Wir sind Schweine
15/04/2009
Gebt mir Vulkanausbrüche und große Kometen
Auf der Suche nach einem windstillen Platz. Durch Wien getrieben, den Bus angestarrt, eingestiegen. Im alten AKH liegen Frauen in der Wiese, barfuß, sonnen ohne Sonne. Die zieht sich Wolken vors Gesicht. Kein Regen. Aber der Wind, man kann nicht auf Bänken sitzen, ohne zu frieren. Weiter, die Strudlhofstiege wird renoviert. Eine Holzstiege führt nebenan bergauf, bergab.
(Ich möchte mich in mich vergraben. Ich möchte weglaufen. Wegziehen. Ich möchte die Faust in fremde Lebern stoßen, Schmerzen erzeugen, Ellbögen in Seiten rammen, in hastiger, eckiger Bewegung. In Kniekehlen treten, mit Wucht nachschlagen, Wunden schaffen, Verwunderung. Dabei ziehe ich mir die Kappe tiefer über die Augen, senke den Kopf und starre auf den Boden. Während ich der Wut nachlausche, die verhallt, nachhallt, nachdröhnt.)
Wir sind Schweine. Meinte eine Frau. Sie schob mit einer Hand einen Kinderwagen, mit der anderen trug sie etwas. Das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt. Diese Schweine, sagte sie zu der oder dem am anderen Ende, stellen das Auto mitten auf den Gehsteig, man kann nicht vorbei. Wir hörten ihr zu, sahen sie kommen. Dass der Umzugswagen unseres Freundes ungünstig stand, wussten wir auch. Eine Viertelstunde Zeit. Um den Mietvertrag zu unterschreiben. Wir warteten auf ihn, den Autoschlüssel in der Hand. Bereit, wegzufahren. Oder vorbei zu helfen. Viele Leute gingen vorbei. Platz genug. Nicht für die Frau, die uns mit Kind, Kegel und Handy unterm Kinn großspurig und breitgoschert umrundete. Uns Schweine.
(Ich wollte. Ihr das Telefon von der Schulter reißen. Es gegen die nächste Hausmauer schleudern, zertreten, zerstören, den pseudobiologischen Schwachsinn aus ihrer Einkaufstasche auf Kühlerhauben verteilen, Joghurtbecher zerquetschen, Obst auf ihren ethisch-korrekten Stofffetzen zu Brei verarbeiten, meine Wut auf ihr auskotzen, meine unpackbare Wut in ihr dummes Gehirn brüllen, hässlich sein, ich wollte so hässlich sein wie irgend möglich und mich dann an den sonnenwarmen Stein lehnen, bis das Beben nachlässt, in ein Zittern vergeht, verweht und ich wieder schnaufen kann.)
Aber, natürlich. Stellte ich nur die Frage, ob wir wirklich Schweine wären. Während Sie dem Wagen auswich und uns durch meine Frage erst bemerkt hatte. Ja, das wären wir. Mein Freund schickte ihr gelassen etwas Passendes nach, ich bebte an seiner Seite. Für mich.
(Gebt mir Lava, gebt mir Macht. Gebt mir Vulkanausbrüche und große Kometen.)
Vorhin im alten AKH. Zwei Botero-Frauen liefen schnaufend vor sich selbst davon. Unabhängig voneinander. Sie hielten sich an den Rändern der Gebäude. Einer hatte die Anstrengung kreisrunde Flecken auf den Wangen gemalt. Frauen laufen oft so in sich verzwickt. Peinlich berührt. Mit weißen T-Shirts und schwarzen kurzen Hosen und was weiß ich im Ohr. Die Schuhspitzen nach außen.
Im Billa beaufsichtigte ein kleines Mädchen zwei noch kleinere Mädchen beim Eiskaufen. Da musst du dies und du musst das und wie viel glaubt ihr, bekommt ihr zurück? Soll ich das Eis aufs Band legen? Nein, du wartest jetzt. Bis Platz ist. Dann legst du es ganz vorsichtig hin. Jetzt. Du nicht. Schnell. Die Größere tat, als hätte sie Macht, die Kleineren taten, als würden sie der Größeren Macht geben.
Als ich in dem Alter war, gab es ein Teppichgeschäft in unserer Straße. Die Besitzer waren nett. Sie hatten eine Dackelhündin. Wir durften mit ihren Welpen spielen. Ich taufte einen davon Moritz, ging mit ihm spazieren. Einmal, und das steht noch überdeutlich in meiner Erinnerung, wisst ihr, dort, wo man vom Schlossplatz zum Mittergraben hinuntergeht, neben der Bezirkshauptmannschaft, dort, bei der kleinen Mauer.
Dort schlug ich dem Hund ein wenig mit der Leine über den Rücken. Wenn ich das tat, winselte er. Stemmte sich mit seinen Beinchen an mir hoch, wedelte, entschuldigte sich für etwas, das er nicht getan hatte. Dann herzte ich ihn. Um ihn dann wieder zu schlagen. Ich schäme mich heute noch.
Oder? Vielleicht sage ich das auch nur, um meine Ruhe zu haben. Wut ist nicht gesellschaftsfähig. Wie war das mit dem Verhalten, dem Wesen und dem Charakter? Das eine prägt, das andere wird unterdrückt.
Ach. Ich werde meinerseits die Laufschuhe anziehen, meine alten, ausgelatschten Laufschuhe, meine schwarzen Laufhosen, mir mit lauter Musik die Ohren vollstopfen und vor mir weglaufen. Oder zu mir hinlaufen. Aber nicht verzwickt. Nicht im weißen T-Shirt. Ich will, dass ihr meine Muskeln seht.
Das Unding Zeit
15/01/2009
Nimm mich mit auf die Reise
Die Zeit, dieses Unding, könne man sich vorstellen als etwas Körniges. Ein Granulat mikrowinziger Teilchen, unregelmäßig, ohne Norm. So, so ähnlich oder ganz anders. Nichts verstanden beim Zuhören, allein das Bild blieb hängen vom Körnigen, das uns umgibt, nach vorne, nach allen Seiten, rückwärts gewandt, nach innen – wir sind verdichtete Zeit.
