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Mit Rebellion kann man besser umgehen

Wir reden doch immer wieder über Kinder. Hier und generell, das ist schon ein Thema in allen Gazetten und Lebenslagen. Wir reden, schreiben und denken nach übers Kinderkriegen, übers Kinderhaben, übers Kindergroßziehen. Ob man überhaupt welche haben möchte. Oder doch lieber nicht. Ich wollte doch lieber nicht. Nie. Dabei spielte eine eventuelle Antipathie keine Rolle, weil: Kinder sind, wie die großen, nett oder nicht ganz so nett. Mir waren sie immer ein wenig fremd. Bis ich schwanger wurde und Johnny bekam.

Johnny war nicht geplant. Dann steht man da. Unreif, verwirrt, Baby im Arm. Mein Motorrad hatte ich verkauft, die Traurigkeit, die mich in jungen Jahren treu begleitete, ließ sich nicht ganz so leicht beiseite schieben. Aber wir taten unser Bestes, und das war gut so. Anfang zwanzig noch nicht so fix in Sachen Verhütung gewesen zu sein, war, nachbetrachtet, ein Segen für mich. Jetzt, Ende dreißig, würde ich überlegen: Soll ich doch noch?

Nein, ich soll nicht mehr, weil ich hab‘ schon. Und mehr Liebe geht ohnehin nicht, also. Allerdings, ob es auch ein Segen für Johnny war, da bin ich nicht so sicher. Eine so unverspielte Mutter zu haben, eine so unfertige vor allem, das stelle ich mir schwer vor. Auf der Suche nach sich selbst vergisst man oft, dass andere warten, und manchmal, das sehe ich jetzt, habe ich zu intensiv gesucht.

Egal, ich möchte Ihnen nichts vorjammern, ich wollte Sie nur fragen, ob Sie das auch so sehen (falls Sie Kinder haben): Die schwierigsten Situationen sind nicht die, in denen sie Blödsinn machen. So wie: Nix lernen. Das Zimmer vermüllhalden. Bockig werden, rebellieren, ausprobieren, was es eben alles auszuprobieren gilt. Partys feiern, die ausufern. Diskussionen, die manchmal zu Gebrüll werden, mit blanker Wut und Türenknallen. Das ist doch alles zu ertragen und vorbei, sobald die Luft draußen ist.

Das Schlimmste, finde ich, sind die Krisen. Von denen wir Krisengeschulten sagen, da muss man halt durch. Und dass man stärker würde davon, und was es noch so Schmonzes gibt zu dem Thema. Aber wenn dann der Sohn vor einem steht, oder die Tochter, und sprachlos ist ob der Ungereimtheit der Welt, oder planlos, obwohl kein Ziel zu haben anscheinend als grobe Fahrlässigkeit in der Karriereplanung gilt, oder hilflos, weil der Zuckerguss bröckelt und dahinter was Grausames zu spüren ist (das menschlich ist, aber wer weiß das schon). Das ist schlimm.

Weil, wenn man so ein junges Kraftwerk zu Hause hat, dann möchte man es doch pulsieren sehen, und zwar am liebsten immer. Dass es da einen Status quo gibt, in dem gerade mal das Notaggregat läuft, davon redet niemand, wenn es ums Kinderkriegen geht. Oder davon, dass sie einem gegenüber sitzen können und Sachen erzählen, die sie erlebt haben und die sie nicht begreifen und man sich daran erinnert, dasselbe erlebt zu haben vor zwanzig Jahren. Und dann erinnert man sich eben auch an die eigene Hilflosigkeit, der man damals ausgeliefert war – und alles, was man möchte, ist: Ihnen den halbwegs dicken Panzer umhängen, den man sich selbst über die Jahre zugelegt hat.

Bloß, das geht eben nicht. Wenn, wäre man selber ja wieder nackig und schutzlos. Was bleibt, ist eben das Schwerste: Ihnen diese Krisen auch zuzutrauen. Und sie wissen zu lassen, wie man das selbst alles überstanden hat. Und sich selbst nicht allzu tief in der Erinnerung zu verlieren. Kann schon passieren, dass ich noch tief grüble, während Johnny schon wieder mit anderen Dingen beschäftigt ist, zum Beispiel damit, den Kühlschrank zu plündern.

Glauben Sie an Sätze wie „Kinder sind unsere Hoffnung“? Ich nicht. Aber daran schon: Wenn unserem Nachwuchs phasenweise die Hoffnung ausgeht, dann können wir selber ganz schön blöd dastehen. Das sollte auch mal gesagt werden.

Der „goldene Boden“ ist ziemlich hart Mein Sohn ist Lehrling. Machen Sie sich nix draus, dann lernt er wenigstens was G’scheites. Handwerk hat ja, wie man so sagt, „goldenen Boden“. Fein, dann fällt er schön hart, wenn er fällt. Derzeit überlegen wir ja, den Kündigungsschutz für Lehrlinge ein bisserl zu lockern. Sorgen müssen wir uns nicht, weil der goldene Handwerksboden für den Kündigungsfall mit ein paar AMS-Kursen gepolstert wird, und alles wird gut. Super, gell?

Super, das finden wir auch, mein Sohn und ich. Mein kluger, hübscher, eigenwilliger Sohn, der gelernt hat, dass man sich nicht jeden Schwachsinn gefallen lassen muss, und der sich damit in seiner Lehrstelle nicht nur Freunde gemacht hat.

