergeben, ein Formenspiel, und sich beim Annähern verlieren in sich selbst.

Mein Freund liegt neben mir, schläft, ich stelle mir vor, wie Zeitmoleküle ihn umschweben, sich mit seinem Atem heben und senken, jede Bewegung heftig umwirbelnd, um wieder zur Ruhe zu kommen, den tiefen Schlaf beschwerend, irrlichternd im Traum.

Ich bin wach. Statt zu schlafen, liege ich mit offenen Augen und spüre den Minuten nach. Nacht für Nacht, seit einigen Tagen. Wiewohl der Körper stillhält und sich in die Tiefe ziehen lassen würde, bereit, in dunklen Ozeanen zu treiben, in ruhigen Spiralen: Das Denken zerrt nach oben; und statt die Augen zu schließen, starre ich in die Luft.

Drei Uhr, Stunde des Wolfs. Ein Wolf streift durch das graue Zimmer, und das graue Zimmer bin ich.

In der Schule lernten wir von den Atomen, aus denen alles besteht, kindliche Bilder zeigten Kern und das ihn Umsausende, dazwischen leerer Raum. Alles, was ist, hieß es, besteht aus Atomen. Langsam führte ich den Finger gegen die Wand. Ich war mir sicher, wenn man sich Zeit ließe, unendlich viel Zeit, dann könnten sich die Atome der Wand und jene des Fingers verbinden, der so in die Wand dringen würde. Wenn man nur äußerst langsam vorginge und sich vor allem auf die Zwischenräume konzentrierte, auf dieses leere Universum Raum.

Geräusche von der Straße, der Nachtbus fährt vorbei. Auf dem Rücken liegend lausche ich dem Ticken der Uhr, dem Atmen meines Freundes.

Wenn. Wenn die Zeit aus Körnern besteht. Schieben wir dann wie einen Luftpolster Zeit vor uns her? (Dieser Windhauch, der die U-Bahn ankündigt, bevor man sie hört.) Berühren wir durch unsere Vorwärtsbewegung etwas Künftiges, ehe wir von dessen Dortsein wissen? Und wenn. Wenn wir die Zeit durchmessen haben, sie geteilt haben (Schwimmer teilen das Wasser auf ihrer Bahn, schieben es hinter sich, schicken Wellen zurück an den Start), berühren wir das Vergangene?

Ich springe zwischen Jetzt und Vorher, bin wieder Kind, fasziniert von der Idee des Unendlichen, von der nach oben gewölbten Wasserhaut eines randvoll gefüllten Glases. Gäbe man winzig kleine Tropfen nach und nach zu, würde sich diese Spannung bis ins Unendliche dehnen, dachte ich, aber irgendwann müsste dennoch jener eine Tropfen zu viel erreicht sein. Aber, wenn man auch diesen wieder in Millionen unterteilte, wäre erst der Millionste Teil des Winzigen Auslöser für das Zuviel.

Natürlich war ich ein einsames Kind. Und natürlich bin ich das immer noch. Das Alleinsein ist der Raum zwischen den Kernen. (Das Maß ist voll, das Denken wölbt sich konvex.)

Der Schlaf kreist über mir, auf freie Landebahn hoffend.

Wir sprachen über die Krümmung der Zeit im Weltall, als wir zum ersten Mal ausgingen, oder krümmt sich das Weltall an sich? Mein Freund zeichnete Linien auf eine Serviette, erklärte und beschrieb, zauberte Bilder in meinen Kopf. Ich staunte über seine schmalen Hände. Wir redeten von Wurmlöchern und Quantenmechanik, von Science-Fiction und Horrorfilmen, und alles war sanft und richtig und ein Anfang.

Mein Prinz verlagert seine Position, dreht sich zu mir, legt einen Arm quer über meinen Bauch. Nimm mich mit auf die Reise, flüstere ich.

Ich laufe in mir mit mir mit

München, sag ich, Du entkommst mir nicht. Nachts um halb zehn zwieble ich mich ein, Laufhose, dicke Socken, T-Shirt, Jacke, darüber etwas Ärmelloses, auf den Kopf die Haube, um den Hals den Schal, in die Tasche den rudimentären Plan der Innenstadt aus der Hotellobby.

