Rumpelstilz und Taj Mahal
31/07/2008
Vor mir ein Gebirgsmassiv Seit gut zwei Wochen legt sich beim Versuch, einfache Texte zu schreiben, alles quer im Denken. Querdenken, querschreiben. Klingt gut, ist aber nicht. Zumindest weiß ich, was blockiert. Zumindest steh ich vor dem Gebirgsmassiv, das mich am Weiterkommen hindert, und such nach einem Pass.
Holger, sag ich einem Freund am Telefon, schmeiß mir ein Seil rüber, gedreht aus ein paar Begriffen, ein zackiges Steigeisen für die Eisfelder, schön langsam muss ich raus aus dem Tal. Während ich noch bügle, dabei den Fernseher laufen lasse und aus der Nachbarwohnung Räucherstäbchenduft herüberweht, klopft sich eine Textbotschaft ins Handy.
Lieblingsfriseur. Taj Mahal. Rumpelstilzchen. Sex on the Beach.
Na fein. Zum Lieblingsfriseur gibt’s nicht viel zu sagen. Er heißt Roman und ist ein guter. Ich hatte kürzlich mit drei Kollegen eine Frisurenunterhaltung. Zwei finden Kurzhaarfrauen ziemlich schön, einer eher doch nicht. Meine Haare werden immer länger. Daran ist Roman schuld, weil der feine Stufen ins Haar schneidet, damit es gut wachsen kann. Alle drei Kollegen tragen die Haare kurz. Das Gespräch fand beim Mittagessen statt, auf der Terrasse, und ich wette, meine Haare sahen im Sonnenlicht ziemlich nett aus.
Ok, geht ja. (Werden Sie mich auf diesem Trampelpfad raus aus der Schreibblockade noch weiter begleiten? Ich hab ja nicht mal Marschverpflegung im Gepäck.)
Klettern wir weiter zum Taj Mahal. (Mittlerweile ist mein Sohn nach Hause gekommen. Wir haben schlechte Grenzen zueinander. Wenn in ihm ein Felssturz ist, ist in mir auch einer. Das geht auch vize versa. Da es in mir felsstürzt, streiten wir kurz. Gewitter, Donner, Blitz. Vor dem Hagel ist alles wieder gut.)
Das Taj Mahal könnte eine Hütte sein, zu der mir nix einfallen will. Immerhin befinden wir uns im Gebirge. Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich einen Sommer lang auf einer Alm arbeiten. Wanderer bewirten. Die kämen dann in grob gestrickten Stutzen und Kniebundhosen einhergestockt, zumindest die älteren. Und manche Männer hätten einen Filzhut auf und manche Frauen trügen rotkarierte Blusen und einen dicken Popsch. Sie würden schnaufen beim Niedersetzen und sagen: Gut ist es da. So schön. Und ich würde mit einem Tuch über den Tisch fahren, den Spatzen die Krumen zuwedeln und stolz sein, als wär das meine Welt.
Ich kann grad nicht, wie ich will. Heute back ich, morgen brau ich. Übermorgen. Nein, hol ich keiner Königin ihr Kind. Der Rumpelstilz hat ja auch in den Bergen gewohnt, oder zumindest im tiefen Wald. Im tiefen, dunklen Wald. Erst sprang er ums Feuer, dann riss er sich – Horror vom Feinsten – selbst mitten entzwei, bevor er im Erdboden versank. Die Vorliebe für gepflegten Horror wird in der Kindheit gelegt.
So, jetzt hänge ich wieder. Vom Rumpelstilzchen zu Sex on the Beach ist es ein doch eher weiter Schritt. Wobei Holger den Cocktail meinte (Wodka, Pfirsichlikör, Cranberry- und Orangensaft plus Eiswürfel) und nicht den tatsächlichen GV am Sandstrand. Nehme ich zumindest an.
Wir hatten vor kurzem mehrmals Sex on the Beach – für mich, die kein Bier und keinen Wein verträgt, eindeutig eine Bereicherung. Das ganze fand auf einem großen Schiff zwischen Dover und Amsterdam statt. Wie wir dorthin kamen, ist eine andere Geschichte, die zu schreiben mein verqueres Denken bisher hartnäckig verweigert. Hunderte angeheiterte Briten, großgemustertes, üppiges Innendekor und aus Handtüchern gebastelte Mini-Elefanten spielen darin eine Rolle. Vielleicht war es der Eindrücke ein Euzerl zuviel.
Für heute ist’s genug. Ich schlage ein paar Nägel in den Fels, hänge mein Notbiwak in die Wand und denke über die Engländer nach. Die haben sicher auch gute Sagen. Aus dem Tal winken ein paar Wanderer mit ihren weichen Filzhüten, Bergdohlen streiten sich um einen Platz in Abfallnähe und überhaupt: Danke fürs Mitkommen.
Insekt unter Insekten
15/07/2008
Urlaub bei den Eltern
Bevor man sich in den Pool begibt, säubere man ihn mittels bereitgestelltem Käscher von toten und fast toten Insekten. Urlaub bei den Eltern. Der Pool ist ein aufgeblasenes Plastikrund, das Wasser brunzwarm. Also genau richtig. Ein Durchmesser von zweieinhalb Metern erlaubt das Treiben auf der Luftmatratze. Vögel singen. Die Nachbarkatzen verteilen sich im Garten. Eine, Moses, äugt unter der Hecke versteckt nach dem Monster im Pool. Manchmal taucht mein Kopf über den Rand, die Position verlagernd, vom Bauch auf den Rücken oder umgekehrt.
Weiße Streifen soll der Körper haben, braun werden und gesund.