Übrigens: Ich kann nicht einfach sagen, Johnny macht eine Lehre. Nein, ich sage: Johnny macht eine Lehre, in einem ausgezeichneten Hotel, internationale Hotelkette, fünf Sterne, beste Chancen für die weitere Karriere im In- und Ausland. Und das reicht nicht, ich sage auch: Johnny wollte auf die Grafische, nach der Aufnahmeprüfung auf Platz vier der Warteliste, grad nicht geschafft, so ein Pech. Dann die HTL, nicht so seines, also Lehre. Wie sein Großvater, der in der Schweiz Topgastronom hätte werden können, wenn er nicht den Familienbetrieb hätte übernehmen müssen, dafür hat er dann am Land Kalbszüngerl und Butterteigpastete eingeführt, immerhin.

Aber das so zu sagen, fühlt sich falsch an, denn im Grunde stimmt: Mein Sohn macht eine Lehre, mein Vater war Gastwirt und das ist ok. Nicht ok ist, dass der ohnehin gar nicht so fest sitzende Kündigungsschutz angetastet werden soll, genauso wie es nicht ok ist, dass das Wort Lehre einen unangebrachten Rechtfertigungsaufwand auslöst. Nach dem Motto: Die Lehre war die zweite Wahl nach der angestrebten Bildungsoffensive Richtung Akademiker.

Wahr ist, dass viele Jugendliche Probleme damit haben, eine Lehrstelle zu finden, weil sie nicht ordentlich lesen, rechnen und schreiben können, zusätzlich grad pubertär angemotzt sind und es wenig Lehrstellen gibt. Nicht die besten Voraussetzungen. Finden sie dann eine Lehrstelle, müssen sie „froh sein“ und die Klappe halten, weil es „so ein Glück war“, und wer weiß, ob man eine zweite Chance bekommt, wenn man nicht funktioniert. Das Damoklesschwert heißt „Jugendarbeitslosigkeit“ und ist ganz schön scharf geschliffen.

Und, die Wahrheit über allem ist, dass es verdammt noch eins nicht die Schuld der 14-Jährigen ist, wenn sie nach acht Jahren Schule nix gelernt haben: Das ist Schuld der Schule, und aus. Darüber steht natürlich die Bildungspolitik, der Stellenwert, der dem Bildungssystem zugemessen wird. Und dazu gehört auch Erwachsenenbildung, die Bildung jener Menschen, die erziehen sollen oder lehren. Dazu gehört der Umgang mit den Menschen überhaupt, und wenn jemand müd‘ von der Arbeit, vom Büro, von der Schicht heimkommt, und es nicht mehr schafft, mit dem Nachwuchs Vokabeln zu büffeln, oder Bruchrechnen, oder Latein, dann versteh ich das voll und ganz.

Das ist nämlich auch wahr: Wer keine Kohle hat, muss nehmen, was er kriegt. Also Regelschule. In der wird aber dann im Regelfall keine Rücksicht auf Kinder genommen, die beim Anblick einer Schneeflocke draußen vor dem Fenster vom Winter träumen, und zwar sofort. Statt dem Unterricht zu folgen. Und nach der Regelschule macht man oft nicht, was einem entspricht – sondern wieder nur das, was man kriegt.

Johnny geht es gut. Er hat den Lehrplatz, den er wollte, hat sich dort halbwegs arrangiert und plant über seine Lehrabschlussprüfung hinaus. Das, was er in der Grafischen lernen wollte, bringt er sich selber bei, und wer weiß, was noch alles kommt. Hoffentlich nicht die Lockerung des Kündigungsschutzes. Nicht, weil ich mir Sorgen um meinen Sohn mache. Aber ich kenne genug andere Jugendliche. Und ihre Eltern. Einfach ist das nicht.

Ich befürchte, dass die Lehre (und im Vorfeld die Grundausbildung an sich) nicht aufgewertet wird, sondern genau das Gegenteil passiert. Den Lehrlingen wird ohnehin nicht viel geschenkt. Ein bisschen Sicherheit sollte da zumindest drinnen sein. Das hat auch was mit Wertschätzung zu tun. Oder etwa nicht?

Wohin mit der Wut in der niedersten aller Welten

Diese unsere Welt, schreibt Singer in „Die Gefilde des Himmels“, sei laut Talmud die niedrigste aller Welten, in der alles Licht zu Stein werde, zu Knochen und Erde. Vielleicht damit wir es fassen mögen, dieses Licht und daraus machen, was wir daraus zu machen verstehen.

Und Tolstoi lässt in „Der Tod des Iwan Iljitsch“ einen Sterbenden darüber nachdenken, ob er, der von sich geglaubt hat, sein Leben lang beständig aufwärts zu gehen, nicht abwärts gegangen sei statt dessen. Sich seinen Aufstieg nur vorgelogen zu haben, so wie ihm alles auf einmal Lüge erscheint, die Fürsorge seiner Frau, die Zuwendung seiner Freunde, alles.

Mein fast erwachsener Sohn sitzt am Tisch, ich sage etwas, er motzt. Ich explodiere. Nicht: Ich weise ihn zurecht. Das ist grüngallige Wut, die sich hoch steigert in einen völlig hysterischen Ausdruck, dass ich so nicht mit mir sprechen lasse, und die Schnauze hätte ich voll und überhaupt und ohnehin. Bald schreien wir beide, er fassungslos ob der völlig inadäquaten Reaktion meinerseits, ich außer mir, außer jeder jemals gefassten Regel im Umgang mit meinem Kind, mit Menschen generell.

