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weil das so ein wirbeln war, muss man den blick kaltmachen. wenn man durch die stadt fährt. und glaubt, es stünde einem zu, nackt zu sein. dann sprengt sich etwas, das nur weiß ist. es regnet die trümmer. man hält alles zurück. hört auf mit dem wollen. in meiner brust kreist das sehnen.

wir stellten uns rücken an rücken, verschränkten die arme. ich lass‘ dich nicht fallen, sagte er, beugte sich vor und hob mich auf. bewegte sich ein wenig. meine arme, meine beine, alles an mir war schweres holz. die bewegung lockerte, was sich festgesetzt hatte. mit zurückgelegtem kopf war ich ein bogen, ein dach, von dem alles abfloß, die harten gesichter in der u-bahn, die raumlose enge der letzten zeit, die last, die ich nicht annehmen müsste und nicht ablehnen kann. es war fast, als hätte man mich aus einem fluss gehoben und ans ufer gelegt. mehr war nicht nötig an diesem tag.

siebzehnvierzwölf

17/04/2012

alles ist heut‘ langgezogen, das aufwachen zieht sich hin bis jetzt, bis zum abend. dazwischen der tag in seinen details: die straßenbahnen fuhren mit angezogenen bremsen, drinnen drehten sich gesichter in zeitlupe zum licht, aus dem licht, man hielt den atem nicht an, aber atmete aus und ein in dreifacher dehnung. knie schoben sich mir in den weg, taschen, menschen, geräusche, schleier und schatten. ich wollte aussteigen, als wir in der station ankamen, und ich kam immer noch an und wollte immer noch aussteigen, war schon zig-mal angekommen und ausgestiegen, als man endlich hielt. hinter uns drängte die verdichtete zeit oder der verdichtete tag, nahm mich ein und mit und dann. grab‘ mir ein loch in die brust. ich trinke schwarzen tee und wermut im wechsel, heiß und bitter. heute ist alles verwehrt, das aufwachen, das denken. wer weiß, wie es mit dem einschlafen sein wird.

von unten

18/03/2012

von unten, bad ischl

von unten, bad ischl

mein tod

11/03/2012

Mein Tod, 2011, Acryl auf Leinwand, 140x100cm (c) Michael Hedwig

Mein Tod, 2011, Acryl auf Leinwand, 140x100cm (c) Michael Hedwig

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Donauwalzer III

31/12/2011

Nachdem Elfriede Grineiderl bei ihrem Franzl abgeblitzt ist („Geh Schatzerl“, hat er g’sagt, „i hob‘ do grad g’essn!“), zieht sie das Fräulein Anna-Maria Stachel auf die Tanzfläche im Pensionistenvereinslokal. Weihnachtsfeier! Lichterketten hängen glitzernd an den Wänden, die Damen sind schön gewandet und die Herren wohlwollend. „Fesch haben‘s das hergerichtet, gell“, sagt das Fräulein Anna-Maria zur Elfriede, die „ja, eh“ sagt und sich wieder der Aufgabe widmet, die Freundin auf den Donauwalzer einzurichten. Den Rest des Beitrags lesen »

Bild: Oskar Stocker

Vor dem Fenster zwei Vögel. Der eine fast tot, er ist durch das Glas geflogen und hat seinen Körper zurückgelassen. Wuchtig gebrochenes Genick. Ein Bersten, ein Knall. Ein Klang. Ich sehe auf, als ich das Sterben höre, schaue durch das Fenster auf das Zurückgelassene. Dünne Knochen, braunweiße Federn, schwarze Punkte im geneigten Kopf, das sind die Augen, ohne Blick. Aus der weichen Form hebt sich ein Rest Leben, die Absicht, von hier nach dort zu fliegen, zurück auf den Zaun, zum Strauch im dämmernden Garten. Ich rühre mich nicht. Der zweite Vogel wandert auf und ab, bleibt stehen, betrachtet den anderen. Kehrt um, steht wieder. Still ist es. Allein der Tod werkt vor sich hin. Er gefriert im winzigen Geflecht der Adern, verzuckt knisternd im nussgroßen Hirn. In zentimeterlangen Muskeln. Da draußen stirbt etwas und verliert sich im Ausmaß, in dem seine Wärme vergeht. Daneben der andere Vogel sieht zu und weiß und weiß nicht, dann ist es ausgestanden und einer allein. Ich sehe weg und wieder hin. Das Fensterbrett ist leer, bis auf das Zurückgelassene.