Drei Tage in der Stadt. Wenn es hell ist, im Messezentrum, wenn es dunkel ist, im Hotel. Dabei war ich noch nie in München und daher: Du entkommst mir doch nicht. Meint meine Sturheit, zieht den Schal enger und läuft los. Durchs Isartor Richtung Viktualienmarkt, dann, nach Gefühl, einfach weiter. Kalt ist es nur am Anfang. Viele Menschen. Schlendern vorbei, das Ausweichen ergibt Schlangenlinien. Andere kramen im Müll. München leuchtet gnädig.

Ich möchte die Welt wechseln. Nein, nicht so. Nicht sterben. Wenn ich sterbe, werde ich mich in Tönen verlieren, tage-, wochen-, jahrelang. In den Zeiträumen zwischen Grillenzirpen. Oder im Nebel den Atem anhalten, im Kühlen vergehen. Die Nichtmehrwange an kalte Fensterscheiben legen, die Nichtmehraugen geschlossen. Aufbrechen von innen her, ein Glückskeks ohne Botschaft, still, erwartungsfroh, hingegeben. (Soviel zu Allerheiligen.) Das ist dann.

Aber jetzt beißt die Kälte nur mehr im Gesicht. Die Straßen sind sauber. Ich laufe in mir mit mir mit. Vorbei an Kirchen, Schaufenstern, großen Plätzen, über Asphalt und Beton und Pflasterstein, anfangs huste ich ein wenig, dann tropft nur noch die Nase und ich schaue, und laufe, und laufe, und schaue.

Die Welt möchte ich wechseln. Was das heißt, kann ich – noch – nicht sagen. Ob es mit der Messe zusammenhängt, Medienmesse, viele Anzüge und Kostüme, Gadgets, Devices, aber. Etwas zerrt an mir und will den Blick nach innen zwingen, etwas anderes dreht sich weg und schaut nicht hin.

Stur muss man sein. Und streng. Erst nach zwanzig Minuten darf ich mir einen Blick auf den Stadtplan erlauben. Ich quere den Karlsplatz, halte mich am Altstadtring fest und bin überzeugt von der Richtung. Also weiter, dann doch ein Blick auf den Plan, bin völlig falsch. Nicht ums Eck, sondern quer am anderen Ende liegt das Hotel. Macht nichts, das Laufen fällt leicht, die Kälte trägt mich, ich trabe die Residenzstraße entlang, vorbei an Reichtum und Elend, an Gutgelaunten in großer Robe, an Verlorenen in schäbigen Jacken. Miststierler und Pelzausführer. Eine Frau singt in einer Passage ein leeres Lied, ein Eintonlied, und zuckt mir mit den Augen nach, in einer anderen Welt wäre sie ein Sukkubus, die weißen Hände langbefingert, der Mund blutrot und grausam.

Jeder kann ein Zombie sein. Auch die in den dicken Mänteln, tatsächlich gibt es hier Leute mit Trachtenhüten. Gut getarntes Fell, an die Umgebung angepasst. Vorbei, vorbei. München, sag ich, ich war gnädig zu dir. Wir sind uns bei Nacht begegnet, da durftest du glänzen, das Novembertaggrau weggepackt, die Lichter aufgezogen, geschmückt mit schönen Menschen, fröhlichen vor allem, und die Armen, die waren in den Passagen und unter den Bäumen im Park hinterm Isartor. Aber nur ganz wenige.

Zurück im Hotel, mein Hintern ist eiskalt, Tee, nein, Tee gibt’s keinen mehr, da müsste man ja extra die Maschinen wieder hochfahren. Ob ich nicht lieber ein Wasser trinken möchte. Passt schon, entschuldige ich mich beim Nachtportier für die Anmaßung, heißes Wasser aus der Leitung täte es auch. Die Treppen hoch. Im Zimmer schäle ich mich aus der Kleidung, friere kurz vor dem Spiegel, schau mich an. Schau in mein erhitztes Gesicht. Die Welt möchte ich wechseln. Wenn ich weiß, was das genau bedeutet, werde ich es Ihnen verraten.

Urlaub bei den Eltern

Bevor man sich in den Pool begibt, säubere man ihn mittels bereitgestelltem Käscher von toten und fast toten Insekten. Urlaub bei den Eltern. Der Pool ist ein aufgeblasenes Plastikrund, das Wasser brunzwarm. Also genau richtig. Ein Durchmesser von zweieinhalb Metern erlaubt das Treiben auf der Luftmatratze. Vögel singen. Die Nachbarkatzen verteilen sich im Garten. Eine, Moses, äugt unter der Hecke versteckt nach dem Monster im Pool. Manchmal taucht mein Kopf über den Rand, die Position verlagernd, vom Bauch auf den Rücken oder umgekehrt.

