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putz‘ die farben aus, sagst. nimm die leinwand da hinten, wasch‘ die farb‘ aus den pinseln.

wo’s tropft doch draußen, auf straße und erd‘. vorm haus ist ein grenzstein, da sitz ich und wart‘. worauf wartest? auf’s wetter. weil, der tag hält die hand in die wolken, quetscht sie über’s dach. ein sturm übt den aufstand und sammelt die truppen. schmeißt um sich mit blättern und plastik und bomben, reißt an sich, was los‘ ist, was fest ist, reißt mich von dem stein fort und wirft mich hinein in sein tobendes herz.

geh‘ schlafen, gib ruh‘, sagst. und drehst dich zur leinwand. wischt aus den pinseln, was drin‘ ist an farb‘.

vierfünfdreizehn

04/05/2013

fliegen tausendfach. fliegen. tausendfach. käfer, bienen, insekten, gegräse. blumen. dahinter rasenmähermotorlärm. am schornstein die amsel positioniert. verschluckt sich am ton, rülpst laute, zwitschert. am himmel erst nix, dann flugzeug, dann schall. die sonne zwickt. der wind. der wind. rauscht, weht und fängt. trägt höher die welt, höher. grün, von ästen durchzogen. schattiert, gelichtet, verdichtet. wolken mit dunklem rand. schwergebäuche. schiebt sich ins blau.

literaturpreis wartholz

Kein Rabe für Heinrich. Die ersten zwei Regeln. Vielleicht auch die dritte.

An einen Raben will er denken, an einen, der sich gegen den Wind stemmt. Lydia meint, das steht ihm nicht zu, das taugt nix. „Warum?“ „Der Rabe ist zu hoch für dich, zu schön.“ Heinrich versteht nicht gleich. „Wirst schon verstehen“, sagt sie, sagt oft solche Sachen und erklärt sie dann nicht. „An was denkst du, Lydia, wenn du geschlagen wirst?“ Statt einer Antwort spuckt sie vor seine Beine. „Wirst wohl aufhören mit der Fragerei. Wochenlang redest nix, und dann.“

Heinrich weiß schon, dass es schwer ist am Anfang. Du wartest auf den Schlag, auf den Tritt gegen Arm oder Bein. Und weil du wartest, weil alles bereit ist, alle Nerven, weil die Haut sich hindehnt und die Synapsen im Kopf flimmern und zucken, weil das so ist, blitzt es. Wenn sich der Stiefel ins Schienbein bohrt. Oder der Absatz von Damenschuhen in die Rippen. Auch das gibt’s. Dann blitzt es vor den Augen, du gehst in die Knie, windest dich auf dem Boden. Wie ein Wurm, zwischen Hundehaufen und Mist. Windest dich und stöhnst. Oder wimmerst. Noch schlimmer. Dann treten sie stärker, damit du aufhörst. Das hat keine Logik. Und weil es keine hat, hat es eine.

„Da capo!“ Lydia kreischt vor Lachen, hässlich ist sie, als sie es Dragan erzählt. Da liegt einer auf dem Boden und bittet höflich, noch einmal hinzutreten. Heinrich hasst sie in dem Moment. Na, weil sie Recht hat. Daher auch das Humpeln. Zuviel Zugabe bekommen. Klappe nicht halten können. So schaut’s aus.

Also kein Rabe. Über dem Sturm, nein, über dem Platz. Heinrich hat da so einen Vogel gesehen, kurz vor dem Sturm. Er flog über den Platz, die Bäume griffen in der Luft herum. Die war voller Staub und Sand, von der Baustelle beim Schottenring, wo sie das Hochhaus vom Boltenstern hinstellen. Am Sonntag gehen die Familien Bagger und Baugrube schauen. Die Büro-Väter erklären Bewehrungen und Verstrebungen, und die Hausfrauen-Mütter nicken und sagen, man solle aufpassen, was der Vati erzählt. Und sich nicht schmutzig machen am Bauzaun. Danach gibt es ein Eis am Schwedenplatz. Schöne neue Welt.

Der Vogel flog gegen den Wind. Er stemmte sich quer über die Leute, die ihre Kinder und Taschen packten und gingen, aber Heinrich blieb sitzen und sah dem Raben zu. Weil der so aussah, als würde er schwitzen. Das waren nur seine Federn, die glänzten blauschwarz.