Moleküle sind wir. Myriaden Einzelteilchen, Fischschwärmen gleich, die, aus der Distanz betrachtet, eine Form ergeben, ein Formenspiel, und sich beim Annähern verlieren in sich selbst.
Mein Freund liegt neben mir, schläft, ich stelle mir vor, wie Zeitmoleküle ihn umschweben, sich mit seinem Atem heben und senken, jede Bewegung heftig umwirbelnd, um wieder zur Ruhe zu kommen, den tiefen Schlaf beschwerend, irrlichternd im Traum.
Ich bin wach. Statt zu schlafen, liege ich mit offenen Augen und spüre den Minuten nach. Nacht für Nacht, seit einigen Tagen. Wiewohl der Körper stillhält und sich in die Tiefe ziehen lassen würde, bereit, in dunklen Ozeanen zu treiben, in ruhigen Spiralen: Das Denken zerrt nach oben; und statt die Augen zu schließen, starre ich in die Luft.
Drei Uhr, Stunde des Wolfs. Ein Wolf streift durch das graue Zimmer, und das graue Zimmer bin ich.
In der Schule lernten wir von den Atomen, aus denen alles besteht, kindliche Bilder zeigten Kern und das ihn Umsausende, dazwischen leerer Raum. Alles, was ist, hieß es, besteht aus Atomen. Langsam führte ich den Finger gegen die Wand. Ich war mir sicher, wenn man sich Zeit ließe, unendlich viel Zeit, dann könnten sich die Atome der Wand und jene des Fingers verbinden, der so in die Wand dringen würde. Wenn man nur äußerst langsam vorginge und sich vor allem auf die Zwischenräume konzentrierte, auf dieses leere Universum Raum.
Geräusche von der Straße, der Nachtbus fährt vorbei. Auf dem Rücken liegend lausche ich dem Ticken der Uhr, dem Atmen meines Freundes.
Wenn. Wenn die Zeit aus Körnern besteht. Schieben wir dann wie einen Luftpolster Zeit vor uns her? (Dieser Windhauch, der die U-Bahn ankündigt, bevor man sie hört.) Berühren wir durch unsere Vorwärtsbewegung etwas Künftiges, ehe wir von dessen Dortsein wissen? Und wenn. Wenn wir die Zeit durchmessen haben, sie geteilt haben (Schwimmer teilen das Wasser auf ihrer Bahn, schieben es hinter sich, schicken Wellen zurück an den Start), berühren wir das Vergangene?
Ich springe zwischen Jetzt und Vorher, bin wieder Kind, fasziniert von der Idee des Unendlichen, von der nach oben gewölbten Wasserhaut eines randvoll gefüllten Glases. Gäbe man winzig kleine Tropfen nach und nach zu, würde sich diese Spannung bis ins Unendliche dehnen, dachte ich, aber irgendwann müsste dennoch jener eine Tropfen zu viel erreicht sein. Aber, wenn man auch diesen wieder in Millionen unterteilte, wäre erst der Millionste Teil des Winzigen Auslöser für das Zuviel.
Natürlich war ich ein einsames Kind. Und natürlich bin ich das immer noch. Das Alleinsein ist der Raum zwischen den Kernen. (Das Maß ist voll, das Denken wölbt sich konvex.)
Der Schlaf kreist über mir, auf freie Landebahn hoffend.
Wir sprachen über die Krümmung der Zeit im Weltall, als wir zum ersten Mal ausgingen, oder krümmt sich das Weltall an sich? Mein Freund zeichnete Linien auf eine Serviette, erklärte und beschrieb, zauberte Bilder in meinen Kopf. Ich staunte über seine schmalen Hände. Wir redeten von Wurmlöchern und Quantenmechanik, von Science-Fiction und Horrorfilmen, und alles war sanft und richtig und ein Anfang.
Mein Prinz verlagert seine Position, dreht sich zu mir, legt einen Arm quer über meinen Bauch. Nimm mich mit auf die Reise, flüstere ich.
Menschentrösten
15/12/2008
Auf einmal ist’s genug
Draußen huscht die Nacht vorbei mit grün, gelb, blauen Lichterketten, kalte Luft, verwischte Neonfarben im Rabenschwarz. Gestern um diese Zeit Punsch am Eferdinger Schlossadvent, Gedränge und Geschiebe in den alten Kellergewölben und Festräumen, die einheimische Schickeria trifft sich im Schlosshof beim Stand der Kiwanesen, das normale Volk säuft sich quer durch Beerenpunsch, Feuerzangenbowle und Glühmost. Ein schon ziemlich Illuminierter torkelt uns rotgesichtig über den Weg, auf seine Frage („Spinn i?“) wissen wir keine Antwort. (Im Zweifel, meint meine Schwester, „eventuell schon“.)
Dazwischen Turmbläser. Zelten, Bosna, Leberkässemmeln, Maroni und anderes Zeug. Ich löffle die Beeren aus dem Punsch, spüre in mich, ob angeheitert (nein), packe meine zwanzig Sackerl und die Mutter und verschwinde.
Auf einmal ist’s genug. Auf einmal verschmelzen die Menschen, die Geräusche, Gerüche zu einer einzigen Masse, die legt sich aufs Gemüt und verstopft dem Denken die Ganglien. Man kriegt den starren Blick und will nur raus. Ob das ärger wird mit dem Älterwerden, dieses Nichtaushalten von Lärm und Gedränge? Der populären Menschenscheu begegne ich mit Skepsis, den meisten angeblich von ihr Befallenen ist nicht zu glauben, man könnte sie als bequemen Vorwand für Ungehobeltsein und Soziopathentum abtun, oder, was meinen Sie?