Weiße Streifen soll der Körper haben, braun werden und gesund.

Das mit dem Insektenfischen ist freiwillig. Ich lege den Chitinpanzer ab und tauche ins Wasser. Ich lege den Chitinpanzer ab und distanziere mich. Wien ist voll. Hier ist es leer. Luftraum. Kühle Luftpolster am Abend über den Feldern. Die Schirmkappe tief ins Gesicht gezogen, fahre ich mit dem Rad durch den Auwald. Bei der Kläranlage stinkt es nach Verwesung. Winzige Mücken kleben auf meiner feuchten Haut. Ich will nichts sehen. Ich will nicht gesehen werden. Hier ist nichts.

Mit meiner Schwester und ihrer Tochter wandere ich über Wiesen. Meine Nichte schüttelt eine Minischnecke aus ihrem Schuh. Die nächste bin ich: Mit einem Grashalm retten wir den Schneck vor meinen Zehen. Wir lachen. Gehen weiter. Der Abend senkt sich auf die Hügel. Klassisch. Und schön. Später sitzen wir in ihrer Küche, haben Kuchen gegessen. Tee getrunken. Geredet. Mein Schwager kommt heim, wir erzählen von hier, von dort. Es ist spät, meine Nichte gähnt sich ins Bett, schmeichelt sich noch an die Eltern, schmiegt sich an mich, nuschelt ein wenig (das macht die Zahnspange), bevor sie schlafen geht.

Ich schlafe im Bett ihrer Schwester, die nicht da ist. Schulausflug. Ihr Mädchenzimmer gehört mir für eine Nacht. Ein Himmel aus fluoreszierenden Sternen leuchtet im Dunkeln über mir.

Mit der Lokalbahn zurück nach Eferding. Denk dir Pinien dazu, vielleicht Olivenbäume. Der Zug zieht eine Kurve um die Stadt, bevor er sich ihr nähert. Dramen spielen sich ab, irgendwo.

Die Sonne brennt, so ist es richtig, und eine braune, haarige Raupe quert den Treppelweg an der Donau. Wird sie es schaffen, frage ich und Andrea meint, ja, das ist eh eine große. Ich schau nach hinten und nach vorn, niemand in Sichtweite. Wir skaten bis zum Kraftwerk, manchmal ein höfliches Klingeln von Radtouristen im Rücken, dann machen wir Platz. Andrea klatscht mir fröhlich auf den Po, dann fährt sie wieder neben mir. Spuckt und prustet, hat etwas Fliegendes verschluckt.

Später sind wir ausgetrocknet, schmeißen das klobige Zeugs in den Wagen und stelzen auf Beinen, die vom Rollern noch ganz durcheinander sind, in den Gastgarten. Wir trinken große Gläser Apfelsaft mit Wasser, essen Salzstangerl. Das Salz bröseln wir unter dem Tisch auf den Boden.

Ich kenne die Wirtin. War ja selber Wirtstochter. Ein Wirt kennt den anderen.

Heute Morgen haben wir einen alten Schreibtisch in ein leeres Zimmer getragen. Auf dem Tisch standen alte Töpfe, in einem krümmte sich eine tote Spinne. Früher war das hier unser Wohnzimmer. Jetzt sitze ich am Tisch und tippe den Text. Dabei kann ich aus dem Fenster sehen. Dächer, Bäume. Autos und Lastwagen, die durch Eferding fahren. Ganz hinten ein Eck vom Lagerhaus. Ganz vorn der alte Konsum. Ex-Konsum.

Im Nebenraum malt mein Neffe. Er ist so alt wie mein Sohn. Mein Sohn fehlt mir. Er ist in Wien und ich muss ihn ein wenig in Ruhe lassen. Wir haben beide unseren Panzer abgelegt.

Es ist warm heute, aber der Himmel bewölkt. Manchmal zeichnet sich ein Streifen Licht auf den Boden. Ein Eck Sonne. Ich gehe nur dann in den Plastikpool, wenn es brennheiß ist. Vorher muss ich die Insekten retten, die toten und die fast toten, die sich nicht auskennen in dem riesigen Meer. Mit dem Käscher sammle ich sie ein und schüttle sie in die Wiese. Oder in die Rosen, wenn sie noch leben.

