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Die andern sind uns egal

Als Studierende an der Sozialakademie wurde mir einmal gesagt: „Karin, wenn du eine Seminararbeit präsentierst, erklärst du dir die Welt – und wir anderen sind zufällig auch dabei.“ Damals lernte ich einiges über das Lernen an sich. Dass es verschiedene Lerntypen gibt und welcher davon auf mich zutrifft, und dass ich Zusammenhänge erst dann begreife, wenn ich sie mir selbst erkläre. Reichlich spät mit 25, nach einer Schulkarriere, die mehr Tiefen, als Höhen hatte und einige Entscheidungsprüfungen zwischen Nicht- und dann halt doch noch Genügend.

Dazu ein paar Betragensnoten jenseits des „Sehr gut“. Was soll’s. Matura wollte ich haben, als Dramaturgin habe ich mich geträumt, als Sozialarbeiterin bin ich aufgewacht, und allein der Weg von einem zum anderen ist ein kleiner Roman.

Aber darum geht’s nicht. Sondern um meine tiefe Überzeugung, dass das österreichische Schulsystem, so wie es ist, nicht genügt. Weil dieses System ein Kind jahrelang in dem Glauben lassen kann, es sei „schlecht“ und „faul“, statt ihm die richtigen Lernmethoden zu vermitteln. Weil dieses System Menschen klassifiziert, nicht nur in Hauptschüler und Gymnasiasten, sondern sogar innerhalb der Hauptschule noch Platz ist für erste, zweite und dritte Leistungsgruppe, und weil das keine Förderung bedeutet, sondern eine Abstufung. Die guten ins Töpfchen. Und die „nicht guten“? Ich habe mit Jugendlichen gearbeitet, die sich am Ende dieser Lernkette gerade noch festhalten konnten, keine Aussicht auf eine Lehrstelle, nix, keine Chance. Und es war keine Frage von mangelnder Intelligenz.

Ein Lehrer verweigerte ein gemeinsames Gespräch mit einem seiner Schüler und mir mit den Worten: „Sie können gern mit ihm reden. Aber wenn ich ihn seh‘, muss ich kotzen.“ Und das, um die üblichen Argumente vorwegzunehmen, an einer nicht übervollen Schule, mit wenig Migrantenkindern und mitten am Land. Keine heile Welt da draußen. Noch dazu bin ich selbst Mutter, mein Sohn ähnelt mir, sieht aus dem Fenster, eine Schneeflocke, taumelt mit ihr durch die Luft, während vorne der Lehrstoff gepredigt wird.

Noch heute geht es mir so: Stehen einem Vortragenden Nasenhaare aus dem Nasenloch oder die Heizung summt oder draußen schüttelt ein Baum im Wind seine Äste, geht oft nix rein von den Worten, nur die Bilder bleiben picken. Ja Herrschaftszeiten, bedeutet das denn, dass man dämlich ist? Oder nicht eher, dass man sich den Stoff bildhaft erarbeiten muss, sich eine Galerie im Hirn aufbauen soll statt einer Wortliste?

Oft fehlt einfach das Geld für Alternativen. Alleinerziehend, wie ich war, bin ich mit meinem Sohn nach Wien gezogen, nicht nur, aber doch wegen der Auswahl jenseits von Hauptschulen und Frontalunterricht. Aber die richtigen Alternativen, die Schulen mit mehr Platz für Individualität, dort, wo man nachfragen kann und forschen kann und lernen kann, wie man zu lernen hat – diese Schulen konnte ich mir nicht leisten. Jetzt überlegen Sie mal: Ich war zwar allein mit meinem Sohn, verdiente aber doch durch den neuen Job in der sich gerade aufblähenden Internetblase relativ gut. Trotzdem: Die spannenden Schulen waren nicht drin.

Natürlich gibt es auch gute Regelschulen, keine Frage, aber die müssen Sie erst mal finden. Im Prospekt steht vielleicht: Kooperative Mittelschule mit kreativem Schwerpunkt. Die Direktorin schwärmt von der doppelten Lehrbesetzung in den Hauptfächern – damit „kein Kind verloren geht“. Und dann stellt sich heraus, dass sich die Kreativität auf Seidenmalen im Schulkeller beschränkt, und die Mathelehrerin die verbockten Schularbeiten der 2a hämisch in „ihrer“ Klasse, der 2b, präsentiert. Während die andere Mathelehrerin erklärt: Sie unterrichte dieses Fach, weil man zur Korrektur von Deutschschularbeiten viel zu lange braucht. Winke, winke.

Zurück zum Geld: Ich konnte mir wenigstens Nachhilfeunterricht für meinen Sohn leisten, um die Defizite des Unterrichts auszugleichen. Denn ist die Schule nicht eine Dienstleistung mit dem klarem Auftrag und Ziel der Wissensvermittlung? Wie erklärt sich dann die hohe Zahl von Wiederholungsprüfungen und Nachsitzern, wodurch rechtfertigen sich die unglaublich hohen privaten Ausgaben in Sachen Nachhilfe? Der massive wirtschaftliche Erfolg der diversen Lerninstitute sollte der Bildungspolitik die Schamesröte ins Gesicht treiben. Stattdessen behauptet die nach wie vor: Wir sind so super.

Ja, eh. Und Diskussionsverweigerung zeugt von sozialer Kompetenz. Worum geht’s da eigentlich?

Mord im Gesicht

15/10/2007

Wut für ein ganzes Leben

Wenn ich jetzt beginne mit dieser Geschichte von der kalten Wut, die mich am Sonntag packte und bis heute immer wieder packt, obwohl schon spürbar schwächer, aber immerhin, wenn ich das jetzt beginne zu erzählen, dann könnte ich harmlos anfangen, den Text stricken mit dicken Nadeln und dickem Faden, ein weiches Vlies mit etwas Grauslichem in der Mitte. Aber das wäre schwach und falsch und gelogen obendrein.

Denn das Ganze entspricht vielmehr einem dünnen Stück Draht, das in die Finger sticht beim Versuch, es zurechtzubiegen zu einem Zusammenhang, das sich entwindet und störrisch ist und nicht anschmiegen will, sondern im Gegenteil einen eigenen Weg sucht und immer noch und immer weiter noch weh tut in der Brust und im Bauch, und es ist, als hätte man Mord im Gesicht, was das auch heißen mag. Aber es stimmt.