Aber. Selbst stehe ich tags darauf (also vorhin) am Linzer Bahnhof und lauere, welcher Zug der vollere sein wird, um den leereren zu nehmen. Ergiebige Verspätungen kündigen sich an, die Menge schwappt übersichtlich von einem Bahnsteig zum anderen, je nach Lautsprecherdurchsage. Ich warte. Es wird Abend, eine dicke Frau telefoniert und raucht und hört mit beidem nicht auf, bis endlich der Lautsprecher das Ende des Wartens verkündet. Ein Mensch hatte sich für den Freitod entschieden, erzählt mir der Schaffner auf meine Nachfrage. Da draußen, im kalten Dunkel, denke ich, während der Zug, der die Unglücksstelle erst umfahren musste, sich und uns noch weiter vom Unglück entfernt, da draußen trauert es gewaltig. Nicht hinspüren, denke ich gleich darauf, ist noch genug inwendige Trauer weggepackt, die möchte auch bearbeitet werden.
(Einer, der mir näher war als vermutet, ist gestorben vor einigen Wochen. Die Nachricht seines Todes hat den Verstand wohl erreicht, aber das Gefühl, wenn Sie so wollen, steht in der Ecke und hält sich Ohren und Augen zu.)
Nur gut, dass einem nebenbei genug Ablenkung serviert wird. In der Lokalbahn auf dem Weg nach Linz zum Beispiel, wühlte ich mich mühsam durch den Mann’schen Zauberberg. Nebenan konferierte junges Volk über Sexpraktiken. Der „Tittenfick“ war noch das harmloseste. Ich konnte mich dann nicht mehr wirklich gut auf den Zauberberg konzentrieren, obwohl es da so wunderbare Worte gibt wie „wuterkrankt“. Wo Thomas Mann sich in komplizierten Sätzen dem heiklen Thema der niederen Instinkte entgegenwindet, brachte man es einen knappen Meter weiter rechts unkompliziert und ernsthaft auf den Punkt: Wie oft, mit wem, wie lange und wie.
Hier, in diesem Zug, bin ich gesegnet, weil allein in einem Abteil. Einzig der Schaffner schaut vorbei und unterhält sich ein wenig mit mir. Weit, weit weg sind Polizei, Rettung und andere Behörden am Berichteschreiben und Menschentrösten, sofern das geht. Ob immer noch Blaulicht die Stelle markiert, wo sich jener oder jene entschieden hat zu sterben? Ob sich dort etwas hält, das noch dunkler ist als die Nacht auf dem Land? Etwas Verdichtetes, Bleiernes, ein sich auf Schultern senkendes Gewebe, Köpfe beugend. Schweres Gemüt.
Ich sitze gegen die Fahrtrichtung am letzten Platz des letzten Wagons. Vor mir also rast die Nacht die kühlen Geleise entlang zurück zu diesem Ort. Die ersten Ausläufer Wiens sprenkeln das Bild. Angestrengt verenge ich den Blick, hin zu diesem nicht verständlichen Geschehen, das dort im lichtlosen Schwarz nach Erklärung sucht, blaues Aufblitzen kahler Äste.
Mich hingegen umfangen die Lichter der Stadt. Ich kann mich in sie fallen lassen, kann mich abwenden, in Geschäftigkeit aufgehend meine Sachen verstauen, Taschen schließen, die Jacke anziehen, da ich angekommen bin. Am Westbahnhof schließlich vermischen sich Gerüche, Geräusche und Menschen zu einer Masse, die man wahrnimmt, oder nicht.
Nachtlauf durch München
15/11/2008
Ich laufe in mir mit mir mit
München, sag ich, Du entkommst mir nicht. Nachts um halb zehn zwieble ich mich ein, Laufhose, dicke Socken, T-Shirt, Jacke, darüber etwas Ärmelloses, auf den Kopf die Haube, um den Hals den Schal, in die Tasche den rudimentären Plan der Innenstadt aus der Hotellobby.
Drei Tage in der Stadt. Wenn es hell ist, im Messezentrum, wenn es dunkel ist, im Hotel. Dabei war ich noch nie in München und daher: Du entkommst mir doch nicht. Meint meine Sturheit, zieht den Schal enger und läuft los. Durchs Isartor Richtung Viktualienmarkt, dann, nach Gefühl, einfach weiter. Kalt ist es nur am Anfang. Viele Menschen. Schlendern vorbei, das Ausweichen ergibt Schlangenlinien. Andere kramen im Müll. München leuchtet gnädig.
Ich möchte die Welt wechseln. Nein, nicht so. Nicht sterben. Wenn ich sterbe, werde ich mich in Tönen verlieren, tage-, wochen-, jahrelang. In den Zeiträumen zwischen Grillenzirpen. Oder im Nebel den Atem anhalten, im Kühlen vergehen. Die Nichtmehrwange an kalte Fensterscheiben legen, die Nichtmehraugen geschlossen. Aufbrechen von innen her, ein Glückskeks ohne Botschaft, still, erwartungsfroh, hingegeben. (Soviel zu Allerheiligen.) Das ist dann.
Aber jetzt beißt die Kälte nur mehr im Gesicht. Die Straßen sind sauber. Ich laufe in mir mit mir mit. Vorbei an Kirchen, Schaufenstern, großen Plätzen, über Asphalt und Beton und Pflasterstein, anfangs huste ich ein wenig, dann tropft nur noch die Nase und ich schaue, und laufe, und laufe, und schaue.
Die Welt möchte ich wechseln. Was das heißt, kann ich – noch – nicht sagen. Ob es mit der Messe zusammenhängt, Medienmesse, viele Anzüge und Kostüme, Gadgets, Devices, aber. Etwas zerrt an mir und will den Blick nach innen zwingen, etwas anderes dreht sich weg und schaut nicht hin.
Stur muss man sein. Und streng. Erst nach zwanzig Minuten darf ich mir einen Blick auf den Stadtplan erlauben. Ich quere den Karlsplatz, halte mich am Altstadtring fest und bin überzeugt von der Richtung. Also weiter, dann doch ein Blick auf den Plan, bin völlig falsch. Nicht ums Eck, sondern quer am anderen Ende liegt das Hotel. Macht nichts, das Laufen fällt leicht, die Kälte trägt mich, ich trabe die Residenzstraße entlang, vorbei an Reichtum und Elend, an Gutgelaunten in großer Robe, an Verlorenen in schäbigen Jacken. Miststierler und Pelzausführer. Eine Frau singt in einer Passage ein leeres Lied, ein Eintonlied, und zuckt mir mit den Augen nach, in einer anderen Welt wäre sie ein Sukkubus, die weißen Hände langbefingert, der Mund blutrot und grausam.