Die Blitze haben die Farben ausgeknipst

Manchmal ist man mausgrau und manchmal ist man’s nicht. Blitzige Nacht, mit Donner und Hagel. Selbst stand man am Bügeltisch und starrte durchs Fenster. Mit dem Schlaf kam was Trauriges und das Mausgraue über einen. Der Gewitterregen hatte den Liftschacht geflutet, die Hausmeisterin erzählt es am Morgen, im Treppenhaus vorbeikeuchend, auf dem Weg nach oben.

Selbst ist man auf dem Weg nach unten, auf die Straße, nach unten, zur U-Bahn. Wo man draufkommt, dass man das Handy vergessen hat vor lauter Mausgrauigkeit. Aber zurück ist weit weg, mag es klingeln. Keine Lautwegstöpsler ins Ohr, keinen Sonnenbrillenfilter vor die Augen, heut muss alles pur rein ins Hirn, alle Bilder, alle Geräusche. Asiate mit Holzperlenarmband. Frau mit goldenen Sandalen.

„Golgene Sandalen“ schreibe ich erst, als Kind verwechselte ich immer d und g. Als Große mache ich das an Tagen wie heute. Haarscharf vorbeischrammen an der Depression, bloß nicht Reinkippen in das brackige Wasser. (Was erzählt sie uns, werden Sie denken. Das, was ist, also das Übliche.)

„Erbst“ sagte mein Sohn früher, ihm fehlte das H. Als Kind fehlt einem immer was, Mut zum Beispiel oder Gleichgültigkeit, und jetzt winke ich meiner Schwester zu (erinnerst Du Dich an den Urlaub bei den Großeltern am Attersee?). Ich erinnere mich an Scham. Grüne kurze Hosen aus Frottee. An die Scham, sich darin vor fremden Kindern zu zeigen.

Aber älter wurden wir mit Stil, meine Schwester und ich. Drehten alle Lichter ab bei Gewitter, öffneten alle Fenster weit und hörten Klassik, bis uns alphaltnasser Sommerduft in die Nasen stieg. Bis kiloschwere Tropfen das Alublech am Fensterbrett zerbombten und wir nichts sagen mussten, nicht, weil wir uns so lieb hatten, dazu stritten wir zu oft, sondern weil wir uns so einig waren.

Die Stadt hat heut mein Mausgrau angezogen und zeigt sich mutig hässlich. Mach das auch, sag ich mir, zeig dich mal in grünen Frotteehosen, vorne ein kleiner blauer Anker draufgestickt, vielleicht lacht ja eh niemand. Unwahrscheinlich. Vielleicht ist es aber auch egal.

Am Handgelenk baumelt Türkis in Armbandform. Fahren Sie mit der U6 Richtung Spittelau und zählen Sie die türkisen Flecken, es sind viele. Oder die Stadt spiegelt sich einfach und wenn ich morgen das Kupferfarbene trage, holt sie es auch heraus. Die Stadt. Aus dem Schmuckkästchen. Kupfer. Rost. Alles Metallische.

Wien ist wunderschön im Sommer.

Wenn doch das Mausgraue zurückbleiben könnte, aber ganz wird man es wohl nie los. Man versteckt sich am besten, indem man sich nicht versteckt und ziemlich sicher ist es gut, auf Cioran zu hören – der meinte, das nichts, was einem widerfährt, für jemand anderen von Belang sei, von irgendeinem Interesse.

Nur, worüber schriebe ich sonst? Über Ausgedachtes? Das bewusste Lügen fällt recht schwer, man sollte es zumindest probiert haben. Unbewusst lüge ich oft, aber ungelogen ist, dass ich müde bin und sicher nicht depressiv, sondern, ich sagte es: mausgrau. Gestern haben die Blitze die Farben ausgeknipst. Das geht vorüber.

Unterwegs in Sachen Mord und Totschlag

Wenn du, fragt er, in deinen Texten die Leute ansprichst, bist du per Sie oder per Du? Immer per Sie, außer, der Text wendet sich an jemand bestimmten.

(Meine Tasche riecht nach Brot, ich hab mich grad gebückt und den Notizblock rausgeholt. Da steht er, der Titel für diesen Text. Schreib ihn schnell auf, dachte ich mir vor ein paar Tagen, der ist gut. Vielleicht gibt es schon ein Buch, das so heißt, einen Kriminalroman, ein Handbuch für Mörder oder Mörderinnen.)