Am Sonntag war alles ganz friedlich, die Stadt, die Frau, die Wohnung, in der sie sich allein aufhielt. Sie tändelte hier ein wenig und dort ein wenig, spülte einen Teller ab, nahm ein Buch zur Hand, aß eine Kleinigkeit und setzte sich hin, um Zeitung zu lesen. Plötzlich war ihr, als bohrte sich etwas mitten durch die Bauchdecke nach außen, etwas Böses, Grausames, und alles nur, weil sie eine kurze Notiz gelesen hatte, die lang genug war, um Mauern einzureißen.

Solche nämlich, die vor mehr als zehn Jahren hochgezogen worden waren rund um einen tiefen Graben, damit niemand hineinfallen möge, damit sich niemand schneide an den scharfen Kanten, vor allem sie selbst natürlich sollte sich nicht mehr daran verletzen, all die Jahre war dem auch so – die Schlucht im Inneren war wahrgenommen worden wie eine Unebenheit, eine Irritation im Fühlen, aber nicht mehr.

Obwohl, damals, als das geschah, was die Mauern nötig machte, kam immer wieder die Frage nach der Wut, wo die bleibe, und dass es nicht natürlich sei, nur zu trauern, statt grüngallig wütend zu werden und zu brüllen und zu spucken – und die Frau spürte dann auch nach und suchte in sich nach dieser Wut, fand nur Trauer und zuckte mit den Schultern: Da ist nichts.

Oh ja, da war etwas gewesen, gut verborgen hinter den hastig errichteten Wänden, die jetzt eingebrochen waren, da war genug Wut für ein ganzes Leben, so schien es, und diese Wut kroch nicht hervor zwischen den Trümmern am Grabenrand, sie quoll über wie ein Topf Milch, den man auf dem Herd vergessen hat. Sie bahnte sich nicht sorgsam einen Weg ins Freie, um dort zu versiegen, es war mehr eine Eruption, die das ganze Wesen in Brand setzt, und die Frau wollte morden in dem Moment oder einem Toten mit dicken Stiefeln noch in die Brust treten und stampfen, sie wollte Arme haben wie riesige Schaufeln und mit ihnen, über die Stadt erhoben, die Häuser und Türme einreißen und die Hügel, und sich dabei die Lunge aus dem Leib schreien, brüllen und wüten und zerstören, damit der Schmerz aufhört, der mit der Wut wieder hochgekommen war aus seinem Winterschlaf.

Zurück wollte sie, zurück in diese Zeit, wohin die Wut gehörte, aber tausend Arme hielten sie fest in der Gegenwart, wie man jemanden festhält bei einer Schlägerei, damit er den anderen nicht umbringe in seinem Jähzorn, und sie wand sich in diesen Armen und kam nicht frei und verzweifelte daran, denn hätte sie gekonnt, sie wäre zurückgestürmt und hätte gezielt Schläge verteilt, hätte gezielt sich gerächt für das erlittene Unrecht, für das Übermaß an fast nicht zu ertragendem Leid.

Fast nicht zu ertragen, so war das damals gewesen. Die Frau erinnerte sich daran, sah sich wieder im alten Badezimmer, vor dem Spiegel, gekrümmt, weil der Schmerz sie nicht mehr gerade stehen ließ, mit dem Wissen, dass es jetzt aufhören müsse, weil sonst würde man das nicht schaffen, und weil man ein Kind hat, muss man es schaffen, und weil man diesem Bösen nicht die Oberhand lassen will, muss man es schaffen, und zwar jetzt, auf der Stelle, gleich – und so hörte es auf. Hörte auf zu pochen und zu zerren und verschwand in diesem Graben. Bestenfalls ein stumpfes Dröhnen ab und zu, aber nicht mehr.

Gut. Jahre später kommt alles wieder, kommt alles raus. Immer noch in kleineren Schüben, aber genauso intensiv. Ob es reicht, über die Wut selbst zu schreiben, weiß ich nicht. Über ihre Ursache kann ich nicht schreiben, damit würde Raum geschafft werden für etwas, dem ich keinen Raum mehr geben will. Ich bin mir auch nicht sicher, ob das hier der rechte Platz für diese Wut ist, in dieser Alltagsrubrik, aber ich meine: Diese Wut rinnt die Hausmauern runter, tropft von den Bäumen, klebt an den Mistkübeln der Stadt. Sie ist viel alltäglicher, als man glaubt.

Mein Ramadan light

30/09/2007

Weniger will ich werden

 Man geht so in den Tag hinein. „Ganz junge Blüte“, schrieb ich gestern, „hauchzart, mit golden, pfirsichfarbenen Blütenblättern“. Später, schrieb ich weiter, komme das Getrampel. Und dass man so lange an der Nacht herumschaben möchte, „bis der Tag durchschimmert an den wundgeschabten Stellen“.

Dann hörte ich auf mit Schreiben, weil die zehn Minuten vorbei waren und zehn Minuten ohne Denken schreiben pro Tag reicht. Die Finger ständig auf der Tastatur, ob die Nase juckt oder der Schwachsinn, der den Bildschirm sprenkelt, schon weh tut, die Finger, bitteschön, stapfen wie kleine Esel über eine Schotterpiste. Schicht für Schicht den Müllberg im Kopf abtragen. In Säcke packen. Vor die Tür stellen. Jeden Tag einen. Dabei im Pyjama, gewaschen und zahngeputzt sein und gleich ins Bett fallen, traumlos schlafen.

Gestern schrieb ich dann auch noch, dass wieder einmal „der Mond durchs Bild wandert“ (das macht er recht oft), und, dass ich früh aufstehen müsse, frühstücken möchte und mir gut überlegen, was ich anzieh‘. Und was ich sag‘. Dann „mit der Bim in die Arbeit fahren.“ Weiter überlegen, wegen der Kolumne, „aber ich könnte auch über Träume schreiben, in denen Berührungen da sind, oder über die geträumten Begegnungen und warum Gesichter so leicht verschwinden.“

Das ergibt alles wenig Sinn, aber anders betrachtet, doch. Mein Kollege fastet, weil Ramadan ist. Ich faste ein bisschen mit, nenne das „Ramadan light“, und das ist natürlich Blödsinn. Vom ruhigen Glauben meines Kollegenfreundes bin ich so weit entfernt, wie. Ja, wie. Wenn ich mir überlege, wo sich überall Seele versteckt. (Überall, schrieb Ringelnatz, ist Wunderland, überall ist Leben.) Egal, ich faste also mit ihm, auf meine Art, und habe das auch schon beim letzten Ramadan so gehalten. Das hat auch was mit Essen zu tun, mit Gewürzkräutertee statt Kaffee, mit Tofuzeugs statt Käsebrot. Weniger will ich werden, auch wenn, von außen betrachtet, die Frau eh nicht gerade viel ist und isst, aber von innen, meine Herren, da schaut’s halt anders aus.