Jeder kann ein Zombie sein. Auch die in den dicken Mänteln, tatsächlich gibt es hier Leute mit Trachtenhüten. Gut getarntes Fell, an die Umgebung angepasst. Vorbei, vorbei. München, sag ich, ich war gnädig zu dir. Wir sind uns bei Nacht begegnet, da durftest du glänzen, das Novembertaggrau weggepackt, die Lichter aufgezogen, geschmückt mit schönen Menschen, fröhlichen vor allem, und die Armen, die waren in den Passagen und unter den Bäumen im Park hinterm Isartor. Aber nur ganz wenige.
Zurück im Hotel, mein Hintern ist eiskalt, Tee, nein, Tee gibt’s keinen mehr, da müsste man ja extra die Maschinen wieder hochfahren. Ob ich nicht lieber ein Wasser trinken möchte. Passt schon, entschuldige ich mich beim Nachtportier für die Anmaßung, heißes Wasser aus der Leitung täte es auch. Die Treppen hoch. Im Zimmer schäle ich mich aus der Kleidung, friere kurz vor dem Spiegel, schau mich an. Schau in mein erhitztes Gesicht. Die Welt möchte ich wechseln. Wenn ich weiß, was das genau bedeutet, werde ich es Ihnen verraten.
Rumpelstilz und Taj Mahal
31/07/2008
Vor mir ein Gebirgsmassiv Seit gut zwei Wochen legt sich beim Versuch, einfache Texte zu schreiben, alles quer im Denken. Querdenken, querschreiben. Klingt gut, ist aber nicht. Zumindest weiß ich, was blockiert. Zumindest steh ich vor dem Gebirgsmassiv, das mich am Weiterkommen hindert, und such nach einem Pass.
Holger, sag ich einem Freund am Telefon, schmeiß mir ein Seil rüber, gedreht aus ein paar Begriffen, ein zackiges Steigeisen für die Eisfelder, schön langsam muss ich raus aus dem Tal. Während ich noch bügle, dabei den Fernseher laufen lasse und aus der Nachbarwohnung Räucherstäbchenduft herüberweht, klopft sich eine Textbotschaft ins Handy.
Lieblingsfriseur. Taj Mahal. Rumpelstilzchen. Sex on the Beach.
Na fein. Zum Lieblingsfriseur gibt’s nicht viel zu sagen. Er heißt Roman und ist ein guter. Ich hatte kürzlich mit drei Kollegen eine Frisurenunterhaltung. Zwei finden Kurzhaarfrauen ziemlich schön, einer eher doch nicht. Meine Haare werden immer länger. Daran ist Roman schuld, weil der feine Stufen ins Haar schneidet, damit es gut wachsen kann. Alle drei Kollegen tragen die Haare kurz. Das Gespräch fand beim Mittagessen statt, auf der Terrasse, und ich wette, meine Haare sahen im Sonnenlicht ziemlich nett aus.
Ok, geht ja. (Werden Sie mich auf diesem Trampelpfad raus aus der Schreibblockade noch weiter begleiten? Ich hab ja nicht mal Marschverpflegung im Gepäck.)
Klettern wir weiter zum Taj Mahal. (Mittlerweile ist mein Sohn nach Hause gekommen. Wir haben schlechte Grenzen zueinander. Wenn in ihm ein Felssturz ist, ist in mir auch einer. Das geht auch vize versa. Da es in mir felsstürzt, streiten wir kurz. Gewitter, Donner, Blitz. Vor dem Hagel ist alles wieder gut.)
Das Taj Mahal könnte eine Hütte sein, zu der mir nix einfallen will. Immerhin befinden wir uns im Gebirge. Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich einen Sommer lang auf einer Alm arbeiten. Wanderer bewirten. Die kämen dann in grob gestrickten Stutzen und Kniebundhosen einhergestockt, zumindest die älteren. Und manche Männer hätten einen Filzhut auf und manche Frauen trügen rotkarierte Blusen und einen dicken Popsch. Sie würden schnaufen beim Niedersetzen und sagen: Gut ist es da. So schön. Und ich würde mit einem Tuch über den Tisch fahren, den Spatzen die Krumen zuwedeln und stolz sein, als wär das meine Welt.
Ich kann grad nicht, wie ich will. Heute back ich, morgen brau ich. Übermorgen. Nein, hol ich keiner Königin ihr Kind. Der Rumpelstilz hat ja auch in den Bergen gewohnt, oder zumindest im tiefen Wald. Im tiefen, dunklen Wald. Erst sprang er ums Feuer, dann riss er sich – Horror vom Feinsten – selbst mitten entzwei, bevor er im Erdboden versank. Die Vorliebe für gepflegten Horror wird in der Kindheit gelegt.
So, jetzt hänge ich wieder. Vom Rumpelstilzchen zu Sex on the Beach ist es ein doch eher weiter Schritt. Wobei Holger den Cocktail meinte (Wodka, Pfirsichlikör, Cranberry- und Orangensaft plus Eiswürfel) und nicht den tatsächlichen GV am Sandstrand. Nehme ich zumindest an.
Wir hatten vor kurzem mehrmals Sex on the Beach – für mich, die kein Bier und keinen Wein verträgt, eindeutig eine Bereicherung. Das ganze fand auf einem großen Schiff zwischen Dover und Amsterdam statt. Wie wir dorthin kamen, ist eine andere Geschichte, die zu schreiben mein verqueres Denken bisher hartnäckig verweigert. Hunderte angeheiterte Briten, großgemustertes, üppiges Innendekor und aus Handtüchern gebastelte Mini-Elefanten spielen darin eine Rolle. Vielleicht war es der Eindrücke ein Euzerl zuviel.