Wenn du, fragt er weiter, jemanden verletzen würdest. Töten. Würdest du diesen jemand mit Du oder Sie anreden? Mit Sie, natürlich, wenn es denn ein Fremder ist. Oder eine Fremde. Ich würde so Sachen sagen wie: Entschuldigen Sie bitte, das wird jetzt ein wenig weh tun. Und mit dem Messer sanft die Haut ritzen. Die vielschichtige Haut. Die Hornschicht leicht zerteilen. Mit einem millimeterfeinen Schnitt beginnen. Aber dann. Tief, tief, tief. Natürlich würde Blut fließen.

So ging das Gespräch noch eine Weile weiter. Das ist gelogen, wir hörten gleich auf, es war ein Telefonat, halbberuflich, aber in meinem Kopf ging es weiter. Szenen aus American Psycho, Szenen aus Büchern von Jean Genet bis Stephen King. Die Messerspitze an den weißen Augapfel gedrückt, bis dieser platzt.

Ich stelle mir vor, wie es ist, ein Gesicht mit der Hand an den groben Putz einer Hausmauer zu pressen. Einen Körper in den Straßendreck zu zwingen. Das Knie im Kreuz des anderen, das Gewicht verlagert. Zwischen mir und Asphalt ein weinender Mensch, der um sein Leben bettelt. Mit einem heftigen Ellbogen-Schlag eine Nase zertrümmern, bis dunkles Blut hervorschießt.

Ich stelle mir vor, wie es ist, jemanden Angst zu machen. Wirkliche Angst. Es ist schwer, bei diesen Bildern zu bleiben. Das ist nicht die übliche idyllische Panoramatapete aus netten Erinnerungen. Ich taste mich durch unbekanntes Terrain, an Gedankenwänden entlang, an Holzwänden mit zerrissenen Plakaten. Es riecht nach altem Leim und nach Hunde- und Männerurin.

Meiner Schwester träumte einmal, sie hätte eine Leiche zu entsorgen. Da ihr nichts Besseres einfiel, ließ sie die Leiche durch die Bügelmaschine laufen, faltete sie säuberlich und legte sie in einen Kasten.

Wenn ich mir vorstelle, einen Menschen getötet zu haben, dann ist der Platz rund um mich und dann bin ich selbst voll Blut und Hautfetzen und Haarbüscheln und meine Zähne sind gefletscht und das Adrenalin stößt durch meinen Körper. Nichts von wegen Etikette. Aber viel Inferno und Höllenqual, blinde Wut, kreischende Dämonen, die sich zwischen den Rippen ins Freie bohren, mit geifernden Mäulern. Da bleibt kein Platz für höfliche Worte vor dem finalen Cut.

Oh, sieh an. Wohin dieser Text führt. Ich sollte wirklich mehr schlafen und weniger Horrorfilme ansehen. Allerdings gibt es gar nicht so viele gute Alternativen.

(Ich hatte Brot gekauft, auf dem Weg nach Hause. Ich ging zu Fuß aus dem 18. in den siebten Bezirk, durch eine nach Land duftende Stadt. Schweinestallgeruch. Die Felder werden gedüngt. Den ganzen Tag hatten wir über Führung gesprochen, auf einer firmeninternen Fortbildung. Der Trainer schrieb auf die Tafel: Krieger, Bauer, Magier und Fürst. Ganz grob wären das die Archetypen. Wo seht ihr euch, hieß es dann.)

Szenen einer arrangierten Beziehung

Ich war zwanzig, als es hieß, ich hätte nur mehr zwei bis sechs Jahre. Die Leber würde versagen, früher oder später, was den Tod bedeute. Ach, wie war das süß. Der Arzt, ein Primar, hatte meinen Eltern die Nachricht verkündet. Ich war auch dabei. Er sprach von „der Karin“, von „ihrer Tochter“, als wäre ich schon weg. Meine Eltern waren gekommen, um mich abzuholen. Nicht als Todkranke, sondern als wieder halbwegs Gesunde.

Die Gallenblase musste raus. In einem Fläschchen schwammen drei Steinchen. Ich drehte es – im weißen Spitalsbett liegend – zwischen den Fingern hin und her. Diese Winzigkeiten, dachte ich, können nicht der Grund für den Schmerz gewesen sein.