Das mit dem Insektenfischen ist freiwillig. Ich lege den Chitinpanzer ab und tauche ins Wasser. Ich lege den Chitinpanzer ab und distanziere mich. Wien ist voll. Hier ist es leer. Luftraum. Kühle Luftpolster am Abend über den Feldern. Die Schirmkappe tief ins Gesicht gezogen, fahre ich mit dem Rad durch den Auwald. Bei der Kläranlage stinkt es nach Verwesung. Winzige Mücken kleben auf meiner feuchten Haut. Ich will nichts sehen. Ich will nicht gesehen werden. Hier ist nichts.
Mit meiner Schwester und ihrer Tochter wandere ich über Wiesen. Meine Nichte schüttelt eine Minischnecke aus ihrem Schuh. Die nächste bin ich: Mit einem Grashalm retten wir den Schneck vor meinen Zehen. Wir lachen. Gehen weiter. Der Abend senkt sich auf die Hügel. Klassisch. Und schön. Später sitzen wir in ihrer Küche, haben Kuchen gegessen. Tee getrunken. Geredet. Mein Schwager kommt heim, wir erzählen von hier, von dort. Es ist spät, meine Nichte gähnt sich ins Bett, schmeichelt sich noch an die Eltern, schmiegt sich an mich, nuschelt ein wenig (das macht die Zahnspange), bevor sie schlafen geht.
Ich schlafe im Bett ihrer Schwester, die nicht da ist. Schulausflug. Ihr Mädchenzimmer gehört mir für eine Nacht. Ein Himmel aus fluoreszierenden Sternen leuchtet im Dunkeln über mir.
Mit der Lokalbahn zurück nach Eferding. Denk dir Pinien dazu, vielleicht Olivenbäume. Der Zug zieht eine Kurve um die Stadt, bevor er sich ihr nähert. Dramen spielen sich ab, irgendwo.
Die Sonne brennt, so ist es richtig, und eine braune, haarige Raupe quert den Treppelweg an der Donau. Wird sie es schaffen, frage ich und Andrea meint, ja, das ist eh eine große. Ich schau nach hinten und nach vorn, niemand in Sichtweite. Wir skaten bis zum Kraftwerk, manchmal ein höfliches Klingeln von Radtouristen im Rücken, dann machen wir Platz. Andrea klatscht mir fröhlich auf den Po, dann fährt sie wieder neben mir. Spuckt und prustet, hat etwas Fliegendes verschluckt.
Später sind wir ausgetrocknet, schmeißen das klobige Zeugs in den Wagen und stelzen auf Beinen, die vom Rollern noch ganz durcheinander sind, in den Gastgarten. Wir trinken große Gläser Apfelsaft mit Wasser, essen Salzstangerl. Das Salz bröseln wir unter dem Tisch auf den Boden.
Ich kenne die Wirtin. War ja selber Wirtstochter. Ein Wirt kennt den anderen.
Heute Morgen haben wir einen alten Schreibtisch in ein leeres Zimmer getragen. Auf dem Tisch standen alte Töpfe, in einem krümmte sich eine tote Spinne. Früher war das hier unser Wohnzimmer. Jetzt sitze ich am Tisch und tippe den Text. Dabei kann ich aus dem Fenster sehen. Dächer, Bäume. Autos und Lastwagen, die durch Eferding fahren. Ganz hinten ein Eck vom Lagerhaus. Ganz vorn der alte Konsum. Ex-Konsum.
Im Nebenraum malt mein Neffe. Er ist so alt wie mein Sohn. Mein Sohn fehlt mir. Er ist in Wien und ich muss ihn ein wenig in Ruhe lassen. Wir haben beide unseren Panzer abgelegt.
Es ist warm heute, aber der Himmel bewölkt. Manchmal zeichnet sich ein Streifen Licht auf den Boden. Ein Eck Sonne. Ich gehe nur dann in den Plastikpool, wenn es brennheiß ist. Vorher muss ich die Insekten retten, die toten und die fast toten, die sich nicht auskennen in dem riesigen Meer. Mit dem Käscher sammle ich sie ein und schüttle sie in die Wiese. Oder in die Rosen, wenn sie noch leben.
Mausgrau mit Türkis
15/06/2008
Die Blitze haben die Farben ausgeknipst
Manchmal ist man mausgrau und manchmal ist man’s nicht. Blitzige Nacht, mit Donner und Hagel. Selbst stand man am Bügeltisch und starrte durchs Fenster. Mit dem Schlaf kam was Trauriges und das Mausgraue über einen. Der Gewitterregen hatte den Liftschacht geflutet, die Hausmeisterin erzählt es am Morgen, im Treppenhaus vorbeikeuchend, auf dem Weg nach oben.
Selbst ist man auf dem Weg nach unten, auf die Straße, nach unten, zur U-Bahn. Wo man draufkommt, dass man das Handy vergessen hat vor lauter Mausgrauigkeit. Aber zurück ist weit weg, mag es klingeln. Keine Lautwegstöpsler ins Ohr, keinen Sonnenbrillenfilter vor die Augen, heut muss alles pur rein ins Hirn, alle Bilder, alle Geräusche. Asiate mit Holzperlenarmband. Frau mit goldenen Sandalen.
„Golgene Sandalen“ schreibe ich erst, als Kind verwechselte ich immer d und g. Als Große mache ich das an Tagen wie heute. Haarscharf vorbeischrammen an der Depression, bloß nicht Reinkippen in das brackige Wasser. (Was erzählt sie uns, werden Sie denken. Das, was ist, also das Übliche.)
„Erbst“ sagte mein Sohn früher, ihm fehlte das H. Als Kind fehlt einem immer was, Mut zum Beispiel oder Gleichgültigkeit, und jetzt winke ich meiner Schwester zu (erinnerst Du Dich an den Urlaub bei den Großeltern am Attersee?). Ich erinnere mich an Scham. Grüne kurze Hosen aus Frottee. An die Scham, sich darin vor fremden Kindern zu zeigen.