Von innen betrachtet kann man fett sein, kugelrund und behäbig, übersatt, und das ist der Punkt. Das Übersatte, das legt sich aufs Denken und auf den Blick, das Übersatte macht langsam und wunschlos unglücklich, falsch genügsam. Und da das eine das andere beeinflusst mit der Zeit, muss der eine Hunger zum anderen führen, ich meine: Das, was wir unter Hunger verstehen und eigentlich nur Lust auf Essen ist, das sollte nicht verwechselt werden mit dem echten Hunger, mit dem wirklich nix zum Fressen haben und stumpf werden und tot werden und aus.

Also, bevor ich mich verzettle, dieses kleine bisschen Hunger im Bauch führt, bestenfalls, zu einem kleinen bisschen Hunger im Kopf, und mit dem einen oder anderen Kilo Körperfett geht, hofft man, vielleicht auch das eine oder andere Kilo Denklast weg, die Schwere im Gemüt.

Ruhig möchte man sein, oder. Zumindest ein paar Wochen im Jahr. Ruhig in einem leeren Raum. Bin ich allein zu Hause, ist es jetzt fast ganz still. Kein Fernsehen. Kein Radio. Bin ich unterwegs, dann lausche ich. Keine Musik im Ohr. Nur diese paar Wochen. Das zwingt hineinzuhören und das Bild hat schon auch was für sich, dass das Denken eine Herde von wilden Tierchen ist, die, wenn man sie beobachtet, scheu verschwindet, und erst mit der Zeit, wenn man sich ruhig verhält und jähe Bewegungen vermeidet, sich wieder in die Nähe wagt.

Also verhalte ich mich ruhig, so gut es geht. Vielleicht wagt sich wieder etwas in die Nähe. Mag sein, dass ich mich täusche, mag sein, dass das alles ein Irrtum ist, aber eines sage ich Ihnen, die paar Wochen, die sind schon in Ordnung so. Und dass draußen der Tag durchschimmert, ist auch in Ordnung, weil ich hungrig bin und frühstücken werde, und später mit der Bim in die Arbeit fahre, mich in den geträumten Begegnungen verliere, und das Getrampel, keine Sorge, das kommt ohnehin von selbst. „Ganz junge Blüte“, von wegen.

Tag weg, Nacht da

Diesen Text wollte ich gestern Nacht schreiben, viel zu spät, aber na ja. Am Abend kam das Mail, ob ich was vorbereitet hätte für heute, weil, da gebe es einen Rhythmus, demnach wäre ich an der Reihe. Ich hatte nicht. Jener besagte Rhythmus war mir etwas entglitten. Ich, forsch, schrieb zurück: Kein Problem. Um dann – innen wie außen – auf Themensuche zu gehen. Zugeworfen wurde mir zum Beispiel: Schreib über die Barrieren im Kopf. Interessant, da lässt sich was draus machen.

Dachte ich. Nach Hause kam ich spät abends. Gleich schreiben ging nicht, erst duschen, Tee trinken und den ganzen Schmonzes erledigen, den so ein Abend nach sich zieht. Also noch ein wenig blöd vor dem Fernseher hocken, das Gehirn ausleeren. Tag weg, Nacht da, normalerweise geht das dann mit dem Schreiben. Normalerweise hat sich bis dahin aber eine Idee im Kopf festgebissen und will geschrieben werden. Gestern war dem nicht so.

Das Thema Barriere im Kopf war selbstredend. Ging nicht.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht und vor dem Computer. Bei den Nachbarn Freunde zu Besuch. Bei mir: Mein Sohn zu Besuch. Ich mein, er wohnt eh noch bei mir, aber eben überwiegend in seinem Zimmer. Ab und zu hat er so was wie ein Mitteilungsbedürfnis, und das meistens, wenn ich schlafen soll, schreiben will oder pinkeln muss. Das mag jetzt für einige ein Déjà vu sein, denn das hatten wir an dieser Stelle auch schon: Ich dreh mich vom Computer weg, leg die Beine hoch und lausche.

Um halb eins waren wir durch. Sofern man den seelischen Marianengraben eines 18-jährigen Wesens in einer guten Stunde durchtauchen kann. Das Schwierige ist: Man erinnert sich wohl an diese Zeit. Aus weiblicher Sicht. In das männliche Pendant kann man sich da auch nur einfühlen und sich bestenfalls einen Partner suchen, der ein wenig aufwiegt, was der Kindsvater nicht leisten konnte. Kindsvater. Klingt bös, ist aber nicht so gemeint. Der meines Sohnes ist schon o.K., nur halt in vielerlei Hinsicht ein bisserl weit weg.

Übrigens ist es großartig, mit 40 ein fast erwachsenes Kind zu haben. Man befindet sich quasi gemeinsam auf der Suche, ist aber schon ein Stück weniger verzweifelt. Zurück zum Text: Wir sitzen also, reden, über die Liebe diesmal und über Beziehungen und warum das manchmal so lange braucht, bis es was wird, wie Frauen ticken in dem Alter (weiß ich das? war ich so?) und überhaupt. Bis er gähnt, aufsteht und sich wieder in die Höhle trollt. Vorher die Frage: Musst du noch was schreiben? Ich: Ja, eine Kolumne für morgen. Er: Worüber? Ich: Keine Ahnung.

Worauf sich die Schleuse öffnet und sich eine Themenflut über mich ergießt. Schreib über dies und das und jenes. Über 9/11, den Papst, über was Blödes, über was G’scheites. Fein. Mein Sohn geht schlafen, leer geredet, und ich sitz‘ da. Vorher konnte ich nicht schreiben, weil mir nicht einfiel, worüber. Jetzt kann ich die Tür nicht aufmachen, weil ich keine Hand freihab.

Revolte. Ohne die Zähne zu putzen, ohne die Haare zu bürsten, sogar ohne aus dem Fleecepulli zu schlüpfen, geh ich ins Bett. Den Wecker auf halb fünf, sechs und acht gestellt. In der Nacht träume ich wirr, von zwei Texten, die ineinander wachsen, organisch sind, ganz eigenartig. Ich wache öfter auf, als mir der Wecker vorschlägt, das erste Mal um drei Uhr. Um half fünf rast mein aus dem Schlaf gerissenes Herz, um sieben liege ich schließlich in einer Art Halbtrance wach und hoffe, bald mehr als die Augen bewegen zu können.

