Am Ende ist nichts geordnet

Ich nehme. Meine Bücher, meine Bänke, meine Polstermöbel und werfe alles auf die Straße. Der Tisch fliegt hinterher, ein Drachen aus Holz, dem das Segeln nicht gelingt. Ich nehme. Die Bildung, die ich nicht habe, die Wörter, die mir fehlen, die Geduld, die sich verbirgt. Und stelle alles, in Müllsäcke verpackt, vor die Tür.

Draußen warten Bettler und Insekten, leere Plastikflaschen und Suppendosen, halbgeöffnet.

Ich nehme. Dich. Mitten im Zimmer lass ich dich stehen. Setze mich dann auf den Boden, an die Wand. Meine Hände fassen in den Staub von vielen Jahren, am Ende ist nichts rein, nichts geordnet. Was macht das für einen Sinn, wenn man nur von unten schreiben kann?

Draußen raschelt es, Bettler haben die schwarzen Säcke geöffnet, finden die Wörter. Probieren deren Geschmack am Gaumen, wie den von Wein oder Schnaps. Der eine sagt: Obsolet! Der andere: Quadratur! Und der dritte schweigt, weil er sich nicht traut.

Gestern saßen wir am Abend mit Freunden im weiten Gastgarten, nebenan drängte sich ein Pärchen aneinander, unübersehbar sehr verliebt. Ein hübsches Paar, recht jung und schlank. Er drehte sich zu uns um mit einer Frage. Sie wollten berechnen, sagte er, wie viele Gelsen es brauchen würde, um einen Menschen auszusaugen. So, dass er daran stirbt. Wir lachten und diskutierten sofort: Wie groß kann die Menge sein, die eine Gelse pro Stich entnimmt? Und der Stich selbst, der geht ja nicht tief. Also verbluten?

20.000 Gelsen! Das hätten sie so berechnet, sagte später der junge Mann vom Nebentisch. Nahm sein Mädchen und löste sich auf mit ihr in der warmen Nacht. Wir sahen ihnen nach, jeder für sich, die Köpfe geneigt. Natürlich stimmt die Rechnung und wehe, Sie sagen: Nein, kann nicht sein. Es ist ganz egal.

Meine erste große Liebe kam mir in den Sinn, vor 23 Jahren, wir saßen uns in einem Wirtshaus in Urfahr gegenüber und leuchteten. Er, groß, rothaarig und schön, mit einem Lächeln, ich sage Ihnen, unbeschreiblich, fütterte mich – ich konnte nicht essen vor lauter Gefühl. Die Leute bedachten uns mit netten Blicken. Wir waren das Zentrum der Welt und liefen, Hand in Hand, über die Brücke durch das nächtliche Linz.

Den letzten Zug hatte ich verpasst, das gab ein Donnerwetter am Morgen vom Vater, obwohl nichts geschehen war. Natürlich war alles geschehen, aber eben das eine jene nicht. Das eine jene kam erst später.

Mysterium, flüstert der dritte Bettler draußen, und räuspert sich. Bettler eins und zwei applaudieren dezent mit ihren fingerlosen Handschuhen, weil das ist wohl das schönste Wort im Mistsack. Die Insekten haben sich in einer leeren Dose versammelt, dort kriechen sie sich über Beine und Panzer und sagen: Ach, geben Sie doch Obacht, sehen Sie denn nicht, Sie stehen auf meinem fünften Fuß und knittern mir die Fühler, das macht mich ganz nervös!

Du hast dich neben mich gesetzt. An die kühle Wand gelehnt lauschen wir dem Rascheln von Chitin, dem Reiben winziger Flügel. Lauschen unserem Gleichklang. Jetzt grad müsstest du mich füttern wie der Rothaarige damals, ich könnt wieder nicht essen vor lauter Gefühl.

Später werden wir die Dose sacht mit einem Blatt Papier verschließen und in den Park hinübergehen, wo Insekten wohnen sollten.

Auf der Straße stehen mein Tisch und meine Bänke, beleidigt vom Fall, aber berauscht von der Sonne. Die Bücher liegen faul in der Gegend herum, ohne Scham geöffnet. Und weil man nie genug haben kann, und weil der Abendhimmel so weit ist über den Häuserschluchten, nehme ich eines und werfe es hoch in die Luft: Flieg, Dostojewski, singe ich, flieg!

Die Bettler biegen um die Ecke. Der erste schleppt einen Sessel, der zweite eine Bank. Auch den schwarzen Mistsack haben sie dabei, der dritte Bettler trägt ihn fort.