Aber älter wurden wir mit Stil, meine Schwester und ich. Drehten alle Lichter ab bei Gewitter, öffneten alle Fenster weit und hörten Klassik, bis uns alphaltnasser Sommerduft in die Nasen stieg. Bis kiloschwere Tropfen das Alublech am Fensterbrett zerbombten und wir nichts sagen mussten, nicht, weil wir uns so lieb hatten, dazu stritten wir zu oft, sondern weil wir uns so einig waren.
Die Stadt hat heut mein Mausgrau angezogen und zeigt sich mutig hässlich. Mach das auch, sag ich mir, zeig dich mal in grünen Frotteehosen, vorne ein kleiner blauer Anker draufgestickt, vielleicht lacht ja eh niemand. Unwahrscheinlich. Vielleicht ist es aber auch egal.
Am Handgelenk baumelt Türkis in Armbandform. Fahren Sie mit der U6 Richtung Spittelau und zählen Sie die türkisen Flecken, es sind viele. Oder die Stadt spiegelt sich einfach und wenn ich morgen das Kupferfarbene trage, holt sie es auch heraus. Die Stadt. Aus dem Schmuckkästchen. Kupfer. Rost. Alles Metallische.
Wien ist wunderschön im Sommer.
Wenn doch das Mausgraue zurückbleiben könnte, aber ganz wird man es wohl nie los. Man versteckt sich am besten, indem man sich nicht versteckt und ziemlich sicher ist es gut, auf Cioran zu hören – der meinte, das nichts, was einem widerfährt, für jemand anderen von Belang sei, von irgendeinem Interesse.
Nur, worüber schriebe ich sonst? Über Ausgedachtes? Das bewusste Lügen fällt recht schwer, man sollte es zumindest probiert haben. Unbewusst lüge ich oft, aber ungelogen ist, dass ich müde bin und sicher nicht depressiv, sondern, ich sagte es: mausgrau. Gestern haben die Blitze die Farben ausgeknipst. Das geht vorüber.
Toskana im Sauseschritt
15/05/2008
Oder Heimweh nach Florida
Ich muss mich beeilen, eine Kolumne ist verflixt kurz für drei Tage Florenz & Co inkl. Nachtzug und Charlie. Das wäre ein toller Reisebericht, mit Fotos und allem Drum und Dran – aber so begnügen wir uns mit der flotten Kurzfassung.
Mein alter Freund Charlie, wohnhaft in einem Pensionistendomizil in Ocala, Florida, hatte mit seiner Frau Maurine eine Kreuzfahrt gebucht, von Miami nach Rom. Die einzige Chance, die beiden zu treffen: Beim Landgang in Livorno. Lassen Sie sich erzählen, wie das war:
Für mich ist das nicht nur Toskana-Premiere – ich bin auch noch nie per Schlafwagen gereist. Viel bequemer als befürchtet. Ist quasi unmöglich, sich gegen das in den Schlaf geschaukelt werden zu wehren. Um Mitternacht klettern in Villach zwei Frauen in die freien Betten. Am frühen Morgen warten die beiden in Florenz noch immer auf ihren Anschluss Richtung Assisi, während ich schon fast in Livorno bin.
Dort: Quer durch die Stadt und über eine Betonwüste namens Piazza della Repubblica ins Hotel, Koffer abgeben. Lasse mir erklären, wo die großen Kreuzfahrtsschiffe liegen, laufe in jenen Teil des Hafens, sehe durchaus große Schiffe – sehe keine „Carnival Freedom“. Frage nach – die liegt weit weg, ich brauche ein Taxi. Zurück in die Stadt, Taxistand suchen. Ein Bus spuckt mir eine Ladung schnatternder Amerikaner vor die Füße. Vorne am Bus das Schild: „Shuttlebus ‚Carnival Freedom'“.
Der Fahrer spricht (wie alle Italiener) „a little English“ (Daumen und Zeigefinger zeigen, wie wenig), nach fünf Minuten „little English“ sitze ich im Bus und er bringt mich zum Schiff. Schmäh ohne: Musikalisch untermalt von Ennio Morricone. (Bei „Spiel mir das Lied vom Tod“ grinst mir der Fahrer im Rückspiegel freundlich zu. Vienna, eh?) Mit Italo-Western-Sound zu meinen Ami-Freunden aus Amerikanien. Mir geht’s gut.
Der Hafen ist gewaltig. Die Schiffe sind gewaltig. Mein Herz hüpft gewaltig, als der US-Touristen-Kreuzer vor mir auftaucht. Ich springe aus dem Bus, winke dem Fahrer und, wie erwartet, hängt Charlie schon an der Reling, auf der Suche nach mir. „Charlie“, schrei ich, „Charlie!“ Er sieht mich und winkt und deutet, ich solle an Bord kommen (ich merk schon, er hat Probleme beim Gehen), aber das Ans-Bord-Kommen ist so eine Sache: Sie lassen dich nicht rein, wenn du nicht auf einer Liste stehst. Wichtige Uniformierte (denken Sie ruhig ans deutsche Traumschiff) schicken dich hierhin und dorthin und am Ende ist es doch leichter, Maurine schiebt Charlie an Land.
Schieben, weil seine Beine schlimmer geworden sind und er deswegen im Rollstuhl sitzt. Einem Kreuzfahrtsschiff-Rollstuhl. Umarmungen und Küsse. Einen Tag haben wir füreinander, Maurine wuselt herum, was sollen wir anfangen mit der geschenkten Zeit? Ein Auto mieten, das geht g’schwind, weil direkt am Schiff der Autoverleiher unter einem Sonnenschirm sitzt und seine Autos feilhält, wir packen Charlie auf den Beifahrersitz und den Rollstuhl in den Kofferraum …
… und am Abend sind wir wieder zurück. Wir waren in Lucca, haben famose Eisbecher leer gelöffelt und enge Gassen bewundert, wir waren in Pisa (Begeisterungsstürme vom Rücksitz, weil wir alle Wege fast ohne Karte finden – wir fahren „per Instinct“), der Rollstuhl ratterte über Jahrhunderte altes Straßenpflaster (Charlie: That’s better than sex) und finden später in einer eleganten toskanischen Kurve zurück zum Porto Varco Calvani und damit zum Schiff. Punktgenaue Landung.
