Nichts wird gut
20/05/2007
Wien ist in der Nacht so gelb
Wollten Sie schon einmal ein Boot sein? Nicht im Boot sein, sondern das Ding selbst, wie es da auf einem runden, nordischen See schaukelt, von Wald umgeben, drüber ein Himmel und das Wasser ist graublau, gekräuselt und sicher ziemlich kalt. Jetzt ließe sich gemeinsam weiter spekulieren, welches Boot man vor dem geistigen Auge hat bei Betrachtung dieser Szene, und daraus würde man ein luftiges Textlein basteln, das Sie nicht kratzt und mich nicht kratzt und generell niemanden stört.
Dann würden Sie „bitte zahlen“ rufen, dem Ober ein Trinkgeld und den Mist am Tisch zurücklassen, darunter ein Kugerl aus Schokoladenpapier, weil, so ein Stück Text ist im Grunde auch nicht mehr als das Stück Süßzeug, das man zur Melange bekommt und isst oder liegen lässt, je nachdem. Aber darauf wollte ich nicht hinaus, also zurück zum Boot.
Es ist einfach ein kleines, hölzernes Ruderboot auf einem Bild, das ich vor ein paar Tagen sah und mir dabei dachte: Das wär ich gern.
Gestern waren wir lang unterwegs, feierten, aßen Blinis und steckten die Köpfe zusammen, um uns zu verstehen in dem Lärm. Ich wollte früher gehen, weil noch nichts geschrieben für heute und eh schon müd‘ und so. Aber dann wurde es doch ziemlich spät. Wir rannten wie die Hasen, um die letzte Straßenbahn zu erwischen, saßen im 5er-Wagen, rangen nach Luft und unterhielten uns noch ein wenig, bis der Freund ausstieg und ich, leer geredet, durchs Fenster starrte. Auf die Stadt. Auf die Leute, die noch unterwegs waren. Wien ist in der Nacht so gelb.
Kurz vor der Endstation war dann dieses Plakat, halb zerfetzt und so überklebt, dass nur ein Satz zu lesen war: Nichts wird gut. Und schon war wieder dieses Bild da, vom Boot und dem See, weil: Nichts wird gut? Das widerspricht dem, was ein anderer Freund immer sagt, wenn ich ihn darum bitte, nämlich: Alles wird gut. Und wenn er es sagt, dann glaubt man, dass es stimmt. Und ist getröstet, ein wenig. Obwohl man weiß, dass das gar nicht geht, nie wird alles ganz gut sein. Jetzt muss ich doch noch ein wenig zurück in der Zeit und Sie müssen mit, sofern Sie weiterlesen.
Falls ja, sitzen Sie mit mir in der gelben Wartezone der Abteilung 6F im Wiener AKH und warten. Sie sind seit dem frühen Vormittag im AKH und haben bereits über eine Stunde in der blauen Wartezone der Abteilung 7I verbracht. Keine Sorge, es ist nichts Akutes, nur ein Kontrolltermin anlässlich der alten Baustellen im Körper, zehn Minuten Gespräch mit dem Arzt, der die Blutwerte studiert und dann beschließt: Eh alles im grünen Bereich. Aber dieses und jenes sollten wir uns doch noch näher anschauen, und deswegen sitzen wir jetzt in der gelben Wartezone auf einem grauen Plastiksitz und warten.
Und in uns sitzt auch etwas und nagt an den Eingeweiden, aber daran denken wir lieber nicht, also betrachten wir die Wände, wo Tierbilder kleben und ich frage Sie: Warum kleben in den Wartezonen (in Arztpraxen, Krankenhäusern, wo auch immer) billige Bilder an der Wand, die aus Kinderzeitschriften stammen, ein Eisbär, Pinguine, ein winziges Affengesicht zwischen den Blättern eines riesigen Farns, Pferde und Seerosen und Kolibris, mit Tixo auf Wände geklebt, die immer beige sind und der Boden ist immer rotes Linoleum. Wer klebt diese Bilder an die Wand, und was sollen sie da, außer das hässliche Beige noch hässlicher machen? Trösten?
Wie denn? Mit solchen Bildern verzierte ich als kleines Mädchen stolz mein Zimmer, meinen Kasten, und hier, in der gelben Wartezone der Abteilung 6F, ist die Erinnerung an meine Kindheit das letzte, was ich will, und das nicht, weil sie nicht gut gewesen wäre, sondern weil mit der Erinnerung noch etwas anderes hochkommt, Hilflosigkeit vielleicht, und Einsamkeit und Trauer, die Hilflosigkeit eines kleinen Mädchens eben, die kann ich hier absolut nicht brauchen. Ich bin wütend und traurig. Weil es ist, wie es ist, weil mir das alles so vertraut ist (die Eisbären und Pinguine, die Farben, die kalten Plastiksitze neben lauten Colaautomaten), so vertraut, dass ich heulen möchte und die Bilder von der Wand fetzen, was ich nicht mache. Natürlich nicht.
Am Abend dann lässt alles wieder nach, die Wut und das Traurigsein und ich seh dieses Bild von dem Ruderboot auf dem leeren See und möchte das gern sein, dieses Boot. Weil, nichts wird je ganz gut, aber das ist schon ok so, sofern wir nicht immer darauf gestoßen werden, wie schwach wir eigentlich sind. Und wie viel Angst wir haben.
Maden, Motten, Palmen
15/05/2007
Mein Urlaub in Ocala Palms
Es gibt elegantere Wege, eine Kolumne anzufangen, als mit Wattestäbchen in Schranklöchern herumzustochern. Hinter mir liegen dreieinhalb Wochen Florida, aber ich kämpfe gegen Lebensmittelmotten und mir graust vor den Viechern.