Für heute ist’s genug. Ich schlage ein paar Nägel in den Fels, hänge mein Notbiwak in die Wand und denke über die Engländer nach. Die haben sicher auch gute Sagen. Aus dem Tal winken ein paar Wanderer mit ihren weichen Filzhüten, Bergdohlen streiten sich um einen Platz in Abfallnähe und überhaupt: Danke fürs Mitkommen.
Insekt unter Insekten
15/07/2008
Urlaub bei den Eltern
Bevor man sich in den Pool begibt, säubere man ihn mittels bereitgestelltem Käscher von toten und fast toten Insekten. Urlaub bei den Eltern. Der Pool ist ein aufgeblasenes Plastikrund, das Wasser brunzwarm. Also genau richtig. Ein Durchmesser von zweieinhalb Metern erlaubt das Treiben auf der Luftmatratze. Vögel singen. Die Nachbarkatzen verteilen sich im Garten. Eine, Moses, äugt unter der Hecke versteckt nach dem Monster im Pool. Manchmal taucht mein Kopf über den Rand, die Position verlagernd, vom Bauch auf den Rücken oder umgekehrt.
Weiße Streifen soll der Körper haben, braun werden und gesund.
Das mit dem Insektenfischen ist freiwillig. Ich lege den Chitinpanzer ab und tauche ins Wasser. Ich lege den Chitinpanzer ab und distanziere mich. Wien ist voll. Hier ist es leer. Luftraum. Kühle Luftpolster am Abend über den Feldern. Die Schirmkappe tief ins Gesicht gezogen, fahre ich mit dem Rad durch den Auwald. Bei der Kläranlage stinkt es nach Verwesung. Winzige Mücken kleben auf meiner feuchten Haut. Ich will nichts sehen. Ich will nicht gesehen werden. Hier ist nichts.
Mit meiner Schwester und ihrer Tochter wandere ich über Wiesen. Meine Nichte schüttelt eine Minischnecke aus ihrem Schuh. Die nächste bin ich: Mit einem Grashalm retten wir den Schneck vor meinen Zehen. Wir lachen. Gehen weiter. Der Abend senkt sich auf die Hügel. Klassisch. Und schön. Später sitzen wir in ihrer Küche, haben Kuchen gegessen. Tee getrunken. Geredet. Mein Schwager kommt heim, wir erzählen von hier, von dort. Es ist spät, meine Nichte gähnt sich ins Bett, schmeichelt sich noch an die Eltern, schmiegt sich an mich, nuschelt ein wenig (das macht die Zahnspange), bevor sie schlafen geht.
Ich schlafe im Bett ihrer Schwester, die nicht da ist. Schulausflug. Ihr Mädchenzimmer gehört mir für eine Nacht. Ein Himmel aus fluoreszierenden Sternen leuchtet im Dunkeln über mir.
Mit der Lokalbahn zurück nach Eferding. Denk dir Pinien dazu, vielleicht Olivenbäume. Der Zug zieht eine Kurve um die Stadt, bevor er sich ihr nähert. Dramen spielen sich ab, irgendwo.
Die Sonne brennt, so ist es richtig, und eine braune, haarige Raupe quert den Treppelweg an der Donau. Wird sie es schaffen, frage ich und Andrea meint, ja, das ist eh eine große. Ich schau nach hinten und nach vorn, niemand in Sichtweite. Wir skaten bis zum Kraftwerk, manchmal ein höfliches Klingeln von Radtouristen im Rücken, dann machen wir Platz. Andrea klatscht mir fröhlich auf den Po, dann fährt sie wieder neben mir. Spuckt und prustet, hat etwas Fliegendes verschluckt.
Später sind wir ausgetrocknet, schmeißen das klobige Zeugs in den Wagen und stelzen auf Beinen, die vom Rollern noch ganz durcheinander sind, in den Gastgarten. Wir trinken große Gläser Apfelsaft mit Wasser, essen Salzstangerl. Das Salz bröseln wir unter dem Tisch auf den Boden.
Ich kenne die Wirtin. War ja selber Wirtstochter. Ein Wirt kennt den anderen.
Heute Morgen haben wir einen alten Schreibtisch in ein leeres Zimmer getragen. Auf dem Tisch standen alte Töpfe, in einem krümmte sich eine tote Spinne. Früher war das hier unser Wohnzimmer. Jetzt sitze ich am Tisch und tippe den Text. Dabei kann ich aus dem Fenster sehen. Dächer, Bäume. Autos und Lastwagen, die durch Eferding fahren. Ganz hinten ein Eck vom Lagerhaus. Ganz vorn der alte Konsum. Ex-Konsum.
Im Nebenraum malt mein Neffe. Er ist so alt wie mein Sohn. Mein Sohn fehlt mir. Er ist in Wien und ich muss ihn ein wenig in Ruhe lassen. Wir haben beide unseren Panzer abgelegt.
Es ist warm heute, aber der Himmel bewölkt. Manchmal zeichnet sich ein Streifen Licht auf den Boden. Ein Eck Sonne. Ich gehe nur dann in den Plastikpool, wenn es brennheiß ist. Vorher muss ich die Insekten retten, die toten und die fast toten, die sich nicht auskennen in dem riesigen Meer. Mit dem Käscher sammle ich sie ein und schüttle sie in die Wiese. Oder in die Rosen, wenn sie noch leben.
Mausgrau mit Türkis
15/06/2008
Die Blitze haben die Farben ausgeknipst
Manchmal ist man mausgrau und manchmal ist man’s nicht. Blitzige Nacht, mit Donner und Hagel. Selbst stand man am Bügeltisch und starrte durchs Fenster. Mit dem Schlaf kam was Trauriges und das Mausgraue über einen. Der Gewitterregen hatte den Liftschacht geflutet, die Hausmeisterin erzählt es am Morgen, im Treppenhaus vorbeikeuchend, auf dem Weg nach oben.