Am Ende finden wir uns im Badezimmer wieder. Er sitzt am Badewannenrand, ich stehe in der Tür, bin atemlos und schäme mich zutiefst. Diese ganze Wut, werde ich ihm und mir später erklären, die meinte nicht dich. Wen dann, fragt er und ich, ich weiß das auch nicht so genau.

Mir ist, als wäre eine Schar Dämonen aus meiner Brust in eine Schweineherde gefahren, oder in die Tauben auf dem Dach. Und der, der den Dämonen das Weichen befohlen hatte, sitzt hier und ist ebenso verstört wie ich. Mein Sohn, der Exorzist. Die Lungen tun mir weh, sie sind ganz leer, aber eigenartig gut fühlt sich das auch an. Leichter nämlich, was die Frage aufwirft, was Schweres drinnen war. Ich dachte ruhig zu sein. Den Grad zu kennen, bei dem Überhitzung droht.

Früher, als wir noch Mädchen waren, öffneten meine Schwester und ich bei einem Gewitter die Fenster unseres Zimmers ganz weit. Wir löschten die Lichter und hörten Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, bis es schwere Tropfen regnete und wunderbar nach Sommer roch. Da waren wir uns einig. Aber dann wieder stritten wir, waren uns spinnefeind, hassten einander, schrien uns an, knallten mit Türen und manchmal prügelten wir uns auch, zugegeben, die Prügeleien fing immer ich an, wenn ich mich mit Worten nicht mehr wehren konnte.

Und danach? Versöhnten wir uns. Nachdem wir uns entladen hatten, waren wir wieder rein und unschuldig, sammelten aufs Neue links und rechts kleine Kränkungen und Ungerechtigkeiten auf, verstauten sie in unseren Kinderseelen, bis der Platz übervoll war und wir uns gegenseitig die Dämonen austreiben mussten.

Ich weiß nicht, wie meine Schwester das heute macht. Wir streiten nicht mehr, wir hören einander zu. Ob das reicht? Manchmal telefonieren wir lange, nehmen auf, was die andere quält und freut. Das ist gut so. Aber was macht sie mit ihren Dämonen?

Was macht die ganze verdammt aufgeklärte Elternschaft da draußen mit ihren Dämonen? Mit dem Frust, erwachsen zu sein, sich nicht mehr prügeln zu dürfen, nicht mehr laut streiten, jetzt und auf der Stelle, Ungerechtigkeit eine solche zu nennen, in dem Augenblick, in dem man sie sieht – egal, ob sie einen selbst trifft oder einen anderen? Mit der Unfähigkeit, jemanden aus ganzem Herzen zu hassen, so wie man die Lehrerin gehasst hat, die einem mit dem Fingerknöchel auf die Stirn pochte und im Takt dazu verhöhnte. Was machen wir mit unserer anerzogenen Gelehrigkeit und Höflichkeit und, vor allem, mit dem Bedürfnis, jedes unpassende Verhalten analysieren zu müssen und – man stelle sich vor! – zu verstehen?

Wie geht man um mit der kleinen alltäglichen Trägheit und den Wiederholungen, dem immer Gleichen, der hinter vordergründiger Gelassenheit versteckten Wehleidigkeit? Wo verbirgt sie sich, diese Wut, und was nährt sie?

Vielleicht ist es die Lüge, die Tolstoi erwähnt, die einem ebenso begegnet, wie sie in einem wohnt. Vielleicht ist das aber auch alles Schwachsinn und man sollte weniger Tolstoi lesen und seinen Sohn einfach aus der Schusslinie halten.

Und was genau das mit dem Licht zu tun hat, das zu Stein und Knochen wird, darüber muss ich wohl noch etwas länger nachdenken.

Und beide singen mit Inbrunst

Im Hintergrund zwei Johnnys. Sie singen mit Inbrunst „Hurt“. Eine Wand und zwei verschlossene Türen sind dabei kein Hindernis: Ich kann so nicht arbeiten. Zumindest nicht an dem Text, an dem ich arbeiten wollte.

Der eine Johnny (Cash) singt dabei noch etwas besser als der andere Johnny (Sohn). Dieser gleicht die fehlende Routine mit Leidenschaft aus. Aber, wie gesagt, ich kann so nicht arbeiten. Zu laut. Zuviel Erinnerung. Der Gesang bricht ab und Johnny trollt sich in mein Zimmer. (Interessant, wie elegant er dabei dem Wäschekorb im Vorzimmer ausweicht.) Er braucht einen Block. Ob ich so was habe. Ich begrabe den geplanten Text endgültig.

Johnny hat nämlich eine Band gegründet und muss Songtexte schreiben. Johnny? (Legen Sie einen erstaunten Ton in das Wort, das machen alle bei dem Teil der Geschichte.) Ja, genau. Johnny. (Und dann müssen Sie fragen:) Welches Instrument spielt er denn? Er singt. Johnny? (Siehe oben.)

Warum denn nicht? Als er mir vor Wochen den Bandbauplan vorlegte, war ich ebenso bass erstaunt. Ich kenne die Stimme meines Sohnes an sich nur sprechend. Wenn bei uns einer singt, dann ist es der Kurde, der beim Duschen gern etwas von den Bee Gees zum Besten gibt. Johnny dröhnt gemeinsam mit seinem MP3-Player um die Wette, ja, das schon. Aber singen? Ernsthaft?