siebzehnelfelf

17/11/2011

weiche nacht, gestreutes licht. die luft halte ich an.  greife so, einfach so hinein mit meinem blick in diese, weißt du. in diese weiche nacht, in dieses gestreute licht. in die farben hinein. über dem fluss lila, ganz weit. und grün und rot. ich kann es nicht sagen. ganz weit. von unten tiefes lila nach oben, dann ohne übergang ins schwarz. darüber, mitten im schwarz, neon und schriften im himmel hängend, wo sie nicht hingehören. und selber? steh da mit offenem mund den nebel einatmend und einsaugend. ein wenig greife ich danach. nur ein wenig, ein klein, ja, ein klein. dann die andere straße mit diesem lichtbogen aus gold und gelb und hell in ihrer mitte. ein sich verstreuendes, verwischtes leuchten bis ans ende, wohin der blick nicht reicht. ein dach gefunkelt im ganz winzigsten funkeln. über rauchgleichem nebel hinsinkend und herabsinkend in mein haar. auf mein gesicht, auf den aufsteigenden atem. in den absteigenden atem sinkend, in mich hinein. wie ein mond darüber die bodenlose lampe, alles so fern und alles so unsagbar. ich wandere unter diesem klingenden tuch aus weicher nacht und gestreutem licht, groß ist mein glück. unfassbar greift es nach mir. und fasst mich.

zuhause, ich schlafe und wache auf, es ist dunkel. die nacht drückt ihr gesicht ans fenster. im morgengrauen kommt der tag, er nimmt die schlafende nacht in den arm, die kalt und klar geworden ist. er trägt sie fort. dann ist er fremd und fern.

Donauwalzer II

02/09/2011

Frau Jedlicek und Frau Otto tanzen. Frau Elberich und Frau Gertrude, niemand weiß ihren Nachnamen, tanzen auch. Frau Singer schwingt mit der Frau vom Pastor über das Pfarrsaalparkett, der Pastor selbst sitzt mit dem Pfarrer an der Bar. Dahinter steht die Irmi vom Schlachter Josef, das jüngste seiner drei Mädchen. „Vier“, sagt der Schlachter Josef. Ein Fleischfächer, denkt der prosaisch angehauchte Pfarrer angesichts der vier dicken Schlachter-Finger, mit denen ihm der Josef vor der Nase wachelt. „Ah, vier sind’s“, sagt der Pfarrer, und der Josef rülpst, bevor er meint: „Musst es ja wissen, hast’s ja tauft.“ Dann, zur Irmi: „Geh, gib ma noch a Bier.“ Irmi folgt. Den Rest des Beitrags lesen »

einsneunelf

01/09/2011

geeist verreist versteinert. ein stab durch die mitte in den boden getrieben, an dem häng ich oder hängt er an mir. im dunklen eck vom dunklen zimmer. ineinander in sich, ineinander in mich verschachtelt, verdreht, verkeilt, verschränkt. verloren, verloren. verlier dich, sagt das große, verlier dich. dann schwindet am ende die dichte. im kleinsten. im kleinsten partikel verschwindet die dichte. im kleinsten drängt sich das milliardentausendfach im dunklen eck im dunklen zimmer, form mit angezogenen knien, das gesicht erhoben raus zum fenster den blick gehen lassen, zum orangen licht vor den finsteren bäumen, darunter nichts, darüber nichts aber. aber ich. wellen nach außen, wellen nach innen, ein, aus, in diesen kern, in diese weite, immer wieder. atmen. in diesen dichten kern, in diese weiche leere, diese weiche leere.