Na ja, und jetzt: Haben wir immerhin die Nacht miteinander verbracht. Sitzen da (ich zumindest), bei Butterbrot und Gewürzkräutertee, noch ungewaschen, struppig, mit Restschlaf im Gemüt und der Zuversicht, dass sich die zu ehernen Feuerschutztüren ausgewachsenen Barrieren im Kopf beizeiten öffnen werden. Und der gestörte Rhythmus kommt auch wieder ins Lot.

(Cliffhanger: Beim nächsten Mal erzähle ich Ihnen vielleicht davon, wie es ist, einen Freund und Kollegen durch den Ramadan zu begleiten. Eine Art Ramadan light für Nichtmuslime. Stichwort: Gewürzkräutertee. Nicht unspannend.)

(Text aus der zwischen 2005 und 2010 für oe1.ORF.at verfassten Reihe von Alltags-Kolumnen.)

Ein pralles Weib möchte ich sein, innen wie außen, mit allem, was dazugehört. Wogende Brüste, dicke Locken und ein fettes Lachen. Eine Stimme, die Raum schafft, kubikmeterweise Raum, eine Stimme quasi, die Lufthoheit beansprucht und bekommt, ohne Diskussion. Hornhaut auf den Fußsohlen vom Barfuß gehen, und Ränder unter den Fingernägeln, weil ich einen Garten hätte, mit Brennnesseln, Unkraut, Basilikum und Zitronenmelisse, mit Bienen, Käfern, Ameisen und Regenwürmern, mit alten Bäumen, Himbeersträuchern und einem Feigenbaum mit großen Blättern, unter denen die Kinder spielen, weil, dann wär’s nicht bei dem einen geblieben.

Es wär‘ eine Schar kleiner Dreckspatzen, die nackert in die Pfützen hupfen und aus Schlamm Burgen bauen, am Abend, wenn ich mit meinem Mann und Freunden noch am Gartentisch sitze, bis spät in die laue Nacht, und während wir reden oder nix reden und über den Mond staunen, bauen die G’schrappen aus all dem Zeug, das sie im Garten finden, ein Nest für den Hund, der wedelnd daneben steht und sich nicht reinlegen will, ins Nest, der dumme Köter.

Dann, wenn alle gähnen, wenn sich die Freunde fröstelnd die Bäuche gerieben haben und heimgegangen sind (wir haben ihren Schritten und Stimmen hinterher gelauscht), dann wird’s Zeit zum Schlafengehen. Wir sammeln die Kinder ein, die mit ihren Dreck verschmierten Goscherln schlaftrunken durch den Garten taumeln, und tupfen sie hemdsärmelig mit spitzen Fingern in die Badewanne, eins nach dem andern. Großes Geplärre.

Großes Gekuschle. Bis alle schlafen. Der Tau zieht über die Wiese, der Mond über das Haus, irgendwo rührt sich schon ein Vogel im Gebüsch. Der meine greift nach mir und findet mich nicht gleich, weil ich noch am Fenster stehe, so als pralle Frau, mit breiten Hüften und einem runden Hintern und runden Schultern, und alles wär weich an mir, der Körper, das Wesen und das Denken. Vor allem das Denken. Weich und ausufernd.

Wär‘ ich so eine, dann würde ich in allen Teichen schwimmen, im kühlen, grünen Wasser, zwischen Insekten und Seerosenblättern, am Morgen schon. Ohne was an. Ich würde meinen Kaffee aus einem großen Häferl trinken und mit viel Milch, dazu den Kindern Brote schmieren mit Pflaumenmarmelade und es wär mir ganz egal, ob eine Fliege auf der Butter landet. Landet sie eben.

Die Kinder würden mich liebhaben und an meinem Busen kuscheln, oder mir atemlose Geschichten erzählen, von dem, der dann und dann hat der und dann hat die und weißt du? Dabei würden sie auf meinem Schoß sitzen und mit ihren kleinen Fingern an den Knöpfen meiner Bluse nesteln, so als würden sie der Bluse die Geschichte erzählen, und sie hätten keine Angst vor Wespen, Katzen, Ziegen und Kühen.

Wir würden gemeinsam Schnecken retten, Spitzwegerich sammeln und nach einem Gewitterregen ohne Schuhe auf die Straße laufen, nur um zu sagen: Oh, wie das riecht, riech mal!

Das alles, wenn ich’s wär.

Gott riecht nach Weihrauch

Ein Kreuz liegt vor mir, geschnitzt von Menschen im Heiligen Land, aus dem Holz des Olivenbaums, ein Zeichen der Hoffnung sei es, schreibt Christoph Kardinal Schönborn, und wendet sich dabei an meinen Sohn. Lieber junger Christ. Ein Begleiter auf Ihrem Lebensweg sei das Kreuz, steht in dem Brief, mit blau eingedruckter Unterschrift, die suggeriert: Hier hat wer selbst unterschrieben, so gut wie. Nicht ganz. Die Absicht zählt.

Du sollst nicht lügen, fällt mir zum blau Eingedruckten ein, aber ist das Lüge? Eher die gängige Methode. Die Diözese ist groß, jeden Brief selbst zu unterschreiben unmöglich, auch für einen Diener Gottes. Mein Sohn wollte weder Brief noch Kreuz, beides liegt auf meinem Schreibtisch, beides ungewollt und modern, mit angetäuschter Unterschrift das eine, das andere noch im Zellophansackerl, a „Gift From The Holy Land“, ein T-förmiges Ding, ohne den geknechteten, geschundenen Körper des gestorbenen Jesus, der mich seinerseits vom Briefkopf her ansieht, arrogant und fern.

Ich höre fast auf zu atmen, so gewaltig drückt es auf der Seele. Vor drei Tagen saß ich in der Kirche, eingeladen zur Hochzeit von gläubigen Freunden, hoch über uns wölbte sich ein steinerner Himmel. An den Wänden krochen pausbackige Putten aus allen Winkeln, Blattgold und schwarzes Ebenholz, Schnörkel und hüfthohe Statuen von Heiligen und Marien und Mönchen, ein haushoher Altar, unerreichbar. Gott ist nicht nah, sprach es aus den Steinen und Mauern und Geräuschen, und Du bist nicht würdig, einzugehen unter sein Dach. Die fröhlichen, kindlichen Kirchenlieder des Chores verstärkten das Fremde; von einem liebenden Vater wurde gesungen, dessen Kind man sein möchte und dessen Liebe unendlich sei, und wenn er da war, dieser liebende Vater, dann haben wir uns verpasst, wie immer bei solchen Gelegenheiten.