Waren sie auch nicht. Der Grund lag tiefer. Der Gallengang eine Perlenkette, die Gallenwege ein verkrüppeltes Mostapfelbäumchen. Werte wie ein schwerer Alkoholiker. Ohne Alkohol. Ohne Rausch. Ich fühlte mich um den Rausch betrogen. Der Arzt, ein Primar, stellte den Tod in sein Sprechzimmer. Damit waren wir fünf: Er in Kittel und Fremdheit. Ich mit meiner Reisetasche und der frischen Narbe am Rippenbogen. Meine Eltern, blass. Und der Tod.

Aber ich glaube, der stand gelangweilt am Fenster und sah den Blättern beim Fallen zu. Er wusste, es war zu früh. Wollte noch nicht bleiben. Ließ ihn aber nicht mehr gehen, den Süßen. Nahm ihn mit. Der Arzt sagte: Massive Schäden. Zwei bis sechs Jahre. Neue Leber.

Eine neue Leber einbauen. Oder draufgehen an dem Versagen der alten. Oder draufgehen beim Einbau der neuen. Das nächste Bild, an das ich mich erinnere: Ich sitze in der Gasthausküche in der Nische neben dem Ofen. Der beste Platz. Es ist warm. Ich überlege, was ich mit dieser Botschaft anfange. Um dann das zu machen, was man mit Botschaften macht. Man verkündet sie.

Vier enge Freunde hatte ich damals. Die nahm ich mir einzeln vor. Perfekte Inszenierung. Wir gingen im Herbstwald spazieren. An der Donau, in den verfärbten Auen. Bedeutungsschwer. Ich weidete mich an ihrer Verstörtheit. Und suhlte mich am eigenen Leid, an der vorgeschossenen Trauer um mein junges, verlorenes Leben.

Ein paar Jahre später verließ mich einer der vier knapp vor der Hochzeit. Ich war noch immer nicht gestorben. In Wahrheit hatte ich das auch nicht erwartet. Es war ein krankes Spiel. Und eine ernstzunehmende Option. Eine fremde Leber wollte ich nicht haben. Was ich wollte, war die Möglichkeit des Todes. „Manifeste Depression“, nannte es später ein Heilkundiger. Trauer verhärtet im Oberbauch, damit war der Kopf frei, das Ganze hatte einen Namen und wenn man sich mit dem Sterben beschäftigt, ist das Leben grad ums Eck.

Mittlerweile haben wir uns arrangiert, das Spiel und ich. Anfang dreißig noch ein letzter langer Fieberschub, seither nur ab und an ein Zwicken, ein paar Tabletten, und aus. Als mein Sohn klein war, zeichnete er mit seinen Kinderfingerchen die blasse Narbe nach: Was ist das? Da, log ich, bist du rausgekommen. Und vorher? Vorher, sagte ich, bist du drinnen gesessen und hast meine Leber gestreichelt. Und dann? Und dann ist es mir besser gegangen. Und das war nicht gelogen.

Ein eckiges Thema, das Sterben. Vor zwei Wochen haben wir unseren alten Onkel begraben. Knarrende Kirchenbänke, Weihrauch, die Lesung, Fürbitten, Taschentücher und Gehuste. Es gab Chorgesang und Orgel. Später die Zehrung im Gasthaus, mit Totensemmel und Rindfleisch und allem, was dazugehört.

Aber vorher in der Kirche. Ich sitze zwischen meinem großen Sohn und den Eltern. Wenn ich gestorben bin, dann. Ich weiß ganz genau, was ich sagen möchte. Will es festhalten, für die Nachwelt, quasi an meinem Sarge zu verkünden. Das Drehbuch zum eigenen Begräbnis. Warum auch nicht?

Der Tod ist immer noch bei mir, wir sind das alte Paar einer arrangierten Ehe. Mein Glück, dass er sich so früh zeigen musste. Jetzt steht er am Fenster und betrachtet gelangweilt die Baustelle gegenüber. Spute dich (sagt er), du hast einen Termin um halb zehn. Ja, aber nicht mit dir (sag ich) und er tut, als würde er gähnen. Der Süße. Wir entkommen einander nicht.

Die Stadt ist nass, die Straßen glänzen

Freitagabend, 20:00 Uhr. Mache mich auf den Heimweg. Zuvor noch in der Fabrik den Geschirrspüler eingeräumt, haha, „Fabrik“, das sag ich nur so. Die „Fabrik“ ist Großraumbüro mit Schreibtischgrüppchen und Glaswänden, grauem Teppich, schwarzem Linoleum und vielen Menschen.