Schneller Durchlauf

15/06/2009

Es riecht nach Maiglöckchen und nassen Socken

Ich schnappe mir ein Buch und wandere die zweieinhalb Stockwerke hoch zum Dachgeschoss, die Wäsche wird gleich fertig sein. Hoffentlich. Manchmal spinnt der Wasserzulauf oder der Schleudergang, dann blinken vier Nullen und die Wäsche ist seifig oder tropfnass. Die Hausverwaltung fühlt sich nicht zuständig, die Hausmeisterin glaubt nicht, dass die Maschine kaputt ist – und die anderen Mieter ohne eigene Waschmaschine machen es offenbar wie ich: nachschleudern oder, im Zweifel, den schnellen Waschgang durchlaufen lassen. Ob wir alle lesen, während wir warten? In die Luft starren, Zigaretten rauchen. Die Geräusche des Hauses belauschen.

Der Aschenbecher quillt über und stinkt. Ich stelle ihn weg, drücke auf schnellen Durchlauf, setze mich auf den billigen blauen Stuhl und lese. Zwanzig Minuten später trage ich den Korb mit nasser Wäsche in meine Wohnung, während die zweite Füllung läuft. Nach weiteren vierzig Minuten mache ich mich wieder auf den Weg nach oben, das Buch unter dem Arm. Ein junger Mann kniet halb auf den letzten Stufen zum Dachgeschoss und wäscht das Geländer. Er schiebt einen roten Kübel mit Wasser und ein paar Tücher zur Seite, damit ich vorbei kann. Wir grüßen uns. Mein blauer Wäschekorb steht auf der Waschmaschine, eine ältere Frau putzt in einem der Nebenräume die Wandfliesen. Ich kenne die beiden nicht. Während ich die Wäsche nachschleudere, lese ich ein paar Seiten. Die Frau ist sehr gründlich. Sie zeigt mir die schmutzigen Innenleisten der Tür.

Eine Stunde später, ich hole die dritte Füllung. Mein Sohn macht seinen Grundwehrdienst, morgen Abend muss er wieder in die Kaserne. Mein Freund hat seine Trainingssachen mitgenommen, was weiß ich, warum wir so viel Wäsche haben heute. Im Treppenhaus riecht es nach Maiglöckchen. Das Geländer fühlt sich klebrig an. Nur noch eine letzte Füllung mit den Wollsachen – zehn grüne Militärsocken, ein dünner Pulli und eine Jacke. Im fünften Stock wischt die Frau die Aufzugtüre ab. Sie beugt sich über das Geländer und ruft „Andre, Andre!“, lauscht, keine Antwort, zuckt mit den Achseln und wischt weiter. Auf der Waschmaschine steht eine angebrochene Literflasche Coca Cola und zwei gelbe Plastikbecher.

Die zwei könnten Mutter und Sohn sein. Vielleicht Zeitarbeiter einer Firma, die Gebäude reinigt. Ich habe sie, wie gesagt, noch nie gesehen, aber der Maiglöckchenduft kommt mir bekannt vor. Sie arbeiten sich vom Dach bis zum Keller vor, Stock für Stock. Als ich den Schlüssel in das Schloss meiner Wohnungstüre stecke, fällt mir auf, wie dreckig meine Türglocke ist. Seit gut neun Jahren wohne ich hier. Ich kann mich nicht erinnern, die Glocke je geputzt zu haben.

Mutter und Sohn. Ich überlege mir, wie es wäre, fremde Häuser zu putzen. Wie es wäre, gerade so viel zu verdienen, dass es reicht. Meine Couch ist zwanzig Jahre alt, zerschlissen und kaputt. Ich würde mir keine neue kaufen können. Und wenn, dann nicht die, die ich will. Sondern die, von der ich mir einreden würde, sie sei ganz hübsch. Wir würden niemals in Erwägung ziehen, einfach mit dem Taxi zu fahren, weil es, na ja, auch mal ok ist. Kino und alles andere vielleicht einmal im Monat, wenn es ein guter Monat war. Ich würde Charlie eher nicht schreiben: „He, wenn du möchtest, dass ich nach Florida komme, dann komme ich.“

Charlie ist alt. Er mailte mir gestern: „I am going downhill too fast.“ Seine Europareise im September hat er storniert. Seit ich ihn kenne, redet er vom Tod, manchmal beiläufig, oft sehr direkt. Er ist ein Mann voller Lebenskraft und Traurigkeit, eine aggressive Mischung. Wenn es soweit ist, werde ich einen Flug buchen, nach Miami oder Fort Myers, mir ein Mietauto nehmen und nach Ocala fahren, mit ihm und seiner Frau und seiner Tochter traurig sein, noch einmal fröhlich sein, mich verabschieden. Es wäre mir egal, dass ich dann noch weniger Geld auf dem Konto hätte, weil ich keine Schulden habe und ein gutes Einkommen und Zuversicht, dass es so weitergeht.