Außerdem war Tag der Arbeit, und mein Sohn, der Lehrling, hat gelernt, wie man sich mit einer Brotschneidemaschine den Finger ansägt. Um halb sieben in der Früh. Telefongeläut, Taxi, Unfallkrankenhaus. Eh nicht so schlimm, aber Florida hat sich ganz schön verflüchtigt in den letzten Stunden. Dort war es so still.
Ich lausche ein bisschen. Der Computer rauscht. In mir ist nicht viel los im Moment, der Rest meiner Aufmerksamkeit starrt immer noch auf die nackten Mottenmaden, die schon im fest verschlossenen Mistsackerl wohnen, und wer weiß, vielleicht bewegen sie sich ja noch. Wäh.
Schreib doch über Florida. Wie denn, wenn es verblasst. Wissen Sie, dort war es wirklich still. Ich war ja nur ganz kurz in Miami, um mich planlos zu verfahren. Aber sonst: Sogar Tampa war ruhig, weil nachtschlafend, als wir dort ankamen. Am nächsten Tag lieferten mich die Jungs (mein Sohn, ein Freund) in Ocala Palms ab und dort war das lauteste Geräusch die Uhr im Wohnzimmer von Charlie und Maurine. Und dann setzten sich die Jungs Richtung Daytona ab, weil ihr Urlaub viel kürzer war als meiner und weil man seine Mama, oder die Mama von irgendwem, nicht unbedingt mitnehmen muss an den Strand oder zu den Cheerleadern oder in irgendein Nachtleben.
Urlaub in Ocala Palms. Dort dürfen nur Menschen wohnen, die über 55 sind. Die können sich dann zwischen fünf verschiedenen Häusertypen und vier verschiedenen Farben für ihre Häuser (oder umgekehrt) entscheiden. Sie verpflichten sich, mindestens zwei Bäume zu pflanzen und es in ihrem Vorgarten nicht zu übertreiben. Man sieht ganz wenig Plastikflamingos und ganz viele Steinskulpturen. Delfine und so. Kleine steinerne Puppenkinder, die Schubkarren schieben oder sich Küsschen geben. Es ist eigenartig, daran zu denken, wie sie sich immer noch Küsschen geben unter ihren Palmen, und zu wissen, wie sich dort die Nacht anfühlt und die Ruhe und die Luft, während man hier sitzt mit dicken rosa Socken und alles ist schon wieder so weit weg.
Maurine hat nur Rosen in ihrem Garten und eine Katze, die ein schwarzer Kater ist, Sooty heißt und es liebt, am Kinn gekrault zu werden, aber nicht von jedem. Außerdem hat Maurine einen australischen Akzent, sie ist ja von dort, und wenn sie mich als ihre Austrian daughter vorstellte, sagte natürlich jeder: Oh, Australia. Worauf ich: No, Austria, Vienna. Und dann: Oh und ah und wonderful!
Charlie und ich hatten uns 2005 angefreundet, als ich für das Gedenkjahr mit Veteranen zu tun hatte. Er mag Kriegsgeschichten. Gleich am ersten Abend in Ocala drückte er mir das Buch eines Kameraden in die Hand, von dem er mir oft geschrieben hatte. Maurine konterte mit dem Roman eines australischen Schriftstellers, derart ausgerüstet beschloss ich, gar nichts zu lesen und höflicherweise auch die mitgebrachten Bücher zu ignorieren. Stattdessen sahen wir gemeinsam CSI Miami oder M.A.S.H. oder die Andy Griffith Show. Ab und zu tranken wir Black Cow, dazu gibt man Vanilleeis in ein Glas und Cola, bis es eine luftige braune Schaumkrone hat.
Abends zog mich die Sehnsucht nach draußen, in besagte Nacht und auf die warmen, leeren, breiten Wege zwischen den adretten Häusern. Die Namensschilder unter den weißen Postkästchen knarrten ein wenig, auf einem Dach saß eine Eule und drehte den Kopf in meine Richtung und wir starrten uns an, eine Zeit lang. Das Sehnen dehnte sich von der Brust aus bis in meine Hände und hatte nichts zum Ziel, obwohl natürlich, es hatte ein Ziel, oder mehrere. Aber weil es jetzt wieder da ist, dieses Sehen, während ich mit meinen rosa Socken vor dem Computer sitze (Mitternacht ist längst vorbei, mein Sohn schläft nebenan mit dick eingebundenem Finger und die Maden wühlen sich durch den Mist), bin ich mir nicht mehr so sicher, wo das alles (das Sehnen, oder ich) hingehört und vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig.
Vielleicht warten wir ein bisserl, bis die Motten weg sind und Florida wieder da ist und ich erzähle Ihnen dann mehr von Charlie und Maurine und Ocala Palms, wo man nur zehn Meilen pro Stunde fahren darf, und ich sag Ihnen was: So ein Speed Limit hat schon sein Gutes.
Geister im Dachstuhl
15/04/2007
Und andere offene Rechnungen
Ein typisches Abendritual meiner Kindheit war die Suche nach Gespenstern. Derer konnten sich viele verstecken in den Nischen und Ecken unseres alten Hauses. Und Hilfe war fern, im Ernstfall. Von den Eltern durch einen Kontinent getrennt, durch ein Gebirgsmassiv und Ozeane – also durch zwei Stockwerke, das Abendgeschäft in unserem Wirtshaus und die strenge Regel, wonach ein Kind um eine bestimmte Zeit im Bett zu sein hat.