Selbst ist man auf dem Weg nach unten, auf die Straße, nach unten, zur U-Bahn. Wo man draufkommt, dass man das Handy vergessen hat vor lauter Mausgrauigkeit. Aber zurück ist weit weg, mag es klingeln. Keine Lautwegstöpsler ins Ohr, keinen Sonnenbrillenfilter vor die Augen, heut muss alles pur rein ins Hirn, alle Bilder, alle Geräusche. Asiate mit Holzperlenarmband. Frau mit goldenen Sandalen.
„Golgene Sandalen“ schreibe ich erst, als Kind verwechselte ich immer d und g. Als Große mache ich das an Tagen wie heute. Haarscharf vorbeischrammen an der Depression, bloß nicht Reinkippen in das brackige Wasser. (Was erzählt sie uns, werden Sie denken. Das, was ist, also das Übliche.)
„Erbst“ sagte mein Sohn früher, ihm fehlte das H. Als Kind fehlt einem immer was, Mut zum Beispiel oder Gleichgültigkeit, und jetzt winke ich meiner Schwester zu (erinnerst Du Dich an den Urlaub bei den Großeltern am Attersee?). Ich erinnere mich an Scham. Grüne kurze Hosen aus Frottee. An die Scham, sich darin vor fremden Kindern zu zeigen.
Aber älter wurden wir mit Stil, meine Schwester und ich. Drehten alle Lichter ab bei Gewitter, öffneten alle Fenster weit und hörten Klassik, bis uns alphaltnasser Sommerduft in die Nasen stieg. Bis kiloschwere Tropfen das Alublech am Fensterbrett zerbombten und wir nichts sagen mussten, nicht, weil wir uns so lieb hatten, dazu stritten wir zu oft, sondern weil wir uns so einig waren.
Die Stadt hat heut mein Mausgrau angezogen und zeigt sich mutig hässlich. Mach das auch, sag ich mir, zeig dich mal in grünen Frotteehosen, vorne ein kleiner blauer Anker draufgestickt, vielleicht lacht ja eh niemand. Unwahrscheinlich. Vielleicht ist es aber auch egal.
Am Handgelenk baumelt Türkis in Armbandform. Fahren Sie mit der U6 Richtung Spittelau und zählen Sie die türkisen Flecken, es sind viele. Oder die Stadt spiegelt sich einfach und wenn ich morgen das Kupferfarbene trage, holt sie es auch heraus. Die Stadt. Aus dem Schmuckkästchen. Kupfer. Rost. Alles Metallische.
Wien ist wunderschön im Sommer.
Wenn doch das Mausgraue zurückbleiben könnte, aber ganz wird man es wohl nie los. Man versteckt sich am besten, indem man sich nicht versteckt und ziemlich sicher ist es gut, auf Cioran zu hören – der meinte, das nichts, was einem widerfährt, für jemand anderen von Belang sei, von irgendeinem Interesse.
Nur, worüber schriebe ich sonst? Über Ausgedachtes? Das bewusste Lügen fällt recht schwer, man sollte es zumindest probiert haben. Unbewusst lüge ich oft, aber ungelogen ist, dass ich müde bin und sicher nicht depressiv, sondern, ich sagte es: mausgrau. Gestern haben die Blitze die Farben ausgeknipst. Das geht vorüber.
Toskana im Sauseschritt
15/05/2008
Oder Heimweh nach Florida
Ich muss mich beeilen, eine Kolumne ist verflixt kurz für drei Tage Florenz & Co inkl. Nachtzug und Charlie. Das wäre ein toller Reisebericht, mit Fotos und allem Drum und Dran – aber so begnügen wir uns mit der flotten Kurzfassung.
Mein alter Freund Charlie, wohnhaft in einem Pensionistendomizil in Ocala, Florida, hatte mit seiner Frau Maurine eine Kreuzfahrt gebucht, von Miami nach Rom. Die einzige Chance, die beiden zu treffen: Beim Landgang in Livorno. Lassen Sie sich erzählen, wie das war:
Für mich ist das nicht nur Toskana-Premiere – ich bin auch noch nie per Schlafwagen gereist. Viel bequemer als befürchtet. Ist quasi unmöglich, sich gegen das in den Schlaf geschaukelt werden zu wehren. Um Mitternacht klettern in Villach zwei Frauen in die freien Betten. Am frühen Morgen warten die beiden in Florenz noch immer auf ihren Anschluss Richtung Assisi, während ich schon fast in Livorno bin.
Dort: Quer durch die Stadt und über eine Betonwüste namens Piazza della Repubblica ins Hotel, Koffer abgeben. Lasse mir erklären, wo die großen Kreuzfahrtsschiffe liegen, laufe in jenen Teil des Hafens, sehe durchaus große Schiffe – sehe keine „Carnival Freedom“. Frage nach – die liegt weit weg, ich brauche ein Taxi. Zurück in die Stadt, Taxistand suchen. Ein Bus spuckt mir eine Ladung schnatternder Amerikaner vor die Füße. Vorne am Bus das Schild: „Shuttlebus ‚Carnival Freedom'“.
Der Fahrer spricht (wie alle Italiener) „a little English“ (Daumen und Zeigefinger zeigen, wie wenig), nach fünf Minuten „little English“ sitze ich im Bus und er bringt mich zum Schiff. Schmäh ohne: Musikalisch untermalt von Ennio Morricone. (Bei „Spiel mir das Lied vom Tod“ grinst mir der Fahrer im Rückspiegel freundlich zu. Vienna, eh?) Mit Italo-Western-Sound zu meinen Ami-Freunden aus Amerikanien. Mir geht’s gut.
Der Hafen ist gewaltig. Die Schiffe sind gewaltig. Mein Herz hüpft gewaltig, als der US-Touristen-Kreuzer vor mir auftaucht. Ich springe aus dem Bus, winke dem Fahrer und, wie erwartet, hängt Charlie schon an der Reling, auf der Suche nach mir. „Charlie“, schrei ich, „Charlie!“ Er sieht mich und winkt und deutet, ich solle an Bord kommen (ich merk schon, er hat Probleme beim Gehen), aber das Ans-Bord-Kommen ist so eine Sache: Sie lassen dich nicht rein, wenn du nicht auf einer Liste stehst. Wichtige Uniformierte (denken Sie ruhig ans deutsche Traumschiff) schicken dich hierhin und dorthin und am Ende ist es doch leichter, Maurine schiebt Charlie an Land.