Der Typ vom Autoverleih war samt Sonnenschirm verschwunden, also tun, was er für diesen Fall angeordnet hat: Auto abstellen, Schlüssel unter die Sonnenblende, basta. Er würde es später schon holen. Na ja, dann.
Was folgte war der Abschied, ein Tag in Florenz für Kulturbanausen und die Heimreise. Und die Sehnsucht. Nein, nicht nach der Toskana. Nach Charlie und Maurine. Immerhin weiß ich, wie der alte Mann seinen Kaffee mag. Und das Sootie, Maurines dicke Katze, einen zehn Minuten am Stück anstarren kann, wenn man nicht hinschaut. Wie sich das anfühlt, wenn man mit dem Golf-Cart durch die Adult Community knattert und die Nachbarn grüßen. Ich hab Heimweh nach Florida, Fernheimweh. Kann es sein?
Schon. Die Toskana, denke ich, ist aber auch ganz ok. Man sollte sich mehr Zeit dafür nehmen.
Kieloben in der Alten Donau
01/05/2008
Die Moral hängt noch zum Trocknen
Letzten Donnerstag kenterten wir in der Alten Donau. (Ich hüpf in den Text wie ins kalte Wasser, treibe mit den Sätzen kieloben und starre ans Ufer, wo die Leut‘ stehen und uns nicht bemerken.)
Wir kentern, gurgeln aus dem tiefen Grün wieder an den grauen Tag, fassen nach dem Stück Holz, das vor zehn Sekunden noch Ruderboot gewesen war und sich jetzt so gehen lässt – es zeigt uns kalt den Bauch. Ruder kreuz und quer verspannt, wir zählen erst nur drei. Dann, Entwarnung: Das vierte ist nicht verloren, nur verschüchtert und verirrt.
Rudern ist mein neuer Sport. Zur Erleichterung der seelischen Anstrengung gedacht. Zur Knie schonenden Ertüchtigung der körperlichen Wesenheit. Aber.
Hundselendig ist das, bei 15 Grad unter und wenig mehr über der Oberfläche. Während sich die Turnschuhe ansaufen und von den Fersen torkeln, pfeifen wir oben und schreien und winken, weit, weit weg vom Ufer entfernt. Was tun, fragen wir, beide Anfängerinnen, noch nicht harmonisiert aufeinander und das Zweierboot, ich war am Schlag und sie, die jetzt erst mal lachen will, am Heck.
So unernst ist das gar nicht, kaltes Wasser ist mir ein Graus, Kälte überhaupt, da kenn ich nix. Ein kieloben treibendes Ding kann man nicht umdrehen und reinhüpfen und flugs zurückrudern. Nebenbei, der Perspektivenwechsel ist schon ein interessanter, wie immer am Wasser. Von oben, also gestandener Augenhöhe, ist der Winkel fatal verkürzt, die Distanz zwischen Ufer und Kenterboot täuscht. Demütiger betrachtet, knapp über der Trennlinie zwischen trocken und sehr feucht, eh klar: Meilen. Kalte Meilen. Unüberwindbar.
Das geht nie, dachte ich, die nicht so gern schwimmt. Die zwanzig Minuten braucht, um in hochsommerliche Brunzlacken von den Knöcheln bis über die Knie zu waten. Dann wieder steht und die Gegend beäugt.
Was wäre das für eine Allegorie, was würden sich für moralisierende Kolumnen anbieten alleine aus diesem einen Erlebnis! Der veränderte Blickwinkel, die Sicht aus der sicheren Entfernung zum Grauen, aus dem Grauen dann selbst im Vergleich. Wer maßt sich ein Urteil an, wie es sein kann in der Erzwungenheit, selbst oder fremd bestimmt. Wer weiß zu unterscheiden zwischen dem, was passieren darf und dem, was passiert oder man passieren lässt, was zu verhindern gewesen wär‘, hätt‘ wer hing’schaut und warum es verdammt noch mal so lang dauert, bis überhaupt wer hinschaut und was sieht. Und was sagt. Und sich jemand in ein Boot schwingt und zu Hilfe kommt.
(Keine Sorge, wir sind noch immer mit der eigenen Rettung beschäftigt, die Moral treibt in nassen Fetzen in der Alten Donau und wird schön langsam grün im Gesicht.)
Endlich. Ein Boot löst sich vom Heimatsteg, keines, das uns aufnehmen kann, aber der Insasse ist Lehrer, glaub ich, er verbalisiert uns ans Ufer zurück. Also doch schwimmen. Gefühlte vierzig Minuten. Wir schwimmen das Boot zurück, in harter Beinarbeit. Ich bin ziemlich ernst, hab das Denken abgeschaltet und fürchte nichts mehr, nur den hartnäckigen Schwan. Den hartschnäbligen, Gebietsschutz betreibenden Schwan, zwischen den und uns sich das Lehrerboot schützend schiebt, auf den letzten Metern. Applaus, von mir eingefordert. Zwanzig Hände greifen nach dem Kenterboot, nach den Rudern. Ich, stolz, schieb mich selbst ins Trockene, mein Körper ist beleidigt, drei Tage lang wird er mir noch vernünftige Kreislaufarbeit verweigern, aber vorerst unter die Dusche, bis das Heißwasser weg ist und die Betriebstemperatur fast normal.
Jawohl. Die Moral hängt noch am Steg, zum Trocknen, das dauert eine Weile. Wer rudern will, trotzdem: Ich kann es nur empfehlen. (Mit vier, erinnere ich mich jetzt, bin ich schon einmal zwischen Schwäne gefallen. Am Traunsee war das. Wir haben es nicht so miteinander, die Schwäne und ich.)