Während der Vater in der Küche den Schurz wendete, wenn er einen Gast begrüßen wollte und die Mutter mit den Leuten tratschte, Teller wegräumte und Brösel von der Deckserviette wischte, drehte ich zwei Stiegen weiter oben meine Runde. Die Tür zum Dachboden: Abgesperrt. Im Vorraum der Verschlag vor dem Kamin: Niemand drin. Im Badezimmer: Kein Monster in der Badewanne. Hinter der Couch im Wohnzimmer, unter den Betten im Schlafzimmer: Nichts. Das Kinderzimmer bestand aus einer großen Schrankwand, einem Stockbett und zwei Fenstern, einem zum Dachboden und einem ins Stiegenhaus. Die Schrankwand: Alle Türen zu. Das Fenster zum Dachboden (ein fremder, finsterer Erdteil) war am wichtigsten: Ganz fest zu, der Vorhang spaltfrei zugezogen.
(Während ich mich hier so schreibend erinnere, steht jemand hinter mir und sieht mir über die Schulter. Das einzige Licht im Zimmer kommt vom Bildschirm meines Notebooks. Ich drehe mich um und starre in das Dunkel. Dann ziehe ich die Beine ein. Im Sommer werde ich 40.)
Nach der Runde durch die Wohnung wickelte ich mich nach einer bestimmten Technik in die Bettdecke. Spürte ich einen Luftzug, zum Beispiel an den Beinen, bedeutete das: Lücke. Und das war schlecht. Frische Luft war nur in unmittelbarer Nähe zu Mund und Nase erlaubt.
Das Stockwerk frei von aktuellen Geistern, der Bettzeugpanzer hermetisch dicht: Ich hätte schlafen können. Stattdessen dachte ich nach: Über die Geschichte von den Werwölfen, die mir meine große Kusine erzählt hatte. Über die Filmbilder im Schaukasten unseres Provinzkinos. Die Körperfresser kommen. Zombies greifen an. Über die Spuk- und Gruselgeschichten, die Sagen und Märchen, die wilde Jagd, die Irrlichter in dunklen Mooren. Über Dämonen, die sich auf die Brust von Schlafenden hocken und ihren Atem trinken.
Überzeugt davon, die Nacht nicht zu überleben, schlief ich ein. Einmal war ein wilder Tiger im Zimmer. In Wahrheit startete ein Moped hinter dem Haus. Mein Herz schlug bis zum Hals. Meine Eltern ahnten nicht, wie viel Angst ich als Kind hatte. Meine Schwester, die im Stockbett unter mir schlief, war auch keine große Hilfe. Wenn wir uns verbündeten, dann gegen die Eltern, aber nicht gegen Geister. Außerdem war sie zu pragmatisch, um sich wirklich zu fürchten.
Meine Albträume endeten damit, dass ich mich schreiend durch eine Schlucht aus wirrem Traumgestrüpp ins Wache rettete und alles Schleichende, Schleimende, mich Anstarrende atemlos zurückließ. Die Albträume meiner ordnungsliebenden Schwester endeten mit der Entsorgung der Leichen. Indem sie diese zum Beispiel mit der Bügelmaschine plättete und zusammengelegt im Schrank verstaute. Ich habe sie zu dieser Zeit wirklich sehr schwer verstanden.
Mit dem Älterwerden milderte sich das Grauen, und als Mutter hat man keine Angst vor Gespenstern – zumindest keine, die man zeigt. Außerdem: Meine Wiener Wohnung ist nichtssagend. Sie ist nett, hell, freundlich, lauscht in der Nacht dem Straßenlärm und den (meist) friedlichen Geräuschen der Nachbarn und erzählt mir vor allem keine Horrorgeschichten.
Allerdings. Die Sommer sind so schön auf dem Land. Und die Wohnung im alten Haus wäre ein guter Platz für Wochenenden abseits von Wien. Mir scheint, wir haben noch eine Rechnung offen, die Gespenster meiner Kindheit und ich. Ich dachte, sie los zu sein. Dabei hängen sie wie Fledermäuse kopfüber im Dachstuhl, immer noch.
Es aschermittwocht, dass es knallt
28/02/2007
Buße unterm Herrgottswinkel
In der Stube unterm Herrgottswinkel. Mir gegenüber der KV, also der Kindesvater. Wir warten auf den MJ, den Minderjährigen, eigentlich das Mindestjährige, so klein ist er noch. Zu reden gibt es nicht viel, wir kennen uns schon seit Monaten, ich weiß, wie es ihm geht, dem KV. Im Moment nicht so gut. Er ist nervös und besorgt und aufgeregt, er hat auch schon geweint vor mir, aber nicht heute. Der Mann büßt für etwas, für das er nichts kann und das er nicht versteht, ich übrigens auch nicht so recht.
Die Tür öffnet sich endlich, der KV steht auf, die Mutter der KM, der Kindesmutter, schiebt den Kleinen in den Raum. Sie sagt: Geh zu dem da. Und deutet mit dem Kopf in die Richtung, ohne hinzusehen. Dann geht sie wieder. Während sich Vater und Sohn begrüßen und miteinander spielen, liebevoll und ernsthaft, bemühe ich mich, nicht da zu sein. Ich hab da nix verloren. Aber die KM sieht das anders, auch ihre Eltern sehen das anders, weil schon so viel passiert ist, man kann ihm nicht trauen, dem KV, deswegen darf er sein Kind nur sehen, wenn „das Amt“ dabei ist. Die „Fürsorge“.
Beim letzten Besuch zum Beispiel, da hat der Kleine von seinem Vater einen Spielzeugbagger bekommen, und, weil ein Bagger etwas zum Baggern braucht, ein paar Münzen aus seiner Börse genommen. Und dann haben sie Schillinge und Groschen umgeladen. Solange ist das schon her, und ich erinnere mich immer noch an die völlig aufgeregte Mutter: Er verzieht mein Kind. Wir bringen ihm Ordnung bei und Sparsamkeit, und er lässt ihn mit Geld spielen, absichtlich. (Ihr Vater hatte seinem Enkel kurz zuvor noch einen Hammer an der rechten Hand festgebunden, weil das Kind lieber mit der linken – also der „schlechten“ – Hand werkt.)