Mein Gehör ist empfindlich. Außerdem war ich einst Mitglied im Eferdinger Auswahlchor, der immerhin beim Bundesjugendsingen eine respektable Leistung zeigte und seine Erfolgsstory mit einem Auftritt im Musikantenstadl krönte. (Während wir zum Vollplayback unsere Münder bewegten, lief der Abspann. Wir hatten beim Einspielen die Strophen vertauscht. Daher der konzentrierte Blick.)

Überhaupt hat meine Familie einen Hang zum Musikalischen. Mein Vater ist der einzige, der das „Stille Nacht“ vor dem Christbaum zu Ende bringt. Die andern kringeln sich meist schon vor dem ersten „schlaf in himmlischer Ruh“ vor Lachen. Von meinem Großvater, einem aus dem Egerland eingewanderten Koch, heißt es, er habe jede Kapelle fehlerlos dirigiert. Besonders, wenn sie einen Egerländer spielten. Und, wirklich, wir haben auch einen gelernten Dirigenten in der Familie.

Johnnys musikalischer Karriere steht also nichts mehr im Wege. Und nachdem alle frühen Versuche, ihn zum Beispiel an ein Klavier zu gewöhnen, an seiner Willenskraft scheiterten, nehme ich die Gelegenheit freudig wahr, ihm bei der Schulung seiner Stimme finanziell unter die Arme zu greifen: Die ersten zehn Stunden gehen aufs Haus.

Eigentlich meinte er, bei der Musik, die sie machen, müsse man nicht singen können. Aber dann hab ich ihm von einem alten Freund erzählt und wie der bei den Mitternachtsmetten die Stadtpfarrkirche in Grund und Boden gesungen hatte. Oder wie wir damals, noch ziemlich jung und leider nicht zeitgleich ineinander verliebt, im herbstlichen Nieselregen die Donau entlang wanderten und er meine jugendliche Schwermut mit einem Blues begleitete.

Und genau diesen begnadeten Sänger habe ich jetzt ausgeforscht. Er lebt in Wien, gibt Unterricht und wird Johnny schon zeigen, wo das Stimmvolumen wohnt.

Mein Sohn sitzt wieder in seinem Zimmer und bastelt am Text. Der andere Johnny (Cash) hat zwischenzeitlich aufgegeben. Und ich?

Ich denke zurück an Memphis, Tennessee. Da war ich nämlich auch schon.

Gebt mir ein Feld! Und Hosen.

Gestern, früher Morgen. Ich sitze in der Küche, trinke Muckefuck und schaufle Zimtpolenta. Im Pyjama, ziemlich vermuffelt und mit Tonnen Schlaf in den Augen. Plötzlich steht ein gepflegter Herr vor mir. Schwarzer Anzug, grünes Hemd. Perfekte Krawatte, perfekt geknotet. Der Herr mustert mich streng und sagt: Mama, geh jetzt endlich duschen. Du kommst zu spät. Also, äh, eigentlich ist das doch meine Rolle, oder?

Ich bin doch diejenige, die sich morgens von Weckergeschwadern wach brüllen lässt, damit sie lauschen kann, ob sich in der Nachbarhöhle was regt, und, falls ihr nur Stille entgegen gähnt, an Türen pocht, erst sanft, dann lauter, dann genervt. Ich bin diejenige, die über die Zeit herrscht und Weisungen erteilt, von wegen: Geh jetzt endlich duschen! Jetzt! Steh auf! Es ist … egal, immer irgendwie knapp.

Seine Rolle ist die des Gegenpols: Bleibt liegen, überhört Wecker, kriecht zum Bad, wo er weiterschläft. Er ist derjenige mit der einen Standardantwort für 217 verschiedene Anfragen: Ja, eh gleich.

Da steht also mein Johnny, schickt mich duschen und was sage ich? Das Nahe liegende: Ja, eh gleich. Und während ich das „gleich“ ebenso in die Länge dehne wie er es üblicherweise macht, ist mein Sohn schon auf dem Weg zur Arbeit.

Die Tür knallt ins Schloss, und ich erinnere mich an einen Winzig-Johnny im kleinkarierten Babyanzug, so dick wattiert, dass er zu unserem Gaudium wie ein Schwarz-Weiß gemusterter Seestern liegen blieb, wo auch immer man ihn platzierte. Dann, später, in der großelterlichen Gasthausküche, sicher zwischen Fleischwolf und Kühlschrankwand in der Babywippe verstaut, mit leuchtendrotem Strickpulli, grünen Hosen und braunen Kulleraugen.

Oder bei der Hochzeit meiner Schwester: Im Partnerlook mit seinem gleich alten Cousin, Lederhosen, schickes Trachtenjäckchen und Hut. Ich weiß nicht mehr, wie alt er da war. Drei? Vier?

Als ich vier Jahre alt war, war ich Kapitän. Dickbäuchig, mit Schnurrbart, Kapitänsmütze und Strickjacke. Gerochen habe ich allerdings nicht etwa nach Pfeifentabak, Meer und Freiheit. Sondern nach Essen. Weil die Strickjacke in einem Schrank in der Gasthausküche wohnte. Und der Geruch kam auf dem Kindergartenfaschingsfest gar nicht gut an.