Kind sein, nein danke
30/04/2008
Erwachsenwerden tut nicht weh
Mein Gegenüber will nicht ganz erwachsen werden, weil das tue weh. Schwachsinn, sag ich, nicht das Erwachsenwerden tut weh, sondern das Kind bleiben. Was haben die Leut‘ nur alle mit dem „bewahr dir was Kindliches?“ Sie behaupten, im Herzen Kind zu sein und sind’s stattdessen nur im Kopf.
Diesen Kopf neigen sie zur Seite, sehen dich verklärt an, zitieren Saint-Exupéry und schwärmen von den unschuldigen Spielen der Kinderzeit. Damals wären sie Cowboy gewesen oder Prinzessin im Fasching. Und heut‘ sind sie – ganzjährig – Schamane oder Hexe. Oder Experte für Familienaufstellung. Für „die richtige Ordnung“.
Nimmt man ihnen ihr Spielzeug weg, stampfen sie mit den Beinchen. Sie schwärmen für die depperte blonde Ärztin bei „Grey’s Anatomy“, die emotional noch nicht einmal Volksschulreife erreicht hat. Oder für die andere, die sich aufführt, als hätte die Halbschwester ihrem Teddy ein Ohr abgerissen. Jetzt darf niemand mit der blöden Kuh reden. Wer es tut, ist nicht mehr ihre Freundin, ätsch.
Das Kindsein ist grad sehr en vogue. Also was? Das sich in einer Phantasiewelt verlieren? Als Mädel war mir der Schotterparkplatz hinter dem Haus mit seinen mannshohen Stauden ein Königreich, in dem ich den Sommer verbrachte. Sobald die Zeugnisse verteilt waren, hockte ich auf der Mauer unserer alten Terrasse. Die Schwalben über und acht Wochen Ferien vor mir. Um auf diese Terrasse zu kommen, musste man über eine dunkle Stiege in der Holzhütte – und damit war der Zauber schon beendet. Weil man sich da ordentlich fürchten konnte. Vor Ratten und Mäusen, oder Spinnen. Oder sonst was, man war mit Phantasie gesegnet.
Wenn die Leute sagen, sie möchten sich ihr Kindsein bewahren, welchen Teil davon meinen sie genau? Vielleicht den mit den dunklen Treppen und den ungelösten Geheimnissen, den noch fehlenden Zugang zu rationalen Erklärungen und den damit verbundenen Ängsten?
Oder vielleicht vermissen sie die erlaubte Fremdbestimmung. Das sich Hingeben in die Verantwortung eines anderen. Ich sag dir, was du zu glauben hast. Wann du zu schlafen hast. Was du zu essen hast. Welches Talent du hast. Was dein Wert ist. Welche Farben dir stehen, welcher Haarschnitt. Sie sagen dir, ob du ein gutes Kind bist. Oder ein schlimmes. Ein fleißiges, oder ein faules. Ob du egoistisch bist oder selbstlos. Wobei egoistisch immer schlecht ist und selbstlos immer fein. „Prägung“ nennt man das. Korrigieren Sie mich, wenn ich entwicklungspsychologisch daneben liege.
Ich würde das ja eher „Image“ nennen. Schauen Sie sich um in Ihrem bekinderten Bekanntenkreis, wie viel Nachwuchs Erwartungen entsprechen muss, die Erwachsene in ihn setzen. Und, im Gegenzug, wie viele Söhne und Töchter einfach ausprobieren können, ohne gleich einen Stempel auf der Stirn zu tragen. Eine perfekte Vorwärtsrolle: Sportlerin. Eine kleine Serie schöner Wachskreidenzeichnungen: Künstler. Dreimal in Folge keine Lust auf Karotten: Gemüseverweigerer. Ab und zu nicht gefolgt, sondern in Frage gestellt: Schwieriger Mensch.
Natürlich muss man so einem Image entsprechen, wenn man dadurch Gegenstand der Aufmerksamkeit bleibt. Kinder, davon bin ich überzeugt, sollten nebenbei aufwachsen können, wie Unkraut in einem sicheren Garten, als akzeptierter Teil des Ganzen, aber nicht als Mittelpunkt der Welt. Diese Rolle ist zu heftig, und auf Podesten wird es schnell einsam.
Und: Einem Kind kann man alles erzählen. Zum Beispiel die Sache mit der Erbsünde. Adam und Eva sind früher dran als Darwin. Voll Staunen hört man die Geschichte vom Paradies, fortan sind alle Schlangen falsch und alle Frauen Schlangen.
Wobei wir wieder am Anfang wären. Ich habe mich ein wenig in Rage geredet. Versteh mich richtig, sag ich zu meinem etwas im Liebesleid verhafteten Gegenüber. Meine Kindheit war eine gute Zeit. Aber danke, abgehakt. Den Schotterparkplatz mit den hohen Stauden gibt’s nicht mehr. Ich könnte dort jetzt parken, wenn ich ein Auto hätt.
Die Etikette des Tötens
15/04/2008
Unterwegs in Sachen Mord und Totschlag
Wenn du, fragt er, in deinen Texten die Leute ansprichst, bist du per Sie oder per Du? Immer per Sie, außer, der Text wendet sich an jemand bestimmten.
(Meine Tasche riecht nach Brot, ich hab mich grad gebückt und den Notizblock rausgeholt. Da steht er, der Titel für diesen Text. Schreib ihn schnell auf, dachte ich mir vor ein paar Tagen, der ist gut. Vielleicht gibt es schon ein Buch, das so heißt, einen Kriminalroman, ein Handbuch für Mörder oder Mörderinnen.)
Wenn du, fragt er weiter, jemanden verletzen würdest. Töten. Würdest du diesen jemand mit Du oder Sie anreden? Mit Sie, natürlich, wenn es denn ein Fremder ist. Oder eine Fremde. Ich würde so Sachen sagen wie: Entschuldigen Sie bitte, das wird jetzt ein wenig weh tun. Und mit dem Messer sanft die Haut ritzen. Die vielschichtige Haut. Die Hornschicht leicht zerteilen. Mit einem millimeterfeinen Schnitt beginnen. Aber dann. Tief, tief, tief. Natürlich würde Blut fließen.