Und außerdem, jedes Mal, wenn er mit dem Kleinen draußen spielt, sei er völlig verdreckt, sie müsse ihn sofort baden und umziehen, und das Kind sei verstört, weine dauernd und dann kommt wieder der Ausschlag. Am besten wäre, meint die Mutter, der Vater würde ganz auf sein Besuchsrecht verzichten. Daran denke ich, während die zwei auf dem Boden sitzen, in diesem hypersauberen, lieblosen Witz von einer Bauernstube, und überlege mir, was man da tun kann. Nicht viel, eigentlich. Unterstützen, wo geht. Beim Durchhalten, Nachgeben und Zugeben. Der Vierjährige würde wohl sagen, dass das Ganze zum aus der Haut fahren ist, und weil er das so noch nicht sagen kann, macht er es einfach. Im Akt steht: Verdacht auf Neurodermitis.
Im Akt steht auch, wie verzweifelt der KV ist, dass er schon damit abgeschlossen hat, seinen Sohn zu sehen. Und dass das alles erst angefangen hat, als die Eltern ihrer Tochter den Bauernhof überschrieben haben, sie zurückbeorderten aus der „Stadt“, wo sie sich schon hochgearbeitet hatte zur Schichtleiterin in der Fabrik und ein Leben führte, das ihr Spaß machte. Aber was soll man tun, erzählte sie mir einmal ganz traurig, wenn die Pflicht ruft. Man kann die Eltern doch nicht im Stich lassen. Also ist sie zurück auf den Hof, der zwar idyllisch liegt, aber am Arsch der Welt. Und um richtig zu büßen, ließ sie den Mann zurück, den ungeliebten Freund der Tochter, „den aus der Stadt“. Das steht nicht im Akt, das denke ich mir jedes Mal, wenn ich hinfahre, zu einem Hausbesuch in der Einöde. Die KM kann auch nicht aus ihrer Haut, sie ist verzweifelt, kann sich nicht wehren, und das macht sie hart.
Das ist kein „Fall“, sondern ein ganzes Netzwerk von Fällen, in denen es um Kränkung geht, oder um Verzicht und Schuld, oder um Traditionen, denen sich die Eltern untergeordnet haben, und daher haben es die Kinder auch zu tun, basta. Sowie man sich am Aschermittwoch das Kreuz auf die Stirn malen lässt und gesenkten Hauptes bereut, ob es nun was zu bereuen gibt oder nicht. Und diese Fälle steuern aufeinander zu, explodieren dort, wo sie aufeinander treffen, und das Ergebnis landet auf deinem Schreibtisch und du selber als Kontrollorgan unterm Herrgottswinkel in einem unterkühlten Haus.
Das habe ich gelernt in meiner Zeit als Sozialarbeiterin: Man hat es immer und ständig mit Buße zu tun. Ob selbst auferlegt oder fremdbestimmt: Es aschermittwocht, dass es knallt.
Hartes Liegen für Fortgeschrittene
15/02/2007
Gäbe es diesen VHS-Kurs, ich hätte ihn besucht
Sind Ihre Kinder, sofern vorhanden, noch in dem Alter, in dem sie im Schlaf rotieren wie die Kreisel, und das, wohlgemerkt, erstens im Tiefschlaf und zweitens nicht im eigenen Bett? Sondern in Ihrem. Dabei ist es ganz egal, wie breit es ist, das Bett: Bei der 90-Zentimeter-Schmalspurversion schrammt sich irgendwann nach Mitternacht ein spitzer Kinderellbogen in die elterliche Seite, in der Luxusausführung liegt halt das ganze Kind quer.
Meins nicht mehr, weil meins (ätsch) ist fast erwachsen und beschränkt den Kontakt zum Mutterschiff auf das versorgungstechnische Minimum. Ich muss mir mein Nachtlager nur mehr ab und an mit diversen Liebhabern teilen, wobei es sich eh bloß um einen handelt, den Kurden. Dem ist im Winter allerdings immer sehr kalt. Daher sieht er mich mehr als Thermophor denn als Lustobjekt, und glauben Sie mir: Wenn sich so ein frierender Kurde an einen kuschelt, muss das nicht unbedingt ein erotisches Highlight nach sich ziehen.
Der Kurde friert außerdem nicht nur ständig, er hat es auch mit dem Kreuz und zieht daher einer schönen weichen Matratze ein Eichenholzbrett mit Matratzenschoner vor. Und da meine alte, ausziehbare Couch einem solchen Brett durchaus entspricht, übersiedelte mein riesiges, wunderbares Bett vor Jahr und Tag ins Zimmer meines Sohnes und der Kurde und ich zogen auf die Couch.
Hartes Liegen für Fortgeschrittene. Gäbe es diesen VHS-Kurs, ich hätte ihn besucht. Mein Problem ist nämlich nicht das Einschlafen, sondern das gleichzeitige Aufwachen aller Gliedmaßen. Mal ist das Bein nicht bei der Gruppe, dann der Arm. Unangenehm. Außerdem hat die Couch einen Spalt in der Mitte und in dem Spalt meistens auch mich, weil sich der Kurde auf der Suche nach Wärmequellen nicht an territoriale Abkommen hält, geschweige denn an Etikette.
Dabei bin ich, was Betten anbelangt, nicht sehr verwöhnt. Obwohl: Das Highlight waren die dreiteiligen Federkernmatratzen meiner Großeltern. Als mein Opa gestorben war und meine Schwester in einem Internat verschwand, übersiedelte ich kurzerhand zur Oma (vom zweiten in den ersten Stock) ins uralte Ehebett. Eigentlich in die Matratzenkuhle im Ehebett. Das war eine Grube, ein Graben, ein Nest, der ideale Zufluchtsort für ein von Werwölfen verfolgtes Wesen wie mich, daneben das regelmäßige Schnarchen der Oma. Ich glaube fast, das war der Höhepunkt nächtlicher Geborgenheit in meinem Leben.