Meine ganze Kindheit roch nach Essen. Wir Kinder halfen im Gasthaus, und zwar in Röcken. Mit kleinen, weißen Schürzchen. Zur Firmung bekamen meine Schwester und ich selbst genähte, bodenlange Dirndlkleider. Und Faltenröcke für den Firmausflug. Inklusive Bluse und Trachtenbeutel. Großartig. Die Dirndl wurden dann für das Gasthaus auf praktische Knielänge gestutzt. Die Strümpfe rutschten mir ständig runter. Und wenn ich einen normalen Rock zum „Mittagsg’schäft“ anziehen wollte, hatte ich sicher keine einzige schwarze Feinstrumpfhose ohne Laufmasche mehr, dafür tausend mit.

Meine jugendliche Auflehnung gegen elterliche Autorität bestand darin, manchmal in Hosen zu servieren. In engen Hosen. (Aber nur an Werktagen.) Unbefangen Röcke zu tragen ist mir (und meiner Schwester) bis heute nicht möglich. Gebt mir Gummistiefel, gebt mir ein Feld! Ich ackere es um mit einem lahmen Ochsen und einem kaputten Pflug – solange es dabei normal ist, Hosen zu tragen.

Ich trinke meinen Muckefuck aus und frage mich, ob sich Johnny per Anzug und Krawatte auflehnt. Angesichts einer Mutter, die im Wechsel Jeans mit T-Shirt und T-Shirt mit Jeans kombiniert, wäre das ja kein Wunder. Aber nein. Im Bad stolpere ich über seine halbzerfetzten Alltagshosen.

Wahrscheinlich macht er das viel subtiler. Indem er langsam den Spieß umdreht. Und mich zum Beispiel duschen schickt. Bald wirft er mich aus dem Bett. Mitten in der Nacht.

Sie auch?

30/09/2006

Anfallsartige Schüchternheit

Im Kleinen, da lässt sich ja viel erklären, ziemlich viel sogar, aber im Großen? Verstehen Sie alles? Gehören Sie zu den Leuten, die zu allem und jedem eine Meinung haben, eine dieser großen Meinungen, die man gerne herzeigt und zur Diskussion stellt? Die sich schon in der Haltung ausdrückt, mit der man ein Zimmer betritt, oder ein T-Shirt trägt, oder die Tasche, oder sonst was?

Sind Sie von jenem Schlag Mensch, der auf alles eine Antwort weiß und wenn nicht, sich das nie anmerken ließe? Haben Sie Kinder? Sitzen Sie in der Straßenbahn, in der U-Bahn und wünschen sich manchmal in eine schneebedeckte, antarktische Einsamkeit, weil alles zuviel ist, zu nah, zu unmittelbar, zu fordernd und vor allem: zu verwirrend?

Hält es Sie an einem anderen Platz als dem des von außen nach innen Schauenden, sei es vom Rand einer Gruppe in die Mitte oder neben sich stehend sich selbst beobachtend?

Wechseln Sie die Straßenseite, wenn Sie sonst an einer Gruppe fremder Menschen vorbeigehen müssten, die, sagen wir mal, in einem Schanigarten sitzen, in der Spätsommersonne, Sie aber einen plötzlichen Anfall von postpubertärer Schüchternheit haben? Kann es vorkommen, dass Sie auf der Schwelle eines Geschäftes umdrehen, weil drinnen sitzt ein ganz forsch blickender Mensch und will Sie bedienen, aber eigentlich will er es doch nicht, er will nur forsch sein und in seinem Laden sitzen und zeigen, wo die Grenze ist zwischen ihm und dem Rest der Welt, womit er Sie meint, mit dem Rest. Macht Ihnen das auch Angst?

Und: An Tagen, die nicht zum Reden gedacht sind, geht es Ihnen da auch so, dass sich das Gesagtwerdenwollende festkrallt – in den Lungenbläschen oder quer unterm Kehlkopf – und nur in schmerzvollen Splittern hochkommt, weil es keine Anlaufzeit gab, keine Vorwarnzeit beim Angesprochenwerden? Vergleichen Sie sich dann mit einem alten Diesel, der ohne Vorglühzeit kalt gestartet werden soll?

Versuchen Sie manchmal, eine Meinung zu artikulieren und hören sich dann beim Artikulieren so deutlich zu, dass Ihnen alles, was sie sagen, fremd vorkommt und es daher besser scheint, den Mund zu halten? Was Ihr Gegenüber sichtlich verstört, was wiederum Sie selbst noch mehr verstört und endgültig die Rede einfriert?

Denken Sie nicht auch oft, alles Irrsinn, was sich da von den Plakatwänden auf die Straßen schleimt (auf denen Sie permanent die Seite wechseln möchten, aber nicht tun, weil das wäre ja verrückt), oder aus den Postkästen, oder aus den Nachrichten? Wie ist das nun, haben Sie Kinder? Schon fertige, geplante, noch am Überlegen? Falls ja, verwirrt Sie das nicht noch mehr? Was, wenn Sie ihnen die Welt erklären sollen, oder Zuversicht geben, oder einfach nur manchmal eine flotte, eloquente Antwort auf eine kleine, harmlose, niedliche Frage?