So ging das Gespräch noch eine Weile weiter. Das ist gelogen, wir hörten gleich auf, es war ein Telefonat, halbberuflich, aber in meinem Kopf ging es weiter. Szenen aus American Psycho, Szenen aus Büchern von Jean Genet bis Stephen King. Die Messerspitze an den weißen Augapfel gedrückt, bis dieser platzt.
Ich stelle mir vor, wie es ist, ein Gesicht mit der Hand an den groben Putz einer Hausmauer zu pressen. Einen Körper in den Straßendreck zu zwingen. Das Knie im Kreuz des anderen, das Gewicht verlagert. Zwischen mir und Asphalt ein weinender Mensch, der um sein Leben bettelt. Mit einem heftigen Ellbogen-Schlag eine Nase zertrümmern, bis dunkles Blut hervorschießt.
Ich stelle mir vor, wie es ist, jemanden Angst zu machen. Wirkliche Angst. Es ist schwer, bei diesen Bildern zu bleiben. Das ist nicht die übliche idyllische Panoramatapete aus netten Erinnerungen. Ich taste mich durch unbekanntes Terrain, an Gedankenwänden entlang, an Holzwänden mit zerrissenen Plakaten. Es riecht nach altem Leim und nach Hunde- und Männerurin.
Meiner Schwester träumte einmal, sie hätte eine Leiche zu entsorgen. Da ihr nichts Besseres einfiel, ließ sie die Leiche durch die Bügelmaschine laufen, faltete sie säuberlich und legte sie in einen Kasten.
Wenn ich mir vorstelle, einen Menschen getötet zu haben, dann ist der Platz rund um mich und dann bin ich selbst voll Blut und Hautfetzen und Haarbüscheln und meine Zähne sind gefletscht und das Adrenalin stößt durch meinen Körper. Nichts von wegen Etikette. Aber viel Inferno und Höllenqual, blinde Wut, kreischende Dämonen, die sich zwischen den Rippen ins Freie bohren, mit geifernden Mäulern. Da bleibt kein Platz für höfliche Worte vor dem finalen Cut.
Oh, sieh an. Wohin dieser Text führt. Ich sollte wirklich mehr schlafen und weniger Horrorfilme ansehen. Allerdings gibt es gar nicht so viele gute Alternativen.
(Ich hatte Brot gekauft, auf dem Weg nach Hause. Ich ging zu Fuß aus dem 18. in den siebten Bezirk, durch eine nach Land duftende Stadt. Schweinestallgeruch. Die Felder werden gedüngt. Den ganzen Tag hatten wir über Führung gesprochen, auf einer firmeninternen Fortbildung. Der Trainer schrieb auf die Tafel: Krieger, Bauer, Magier und Fürst. Ganz grob wären das die Archetypen. Wo seht ihr euch, hieß es dann.)
Mein Tod, mein Glück
30/03/2008
Szenen einer arrangierten Beziehung
Ich war zwanzig, als es hieß, ich hätte nur mehr zwei bis sechs Jahre. Die Leber würde versagen, früher oder später, was den Tod bedeute. Ach, wie war das süß. Der Arzt, ein Primar, hatte meinen Eltern die Nachricht verkündet. Ich war auch dabei. Er sprach von „der Karin“, von „ihrer Tochter“, als wäre ich schon weg. Meine Eltern waren gekommen, um mich abzuholen. Nicht als Todkranke, sondern als wieder halbwegs Gesunde.
Die Gallenblase musste raus. In einem Fläschchen schwammen drei Steinchen. Ich drehte es – im weißen Spitalsbett liegend – zwischen den Fingern hin und her. Diese Winzigkeiten, dachte ich, können nicht der Grund für den Schmerz gewesen sein.
Waren sie auch nicht. Der Grund lag tiefer. Der Gallengang eine Perlenkette, die Gallenwege ein verkrüppeltes Mostapfelbäumchen. Werte wie ein schwerer Alkoholiker. Ohne Alkohol. Ohne Rausch. Ich fühlte mich um den Rausch betrogen. Der Arzt, ein Primar, stellte den Tod in sein Sprechzimmer. Damit waren wir fünf: Er in Kittel und Fremdheit. Ich mit meiner Reisetasche und der frischen Narbe am Rippenbogen. Meine Eltern, blass. Und der Tod.
Aber ich glaube, der stand gelangweilt am Fenster und sah den Blättern beim Fallen zu. Er wusste, es war zu früh. Wollte noch nicht bleiben. Ließ ihn aber nicht mehr gehen, den Süßen. Nahm ihn mit. Der Arzt sagte: Massive Schäden. Zwei bis sechs Jahre. Neue Leber.
Eine neue Leber einbauen. Oder draufgehen an dem Versagen der alten. Oder draufgehen beim Einbau der neuen. Das nächste Bild, an das ich mich erinnere: Ich sitze in der Gasthausküche in der Nische neben dem Ofen. Der beste Platz. Es ist warm. Ich überlege, was ich mit dieser Botschaft anfange. Um dann das zu machen, was man mit Botschaften macht. Man verkündet sie.
Vier enge Freunde hatte ich damals. Die nahm ich mir einzeln vor. Perfekte Inszenierung. Wir gingen im Herbstwald spazieren. An der Donau, in den verfärbten Auen. Bedeutungsschwer. Ich weidete mich an ihrer Verstörtheit. Und suhlte mich am eigenen Leid, an der vorgeschossenen Trauer um mein junges, verlorenes Leben.