Aber. Wenn nicht? Ich hänge die Wäsche auf den Ständer, ein kompliziertes System – die Sachen meines Sohnes müssen bis morgen Abend trocken sein, die meines Freundes haben Zeit bis Montagmorgen, meine können hängen bleiben, bis ich Lust habe, sie wegzuräumen. Unter der Woche bin ich allein. Bilder wandern mir träge durch den Sinn, von mir und meinem Sohn, irgendwo in einem fremden Land Häuser putzend, in einem Eck ein Discountersackerl mit Getränken und ein paar Broten, am Abend täte mir der Rücken weh, den Maiglöckchenduft ständig in der Nase.

Mehr fällt mir nicht ein. Ich drücke mein Gesicht in den nassen Wollpulli. Er riecht nach Militärsocken.

Wie man 40 plus von den Stühlen reißt

Ach, tönte ich durch die vergangene Woche, Sonntag wird toll, AC/DC im Praterstadion, meine Freundin Andrea und ich mit heißbegehrten Karten bestückt und bereit zum Abrocken mit den Hardrock-Opas. Aber vorher (seufz), am Freitag, da muss ich noch zu Robin Gibb. Mein Freund ist Fan. Was man aus Liebe alles macht. Und so schlecht sind die Bee Gees ja auch nicht gewesen.

Jetzt schäme ich mich. Ich kann einfach nicht glauben, wie viel Gewese ich um das Gibb-Konzert gemacht habe. Das Konzert war nämlich hervorragend. Absolute Spitzenklasse.

Wir waren ziemlich früh dort und studierten das Publikum. Sehr gesetzt. Mein Freund meinte, wir wären die Jüngsten. Wir sind fast 42. Nicht zusammen. Jeder für sich genommen. Ein paar Jüngere fielen uns aber schon ins Auge. Und viele T-Shirts mit Strasssteinchen. Schöne Blusen und Freizeithosen. Herren mit lichter Haarpracht, Damen mit schickem grauen Kurzhaarschnitt. Die eine oder andere Gehhilfe. Wirklich! Ein wenig wie bei der Abendshow auf einem Kreuzfahrtschiff.

Die Plätze füllten sich, der Mann an meiner Seite, Bee-Gees-Experte mit Detailwissen, erstarrte in stiller Vorfreude. Licht aus: Der Saal begrüßte mit tosendem Applaus … einen kleinen, sehr dünnen Mann im großen Anzug. Robin Gibb wird 60 im Dezember, und man glaubt es ihm aufs Wort. Ob dieser zarte ältere Herr mit den roten Haaren und der blau getönten Brille Show machen kann? Funktioniert das Konzept Bee Gees auch ohne die Brüder? Seit dem Tod von Maurice Gibb 2003 gibt es die Bee Gees nicht mehr wirklich. Gemeinschaftsprojekte von Barry und Robin Gibb erscheinen unter dem Namen „Brothers Gibb“. Erfolgreich sind sie aber auch alleine: Barry Gibb nahm u. a. mit Barbra Streisand ein recht bekanntes Album auf.

Aber zurück in die Stadthalle, wo die Stimmung nach den zwei ersten Songs zwar gut, aber noch ausbaufähig war. Der Star war ein wenig wortkarg, er ließ lieber seine Daumen sprechen. Nach jedem Song gab es beidhändig und ausgiebig Thumbs Up in Richtung Publikum. Viel Zeit zum Reden war ohnehin nicht vorhanden, immerhin wollte die Generation 40 plus von den Stühlen gerissen werden. Was so einfach auch wieder nicht ist. Außer man heißt Robin Gibb und bringt die Bude zum Kochen.