Wie tief das noch sitzt, das Katholische. Man erhebt sich, wenn alle sich erheben, man murmelt sein „Amen“, sein „Wir bitten Dich, erhöre uns“, sein „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“, auf einmal ist man wieder ein kleines Mädchen, mit Faltenrock, weißer Strumpfhose und einem Handtäschchen aus Plastik, das ein Taschentuch und Geld für die Kollekte birgt. Man ist wieder sieben oder acht Jahre alt, rutscht mit seinem kleinen Hintern hin- und her, macht alles, was die Oma macht, oder der Opa, betrachtet die dicken Engel, zeichnet mit dem Finger das Hausschild in der Kirchenbank nach, kaltes Messing, zählt die Ecken der elendshohen Säulen und staunt über die langen, langen Ketten, an denen die Luster hängen, während vorne der Priester aus seinen Worten einen Teppich murmelt, einen Vorhang, eine Decke, bis man schläfrig ist vor lauter Heiligkeit, bis man auf die Knie sinken darf und sich die Strümpfe zerreißt, und Gott riecht nach Weihrauch und Oma nach Kölnisch Wasser, und beide sind ewig.

Der Wind zupft an den Jalousien und bringt mich wieder in die Gegenwart zurück, in die gottlose, der Aquarell-Jesus sieht mich immer noch mit hochgezogenen Augenbrauen an, sein Heiligenschein ist blau wie die eingedruckte Unterschrift vom Erzbischof Wiens. Daneben liegt das Kreuz. Aus Olivenholz geschnitzt. Lieber Herr Schönborn, vielen Dank, wir wollen es nicht. Ich würde es Ihnen gerne zurückschicken, weil wegwerfen geht auch nicht, eigenartig. So sehr hat mich die Kirche noch im Griff, obwohl ich mich schon vor mehr als zwanzig Jahren von ihr verabschiedet habe, von diesem leidenden, katholischen Gott, der in meiner Kleinmädchenfantasie frierend und nackt in einem ungastlichen Kirchenschiff wohnte, ein geschundener Jesuskörper, hinter gotischen Säulen versteckt.

Statt mit mir zu reden, Herr Kardinal, warum ich diese Kirche verlassen habe, sprach der damalige Dechant unserer Kleinstadt lieber meine Mutter an. Er frage die Wirtin, die jeder kannte, in der Volksbank, vor allen Leuten, welcher Sekte ich jetzt angehöre. Hätte ich gewusst, dass die Pfarre das Gasthaus meiner Eltern über Monate meiden wird, weil eines ihrer Kinder, weil ein Mensch aus dieser großen, traditionell katholischen Familie sich entscheidet, nicht dazuzugehören, hätte ich bis zu meinem Umzug nach Wien gewartet. Es ging mir nicht ums Geld. Es ging mir um Nähe, Herr Kardinal, und Ihre Kirche täuscht Nähe nur vor, finde ich, wie blau eingedruckte Unterschriften auf Musterbriefen.

Ihr Schreiben hat meinen Sohn nicht berührt. Nicht ich habe ihn von der Kirche ferngehalten, er ist getauft und gefirmt. Wir haben über Gott geredet, über den Tod, über alles. Die Kirche hat sich selbst von ihm ferngehalten. Sie hat ihm gezeigt, wie man demütig die Hände faltet. Über die Demut selbst hat sie sich ausgeschwiegen. Oder über die Sehnsucht, die in ihm ebenso groß ist wie in mir. Lieber junger Christ. Diese Chance, Herr Kardinal, haben Sie und ihre Kollegen verpasst.

Ich kann Kung Fu. Kein Witz.

Manchmal muss man sich geschlagen geben und genau das tun, was man eben nicht machen wollte – zum Beispiel wieder eine Kolumne übers Muttersein schreiben. Weil, die letzte ist mir fast etwas zu gut angekommen. Als Ausgleich war für diesmal ein Depri-Text geplant, über die Sehnsucht nach rötlichen Marswüsten, mit Stille, die aufs Trommelfell drückt und einer Leere, in der man sich nicht verliert. Das hätte klappen können. Hätte. Erste kleine Schmiernotizen waren gemacht. Seit am Samstag die Marsidee im Kino entstand (Vorschau zu einem Film, der – nona, wo glauben Sie? – spielt), geht der künstlerische Geist damit schwanger. Mars! Felsebenen! Weite, Weite! Einsamkeit!

Dort gibt’s keine blöden Werbungen für Damenhygieneprodukte, die Frauen unten herum als undicht hinstellen oder als unsauber (‚tschuldigen, das wollte ich schon lang anbringen), keine Sprüche im Radio über – nein, ich sag’s nicht. Ich hab versprochen, weder das W-Wort noch das P-Wort zu erwähnen. (Das eine reimt sich auf netter und das andere auf Schotter.) Kein Ami-Bashing, keinen Feinstaub-Alarm, keine Diskussionen, ob man das Bio-Taubenbrüsterl an weißen Morcheln und von Hand großgezogenen Kartofferln im Lokal X bestellen kann, obwohl die Einrichtung so was von uninspiriert ist. Keine Menschen, die sich als „Bobos“ bezeichnen lassen und darauf noch stolz sind. Nichts, das nervt.

Ja, ich leb auch im siebten Bezirk, ja, ich hab auch einen Job in der Medienbranche, und ja, ab und zu fahr ich mit dem Fahrrad in die Arbeit. Aber wer mich als „Bobo“ bezeichnet, der kriegt es mit mir zu tun. Ich kann Kung Fu. Kein Witz. Mit genügend Adrenalin im Blut, einem gut platzierten Überraschungsmoment und viel Glück könnte ich vielleicht sogar einen Treffer landen. Und dann weglaufen. Vor allem, wenn mir der Gegner körperlich unterlegen ist. Bei „Bobos“ mach ich mir da wenig Sorgen. Die trainieren alle nur Yoga, tragen einen sanften Blick und weite Freizeithosen. Über die sie hoffentlich stolpern. Wenn sie mir nachlaufen.