Obwohl, einen kleinen Schreihals auf dem Bauch liegen zu haben und mit ihm gemeinsam (vor Erschöpfung) einzuschlafen, das hat auch was. Ist allerdings schon gut 17 Jahre her, genauso wie die Oma schon lange tot ist, und dazwischen liegen noch andere Tode, vornehmlich von Beziehungen, eine davon verschied übrigens direkt nach der Fertigstellung eines Bettes Marke Eigenbau. Aber, wie immer, die Sehnsucht bleibt. Nicht nach einem selbst geschnitzten Bett, sondern nach einem Rückzugsgebiet à la Matratzenkuhle, besonders, wenn man aus dem Fenster schaut. Oder Nachrichten schaut, oder Fernsehen, oder in leere Gesichter in der U-Bahn. Das reicht völlig.
Dann schaut man auf das versiffte Schlafcouchbrett, das zwar eine Ritze hat, aber keine Kuhle. Und will ein Bett. Ein richtiges. Eines, das einen verschwinden lässt von Zeit zu Zeit, das sich in ein wabberndes Meer verwandelt, wenn man sich umdreht, eines, bei dem man einen kleinen Abhang hinunterkullert, wenn sich jemand neben einen legt, der schwerer ist als man selbst. Aber auch eines, in dem man den Horizont noch sieht aus der Bauchperspektive, besonders in einsamen Nächten. Man kommt sich so schnell verloren vor. So verloren, dass man sich fast wieder einen kleinen lebenden Kreisel wünscht, der gelegentlich vorbeischaut und einem die Beinchen in die Rippen stemmt.
Aber nur fast. Diese Anfälle gehen, gottlob, schnell vorbei. Weil, soviel steht fest: Ich brauch keinen neuen Sohn, sondern ein neues Bett. Und eine Kuhle. Aber die mach ich mir selbst.
Das Schlimmste sind die Krisen
31/01/2007
Mit Rebellion kann man besser umgehen
Wir reden doch immer wieder über Kinder. Hier und generell, das ist schon ein Thema in allen Gazetten und Lebenslagen. Wir reden, schreiben und denken nach übers Kinderkriegen, übers Kinderhaben, übers Kindergroßziehen. Ob man überhaupt welche haben möchte. Oder doch lieber nicht. Ich wollte doch lieber nicht. Nie. Dabei spielte eine eventuelle Antipathie keine Rolle, weil: Kinder sind, wie die großen, nett oder nicht ganz so nett. Mir waren sie immer ein wenig fremd. Bis ich schwanger wurde und Johnny bekam.
Johnny war nicht geplant. Dann steht man da. Unreif, verwirrt, Baby im Arm. Mein Motorrad hatte ich verkauft, die Traurigkeit, die mich in jungen Jahren treu begleitete, ließ sich nicht ganz so leicht beiseite schieben. Aber wir taten unser Bestes, und das war gut so. Anfang zwanzig noch nicht so fix in Sachen Verhütung gewesen zu sein, war, nachbetrachtet, ein Segen für mich. Jetzt, Ende dreißig, würde ich überlegen: Soll ich doch noch?
Nein, ich soll nicht mehr, weil ich hab‘ schon. Und mehr Liebe geht ohnehin nicht, also. Allerdings, ob es auch ein Segen für Johnny war, da bin ich nicht so sicher. Eine so unverspielte Mutter zu haben, eine so unfertige vor allem, das stelle ich mir schwer vor. Auf der Suche nach sich selbst vergisst man oft, dass andere warten, und manchmal, das sehe ich jetzt, habe ich zu intensiv gesucht.
Egal, ich möchte Ihnen nichts vorjammern, ich wollte Sie nur fragen, ob Sie das auch so sehen (falls Sie Kinder haben): Die schwierigsten Situationen sind nicht die, in denen sie Blödsinn machen. So wie: Nix lernen. Das Zimmer vermüllhalden. Bockig werden, rebellieren, ausprobieren, was es eben alles auszuprobieren gilt. Partys feiern, die ausufern. Diskussionen, die manchmal zu Gebrüll werden, mit blanker Wut und Türenknallen. Das ist doch alles zu ertragen und vorbei, sobald die Luft draußen ist.
Das Schlimmste, finde ich, sind die Krisen. Von denen wir Krisengeschulten sagen, da muss man halt durch. Und dass man stärker würde davon, und was es noch so Schmonzes gibt zu dem Thema. Aber wenn dann der Sohn vor einem steht, oder die Tochter, und sprachlos ist ob der Ungereimtheit der Welt, oder planlos, obwohl kein Ziel zu haben anscheinend als grobe Fahrlässigkeit in der Karriereplanung gilt, oder hilflos, weil der Zuckerguss bröckelt und dahinter was Grausames zu spüren ist (das menschlich ist, aber wer weiß das schon). Das ist schlimm.
Weil, wenn man so ein junges Kraftwerk zu Hause hat, dann möchte man es doch pulsieren sehen, und zwar am liebsten immer. Dass es da einen Status quo gibt, in dem gerade mal das Notaggregat läuft, davon redet niemand, wenn es ums Kinderkriegen geht. Oder davon, dass sie einem gegenüber sitzen können und Sachen erzählen, die sie erlebt haben und die sie nicht begreifen und man sich daran erinnert, dasselbe erlebt zu haben vor zwanzig Jahren. Und dann erinnert man sich eben auch an die eigene Hilflosigkeit, der man damals ausgeliefert war – und alles, was man möchte, ist: Ihnen den halbwegs dicken Panzer umhängen, den man sich selbst über die Jahre zugelegt hat.