Bei „Massachuchetts“ sprangen die ersten auf. Bei „You win again“ stand schon das halbe Parterre. Einschub: Ich hasse „You win again“. In meiner Jugend der absolute Garant für eine leere Tanzfläche. Man kann, finde ich, dazu nicht tanzen, sondern nur rhythmisch stampfen. Ganz versöhnt hat mich auch der letzte Freitag nicht mit dem Song, aber der nächste in Folge hat alles wieder gut gemacht: Ich liebe „Islands in the Stream“! Dolly Parton, Kenny Rogers! Unglaubliche Kombination von Stimme, Oberweite und Wespentaille. Dazu der einfache Mitsingtext. Großartig. Der Applaus kippte in Jubel und Begeisterung. Robin Gibb dankte es mit einem richtigen Satz: „When I come back, I bring Barry with me.“

Die Bee Gees haben, was nicht jeder weiß, viele, viele Songs für andere Interpreten geschrieben. Darunter so Weltnummern wie „Woman in Love“ für Barbra Streisand, oder „Heartbreaker“ für Dionne Warwick. Und das Schöne ist: Die Schnulzen standen auf der Liste. Und natürlich die Disco-Hadern. Bei „Nightfever“ begann der Saal zu kochen, alles tanzte vor der Bühne. Oder in den Rängen. Die Sitzordnung war quasi aufgehoben. Nein, man braucht sich nicht zu schämen für das Wiener Publikum. Nach „Juliette“ kam „You should be dancing“ in einer unglaublich fetzigen Variante mit tollem Gitarrenriff, und ich fühlte mich (ehrlich, ich schrieb mir genau diesen Satz in mein Notizheft) „in den Vierzigern gut angekommen“. Warum weiß ich nicht, aber die Zeit war eh schon mehr als reif.

Die berüchtigte Kopfstimme, im Original von Bruder Barry gesungen, überließ Robin einem Backgroundsänger, was gut war, weil ohne die hohen Töne hätte die Zugabe – „Tragedy“ und „Staying Alive“ – nicht funktioniert. Mittlerweile tanzte sogar ich. Weil wir so nett waren, gab es noch einmal „Juliette“, bevor sich die Band endgültig in den angebrochenen Abend verabschiedete.

Mein Resümee: Ein, wie gesagt, großartiges Konzert mit einer selten tollen Stimmung, einer fantastischen Live-Band, einem sehr lockeren und netten Robin Gibb und einem ausgeflippten Publikum. Die einzige Enttäuschung war, dass es beim Fanshop kein Gibb-T-Shirt in Größe S gab. Ich hätte das beim AC/DC-Konzert gern getragen. So als Statement. Egal. Wir fuhren heim und waren glücklich. Der einzig gültige Beweis für die gute Qualität eines musikalischen Abends. Daumen hoch, Mr. Gibb!

PS: Sonntagnacht, zurück vom AC/DC-Konzert. Glücklich und taub. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Wir sind Schweine

15/04/2009

Gebt mir Vulkanausbrüche und große Kometen

Auf der Suche nach einem windstillen Platz. Durch Wien getrieben, den Bus angestarrt, eingestiegen. Im alten AKH liegen Frauen in der Wiese, barfuß, sonnen ohne Sonne. Die zieht sich Wolken vors Gesicht. Kein Regen. Aber der Wind, man kann nicht auf Bänken sitzen, ohne zu frieren. Weiter, die Strudlhofstiege wird renoviert. Eine Holzstiege führt nebenan bergauf, bergab.

(Ich möchte mich in mich vergraben. Ich möchte weglaufen. Wegziehen. Ich möchte die Faust in fremde Lebern stoßen, Schmerzen erzeugen, Ellbögen in Seiten rammen, in hastiger, eckiger Bewegung. In Kniekehlen treten, mit Wucht nachschlagen, Wunden schaffen, Verwunderung. Dabei ziehe ich mir die Kappe tiefer über die Augen, senke den Kopf und starre auf den Boden. Während ich der Wut nachlausche, die verhallt, nachhallt, nachdröhnt.)

Wir sind Schweine. Meinte eine Frau. Sie schob mit einer Hand einen Kinderwagen, mit der anderen trug sie etwas. Das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt. Diese Schweine, sagte sie zu der oder dem am anderen Ende, stellen das Auto mitten auf den Gehsteig, man kann nicht vorbei. Wir hörten ihr zu, sahen sie kommen. Dass der Umzugswagen unseres Freundes ungünstig stand, wussten wir auch. Eine Viertelstunde Zeit. Um den Mietvertrag zu unterschreiben. Wir warteten auf ihn, den Autoschlüssel in der Hand. Bereit, wegzufahren. Oder vorbei zu helfen. Viele Leute gingen vorbei. Platz genug. Nicht für die Frau, die uns mit Kind, Kegel und Handy unterm Kinn großspurig und breitgoschert umrundete. Uns Schweine.