Ein paar Jahre später verließ mich einer der vier knapp vor der Hochzeit. Ich war noch immer nicht gestorben. In Wahrheit hatte ich das auch nicht erwartet. Es war ein krankes Spiel. Und eine ernstzunehmende Option. Eine fremde Leber wollte ich nicht haben. Was ich wollte, war die Möglichkeit des Todes. „Manifeste Depression“, nannte es später ein Heilkundiger. Trauer verhärtet im Oberbauch, damit war der Kopf frei, das Ganze hatte einen Namen und wenn man sich mit dem Sterben beschäftigt, ist das Leben grad ums Eck.
Mittlerweile haben wir uns arrangiert, das Spiel und ich. Anfang dreißig noch ein letzter langer Fieberschub, seither nur ab und an ein Zwicken, ein paar Tabletten, und aus. Als mein Sohn klein war, zeichnete er mit seinen Kinderfingerchen die blasse Narbe nach: Was ist das? Da, log ich, bist du rausgekommen. Und vorher? Vorher, sagte ich, bist du drinnen gesessen und hast meine Leber gestreichelt. Und dann? Und dann ist es mir besser gegangen. Und das war nicht gelogen.
Ein eckiges Thema, das Sterben. Vor zwei Wochen haben wir unseren alten Onkel begraben. Knarrende Kirchenbänke, Weihrauch, die Lesung, Fürbitten, Taschentücher und Gehuste. Es gab Chorgesang und Orgel. Später die Zehrung im Gasthaus, mit Totensemmel und Rindfleisch und allem, was dazugehört.
Aber vorher in der Kirche. Ich sitze zwischen meinem großen Sohn und den Eltern. Wenn ich gestorben bin, dann. Ich weiß ganz genau, was ich sagen möchte. Will es festhalten, für die Nachwelt, quasi an meinem Sarge zu verkünden. Das Drehbuch zum eigenen Begräbnis. Warum auch nicht?
Der Tod ist immer noch bei mir, wir sind das alte Paar einer arrangierten Ehe. Mein Glück, dass er sich so früh zeigen musste. Jetzt steht er am Fenster und betrachtet gelangweilt die Baustelle gegenüber. Spute dich (sagt er), du hast einen Termin um halb zehn. Ja, aber nicht mit dir (sag ich) und er tut, als würde er gähnen. Der Süße. Wir entkommen einander nicht.
Freitagabend, 20:00 Uhr
15/03/2008
Die Stadt ist nass, die Straßen glänzen
Freitagabend, 20:00 Uhr. Mache mich auf den Heimweg. Zuvor noch in der Fabrik den Geschirrspüler eingeräumt, haha, „Fabrik“, das sag ich nur so. Die „Fabrik“ ist Großraumbüro mit Schreibtischgrüppchen und Glaswänden, grauem Teppich, schwarzem Linoleum und vielen Menschen.
Geschirrspüler einräumen an Freitagabenden ist fast Ritual. Auf Chaos folgt nüchterne Leere und Ordnung – ich will übrigens nach Texas oder Arizona oder wo man in den USA sonst in karge Weiten starren kann, aber das nur nebenbei. Möchte auch in die Antarktis, oder zumindest nach Feuerland. Denke daran, während ich die Tische der Kaffeeküche abwische und die Sessel hinstelle, wo sie hingehören.
Kurz darauf gehe ich mit eingezogenem Kopf Richtung Straßenbahn. Die Luft ist lau und dunkel, die Straße regennass, die Stadt spiegelt sich im Asphalt und kokettiert golden mit ihrer üblichen Nüchternheit. Ein Lichtwurm windet sich heran, Köpfe an den Fenstern, ich steige ein und werde selber ein Kopf am Fenster der Straßenbahn. Vor mir liegt eine vergessene Schachtel mit Kopfwehtabletten. Ob sie leer ist?
Paranoia. Die Tabletten sind präpariert. Die blauweiße Schachtel ist ein Köder, ist Gift. Du musst sie wegnehmen, wegwerfen. Du musst retten.
Keine Lust. Draußen fährt Wien vorbei. Nass und glänzend, helle Spots im dunklen Rahmen. Haltestellen, Tankstellen, Lokale, Hoteleingänge. Gelbe Fenster, warmes Licht. Rundherum dunkle Ebenen, geschichtete Dunkelheit, Schattenflächen, von geduckten Schattenmenschen durcheilt.
Ich überlege, ob mir kalt ist. Verneine. Oder. Richtig kalt ist es nicht. Genau die Kippe zwischen angenehm und gerade noch nicht frieren. Ich stelle mir einen Hund vor, der fast ganz entspannt ist, aber weiß, dass jede Sekunde wer ums Eck kommen könnte.
Loriot setzt sich schräg gegenüber. Hinten steht ein Mann, der sieht aus wie John Candy, der Schauspieler. Bis auf ein sich Belanglosigkeiten erzählendes Pärchen ist es still in der Straßenbahn. Obwohl, wer urteilt darüber, was belanglos ist. Und was nicht. Ich mustere die Tablettenpackung, stupse sie mit dem Bleistift kurz an. Scheint voll zu sein.
Durch mein Gesicht im Fenster sehe ich wieder auf die Straße. Morgen wird der Sturm kommen, an der Stadt zupfen, ziehen und zerren (und wir werden die Dachplatten vom Nachbarhaus fliegen sehen und ängstlich den Kran beäugen, der sich über unseren Köpfen neigt). Der Wind pfeift uns was vor, während wir in den Betten liegen, dem Rumoren lauschend. Dann wird’s ruhig. Später wird die Mutter anrufen, der alte Onkel ist gestorben.
Aber noch ist Freitagabend. Die Straßenbahn biegt in den Ring ein und füllt sich beim Schottentor mit Lärm und Menschen. Ich setzte die Kapuze auf, als wär’s dann ruhiger, krieche in mich und vergrabe die Hände in den Taschen. Vor dem Rathaus drehen sich Eisläufer auf dem Eislaufplatz, ich stelle mir vor, sie täten dies in aller Stille, hochkonzentriert, ganz ernst.