Bloß, das geht eben nicht. Wenn, wäre man selber ja wieder nackig und schutzlos. Was bleibt, ist eben das Schwerste: Ihnen diese Krisen auch zuzutrauen. Und sie wissen zu lassen, wie man das selbst alles überstanden hat. Und sich selbst nicht allzu tief in der Erinnerung zu verlieren. Kann schon passieren, dass ich noch tief grüble, während Johnny schon wieder mit anderen Dingen beschäftigt ist, zum Beispiel damit, den Kühlschrank zu plündern.
Glauben Sie an Sätze wie „Kinder sind unsere Hoffnung“? Ich nicht. Aber daran schon: Wenn unserem Nachwuchs phasenweise die Hoffnung ausgeht, dann können wir selber ganz schön blöd dastehen. Das sollte auch mal gesagt werden.
Wer funktioniert, darf bleiben
24/01/2007
Der „goldene Boden“ ist ziemlich hart Mein Sohn ist Lehrling. Machen Sie sich nix draus, dann lernt er wenigstens was G’scheites. Handwerk hat ja, wie man so sagt, „goldenen Boden“. Fein, dann fällt er schön hart, wenn er fällt. Derzeit überlegen wir ja, den Kündigungsschutz für Lehrlinge ein bisserl zu lockern. Sorgen müssen wir uns nicht, weil der goldene Handwerksboden für den Kündigungsfall mit ein paar AMS-Kursen gepolstert wird, und alles wird gut. Super, gell?
Super, das finden wir auch, mein Sohn und ich. Mein kluger, hübscher, eigenwilliger Sohn, der gelernt hat, dass man sich nicht jeden Schwachsinn gefallen lassen muss, und der sich damit in seiner Lehrstelle nicht nur Freunde gemacht hat.
Übrigens: Ich kann nicht einfach sagen, Johnny macht eine Lehre. Nein, ich sage: Johnny macht eine Lehre, in einem ausgezeichneten Hotel, internationale Hotelkette, fünf Sterne, beste Chancen für die weitere Karriere im In- und Ausland. Und das reicht nicht, ich sage auch: Johnny wollte auf die Grafische, nach der Aufnahmeprüfung auf Platz vier der Warteliste, grad nicht geschafft, so ein Pech. Dann die HTL, nicht so seines, also Lehre. Wie sein Großvater, der in der Schweiz Topgastronom hätte werden können, wenn er nicht den Familienbetrieb hätte übernehmen müssen, dafür hat er dann am Land Kalbszüngerl und Butterteigpastete eingeführt, immerhin.
Aber das so zu sagen, fühlt sich falsch an, denn im Grunde stimmt: Mein Sohn macht eine Lehre, mein Vater war Gastwirt und das ist ok. Nicht ok ist, dass der ohnehin gar nicht so fest sitzende Kündigungsschutz angetastet werden soll, genauso wie es nicht ok ist, dass das Wort Lehre einen unangebrachten Rechtfertigungsaufwand auslöst. Nach dem Motto: Die Lehre war die zweite Wahl nach der angestrebten Bildungsoffensive Richtung Akademiker.
Wahr ist, dass viele Jugendliche Probleme damit haben, eine Lehrstelle zu finden, weil sie nicht ordentlich lesen, rechnen und schreiben können, zusätzlich grad pubertär angemotzt sind und es wenig Lehrstellen gibt. Nicht die besten Voraussetzungen. Finden sie dann eine Lehrstelle, müssen sie „froh sein“ und die Klappe halten, weil es „so ein Glück war“, und wer weiß, ob man eine zweite Chance bekommt, wenn man nicht funktioniert. Das Damoklesschwert heißt „Jugendarbeitslosigkeit“ und ist ganz schön scharf geschliffen.
Und, die Wahrheit über allem ist, dass es verdammt noch eins nicht die Schuld der 14-Jährigen ist, wenn sie nach acht Jahren Schule nix gelernt haben: Das ist Schuld der Schule, und aus. Darüber steht natürlich die Bildungspolitik, der Stellenwert, der dem Bildungssystem zugemessen wird. Und dazu gehört auch Erwachsenenbildung, die Bildung jener Menschen, die erziehen sollen oder lehren. Dazu gehört der Umgang mit den Menschen überhaupt, und wenn jemand müd‘ von der Arbeit, vom Büro, von der Schicht heimkommt, und es nicht mehr schafft, mit dem Nachwuchs Vokabeln zu büffeln, oder Bruchrechnen, oder Latein, dann versteh ich das voll und ganz.
Das ist nämlich auch wahr: Wer keine Kohle hat, muss nehmen, was er kriegt. Also Regelschule. In der wird aber dann im Regelfall keine Rücksicht auf Kinder genommen, die beim Anblick einer Schneeflocke draußen vor dem Fenster vom Winter träumen, und zwar sofort. Statt dem Unterricht zu folgen. Und nach der Regelschule macht man oft nicht, was einem entspricht – sondern wieder nur das, was man kriegt.
Johnny geht es gut. Er hat den Lehrplatz, den er wollte, hat sich dort halbwegs arrangiert und plant über seine Lehrabschlussprüfung hinaus. Das, was er in der Grafischen lernen wollte, bringt er sich selber bei, und wer weiß, was noch alles kommt. Hoffentlich nicht die Lockerung des Kündigungsschutzes. Nicht, weil ich mir Sorgen um meinen Sohn mache. Aber ich kenne genug andere Jugendliche. Und ihre Eltern. Einfach ist das nicht.
Ich befürchte, dass die Lehre (und im Vorfeld die Grundausbildung an sich) nicht aufgewertet wird, sondern genau das Gegenteil passiert. Den Lehrlingen wird ohnehin nicht viel geschenkt. Ein bisschen Sicherheit sollte da zumindest drinnen sein. Das hat auch was mit Wertschätzung zu tun. Oder etwa nicht?