(Ich wollte. Ihr das Telefon von der Schulter reißen. Es gegen die nächste Hausmauer schleudern, zertreten, zerstören, den pseudobiologischen Schwachsinn aus ihrer Einkaufstasche auf Kühlerhauben verteilen, Joghurtbecher zerquetschen, Obst auf ihren ethisch-korrekten Stofffetzen zu Brei verarbeiten, meine Wut auf ihr auskotzen, meine unpackbare Wut in ihr dummes Gehirn brüllen, hässlich sein, ich wollte so hässlich sein wie irgend möglich und mich dann an den sonnenwarmen Stein lehnen, bis das Beben nachlässt, in ein Zittern vergeht, verweht und ich wieder schnaufen kann.)

Aber, natürlich. Stellte ich nur die Frage, ob wir wirklich Schweine wären. Während Sie dem Wagen auswich und uns durch meine Frage erst bemerkt hatte. Ja, das wären wir. Mein Freund schickte ihr gelassen etwas Passendes nach, ich bebte an seiner Seite. Für mich.

(Gebt mir Lava, gebt mir Macht. Gebt mir Vulkanausbrüche und große Kometen.)

Vorhin im alten AKH. Zwei Botero-Frauen liefen schnaufend vor sich selbst davon. Unabhängig voneinander. Sie hielten sich an den Rändern der Gebäude. Einer hatte die Anstrengung kreisrunde Flecken auf den Wangen gemalt. Frauen laufen oft so in sich verzwickt. Peinlich berührt. Mit weißen T-Shirts und schwarzen kurzen Hosen und was weiß ich im Ohr. Die Schuhspitzen nach außen.

Im Billa beaufsichtigte ein kleines Mädchen zwei noch kleinere Mädchen beim Eiskaufen. Da musst du dies und du musst das und wie viel glaubt ihr, bekommt ihr zurück? Soll ich das Eis aufs Band legen? Nein, du wartest jetzt. Bis Platz ist. Dann legst du es ganz vorsichtig hin. Jetzt. Du nicht. Schnell. Die Größere tat, als hätte sie Macht, die Kleineren taten, als würden sie der Größeren Macht geben.

Als ich in dem Alter war, gab es ein Teppichgeschäft in unserer Straße. Die Besitzer waren nett. Sie hatten eine Dackelhündin. Wir durften mit ihren Welpen spielen. Ich taufte einen davon Moritz, ging mit ihm spazieren. Einmal, und das steht noch überdeutlich in meiner Erinnerung, wisst ihr, dort, wo man vom Schlossplatz zum Mittergraben hinuntergeht, neben der Bezirkshauptmannschaft, dort, bei der kleinen Mauer.

Dort schlug ich dem Hund ein wenig mit der Leine über den Rücken. Wenn ich das tat, winselte er. Stemmte sich mit seinen Beinchen an mir hoch, wedelte, entschuldigte sich für etwas, das er nicht getan hatte. Dann herzte ich ihn. Um ihn dann wieder zu schlagen. Ich schäme mich heute noch.

Oder? Vielleicht sage ich das auch nur, um meine Ruhe zu haben. Wut ist nicht gesellschaftsfähig. Wie war das mit dem Verhalten, dem Wesen und dem Charakter? Das eine prägt, das andere wird unterdrückt.

Ach. Ich werde meinerseits die Laufschuhe anziehen, meine alten, ausgelatschten Laufschuhe, meine schwarzen Laufhosen, mir mit lauter Musik die Ohren vollstopfen und vor mir weglaufen. Oder zu mir hinlaufen. Aber nicht verzwickt. Nicht im weißen T-Shirt. Ich will, dass ihr meine Muskeln seht.

Das Unding Zeit

15/01/2009

Nimm mich mit auf die Reise

Die Zeit, dieses Unding, könne man sich vorstellen als etwas Körniges. Ein Granulat mikrowinziger Teilchen, unregelmäßig, ohne Norm. So, so ähnlich oder ganz anders. Nichts verstanden beim Zuhören, allein das Bild blieb hängen vom Körnigen, das uns umgibt, nach vorne, nach allen Seiten, rückwärts gewandt, nach innen – wir sind verdichtete Zeit.

Moleküle sind wir. Myriaden Einzelteilchen, Fischschwärmen gleich, die, aus der Distanz betrachtet, eine Form ergeben, ein Formenspiel, und sich beim Annähern verlieren in sich selbst.