Geschirrspüler einräumen an Freitagabenden ist fast Ritual. Auf Chaos folgt nüchterne Leere und Ordnung – ich will übrigens nach Texas oder Arizona oder wo man in den USA sonst in karge Weiten starren kann, aber das nur nebenbei. Möchte auch in die Antarktis, oder zumindest nach Feuerland. Denke daran, während ich die Tische der Kaffeeküche abwische und die Sessel hinstelle, wo sie hingehören.

Kurz darauf gehe ich mit eingezogenem Kopf Richtung Straßenbahn. Die Luft ist lau und dunkel, die Straße regennass, die Stadt spiegelt sich im Asphalt und kokettiert golden mit ihrer üblichen Nüchternheit. Ein Lichtwurm windet sich heran, Köpfe an den Fenstern, ich steige ein und werde selber ein Kopf am Fenster der Straßenbahn. Vor mir liegt eine vergessene Schachtel mit Kopfwehtabletten. Ob sie leer ist?

Paranoia. Die Tabletten sind präpariert. Die blauweiße Schachtel ist ein Köder, ist Gift. Du musst sie wegnehmen, wegwerfen. Du musst retten.

Keine Lust. Draußen fährt Wien vorbei. Nass und glänzend, helle Spots im dunklen Rahmen. Haltestellen, Tankstellen, Lokale, Hoteleingänge. Gelbe Fenster, warmes Licht. Rundherum dunkle Ebenen, geschichtete Dunkelheit, Schattenflächen, von geduckten Schattenmenschen durcheilt.

Ich überlege, ob mir kalt ist. Verneine. Oder. Richtig kalt ist es nicht. Genau die Kippe zwischen angenehm und gerade noch nicht frieren. Ich stelle mir einen Hund vor, der fast ganz entspannt ist, aber weiß, dass jede Sekunde wer ums Eck kommen könnte.

Loriot setzt sich schräg gegenüber. Hinten steht ein Mann, der sieht aus wie John Candy, der Schauspieler. Bis auf ein sich Belanglosigkeiten erzählendes Pärchen ist es still in der Straßenbahn. Obwohl, wer urteilt darüber, was belanglos ist. Und was nicht. Ich mustere die Tablettenpackung, stupse sie mit dem Bleistift kurz an. Scheint voll zu sein.

Durch mein Gesicht im Fenster sehe ich wieder auf die Straße. Morgen wird der Sturm kommen, an der Stadt zupfen, ziehen und zerren (und wir werden die Dachplatten vom Nachbarhaus fliegen sehen und ängstlich den Kran beäugen, der sich über unseren Köpfen neigt). Der Wind pfeift uns was vor, während wir in den Betten liegen, dem Rumoren lauschend. Dann wird’s ruhig. Später wird die Mutter anrufen, der alte Onkel ist gestorben.

Aber noch ist Freitagabend. Die Straßenbahn biegt in den Ring ein und füllt sich beim Schottentor mit Lärm und Menschen. Ich setzte die Kapuze auf, als wär’s dann ruhiger, krieche in mich und vergrabe die Hände in den Taschen. Vor dem Rathaus drehen sich Eisläufer auf dem Eislaufplatz, ich stelle mir vor, sie täten dies in aller Stille, hochkonzentriert, ganz ernst.

Volkstheater. Ich sehe von oben schon: Noch drei Minuten, dann kommt die nächste U-Bahn. So langsam wie möglich gehe ich die Stufen hinunter, zähle erst die Menschen, die mir entgegenkommen (drei Männer, drei Frauen, später noch ein Mann) und dann die Löcher in einer Abdeckung (16 mal fünf, also 80 pro Tafel).

Nur zwei Stationen, dann bin ich daheim. Ein Fremder erzählt einer anderen – auch ihm – Fremden, dass er perfekt englisch spricht, aber nie wirklich gelernt hat. Die andere Fremde steigt höflich aus. Der erste Fremde winkt ihr nach und erzählt einer neuen Fremden, dass er bei einer Firma arbeitet, die keine Kleider für große Größen macht. Die neue Fremde und ich steigen aus.

Gleich bin ich zuhause. Noch lebt der Onkel, mein Taufpate, noch beschäftigt mich keine Erinnerung an Osterstriezel und andere Geschenke. Ich öffne das Haustor, drücke den Liftknopf. Feuerland. Kopfweh. Die Tabletten fallen mir ein. Die sind schon am Südbahnhof.