Dabei ist man immer noch damit beschäftigt, Antworten auf die eigenen Fragen zu suchen, was heißt, die eigenen Fragen nach irgendeinem halbwegs vernünftigen System zu ordnen, um Überblick zu erhalten, was völlig ohne Aussicht ist. Ehrlich: Für mich war die Ahnung um diesen Lebenszustand Grund genug, mir kein Kind und, wichtiger, mich keinem Kind zuzumuten. Eigentlich.

Denn uneigentlich sitzt mein Sohn jetzt im Wohnzimmer auf der Couch, schaut mit einem hübschen Mädchen fern – das er nicht in sein Zimmer lassen kann, weil, genau, ganz schlimm. Und daher sitze ich in der Küche beim Tippen, und dass das alles so ist, ist auch eines dieser Rätsel, aber immerhin: Es scheint doch zu funktionieren.

Mach ja das Beste draus

Interessant. Laut Wikipedia ist der Urahn für den Begriff „Urlaub“ das alt- bzw. mittelhochdeutsche Wort für „Erlaubnis“. Die Ritter baten ihre Lehnsherren um „urloup“, wenn sie in eine Schlacht ziehen wollten. Ich vermeide, das U-Wort in Zusammenhang mit den vergangenen zwei Wochen in Verbindung zu bringen, weil wenn, dann war das eine Schlacht.

Linguistischer Boykott: Ich mag das U-Wort nicht. Es zwingt sich, nach Leichtigkeit zu klingen und nach Meer zu schmecken. Oder alpin. Dabei engt es qualitativ wertvolle Lebenszeit auf einen überschaubaren Zeitraum ein und wehe, du machst nicht das Beste draus. Kurz: Es stinkt vielleicht nicht, aber es müffelt.

Die letzten vierzehn Tage waren nicht schön. Obwohl. Wenn ich lustig wär, könnte ich was draus machen. Titel: Abenteuer-U-Wort. Dahinter ein leichtes Texterl, in das ich Bonmots über den plötzlichen Wettersturz hineinlächle. Gefolgt von flockigen Anmerkungen zur Freizeitgestaltung in der Kleinststadt bei Regenwetter. Und dann lachen wir gemeinsam herzlich über den missglückten DVD-Abend des in der Großstadt verbliebenen Nachwuchses. Missglückt im Sinne von: außer Kontrolle geraten. Wohnung überfüllt. Hausmeisterinnenalarm. Grad nicht Polizei, weil Nachwuchs an sich so nett. Auch das verstopfte Klo bietet Unterhaltung, vor allem, wenn erst nach 24 Stunden alles wieder wie vorgesehen fließt.

So betrachtet und beschrieben klingt das lustig. Und Wochen später kann man darüber lachen, mag sein. Aber jetzt. Sehne mich nach Stille wie schon lange nicht mehr. Nicht nur nach Stille, sondern danach, wie sich die anfühlt. Wie porzellanweißes, kühles Nichts.

Das normalste in letzter Zeit war wahrscheinlich wirklich das Spontanfest ein paar völlig übergeschnappter Jugendlicher in meiner Wohnung und der Regen, der begonnen hat, als wir im Leihwagen gen Westen zogen, der Kurde und ich, als das Handy vom Kurden läutete und ein Freund dran war und sich Beklemmung breitmachte, und dann war alles so eigenartig stimmig. Die Wolken zogen auf, der Sommer vorbei, der Kurde schwieg. Jemand war tot, einer, den wir beide mochten, ich erst kurz und der Kurde schon sehr lang. Hat sich aus dem Leben gebracht.

Vor lauter Grübeln, warum er das getan hat, drängten wir die Trauer zur Tür hinaus. Wir dachten nach, forschten nach Hinweisen, nach Signalen, die wir übersehen haben könnten, erlebten ihn noch einmal und – ich vor allem – immer nur als den, der so, wie er hieß, nicht war. Weil er nur strahlte. Die ganze Zeit.

Vorhin habe ich die letzten äußeren Spuren der Verwüstung beseitigt. (Der Wecker war am Regal angeklebt.) Die Wohnung sieht aus wie vorher, sie riecht auch wie vor dem Fest. Sauber. Aber dann pocht es in diese ruhige Ordnung an die Tür und die Trauer will wissen, ob ich soweit bin – und ich komm‘ mir falsch vor, als ob nur diejenigen trauern dürften, die ihm wirklich nahe waren, dabei ist alles so übermächtig und so kummervoll, so übervoll mit Kummer in diesem porzellanweißen, kühlen Nichts.

Und man sitzt da, die Hände im Schoß, starrt in die Leere und nimmt Abschied, so gut man kann.

Am besten gar nicht

Es regnet, und der Kurde meint, ich solle nicht laufen gehen. Aber, sage ich, früher, da bin ich bei jedem Wetter gelaufen. Je wilder, je lieber. Schneetreiben in Kombination mit leichtem Nebel bei Dunkelheit. Sich in den Gegenwind werfen, nix mehr sehen, weil der Regen schräg von vorne auf die Brille klatscht. Kurz, bevor die Muskeln das Handtuch werfen, noch einen Zwischensprint hinlegen und fertig – so fertig! – aber glücklich …

Schon gut, meint der Kurde. Das war früher. Da warst du jung. Jetzt bist du alt. Du wirst dich nur verkühlen.