Mein Freund liegt neben mir, schläft, ich stelle mir vor, wie Zeitmoleküle ihn umschweben, sich mit seinem Atem heben und senken, jede Bewegung heftig umwirbelnd, um wieder zur Ruhe zu kommen, den tiefen Schlaf beschwerend, irrlichternd im Traum.

Ich bin wach. Statt zu schlafen, liege ich mit offenen Augen und spüre den Minuten nach. Nacht für Nacht, seit einigen Tagen. Wiewohl der Körper stillhält und sich in die Tiefe ziehen lassen würde, bereit, in dunklen Ozeanen zu treiben, in ruhigen Spiralen: Das Denken zerrt nach oben; und statt die Augen zu schließen, starre ich in die Luft.

Drei Uhr, Stunde des Wolfs. Ein Wolf streift durch das graue Zimmer, und das graue Zimmer bin ich.

In der Schule lernten wir von den Atomen, aus denen alles besteht, kindliche Bilder zeigten Kern und das ihn Umsausende, dazwischen leerer Raum. Alles, was ist, hieß es, besteht aus Atomen. Langsam führte ich den Finger gegen die Wand. Ich war mir sicher, wenn man sich Zeit ließe, unendlich viel Zeit, dann könnten sich die Atome der Wand und jene des Fingers verbinden, der so in die Wand dringen würde. Wenn man nur äußerst langsam vorginge und sich vor allem auf die Zwischenräume konzentrierte, auf dieses leere Universum Raum.

Geräusche von der Straße, der Nachtbus fährt vorbei. Auf dem Rücken liegend lausche ich dem Ticken der Uhr, dem Atmen meines Freundes.

Wenn. Wenn die Zeit aus Körnern besteht. Schieben wir dann wie einen Luftpolster Zeit vor uns her? (Dieser Windhauch, der die U-Bahn ankündigt, bevor man sie hört.) Berühren wir durch unsere Vorwärtsbewegung etwas Künftiges, ehe wir von dessen Dortsein wissen? Und wenn. Wenn wir die Zeit durchmessen haben, sie geteilt haben (Schwimmer teilen das Wasser auf ihrer Bahn, schieben es hinter sich, schicken Wellen zurück an den Start), berühren wir das Vergangene?

Ich springe zwischen Jetzt und Vorher, bin wieder Kind, fasziniert von der Idee des Unendlichen, von der nach oben gewölbten Wasserhaut eines randvoll gefüllten Glases. Gäbe man winzig kleine Tropfen nach und nach zu, würde sich diese Spannung bis ins Unendliche dehnen, dachte ich, aber irgendwann müsste dennoch jener eine Tropfen zu viel erreicht sein. Aber, wenn man auch diesen wieder in Millionen unterteilte, wäre erst der Millionste Teil des Winzigen Auslöser für das Zuviel.

Natürlich war ich ein einsames Kind. Und natürlich bin ich das immer noch. Das Alleinsein ist der Raum zwischen den Kernen. (Das Maß ist voll, das Denken wölbt sich konvex.)

Der Schlaf kreist über mir, auf freie Landebahn hoffend.

Wir sprachen über die Krümmung der Zeit im Weltall, als wir zum ersten Mal ausgingen, oder krümmt sich das Weltall an sich? Mein Freund zeichnete Linien auf eine Serviette, erklärte und beschrieb, zauberte Bilder in meinen Kopf. Ich staunte über seine schmalen Hände. Wir redeten von Wurmlöchern und Quantenmechanik, von Science-Fiction und Horrorfilmen, und alles war sanft und richtig und ein Anfang.

Mein Prinz verlagert seine Position, dreht sich zu mir, legt einen Arm quer über meinen Bauch. Nimm mich mit auf die Reise, flüstere ich.

Menschentrösten

15/12/2008

Auf einmal ist’s genug

Draußen huscht die Nacht vorbei mit grün, gelb, blauen Lichterketten, kalte Luft, verwischte Neonfarben im Rabenschwarz. Gestern um diese Zeit Punsch am Eferdinger Schlossadvent, Gedränge und Geschiebe in den alten Kellergewölben und Festräumen, die einheimische Schickeria trifft sich im Schlosshof beim Stand der Kiwanesen, das normale Volk säuft sich quer durch Beerenpunsch, Feuerzangenbowle und Glühmost. Ein schon ziemlich Illuminierter torkelt uns rotgesichtig über den Weg, auf seine Frage („Spinn i?“) wissen wir keine Antwort. (Im Zweifel, meint meine Schwester, „eventuell schon“.)