Schieben, weil seine Beine schlimmer geworden sind und er deswegen im Rollstuhl sitzt. Einem Kreuzfahrtsschiff-Rollstuhl. Umarmungen und Küsse. Einen Tag haben wir füreinander, Maurine wuselt herum, was sollen wir anfangen mit der geschenkten Zeit? Ein Auto mieten, das geht g’schwind, weil direkt am Schiff der Autoverleiher unter einem Sonnenschirm sitzt und seine Autos feilhält, wir packen Charlie auf den Beifahrersitz und den Rollstuhl in den Kofferraum …
… und am Abend sind wir wieder zurück. Wir waren in Lucca, haben famose Eisbecher leer gelöffelt und enge Gassen bewundert, wir waren in Pisa (Begeisterungsstürme vom Rücksitz, weil wir alle Wege fast ohne Karte finden – wir fahren „per Instinct“), der Rollstuhl ratterte über Jahrhunderte altes Straßenpflaster (Charlie: That’s better than sex) und finden später in einer eleganten toskanischen Kurve zurück zum Porto Varco Calvani und damit zum Schiff. Punktgenaue Landung.
Der Typ vom Autoverleih war samt Sonnenschirm verschwunden, also tun, was er für diesen Fall angeordnet hat: Auto abstellen, Schlüssel unter die Sonnenblende, basta. Er würde es später schon holen. Na ja, dann.
Was folgte war der Abschied, ein Tag in Florenz für Kulturbanausen und die Heimreise. Und die Sehnsucht. Nein, nicht nach der Toskana. Nach Charlie und Maurine. Immerhin weiß ich, wie der alte Mann seinen Kaffee mag. Und das Sootie, Maurines dicke Katze, einen zehn Minuten am Stück anstarren kann, wenn man nicht hinschaut. Wie sich das anfühlt, wenn man mit dem Golf-Cart durch die Adult Community knattert und die Nachbarn grüßen. Ich hab Heimweh nach Florida, Fernheimweh. Kann es sein?
Schon. Die Toskana, denke ich, ist aber auch ganz ok. Man sollte sich mehr Zeit dafür nehmen.
Kieloben in der Alten Donau
01/05/2008
Die Moral hängt noch zum Trocknen
Letzten Donnerstag kenterten wir in der Alten Donau. (Ich hüpf in den Text wie ins kalte Wasser, treibe mit den Sätzen kieloben und starre ans Ufer, wo die Leut‘ stehen und uns nicht bemerken.)
Wir kentern, gurgeln aus dem tiefen Grün wieder an den grauen Tag, fassen nach dem Stück Holz, das vor zehn Sekunden noch Ruderboot gewesen war und sich jetzt so gehen lässt – es zeigt uns kalt den Bauch. Ruder kreuz und quer verspannt, wir zählen erst nur drei. Dann, Entwarnung: Das vierte ist nicht verloren, nur verschüchtert und verirrt.
Rudern ist mein neuer Sport. Zur Erleichterung der seelischen Anstrengung gedacht. Zur Knie schonenden Ertüchtigung der körperlichen Wesenheit. Aber.
Hundselendig ist das, bei 15 Grad unter und wenig mehr über der Oberfläche. Während sich die Turnschuhe ansaufen und von den Fersen torkeln, pfeifen wir oben und schreien und winken, weit, weit weg vom Ufer entfernt. Was tun, fragen wir, beide Anfängerinnen, noch nicht harmonisiert aufeinander und das Zweierboot, ich war am Schlag und sie, die jetzt erst mal lachen will, am Heck.
So unernst ist das gar nicht, kaltes Wasser ist mir ein Graus, Kälte überhaupt, da kenn ich nix. Ein kieloben treibendes Ding kann man nicht umdrehen und reinhüpfen und flugs zurückrudern. Nebenbei, der Perspektivenwechsel ist schon ein interessanter, wie immer am Wasser. Von oben, also gestandener Augenhöhe, ist der Winkel fatal verkürzt, die Distanz zwischen Ufer und Kenterboot täuscht. Demütiger betrachtet, knapp über der Trennlinie zwischen trocken und sehr feucht, eh klar: Meilen. Kalte Meilen. Unüberwindbar.
Das geht nie, dachte ich, die nicht so gern schwimmt. Die zwanzig Minuten braucht, um in hochsommerliche Brunzlacken von den Knöcheln bis über die Knie zu waten. Dann wieder steht und die Gegend beäugt.
Was wäre das für eine Allegorie, was würden sich für moralisierende Kolumnen anbieten alleine aus diesem einen Erlebnis! Der veränderte Blickwinkel, die Sicht aus der sicheren Entfernung zum Grauen, aus dem Grauen dann selbst im Vergleich. Wer maßt sich ein Urteil an, wie es sein kann in der Erzwungenheit, selbst oder fremd bestimmt. Wer weiß zu unterscheiden zwischen dem, was passieren darf und dem, was passiert oder man passieren lässt, was zu verhindern gewesen wär‘, hätt‘ wer hing’schaut und warum es verdammt noch mal so lang dauert, bis überhaupt wer hinschaut und was sieht. Und was sagt. Und sich jemand in ein Boot schwingt und zu Hilfe kommt.
(Keine Sorge, wir sind noch immer mit der eigenen Rettung beschäftigt, die Moral treibt in nassen Fetzen in der Alten Donau und wird schön langsam grün im Gesicht.)