„Warum soll der Junge nicht an einen Raben denken, Lydia? Ein Rabe ist so gut wie jedes andere Tier.“ Dragan zeichnet mit seinem Stock Linien in Lydias Spucke. Dann steht er auf, putzt sich den Dreck von der Jacke, gähnt. „Ich bin hungrig“, sagt er. „Woran denkst du, Dragan, wenn man dich schlägt?“ Dragan sieht ihn an, die hellen Haare, das schmale Kinn. „Hm. An meine Eier, wenn es den Kopf erwischt. An den linken Daumen, wenn es die rechte Hand treffen wird. Wenn sie mir in den Arsch treten, denke ich an dich, psiću.“ Psiću. Kleiner Hund. Er lacht. Und geht. Abgang, Abmarsch. Weg. „Pazzo“, murmelt Lydia.

Lydia und Dragan. Das ist so eine Sache. Seit Heinrich mit ihnen durch die Stadt zieht, denkt er über sie nach. Was er halt nachdenken nennt. In seinem Nachdenken sind die beiden ein Paar. Sind Mutter und Sohn. Sind gar nichts. Lydia war zuerst da. Heinrich ist in ihr Versteck gestolpert, wäre ihr fast in die Arme gefallen. Versteck darf er nicht sagen. Dragan meint, es ist anders rum. „Draußen versteckt sich die Welt vor uns.“ Wie er uns gesagt hat, hat Heinrich gewusst, er meint ihn auch. Und ist geblieben. Dragan nennt den Verschlag palata. Lydia sagt, es wäre nicht mehr als eine Bruchbude, eine versaute Dreckshöhle, ein paar Bretter hinter einer leeren Werkstatt. Wahrscheinlich war das früher ein Schuppen. Wahrscheinlich ist der Schuster tot. Zerschossen. Oder bei den Russen. Dem Jungen ist das gleich. Es ist ruhig und trocken. Mehr braucht man nicht.

Die Werkstatt ist versperrt. Heinrich presst die Nase so fest an das Glas, dass es knackt. Brich, denkt er, brich einfach. Dann komme ich rein in deine Zeit. Lydia erwischt ihn vor den Fenstern. „Verschwinde“, schimpft sie, „das gehört dir nicht.“ Dass das niemanden mehr gehört, ist ihr egal. Dann gehört es sich selbst. Lydia, könnte er sagen, ich tu‘ doch nichts. Ich nehm‘ keinem etwas weg. Aber er schweigt. Er wartet, bis sie mit dem Stock droht. Bis sie damit auf seine Beine drischt. Bis sie ihn fortschwemmt mit ihren Flüchen. Dragan hat viele Namen für Lydia. Dušo moja. Meine Seele. Ljubavi. Liebste. Srećo moja. Mein Glück. Vielleicht sind sie ja doch ein Paar.

(Siegertext beim LiteraturPreis Wartholz 2013 – Kapitel 1 und 2 des Watschenmannes auf Schloss Wartholz/Siegertexte)

Der Täler Atem. Oben, im Fels, lehne ich einhundert Jahr‘. Was ist ein Jahr, was ist das: Ich? Ein Nichts. Ein: Alles.

Einen Schritt hab‘ ich gemacht. Jetzt lehn‘ ich da und weiß nicht, ob es das noch gibt, das Ich, ob es sich verloren hat, verlustig ging. Mit dem Schritt ins Leere fiel. Ins Höchste. Hohe.

Greifen wollt‘ ich, nach dem Seil vielleicht, und dann war es genau verkehrt: Mich hat’s ergriffen. Mit einer Macht, da gab es keinen Zweifel mehr. Ob man mit will oder nicht.

Jetzt lehn‘ ich da. Die Wange fest am Fels, hör‘ dem Berg beim Flüstern zu. Du, sagt er, dich gibt’s ja nicht. Du bist ein Berg, genau wie ich. Und tastet mit seinen Adern durch mein Ohr nach meinem Herz. Singt mir was vor, Steingeriesel, mit dem Geklirr von Eis versetzt, die kleinen Töne, die sich darüberlegen, das sind die Tropfen, wenn es schmilzt.

 

Kals, 2. November 2012 (c) Peschka
 
Auszug aus dem Text „Kalser Seelenwanderung“ (c) Peschka/Gemeinde Kals – entstanden für die Lesung „AlleSEELEN“, November 2012.  
 
 
 

Greed

02/10/2012

I sit up and think of your pictures. Exhausted people, anger, poverty. Arrogance founded on whatever alienness, whatever distance. Fear. All antipoles. Charity, wildness, desire.

You would say, “Greed”.

ich ich ich. habe die trauer fern zu halten. schiebe zwischen uns gelb-orangen duft. himmelbäume. samt-nacht. zeige ihr den halben mond. zeige ihr lichtloses schattengrün. sie findet sich, sie findet mich. in dunklen wellen. sie findet sich, sie findet mich. in ebbe und flut. sie liegt an stirn und brust. gezeitigt mich. höhlt aus, unterspült. räumt, wäscht, raubt. schläft dann, eingegraben, den leichten schlaf der wachsamen. atme flach, sie nicht zu wecken. zumindest eine zeit.