Dazwischen Turmbläser. Zelten, Bosna, Leberkässemmeln, Maroni und anderes Zeug. Ich löffle die Beeren aus dem Punsch, spüre in mich, ob angeheitert (nein), packe meine zwanzig Sackerl und die Mutter und verschwinde.

Auf einmal ist’s genug. Auf einmal verschmelzen die Menschen, die Geräusche, Gerüche zu einer einzigen Masse, die legt sich aufs Gemüt und verstopft dem Denken die Ganglien. Man kriegt den starren Blick und will nur raus. Ob das ärger wird mit dem Älterwerden, dieses Nichtaushalten von Lärm und Gedränge? Der populären Menschenscheu begegne ich mit Skepsis, den meisten angeblich von ihr Befallenen ist nicht zu glauben, man könnte sie als bequemen Vorwand für Ungehobeltsein und Soziopathentum abtun, oder, was meinen Sie?

Aber. Selbst stehe ich tags darauf (also vorhin) am Linzer Bahnhof und lauere, welcher Zug der vollere sein wird, um den leereren zu nehmen. Ergiebige Verspätungen kündigen sich an, die Menge schwappt übersichtlich von einem Bahnsteig zum anderen, je nach Lautsprecherdurchsage. Ich warte. Es wird Abend, eine dicke Frau telefoniert und raucht und hört mit beidem nicht auf, bis endlich der Lautsprecher das Ende des Wartens verkündet. Ein Mensch hatte sich für den Freitod entschieden, erzählt mir der Schaffner auf meine Nachfrage. Da draußen, im kalten Dunkel, denke ich, während der Zug, der die Unglücksstelle erst umfahren musste, sich und uns noch weiter vom Unglück entfernt, da draußen trauert es gewaltig. Nicht hinspüren, denke ich gleich darauf, ist noch genug inwendige Trauer weggepackt, die möchte auch bearbeitet werden.

(Einer, der mir näher war als vermutet, ist gestorben vor einigen Wochen. Die Nachricht seines Todes hat den Verstand wohl erreicht, aber das Gefühl, wenn Sie so wollen, steht in der Ecke und hält sich Ohren und Augen zu.)

Nur gut, dass einem nebenbei genug Ablenkung serviert wird. In der Lokalbahn auf dem Weg nach Linz zum Beispiel, wühlte ich mich mühsam durch den Mann’schen Zauberberg. Nebenan konferierte junges Volk über Sexpraktiken. Der „Tittenfick“ war noch das harmloseste. Ich konnte mich dann nicht mehr wirklich gut auf den Zauberberg konzentrieren, obwohl es da so wunderbare Worte gibt wie „wuterkrankt“. Wo Thomas Mann sich in komplizierten Sätzen dem heiklen Thema der niederen Instinkte entgegenwindet, brachte man es einen knappen Meter weiter rechts unkompliziert und ernsthaft auf den Punkt: Wie oft, mit wem, wie lange und wie.

Hier, in diesem Zug, bin ich gesegnet, weil allein in einem Abteil. Einzig der Schaffner schaut vorbei und unterhält sich ein wenig mit mir. Weit, weit weg sind Polizei, Rettung und andere Behörden am Berichteschreiben und Menschentrösten, sofern das geht. Ob immer noch Blaulicht die Stelle markiert, wo sich jener oder jene entschieden hat zu sterben? Ob sich dort etwas hält, das noch dunkler ist als die Nacht auf dem Land? Etwas Verdichtetes, Bleiernes, ein sich auf Schultern senkendes Gewebe, Köpfe beugend. Schweres Gemüt.

Ich sitze gegen die Fahrtrichtung am letzten Platz des letzten Wagons. Vor mir also rast die Nacht die kühlen Geleise entlang zurück zu diesem Ort. Die ersten Ausläufer Wiens sprenkeln das Bild. Angestrengt verenge ich den Blick, hin zu diesem nicht verständlichen Geschehen, das dort im lichtlosen Schwarz nach Erklärung sucht, blaues Aufblitzen kahler Äste.

Mich hingegen umfangen die Lichter der Stadt. Ich kann mich in sie fallen lassen, kann mich abwenden, in Geschäftigkeit aufgehend meine Sachen verstauen, Taschen schließen, die Jacke anziehen, da ich angekommen bin. Am Westbahnhof schließlich vermischen sich Gerüche, Geräusche und Menschen zu einer Masse, die man wahrnimmt, oder nicht.