Exorzismus zwischendurch
15/12/2006
Wohin mit der Wut in der niedersten aller Welten
Diese unsere Welt, schreibt Singer in „Die Gefilde des Himmels“, sei laut Talmud die niedrigste aller Welten, in der alles Licht zu Stein werde, zu Knochen und Erde. Vielleicht damit wir es fassen mögen, dieses Licht und daraus machen, was wir daraus zu machen verstehen.
Und Tolstoi lässt in „Der Tod des Iwan Iljitsch“ einen Sterbenden darüber nachdenken, ob er, der von sich geglaubt hat, sein Leben lang beständig aufwärts zu gehen, nicht abwärts gegangen sei statt dessen. Sich seinen Aufstieg nur vorgelogen zu haben, so wie ihm alles auf einmal Lüge erscheint, die Fürsorge seiner Frau, die Zuwendung seiner Freunde, alles.
Mein fast erwachsener Sohn sitzt am Tisch, ich sage etwas, er motzt. Ich explodiere. Nicht: Ich weise ihn zurecht. Das ist grüngallige Wut, die sich hoch steigert in einen völlig hysterischen Ausdruck, dass ich so nicht mit mir sprechen lasse, und die Schnauze hätte ich voll und überhaupt und ohnehin. Bald schreien wir beide, er fassungslos ob der völlig inadäquaten Reaktion meinerseits, ich außer mir, außer jeder jemals gefassten Regel im Umgang mit meinem Kind, mit Menschen generell.
Am Ende finden wir uns im Badezimmer wieder. Er sitzt am Badewannenrand, ich stehe in der Tür, bin atemlos und schäme mich zutiefst. Diese ganze Wut, werde ich ihm und mir später erklären, die meinte nicht dich. Wen dann, fragt er und ich, ich weiß das auch nicht so genau.
Mir ist, als wäre eine Schar Dämonen aus meiner Brust in eine Schweineherde gefahren, oder in die Tauben auf dem Dach. Und der, der den Dämonen das Weichen befohlen hatte, sitzt hier und ist ebenso verstört wie ich. Mein Sohn, der Exorzist. Die Lungen tun mir weh, sie sind ganz leer, aber eigenartig gut fühlt sich das auch an. Leichter nämlich, was die Frage aufwirft, was Schweres drinnen war. Ich dachte ruhig zu sein. Den Grad zu kennen, bei dem Überhitzung droht.
Früher, als wir noch Mädchen waren, öffneten meine Schwester und ich bei einem Gewitter die Fenster unseres Zimmers ganz weit. Wir löschten die Lichter und hörten Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, bis es schwere Tropfen regnete und wunderbar nach Sommer roch. Da waren wir uns einig. Aber dann wieder stritten wir, waren uns spinnefeind, hassten einander, schrien uns an, knallten mit Türen und manchmal prügelten wir uns auch, zugegeben, die Prügeleien fing immer ich an, wenn ich mich mit Worten nicht mehr wehren konnte.
Und danach? Versöhnten wir uns. Nachdem wir uns entladen hatten, waren wir wieder rein und unschuldig, sammelten aufs Neue links und rechts kleine Kränkungen und Ungerechtigkeiten auf, verstauten sie in unseren Kinderseelen, bis der Platz übervoll war und wir uns gegenseitig die Dämonen austreiben mussten.
Ich weiß nicht, wie meine Schwester das heute macht. Wir streiten nicht mehr, wir hören einander zu. Ob das reicht? Manchmal telefonieren wir lange, nehmen auf, was die andere quält und freut. Das ist gut so. Aber was macht sie mit ihren Dämonen?
Was macht die ganze verdammt aufgeklärte Elternschaft da draußen mit ihren Dämonen? Mit dem Frust, erwachsen zu sein, sich nicht mehr prügeln zu dürfen, nicht mehr laut streiten, jetzt und auf der Stelle, Ungerechtigkeit eine solche zu nennen, in dem Augenblick, in dem man sie sieht – egal, ob sie einen selbst trifft oder einen anderen? Mit der Unfähigkeit, jemanden aus ganzem Herzen zu hassen, so wie man die Lehrerin gehasst hat, die einem mit dem Fingerknöchel auf die Stirn pochte und im Takt dazu verhöhnte. Was machen wir mit unserer anerzogenen Gelehrigkeit und Höflichkeit und, vor allem, mit dem Bedürfnis, jedes unpassende Verhalten analysieren zu müssen und – man stelle sich vor! – zu verstehen?
Wie geht man um mit der kleinen alltäglichen Trägheit und den Wiederholungen, dem immer Gleichen, der hinter vordergründiger Gelassenheit versteckten Wehleidigkeit? Wo verbirgt sie sich, diese Wut, und was nährt sie?
Vielleicht ist es die Lüge, die Tolstoi erwähnt, die einem ebenso begegnet, wie sie in einem wohnt. Vielleicht ist das aber auch alles Schwachsinn und man sollte weniger Tolstoi lesen und seinen Sohn einfach aus der Schusslinie halten.
Und was genau das mit dem Licht zu tun hat, das zu Stein und Knochen wird, darüber muss ich wohl noch etwas länger nachdenken.
Heiß duschen in der Nacht
30/11/2006
Wärme ist Luxus. Stille vielleicht auch.
Ich möchte, ich möchte, ich möchte. Ruhig sein. Mir scheint, das ist schwer. Die Leute reden übers Wetter und darüber, dass es zu warm ist. Für die Jahreszeit. Schnee und Kälte wollen sie, immerhin käme die stillste Zeit. Ja wenn! Mein Sohn, der so 17-jährig ist, wie man nur sein kann (und das mit großem Talent, darauf bin ich stolz), will auch Schnee. Aber nicht wegen der Zeit. Sondern wegen des Wintersports.