Fühlt sich jetzt jemand auf den Schlips getreten, der die Bezeichnung „Bobo“ als Kompliment versteht und es sich im entsprechenden Schubladerl schön gemütlich gemacht hat? Wird mir der Fehdehandschuh ins Gesicht geworfen und die Aufforderung, ins MQ zu kommen, um bei einer Boule-Partie Vergeltung zu üben? Ha! Nur zu!

Ich würde mich so was von blamieren. Ich würde erklären, dass mir diese Kolumne ein bisserl aus dem Ufer geraten ist, weil, alle Kolumnen sind eigenständige Tierchen, manche lassen sich zähmen, andere gehen durch. Die hier geht (ich hab sie mit Schaudern überflogen) eindeutig durch. Warum plötzlich diese „Bobo“-Sache? Ich hab nicht wirklich was gegen Leute, die bourgeois sein wollen. Oder/und bohemien. Wo bleibt hier der Mars? Und was hat mein Kung-Fu-Training damit zu tun?

Es hat mich zumindest müd gemacht. Sich in meinem Alter noch mit jungen Burschen zu prügeln, hinterlässt Spuren. Wir (mein Notebook und ich) teilen uns folglich gerade nicht nur das Bett, sondern auch den niedrigen Energielevel. Denn gleich nachdem der Trainer unsere Körper wieder für einen anderen Gebrauch als den des Kampfsports freigegeben hatte, hüpfte ich erst unter die Dusche, dann ins G’wand, dann in die U-Bahn und dann nach Haus, wo ich an meinem Schreibtisch zur Ruhe kam. Computer einschalten. Mars-Schmiernotizen auspacken. Tee griffbereit. Die Finger in Schreibposition … und es geht … nicht los.

Denn der mittlerweile erfolgreich der Minderjährigkeit entwachsene (noch nicht ganz erwachsene) Sohn (viel fehlt aber nimmer) schlurft in mein Zimmer, pflanzt sich auf die Couch und beginnt zu plauschen. Nicht jetzt sagen: Hätten Sie ihn halt wieder raus geschickt! Verstehen Sie: ER beginnt zu plauschen. Er, dem das Gesicht einfriert und die Ohrwascheln einschrumpfen, sobald man den Ansatz eines netten Gespräches erkennen lässt, das über die aktuelle Kühlschrank-Füllhöhe hinausgeht. ER erzählt freiwillig von seiner Arbeit und was er so macht.

Das passiert ungefähr so selten wie eine totale Sonnenfinsternis, daher drehe ich natürlich der Marsstory den Rücken zu und lausche. Ab und an darf sogar ich was reden. Wir unterhalten uns endlich wieder einmal, wie schön.

Mit dem Effekt, dass sich die Marsstory beleidigt verzieht und, als ich mich ihr wieder zuwende, an ihrer Stelle ein paar „Bobos“ herumirren. Verstehen Sie, warum ich nie reich sein werde? Ich könnte Millionen scheffeln mit Erziehungstipps und Mutterkolumnen, stattdessen schreibe ich konfuse Texte über diverse Bevölkerungsgruppen und den Mars. Über Ebenen aus rotem Sand. Mit Fels überzogen. Weite, Weite! Einsamkeit!

Ach. Na ja. Vielleicht das nächste Mal.

Es ist später Abend, draußen streiten die Nachbarn. Der Straßenlärm bricht sich an der Stille im Zimmer. Ich sitze seit einer Viertelstunde vor dem leeren Word-Dokument und überlege den ersten Satz. Gleichzeitig steigt etwas hoch in mir und sammelt sich im Hals, ein Gewirr an Gefühlen.

Ich schließe die Augen. Lasse die Nachbarn streiten. Stehe blind auf, taste mich blind durchs Zimmer zum Bücherregal, ziehe blind ein Buch heraus, taste mich zurück, setze mich, schlag das Buch auf (noch immer blind) und stecke meine Nase zwischen die Seiten. Guter alter Taschenbuchgeruch. Ich sehe nach, was ich aufgeschlagen habe.

Das ist kein Orakel. Alles was ich wollte, war ein erster Satz für diesen Text. Und diesen hier habe ich bekommen: “My incognito is exploded”, aus Mark Twains “Life on the Mississippi”. Was für ein Zufall, denn mit dem Mississippi habe ich noch eine Rechnung offen. Im April 2003 versprach ich mir in Memphis, am Ufer stehend, die nackten Beine im Flussschlamm, ich käme wieder, wenn mein Junge groß ist, mit mehr Zeit und mehr Ruhe. Seither sind etwas mehr als vier Jahre vergangen.

Toni, mein Sohn, wird am Samstag achtzehn. Ich werde ganz Wien drücken und meine Liebe zu ihm in die Weinberge tätowieren, in Ermangelung von Alternativen. Denn Seine Hochwohlgeboren belieben in Griechenland zu weilen, um dort mit Freunden Geburtstag zu feiern. Ohne Handy, ohne mir zu sagen, wo er genau ist. Irgendwo in Kreta, schon seit fast zwei Wochen. Weswegen es auch so leer und still ist in der Wohnung.

Wir sind eine alleinerziehende Familie, wir zwei, seit gut dreizehn Jahren. Wobei, ganz allein stimmt auch wieder nicht. Meine Eltern haben mitgeholfen. Mein Vater hat ihm solange die Würstl kleingeschnitten, bis ich beschlossen habe: Wir ziehen weg aus der ständigen Reichweite. Essen nach Wunsch gibt es nur in den Ferien. Das war natürlich nicht der wirkliche Grund. Aber damals sagte ich zu meinem Sohn, der gerade zehn geworden war: Nach der Hauptschule gehen wir nach Wien.

Und Toni sagte: Machen wir das doch gleich. Das taten wir dann auch. So war das. Daran ist nichts Romantisches. Auch kein cooles Mutter-Sohn-Ding. Das waren zum Teil beinharte Zeiten und tausend Kämpfe.

Ich habe so viele Fehler gemacht, wie man nur machen kann. Für einige werde ich mich bis an mein Lebensende schämen. Ich wollte nie Mutter sein, weil ich ahnte, wie schwer das für mich sein wird. Aber als ich vor knapp 19 Jahren heulend dem Frauenarzt dabei zusah, wie er mit der Ultraschall-Sonde kaltes Gel auf meinem noch flachen Bauch verteilte, hörte ich schlagartig auf zu heulen, als er mir am Bildschirm dieses fette, kugelrunde Ei zeigte. Sie sind schwanger. Das war ok und ich plötzlich sehr ruhig und voller Freude.