Ich laufe in mir mit mir mit

München, sag ich, Du entkommst mir nicht. Nachts um halb zehn zwieble ich mich ein, Laufhose, dicke Socken, T-Shirt, Jacke, darüber etwas Ärmelloses, auf den Kopf die Haube, um den Hals den Schal, in die Tasche den rudimentären Plan der Innenstadt aus der Hotellobby.

Drei Tage in der Stadt. Wenn es hell ist, im Messezentrum, wenn es dunkel ist, im Hotel. Dabei war ich noch nie in München und daher: Du entkommst mir doch nicht. Meint meine Sturheit, zieht den Schal enger und läuft los. Durchs Isartor Richtung Viktualienmarkt, dann, nach Gefühl, einfach weiter. Kalt ist es nur am Anfang. Viele Menschen. Schlendern vorbei, das Ausweichen ergibt Schlangenlinien. Andere kramen im Müll. München leuchtet gnädig.

Ich möchte die Welt wechseln. Nein, nicht so. Nicht sterben. Wenn ich sterbe, werde ich mich in Tönen verlieren, tage-, wochen-, jahrelang. In den Zeiträumen zwischen Grillenzirpen. Oder im Nebel den Atem anhalten, im Kühlen vergehen. Die Nichtmehrwange an kalte Fensterscheiben legen, die Nichtmehraugen geschlossen. Aufbrechen von innen her, ein Glückskeks ohne Botschaft, still, erwartungsfroh, hingegeben. (Soviel zu Allerheiligen.) Das ist dann.

Aber jetzt beißt die Kälte nur mehr im Gesicht. Die Straßen sind sauber. Ich laufe in mir mit mir mit. Vorbei an Kirchen, Schaufenstern, großen Plätzen, über Asphalt und Beton und Pflasterstein, anfangs huste ich ein wenig, dann tropft nur noch die Nase und ich schaue, und laufe, und laufe, und schaue.

Die Welt möchte ich wechseln. Was das heißt, kann ich – noch – nicht sagen. Ob es mit der Messe zusammenhängt, Medienmesse, viele Anzüge und Kostüme, Gadgets, Devices, aber. Etwas zerrt an mir und will den Blick nach innen zwingen, etwas anderes dreht sich weg und schaut nicht hin.

Stur muss man sein. Und streng. Erst nach zwanzig Minuten darf ich mir einen Blick auf den Stadtplan erlauben. Ich quere den Karlsplatz, halte mich am Altstadtring fest und bin überzeugt von der Richtung. Also weiter, dann doch ein Blick auf den Plan, bin völlig falsch. Nicht ums Eck, sondern quer am anderen Ende liegt das Hotel. Macht nichts, das Laufen fällt leicht, die Kälte trägt mich, ich trabe die Residenzstraße entlang, vorbei an Reichtum und Elend, an Gutgelaunten in großer Robe, an Verlorenen in schäbigen Jacken. Miststierler und Pelzausführer. Eine Frau singt in einer Passage ein leeres Lied, ein Eintonlied, und zuckt mir mit den Augen nach, in einer anderen Welt wäre sie ein Sukkubus, die weißen Hände langbefingert, der Mund blutrot und grausam.

Jeder kann ein Zombie sein. Auch die in den dicken Mänteln, tatsächlich gibt es hier Leute mit Trachtenhüten. Gut getarntes Fell, an die Umgebung angepasst. Vorbei, vorbei. München, sag ich, ich war gnädig zu dir. Wir sind uns bei Nacht begegnet, da durftest du glänzen, das Novembertaggrau weggepackt, die Lichter aufgezogen, geschmückt mit schönen Menschen, fröhlichen vor allem, und die Armen, die waren in den Passagen und unter den Bäumen im Park hinterm Isartor. Aber nur ganz wenige.

Zurück im Hotel, mein Hintern ist eiskalt, Tee, nein, Tee gibt’s keinen mehr, da müsste man ja extra die Maschinen wieder hochfahren. Ob ich nicht lieber ein Wasser trinken möchte. Passt schon, entschuldige ich mich beim Nachtportier für die Anmaßung, heißes Wasser aus der Leitung täte es auch. Die Treppen hoch. Im Zimmer schäle ich mich aus der Kleidung, friere kurz vor dem Spiegel, schau mich an. Schau in mein erhitztes Gesicht. Die Welt möchte ich wechseln. Wenn ich weiß, was das genau bedeutet, werde ich es Ihnen verraten.