Volkstheater. Ich sehe von oben schon: Noch drei Minuten, dann kommt die nächste U-Bahn. So langsam wie möglich gehe ich die Stufen hinunter, zähle erst die Menschen, die mir entgegenkommen (drei Männer, drei Frauen, später noch ein Mann) und dann die Löcher in einer Abdeckung (16 mal fünf, also 80 pro Tafel).
Nur zwei Stationen, dann bin ich daheim. Ein Fremder erzählt einer anderen – auch ihm – Fremden, dass er perfekt englisch spricht, aber nie wirklich gelernt hat. Die andere Fremde steigt höflich aus. Der erste Fremde winkt ihr nach und erzählt einer neuen Fremden, dass er bei einer Firma arbeitet, die keine Kleider für große Größen macht. Die neue Fremde und ich steigen aus.
Gleich bin ich zuhause. Noch lebt der Onkel, mein Taufpate, noch beschäftigt mich keine Erinnerung an Osterstriezel und andere Geschenke. Ich öffne das Haustor, drücke den Liftknopf. Feuerland. Kopfweh. Die Tabletten fallen mir ein. Die sind schon am Südbahnhof.
Frau Lugner und das Tier der Woche
01/03/2008
Das Älterwerden ist ein Hund
Frau Lugner zieht sich für „News“ aus und entdeckt ihre Weiblichkeit neu, was – so ihre Rede – in engem Zusammenhang mit einem frisch aufgefüllten Busen steht. Und dem überschrittenen 40er.
So, und jetzt verkneifen wir uns jeden Zynismus. Nicht nur in Sachen Lugner, die gute Frau soll sich ausziehen, wann immer sie will. Vor allem verkneifen wir uns böses Gehechle in eigener Sache. Weil, das Älterwerden ist schon ein Hund. Einer, der einen ins Kaffeehaus zieht, obwohl man eigentlich auf dem Weg zum Abendsport war.
Ach, meine Lieben, ach. Früher ging ich drei Mal die Woche trainieren und dazwischen war ich noch per Pedes unterwegs, stundenlang. Jetzt wird schon das Tragen der Trainingstasche zur Herausforderung an Körper und Geist. Der zweifelt ohnehin alles an.
Vorgestern versammelten wir uns fröhlich in jenem Hotel, in dem mein Sohn fürs Leben lernt. Man (die Lehrlinge) gruppierte uns (Eltern, Lehrpersonal und Vorgesetzte) in einem eleganten Saal um elegante Tische, wozu wir uns in feinstes Tuch gehüllt hatten. Zuvor waren wir mit blauen oder roten Begrüßungscocktails abgefüllt und durch das noble Hotel geführt worden, wobei „geführt“ durchaus zutrifft. Der blaue Cocktail war ziemlich Gin-lastig. Sehr spannend in Kombination mit ungewohnt hohen Schuhen und wenig Trinkfestigkeit.
Als wir dann später glücklich bei Tisch saßen, war alles ganz wunderbar: Das fünfgängige Menü, die Musik im Hintergrund, die Stimmung. Von den Lehrlingen arrangiert, gekocht, serviert. Wir benahmen uns, als ob wir niemals anders gegessen hätten, wählten zielsicher das richtige Besteck, führten gepflegte Konversation und protzten mit perfekten Tischmanieren. Serviette auf dem Schoß. Kein aufgestützter Ellbogen.
Zuwarten, bis jedem serviert wurde. Was nur bei der Suppe zu einer kleinen Irritation führte. Als nämlich alle die Löffel in den Petersilienschaum senken wollten, wurde mir und dem Mann an meiner Seite die Essensgrundlage entzogen – also vorzeitig abserviert. Schuld war das knusprige Speckblatt, Fleischverweigerern anscheinend nicht zuzumuten. Wir hätten das Blatt zwar ohne weiteres einfach ignoriert, bekamen dann aber völlig neu speckfrei. Toller Service.
Beim Essen unterhielten wir uns leise darüber, wie wir zu Geld kommen könnten (ein Automatismus in gehobener Umgebung). Ich beobachtete dabei vergnügt meinen Sohn, der sich sicher zwischen den Gästen bewegte, da ein wenig plauderte, dort Wein nachschenkte, lächelnd und sich seiner selbst bewusst. Hinter ihn dachte ich mir seinen Urgroßvater, in den 1920er-Jahren Chefkoch im Salzburger Peterskeller, und seinen Großvater, der in Lausanne für Aga Kahn und Rita Hayworth gekocht hatte und heute noch strahlt in der Erinnerung.
Das Dessert enthielt Sachen wie Granatapfelespuma und Mousse von der Passionsfrucht. Der Gin war fast vergessen, da sollte ein gut gekühlter Chardonnay nicht schaden, denkt Frau – und büßt einen Tag später mit Blei in den Beinen und leicht beleidigten Innereien.
Ja, das gibt’s. Deswegen gestern auch Kaffeehaus statt Abendsport, die Trainingstasche unterm Tisch und darauf die Kombi Melange und Krapfen mit Vanillesauce um 4,50. Und bunte Hefte.
Frau Lugner und ich, wir sind beide über 40. Ein Gegenüber meinte dazu, ich müsse mir demnach jetzt auch die Oberweite aufpolstern lassen und mein Frausein neu definieren. Und dann solle ich mich natürlich ebenfalls nackt fotografieren lassen, vielleicht, meint die Dame und nippt am Wasserglas, während sie mich mustert, für den „Falter“.
Ich sehe also aus wie eine „Falter“-Abonnentin. Dabei ist alles, was ich vielleicht abonnieren werde, ein Platz in der Aida, zwischen Punschkrapferl und gesetzten Damen. Und was das Nacktfoto betrifft – im „Falter“ würde es vielleicht sogar zum Tier der Woche reichen.
Wahrscheinlich sollte ich doch wieder mehr Abendsport machen.