Weil. Deswegen. Wie kann man das erklären. Mein Sohn meint manchmal, dass ich ohne ihn vielleicht studieren hätte können. Er meint manchmal, er wäre eine Bürde für mich gewesen. Natürlich war er das. Nein. Nicht er, niemals er selbst. Nur manchmal die Situation. In Wahrheit war Toni lange Zeit die einzige Konstante in dieser völlig verrückten, unbegreifbaren Welt. In Wahrheit war er die Erdung, ohne die ich, die ständig am Abdriften war, tatsächlich verlorengegangen wäre. Gelegenheiten hätte es genug gegeben. In Wahrheit ist er das immer noch. Er ist tatsächlich und ungeteilt das Beste, was mir je passieren konnte.

Mein Sohn ist jemand, der einen zum Lächeln bringt, nur indem man von ihm redet. Ob das der Besitzer der Pizzeria unten im Haus ist, oder die Hausmeisterin, oder Freunde, oder sonst wer. Sie richten sich auf, fangen an zu lächeln und fragen nach ihm, und in der Frage steckt so viel Zuneigung. Das macht mich sehr glücklich und stolz.

Der Satz “My incognito is exploded” passt genau. Kinder sind ein Paradoxon: Je größer sie werden, desto schwerer kann man sich hinter ihnen verstecken. Muttersein ist ein Inkognito, hinter dem sich der Rest der Frau ganz gut verbergen lässt. Aber wenn die Kinder erwachsen werden, verliert man seine Deckung. Da nützt das ganze Klammern nichts. Man muss sich ungedeckt der Welt stellen. Hat man allerdings – wie ich – einen so spannenden, eigenwilligen Sohn, der einem dabei zur Seite steht, dann ist alles gut.

Alles Gute, mein Schöner. Ich bemüh‘ mich, versprochen.     

 

Originaltext Juli 2007, adaptiert im Dezember 2013

Arg, dass wir das arg finden

Mögen Sie Rhabarberkompott mit Joghurt und Müsli? Wär fein, denn das haben wir grad gefrühstückt, Sie und ich, und dabei haben wir, nein, kein Ö1 gehört, und, nein, auch kein FM4, sondern gelesen. Feines Buch, aber jetzt ist es spät, also hoppauf. Ab ins Bad, duschen, raus aus der Dusche, roter String trifft schwarzen BH, wir hüpfen halbnackt mit der Zahnbürste im Mund durch die Wohnung, am Bett vorbei (wird gemacht), an der Spüle vorbei (schnell abwaschen), suchen die Jeans, die alten, nicht die neuen, verflixt, da hängen sie. Der Rest ist einfach, weil immer, also T-Shirt aus dem Kasten, zurück ins Bad, Mund spülen, Pause. Kritischer Blick.

Meine Herren, da müssen wir durch: Augenbrauen zupfen, so banal ist Banalsein. Links ein bisserl (immer links zuerst, keine Ahnung, warum), rechts ein bisserl, passt, Creme ins Gesicht, Lidschatten (rosa? beigebraun? rosa), Lidstrich, Wimperntusche, Pigmentfleck abdecken, g’schwind Haare bürsten, ein Spritzer Parfüm (jetzt klingt das schon sehr nach Woman-Kolumne, oder? Dabei hab ich Sie gar nicht mit auf die Waage genommen), und raus aus dem Bad. Tasche schnappen, Apfel in die Tasche, Schuhe an, zurück in die Küche (ist der Kühlschrank zu? Das Mistding geht immer auf), vorsichtig die Tür zum Nachwuchszimmer aufmachen (Fenster sind zu, Gott sei Dank, wir müssen nicht rein), Blick auf die Uhr (halb 10, Himmel hilf) und ab.

Im Gang drei Mal an der abgesperrten Tür drücken und zwei Mal ziehen (gelebter Zwang für den Alltag), Lift holen, runter, im Treppenhaus grüßt mich ein Mann mit Motorradhelm in der Hand, schaut gut aus, wir wussten gar nicht, dass wir so was im Haus haben, dann raus, 150 Meter zur U3, an einer Spiegelwand vorbei, kurzer Blick nach links zum Spiegelbild, passt, jetzt nimmer schaun, das wär blöd.

Vierundvierzig Stufen und eine Rolltreppe tiefer (sind Sie noch bei mir?), vier Minuten warten auf U3 Richtung Westbahnhof, mit mehr Zeit hätten wir auch U3 Richtung Simmering nehmen können, dann U2, U4 und den D-Wagen, oder gar keine U-Bahn, sondern den 13A, den 5er und dann den D-Wagen, oder zu Fuß ein Stück, durchs alte AKH, aber was red ich, wir haben eh keine Zeit.

Drei Minuten. Neben uns löffelt eine Frau in den Vierzigern ein Eis. So früh am Tag. Wir finden das eigentlich arg. Und arg, dass wir das arg finden. Ansonsten sind nur Frauen mit rötlich gefärbten Haaren unterwegs. Weiße, abgesteppte Handtaschen. Großgemusterte C&A-Blusen. Die U-Bahn kommt, rein, eine Station, raus, Rolltreppe rauf, oben drängt sich eine Schülerherde zusammen, lauter Jungs, nur zwei Mädchen leuchten blond und hübsch, wahrscheinlich HTL, weiter, rauf zur U6, nur eine Minute Zeit, um nach vorne zu kommen, ans andere Bahnsteigende, weil, wenn hinten alles drängt, gibt es vorne Luftlöcher, immer, also flott.

Langsame, dicke, dünne und andere Leute versperren uns den Weg, solche mit Kinderwagen, oder Koffer, oder Zwiebelduft, aber wir schaffen das, weichen aus, denken kurz an unseren Süßen (das kling so: mein Süßer, mein Süßer, mein Süßer), wahrscheinlich irgendein leichter Bartansatz in der Menge, kommen zeitgleich mit der U-Bahn am Bahnsteigende an, zwanzig Leute steigen aus, wir steigen ein, Platz frei, am Fenster, perfekt (obwohl uns vor dem Fettfleck am Glas graust, muss man ja nicht sehen), sitzen, gut.