Ich will aber raus. Ich muss. Johnny kommt gleich heim. Der Kurde seufzt und beugt sich wieder über das Notebook. Verstehe. Diese Haltung kenne ich. Das ist die architektonische „Ich schau‘ mir nur schnell den Plan an“-Starre. Dauert zwischen zwei und sieben Stunden. Also keine Hilfe von seiner Seite.

Verzagt greife ich an mein Handgelenk. Dort trage ich ein schlichtes Lederarmband, das mich daran erinnert, die Klappe zu halten: Johnny und ich befinden uns mitten in einem Experiment. Er weiß allerdings nichts davon. Wenn es klappt, schreibe ich einen Erziehungsratgeber und werde reich.

Der Plan ist, Johnny mittels paradoxer Intervention zu manipulieren. Die Versuchsreihe begann am ersten und endet am einunddreißigsten August. Eines der Ziele: Johnny entrümpelt sein Zimmer, ohne von mir auch nur ein einziges Mal dazu aufgefordert zu werden. (Der Weg in sein Reich ist eine Einbahnstraße. Was einmal die Türschwelle passiert hat, hat Ausreiseverbot wie weiland die Bürger der DDR.)

Wahrscheinlich ist der Junge immun geworden gegen meine verbalen Interventionen. Egal was ich sage, er hat es schon so oft gehört, dass das Gesagte im Strom der üblichen Alltagsgeräusche verblasst. Seine Hörnerven müssen wieder für meine Stimmfrequenz sensibilisiert werden – und das geht am besten mit totaler Abstinenz. Abgesehen von ein paar netten Worten, ab und an.

Also kein Nörgeln, Herumzupfen, Einfordern und Jammern. Nebenbei: Johnny ist im Juli siebzehn geworden. Jetzt brauche ich Ihnen aber nicht erzählen, was man zu Menschen in seiner Entwicklungsstufe erziehungsmäßig alles sagen kann, oder? Erinnern Sie sich einfach.

Ich fühle mich wie in Dantes Inferno geschleudert: Soviel sehen und nichts sagen dürfen. Die Worte wollen ja trotzdem raus. Kennen Sie den Kaprun-Staudamm? Genau. Siebzehn Jahre lang liebe Gewohnheit: Musst du, willst du, machst du, brauchst du – das vergeht einem nicht von heute auf morgen. Das ist wie ein kalter Entzug.

Ui. Jetzt kommt er. Ich hör ihn schon. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich liebe meinen Sohn. Er ist großartig. Aber: Ich. Muss. Da. Raus. Und zwar bevor ich platze.

Ich schau aus dem Fenster. Es regnet in Strömen. Ich werde mir den Tod holen. Der Kurde sitzt immer noch unbewegt. Johnnys Schlüssel dreht sich im Türschloss. Meine Nackenhaare sträuben sich ein bisschen. Von wegen alt. Schmecks! Ich schlüpfe in die Laufschuhe. Mein Leben für die Wissenschaft.

So richtig wichtig ist es nicht

Was machen Sie, wenn Ihrem Schlüssel ein vor das Schlüsselloch geklebter Zettel den Weg versperrt? Genauer: Sie wollen nicht rein, sondern raus, ins Freie. Sommer. Freunde treffen. Asphalthitze. Mädels! (Oder Jungs, je nachdem.)

Sie würden sich zumindest wundern. Eventuell sogar den Zettel, auf dem offensichtlich etwas steht, nehmen und lesen. Worauf Sie in die Küche gehen. Den Topf mit der Fleischsauce für die Spaghetti sehen. Den Kühlschrank öffnen. Den Topf hineinstellen. Tür zu, ab durch die Mitte. Die Aktion hätten Sie innerhalb einer Minute erledigt. Oder? Eben.

Das Blöde ist, dass Kinder essen müssen. Auch die Halbwüchsigen. Also stellt man sich (zumindest ab und an) in die Küche, um halb sieben Uhr in der Früh, packt das Faschierte aus und kombiniert es mit Hitze und Fertiggewürz. Während die Nudeln kochen, duscht man sich den Geruch vom Leib und hupft ins G’wand. Weil man muss in die Arbeit. Derzeit ist die Wohnung aber ziemlich temperiert, sommertechnisch. Der Topf sollte also eher früher als später ins Kühle.

Überleg, überleg. Den 17-Jährigen kurz aufwecken und instruieren? Die Erfahrung lehrte: Ganz schlechte Idee. Ich weiß nicht, welche Hormone gerade um die Vorherrschaft in seinem Universum rittern, aber dass sie ihn schwerhörig machen, weiß ich genau. In Kombination mit Tiefschlaf grenzt das an Taubheit. Wir lassen den Knaben schlafen und beschließen als einzig unfehlbare Strategie Barrieren zu bauen: Zettel vor Schlüsselloch. Knapp formulierte Bitte drauf malen. Soviel Logik kann nicht fehlschlagen.

Kann sie doch.

Auf die Frage (mittlerweile hat es die Fleischsauce seit gut sieben Stunden schön warm), ob er den Zettel denn nicht gesehen hat – was eigentlich unmöglich sein kann: O ja, da war was. Und was? Ein Zettel. Und was stand da drauf? Irgendwas von einem Sugo. Du hast Sugo gemacht, stimmt’s?