Im dunklen Zimmer. Es ist nach Mitternacht, nur der Bildschirm leuchtet. Ich stelle seine Helligkeit so niedrig wie möglich und denke an C.

C. lebt in Florida. Ich habe ein Bild von ihm. Es zeigt einen schmalen Burschen, in Uniform, 1945. Er erzählt mir oft vom Krieg, von Österreich im Krieg, von den Mädchen, von „Ankerbrot mit Schmalz und Salz“ – er sagt „Schmohlts und Sohlts“, er sagt „servus“ und „kapuut“ und „macht nix“. Ich habe ihm zum Geburtstag ein Wörterbuch geschickt, in die Karte geschrieben: Next time I’m with you we’ll talk German all day long.

Sein Körper ist schwer geworden. Er schleppt ihn durch die Wohnung. Manchmal ist C. so traurig, dass er wütend wird. Dann entlädt sich ein Funken seiner früheren Kraft. Etwas blitzt auf, schleudert sich in die Luft und verbirgt sich im nächsten Moment. Auf dem linken Unterarm trägt er ein Anker-Tattoo.

Dieser Anker rührt mich am meisten an.

Wir unterhalten uns oft per Skype. Einmal summte C. eine Melodie. Do you know this song? Ich schickte ihm einen Link, sah, wie er das Mail öffnete, hörte mit ihm „Lili Marleen“, sah sein Gesicht nicht mehr im Bildschirmfenster der Webcam, nur die weißen Haare, er hielt den Kopf gesenkt, ganz dicht an den Lautsprechern seines Computers. Der Kopf zuckte. You made me cry.

Deswegen muss ich das jetzt schreiben, in der Nacht, aus der ich C. nicht helfen kann. Ich stehe am Eingang und er entgleitet mir an ihrem Ende. Ich stehe am Eingang und halte eine Leinwand hoch, auf die er sein Leben wirft, dessen Dauer er spürt und die Fülle und alle Farben und Gerüche und alles Licht und die Bewegungen und Berührungen, seine Männlichkeit, seine Souveränität, all das.

All das muss ich festhalten wie auf einer Leinwand, und wenn die Arme schon wehtun, muss ich sie trotzdem noch halten, und wenn er weint, dann darf ich die Arme nicht sinken lassen, sondern muss sagen: Schau hin.

Natürlich wird dieser Text meinen Eltern vorgelegt werden. Mit einem dieser speziellen Begleitschreiben, bei dessen Formulierung sich nicht feststellen lässt, was überwiegt: Empörung oder Besorgnis? Soll das Kind bestraft werden oder behandelt? Da Strafe Annäherung bedeuten würde, werden sie für die Behandlung plädieren. Wie auch immer.

Nackt, bis auf das Tuch über meinen Schultern und den Spuren auf Bauch und Schoß, sitze ich an dieser Arbeit für Biologie und das, was man in unserer Schule Ethikunterricht nennt. Es ist halb vier Uhr früh, ein Vogel singt schon im Baum vor dem Fenster. Ich muss es schließen, damit er nicht hereinfliegt, den Schneckenkönig stiehlt und sein Fleisch aus dem Gehäuse zieht. Dieses Gehäuse ist linksgängig, normale Schneckenhäuser winden sich nach rechts. Lange Zeit habe ich einen der sehr seltenen Schneckenkönige – so nennt man sie tatsächlich – gesucht. (Das erklärt auch meine zahlreichen Bitten um Fristverlängerung und die Tränen, wenn man sie mir nicht genehmigen wollte.)

In dem Moment, in dem ich diese Zeilen tippe, streckt der Schneckenkönig seine Fühler aus. Er ist außergewöhnlich lang, fast elf Zentimeter und laut Vorbesitzer sechs Jahre alt. Als ob man ihn besitzen könnte. In Wahrheit wird man von ihm besessen, im Wortsinn. Ich habe mich von ihm besitzen lassen, und davon handelt dieser Essay.

Auszug aus dem Text „Die Frau des Schneckenkönigs“ (c) Peschka.  

elffünfzwölf

11/05/2012

jetzt ist die zeit, in der sich alles aus dem tag löst, einen schritt nach vorne tut und verharrt, bevor es in die nacht zurückweicht. diesen moment suche ich, diesen moment will ich haben. eines schreitet, das andere steht still. nichts atmet. dann tut das andere den schritt und dehnt sich kurz in den raum. die straßenbahn fährt über die brücke zur taborstraße, ich sehe nach rechts zum fenster, dort mischt sich rot und gold und blau mit nachtluft und wasser. sofort sehne mich, über’s leben hinaus.