Endlich. Ein Boot löst sich vom Heimatsteg, keines, das uns aufnehmen kann, aber der Insasse ist Lehrer, glaub ich, er verbalisiert uns ans Ufer zurück. Also doch schwimmen. Gefühlte vierzig Minuten. Wir schwimmen das Boot zurück, in harter Beinarbeit. Ich bin ziemlich ernst, hab das Denken abgeschaltet und fürchte nichts mehr, nur den hartnäckigen Schwan. Den hartschnäbligen, Gebietsschutz betreibenden Schwan, zwischen den und uns sich das Lehrerboot schützend schiebt, auf den letzten Metern. Applaus, von mir eingefordert. Zwanzig Hände greifen nach dem Kenterboot, nach den Rudern. Ich, stolz, schieb mich selbst ins Trockene, mein Körper ist beleidigt, drei Tage lang wird er mir noch vernünftige Kreislaufarbeit verweigern, aber vorerst unter die Dusche, bis das Heißwasser weg ist und die Betriebstemperatur fast normal.
Jawohl. Die Moral hängt noch am Steg, zum Trocknen, das dauert eine Weile. Wer rudern will, trotzdem: Ich kann es nur empfehlen. (Mit vier, erinnere ich mich jetzt, bin ich schon einmal zwischen Schwäne gefallen. Am Traunsee war das. Wir haben es nicht so miteinander, die Schwäne und ich.)
Kind sein, nein danke
30/04/2008
Erwachsenwerden tut nicht weh
Mein Gegenüber will nicht ganz erwachsen werden, weil das tue weh. Schwachsinn, sag ich, nicht das Erwachsenwerden tut weh, sondern das Kind bleiben. Was haben die Leut‘ nur alle mit dem „bewahr dir was Kindliches?“ Sie behaupten, im Herzen Kind zu sein und sind’s stattdessen nur im Kopf.
Diesen Kopf neigen sie zur Seite, sehen dich verklärt an, zitieren Saint-Exupéry und schwärmen von den unschuldigen Spielen der Kinderzeit. Damals wären sie Cowboy gewesen oder Prinzessin im Fasching. Und heut‘ sind sie – ganzjährig – Schamane oder Hexe. Oder Experte für Familienaufstellung. Für „die richtige Ordnung“.
Nimmt man ihnen ihr Spielzeug weg, stampfen sie mit den Beinchen. Sie schwärmen für die depperte blonde Ärztin bei „Grey’s Anatomy“, die emotional noch nicht einmal Volksschulreife erreicht hat. Oder für die andere, die sich aufführt, als hätte die Halbschwester ihrem Teddy ein Ohr abgerissen. Jetzt darf niemand mit der blöden Kuh reden. Wer es tut, ist nicht mehr ihre Freundin, ätsch.
Das Kindsein ist grad sehr en vogue. Also was? Das sich in einer Phantasiewelt verlieren? Als Mädel war mir der Schotterparkplatz hinter dem Haus mit seinen mannshohen Stauden ein Königreich, in dem ich den Sommer verbrachte. Sobald die Zeugnisse verteilt waren, hockte ich auf der Mauer unserer alten Terrasse. Die Schwalben über und acht Wochen Ferien vor mir. Um auf diese Terrasse zu kommen, musste man über eine dunkle Stiege in der Holzhütte – und damit war der Zauber schon beendet. Weil man sich da ordentlich fürchten konnte. Vor Ratten und Mäusen, oder Spinnen. Oder sonst was, man war mit Phantasie gesegnet.
Wenn die Leute sagen, sie möchten sich ihr Kindsein bewahren, welchen Teil davon meinen sie genau? Vielleicht den mit den dunklen Treppen und den ungelösten Geheimnissen, den noch fehlenden Zugang zu rationalen Erklärungen und den damit verbundenen Ängsten?
Oder vielleicht vermissen sie die erlaubte Fremdbestimmung. Das sich Hingeben in die Verantwortung eines anderen. Ich sag dir, was du zu glauben hast. Wann du zu schlafen hast. Was du zu essen hast. Welches Talent du hast. Was dein Wert ist. Welche Farben dir stehen, welcher Haarschnitt. Sie sagen dir, ob du ein gutes Kind bist. Oder ein schlimmes. Ein fleißiges, oder ein faules. Ob du egoistisch bist oder selbstlos. Wobei egoistisch immer schlecht ist und selbstlos immer fein. „Prägung“ nennt man das. Korrigieren Sie mich, wenn ich entwicklungspsychologisch daneben liege.
Ich würde das ja eher „Image“ nennen. Schauen Sie sich um in Ihrem bekinderten Bekanntenkreis, wie viel Nachwuchs Erwartungen entsprechen muss, die Erwachsene in ihn setzen. Und, im Gegenzug, wie viele Söhne und Töchter einfach ausprobieren können, ohne gleich einen Stempel auf der Stirn zu tragen. Eine perfekte Vorwärtsrolle: Sportlerin. Eine kleine Serie schöner Wachskreidenzeichnungen: Künstler. Dreimal in Folge keine Lust auf Karotten: Gemüseverweigerer. Ab und zu nicht gefolgt, sondern in Frage gestellt: Schwieriger Mensch.
Natürlich muss man so einem Image entsprechen, wenn man dadurch Gegenstand der Aufmerksamkeit bleibt. Kinder, davon bin ich überzeugt, sollten nebenbei aufwachsen können, wie Unkraut in einem sicheren Garten, als akzeptierter Teil des Ganzen, aber nicht als Mittelpunkt der Welt. Diese Rolle ist zu heftig, und auf Podesten wird es schnell einsam.
Und: Einem Kind kann man alles erzählen. Zum Beispiel die Sache mit der Erbsünde. Adam und Eva sind früher dran als Darwin. Voll Staunen hört man die Geschichte vom Paradies, fortan sind alle Schlangen falsch und alle Frauen Schlangen.
Wobei wir wieder am Anfang wären. Ich habe mich ein wenig in Rage geredet. Versteh mich richtig, sag ich zu meinem etwas im Liebesleid verhafteten Gegenüber. Meine Kindheit war eine gute Zeit. Aber danke, abgehakt. Den Schotterparkplatz mit den hohen Stauden gibt’s nicht mehr. Ich könnte dort jetzt parken, wenn ich ein Auto hätt.