Jetzt ist Zeit. Zum Beispiel, um darüber nachzudenken, warum wir nix Ordentliches schreiben, wie etwa über den neuen guten Trend von kleinen bis mittleren Kommunen, sich für gut integrierte, aber durch Abschub bedrohte Familien ins Zeug zu legen, bei denen immer der Sohn im Fußballverein glänzt und die Tochter in der Schule und die Mama freiwillig wo hilft und der Papa fleißig arbeitet. Das ist schön, es bleibt die Frage nach den schrägen, radebrechenden Leuten in diesem Konzept, aber darüber müssen wir noch nachdenken, damit da kein Blödsinn rauskommt, genauso wie wir noch über großformatige Politikerwerbung für kleinformatige Zeitungen nachdenken müssen, grausliches Geschleime, so daneben, dass es kracht (dass es nicht kracht, irritiert), aber heute sind wir ganz bei uns, leider.

Und deswegen. Starren wir aus dem Fenster. Auf den Gürtel. Und die Autos. Und die Leute. Sieben oder acht Stationen. Lang.

Bis wir ankommen, Spittelau, aussteigen, Treppe runter, raus, der D-Wagen biegt ums Eck, was für ein Glück, aber keine Kollegen, schad, also doch noch den Radio anstöpseln, zwei Stationen, raus, über die Brücke, rein in die Firma, jetzt simma da, in den Lift, kritischer Blick, erst in den Spiegel, dann auf die Speisekarte von der Kantine, mögen Sie makkaroni.gemüse.auflauf? Schad. Andererseits, ich muss jetzt eh arbeiten. Danke für’s Mitkommen und bis bald.

Nur grüner und stacheliger

Wieder schreibe ich nichts über meinen Sohn, auch wenn Sie sagen: Zeit wär’s und überhaupt, was macht er so und wie geht’s ihm denn, und obwohl er natürlich immer noch mehr als genug Stoff für Kolumnen liefert, schreib ich trotzdem nix und dafür gibt es einen Grund. Lieber erzähle ich Ihnen, dass es lustig ist, mit der Bahn zu fahren, etwa mit der Linzer Lokalbahn, wo der Schaffner dem Lokführer bei der letzten Haltestelle „Vorrücken!“ zuruft, wie ein General seiner Armee, und dann rücken wir vor, die bäuerlichen Heerscharen aus dem Eferdinger Becken gegen die Hauptstadt aus Stahl.

Ich weiß, mit dem Krieg soll man nicht spaßen, darüber ließe sich diskutieren, aber immer ist es ja auch nicht lustig, das Bahnfahren, etwa wenn ein kleiner Junge grad reden gelernt hat und die paar Worte, die sich in seinem Köpfchen sinnhaft formen, probehalber in den halbleeren Wagon plaudert, die Oma das aber nicht möchte und dauernd „Psst“ sagt. Psst. Und dass die Eisenbahn böse werden würde, wenn er nicht folgt. Und dass der Herr Schaffner böse werden würde, und dann würde der Zug stehenbleiben und man dürfe nicht mehr mitfahren, das wäre schön dumm, gell?

Fast hätte ich zur fremden Oma „selber Psst“ gesagt, quasi in Stellvertretung für den Kleinen, der zu soviel Schlagfertigkeit noch heranreifen muss. Aber nach dem gedanklichen Durchspielen aller möglichen Konsequenzen ließ ich es doch bleiben. Bin ich nun friedliebend oder konfliktscheu? Womöglich gibt’s da gar keinen Unterschied. Jedenfalls haben mich alle lieb. Sogar die, die nur so tun.

(Jetzt hätte ich gerne ein Stück Schokolade. Nie hat man Schokolade dabei, wenn man sie braucht.)

Was könnte ich Ihnen noch erzählen? Vielleicht, dass ich mich vorhin in Linz in den falschen Zug gesetzt habe, in einen, der ganze zwei Stunden nach Wien braucht und nicht eine Stunde vierzig und überall stehenbleibt. Nicht überall. Aber fast. Das ist zu langsam, ich mag es gern schneller, auch der Text hier sollte ein schneller sein, einer, der über die Seiten rast und um die Kurven fliegt, dass es nur so quietscht und rumpelt, damit Sie sich anhalten müssen beim Lesen und Schutzbrillen tragen und all das Zeug und es in Ihnen nachher noch ein wenig weiterrast, obwohl ich längst wieder weg bin.

Das mache ich mal, aber ich glaube, heute ist eher der Tag für ein Fahrtenspiel, oder wie heißt das, wenn man beim Laufen das Tempo variiert? Weil, gelaufen sind wir heute auch schon, am Vormittag, durch den Auwald, allerdings immer gleich gemächlich, mit vom weichen Waldboden gedämpften Schritten. Immer ruhiger sind wir dabei geworden, ganz andächtig still war es zwischen uns und den Bäumen und dem gebündeltem Licht. Wenn man in so eine grüne Tanne schaut, und der Wind bewegt die Äste sachte auf und ab, dann ist das ein bisschen wie Meer, nur grüner und stacheliger.

(Man muss übrigens nicht immer Urlaub am Meer machen. Ich war vor kurzem drei Wochen in Florida und in diesen drei Wochen genau dreißig Minuten am Strand von Daytona, von diesen dreißig Minuten ganze drei Minuten bis zu den Waden im Atlantik, und das war’s dann mit Meer, obwohl man bei Florida den Strand gleich mitdenkt, und der Zug bleibt schon wieder stehen, verflixt.)

Hoffentlich setzt sich niemand in mein Abteil, ich habe die Schuhe ausgezogen und immer noch die Laufsocken an, und zugegeben, in meinem Kopf ist es eher konfus heute, aber nachdem mir durchaus lobend mitgeteilt wurde, dass manche meiner Texte gut für Depressionen sind (gut in dem Sinn, dass es dann den Depressionen gut geht), werde ich einen Teufel tun und was Trauriges schreiben, statt dessen habe ich Sie mitgenommen in den Zug und in den Auwald, sogar in Daytona waren wir kurz und haben die Füße in den Atlantik gesteckt, und bald sind wir zu Hause in Wien, wo ich stellvertretend für uns alle ein Stück Schokolade essen werde, jawohl.

Dann werde ich Ihnen gute Nacht wünschen und die Tür zumachen, obwohl mir jetzt tausend Geschichten über meinen Sohn einfallen würden, Erinnerungen an die erste gemeinsame Zugfahrt in eben jener Linzer Lokalbahn, die schon meinen schwangeren Bauch durch die Gegend geschaukelt hat, und so weiter und so fort, aber ich erzähle heute nichts über meinen Sohn, weil, und das ist der Grund: Weil der so großartig erwachsen wird in letzter Zeit. Ganz ohne mein Zutun, immer dann, wenn man nicht hinschaut. Deswegen.