Das Leben mit einem fast ganz Erwachsenen ist spannend. Auch wenn der eh nie da ist, sondern in einer Parallelwelt unterwegs. Ist ja auch ganz angenehm. Man hat die Wohnung für sich, kann bei der Hitze alle Türen und Fenster offen- sowie die Kleidung bis zur Schamgrenze weglassen und sich ungeniert der Körperpflege widmen. Um sich beispielsweise leicht bekleidet nach der Schütt-Methode die Zehennägel zu lackieren (großflächig Nagellack verteilen, Überschuss mit Wattestäbchen und Nagellackentferner eliminieren).

Meine Zehen streben zum Teil übereinander und müssen während der Trocknungsphase abgelenkt werden. Dabei ist man wie die Giraffe beim Trinken kurz fluchtunfähig. Logisch, dass just in dieser heiklen Phase der Knabe heimkommt, mit einem ganzen Geschwader von Freunden, eh nur kurz, weil er was braucht, und – ebenfalls logisch – steht er mit der ganzen Partie im Wohnzimmer.

Die momentane Peinlichkeit, die sich zu uns gesellt, bemerkt der Knabe genauso wenig wie den Zettel vor dem Schlüsselloch. In Wahrheit ist er mit seinen Konsorten schon wieder so gut wie draußen: Sommer, Sonne, Asphalthitze, Mädels!

Zurück bleiben ich und ein paar panisch zusammengeklebte Zehen.

Ich wasch mir das Zeug ab. Und fühl mich nicht nur ein bisserl überrumpelt, sondern auch ein wenig, als wäre ich alles, was meinen Spross vom Erwachsenwerden trennt – wie so ein Zettel vor dem Schlüsselloch, so eine kleine Barriere auf dem Weg ins Freie, mit irgendeiner Botschaft. Nicht ganz so wichtig halt.

Ich mutiere

15/06/2006

Die Zeichen sind so subtil wie unübersehbar

Die Zeichen sind subtil. Nein, ganz falsch. Die Zeichen sind Zaunpfähle, mit denen mir das Schicksal winkt. Sie sagen: Auch du wirst eine nervige Mutter sein. Eine, gegen die sich Jungmänner und -weiber nur mit wohlwollender Geringschätzung und lächerlichen Geschenken wehren können.

Du nörgelst ständig, meint Johnny, und ich entgegne: Ach was, ich weise dich einfach auf etwas hin. Johnny: Stimmt, und das nervt.

Er mache das schon irgendwie, aber das „Irgendwie“ ist mir zu ungenau. Der ganze Knabe ist ja eine einzige Ungenauigkeit auf zwei Beinen. Wie dieses Wesen funktioniert, aus welchen Komponenten es sich zusammensetzt und wo sich der Schutzschalter für Notfälle verbirgt, wird mir mehr und mehr zum Rätsel.

Ist das die „zweite Entbindung“? Erst trennt sich ein Körper vom anderen, dann die Seele? Wie auch immer, da hat sich was verschoben, irgendeine Achse im Zeit-Raum-Kontinuum – und jetzt ist mir seine Welt nicht mehr so leicht zugänglich wie bisher. Was macht die irritierte Mutter? Sie verkrampft sich, um den Anschluss nicht zu verlieren. Heraus kommen sinnlose Konversationen, die eher an Polizeiverhöre erinnern und die Suche nach Spuren von Restlogik in Johnnys Verhalten. Dabei ist die Logik eines Jungmutanten eine völlig andere.

Frage ich ihn etwas, sieht er mich oft völlig entgeistert an. So, als müsste er die Antwort aus den Tiefen des Universums hervortauchen und durch ein transplanetarisches Übersetzungsmodul jagen, bevor er sie in den Mund nehmen kann. Und dazu, so deute ich die Geste, hat er wenig Lust.

Ich habe allerdings wenig Lust darauf, durch Johnnys freie Interpretation von Ordnung ständig an meine diesbezüglichen Entwicklungsjahre erinnert zu werden. Die schmerzlich genug waren. Denn meine Eltern hatten zwar meine Geschwister mit Ordnungssinn und Sparsamkeit ausgestattet. Für mich, der Jüngsten, war jedoch nichts übrig geblieben.

So verlief die Demarkationslinie im Zimmer meiner Schwester und mir quer durch den Raum. Ihre Hälfte zusammengeräumt, meine chaotisch. Das setzte sich überall fort, sogar im Zweimädlszelt auf unserer Campingreise: Beim Aufwachen war neben mir bereits besenrein leergefegt, und meine Schwester schmierte draußen Frühstücksbrote.

Alle Strategien zur ungefähren Aufrechterhaltung einer gewissen Ordnung habe ich mir mühsam selbst erarbeitet, statt zum Beispiel auf den Erfahrungsschatz meiner Mutter zurückzugreifen. Ich sah sie wohl sprechen, sah interessiert, wie sich ihr Mund bewegte, allein: Ich hörte sie nicht. Ihre Ratschläge waberten wie künstlich verzerrte Tonsignale am Rand meiner Wahrnehmung. Eine für Teenager geniale Filterfunktion, aber wie es sich am anderen Ende der Schallwelle anfühlt, weiß ich erst jetzt. Grauslich.

Wie gesagt, ich mutiere. Allerdings, allerdings. Wenn der Prozess abgeschlossen ist, trage ich Strickjäckchen, eine schicke Kurzhaarfrisur mit roten Strähnchen, bestelle im Shoppingkanal Hosen mit praktischem Gummibund und freu mich über Besuche im Wiener Tiergarten.

Wenn schon, dann richtig. Guten Abend.