Tief drinnen wabbert ein Ding, das ist aus Nichts gewoben. So Sachen denk‘ ich, während mich das schäbigste Taxi Wiens nach Hause bringt. Spätnachts, auf Firmenkosten. Es zieht und der Tacho ist kaputt, der Taxler fährt nach Gefühl. Das sagt ihm: Die Frau muss nach Hause, so müd‘ ist die.
Wir rasen durch die Mariahilfer-Straße. Was sind das für Leute, fragt er, immer seh‘ ich sie da stehen. Punks, sag ich. (Taxler:) Wo schlafen die? (Ich:) Weiß nicht, vielleicht in der Gruft. (Er:) Ob die da ihre Hunde mitnehmen dürfen, ins Asyl? (Ich:) Keine Ahnung. Schlafen wahrscheinlich eh woanders.
Im Fenster spiegelt sich Festbeleuchtung. Glitzerkaskaden, Gold, Sterne, Weihnachtszeug. Wir hatten zu Hause ewig lang kein Warmwasser. Einen Boiler hatten wir, und immer, wenn mein Vater den Wirtshausofen anfeuerte, wurde das Wasser warm. An Sperr- und Urlaubstagen blieb es meistens kalt. Wir hatten auch keine Zentralheizung, sondern Öfen. Mal mit Öl beschickt, mal mit Holz und Kohlen. Im Kinderzimmer gab es keinen Ofen, dafür Heizdecken im Bett. Das fast 400-jährige Haus mag dicke Wände haben, aber kalt blieb es allemal.
Wärme ist Luxus. Erst als mein Sohn geboren wurde, rissen wir die alten Böden und Wände auf, verlegten ein Adergeflecht aus Rohren in das Haus, und seither ist es wärmer. Wir können heiß duschen, mitten in der Nacht. Dann zogen wir nach Wien. Da ist es heller im Dezember, lauter güldene Häuser, die um die Wette leuchten.
Aber stiller ist es woanders, denke ich in meinem schäbigen Taxi. Stiller ist es dort, wo es kalt ist. Und aus dem Ding aus Nichts wird ein Sehnen nach der Oma, die schon lange tot ist. Sie war so ruhig, wie ich es sein möchte. In den Raunächten, wenn die Wilde Jagd übers Land zieht, sind wir zwei durchs Haus gewandert, sie mit einem alten Bügeleisen vorneweg (so eines, in das man Glut füllen musste), Weihrauch verbrennend, ich hintennach, in Rauchschwaden gehüllt, Weihwasser versprengend, den runden Omahintern vor mir auf der Treppe.
Meine dicke, ruhige Oma. Sie ist gestorben, da war ich 14. Seither geh‘ ich allein durchs leere Haus, am 24. Dezember, weil das eine Raunacht ist. Und oben, unter dem riesigen Dachstuhl, steh‘ ich eine Zeit und denke nichts. Und unten, in dem alten Erdkeller mit seinem Gewölbe und dem Kellergeruch, steh‘ ich eine Zeit und denk‘ an das Haus, das eine Geschichte hat und darin ist man nur ein kleiner Teil.
Nach einer Zeit ist alles gut. Dann geh ich zu meiner Familie, Weihnachten feiern.
Der Taxler fährt fast an der Straße vorbei, in der ich wohne. In Gedanken ist er noch bei den Punks. Ich hingegen bin wieder aufgetaucht und krame nach der Brieftasche. War heuer früh dran, dieses Sehnen. Na immerhin, jetzt ist es raus.
Im Hintergrund zwei Johnnys
15/11/2006
Und beide singen mit Inbrunst
Im Hintergrund zwei Johnnys. Sie singen mit Inbrunst „Hurt“. Eine Wand und zwei verschlossene Türen sind dabei kein Hindernis: Ich kann so nicht arbeiten. Zumindest nicht an dem Text, an dem ich arbeiten wollte.
Der eine Johnny (Cash) singt dabei noch etwas besser als der andere Johnny (Sohn). Dieser gleicht die fehlende Routine mit Leidenschaft aus. Aber, wie gesagt, ich kann so nicht arbeiten. Zu laut. Zuviel Erinnerung. Der Gesang bricht ab und Johnny trollt sich in mein Zimmer. (Interessant, wie elegant er dabei dem Wäschekorb im Vorzimmer ausweicht.) Er braucht einen Block. Ob ich so was habe. Ich begrabe den geplanten Text endgültig.
Johnny hat nämlich eine Band gegründet und muss Songtexte schreiben. Johnny? (Legen Sie einen erstaunten Ton in das Wort, das machen alle bei dem Teil der Geschichte.) Ja, genau. Johnny. (Und dann müssen Sie fragen:) Welches Instrument spielt er denn? Er singt. Johnny? (Siehe oben.)
Warum denn nicht? Als er mir vor Wochen den Bandbauplan vorlegte, war ich ebenso bass erstaunt. Ich kenne die Stimme meines Sohnes an sich nur sprechend. Wenn bei uns einer singt, dann ist es der Kurde, der beim Duschen gern etwas von den Bee Gees zum Besten gibt. Johnny dröhnt gemeinsam mit seinem MP3-Player um die Wette, ja, das schon. Aber singen? Ernsthaft?
Mein Gehör ist empfindlich. Außerdem war ich einst Mitglied im Eferdinger Auswahlchor, der immerhin beim Bundesjugendsingen eine respektable Leistung zeigte und seine Erfolgsstory mit einem Auftritt im Musikantenstadl krönte. (Während wir zum Vollplayback unsere Münder bewegten, lief der Abspann. Wir hatten beim Einspielen die Strophen vertauscht. Daher der konzentrierte Blick.)
Überhaupt hat meine Familie einen Hang zum Musikalischen. Mein Vater ist der einzige, der das „Stille Nacht“ vor dem Christbaum zu Ende bringt. Die andern kringeln sich meist schon vor dem ersten „schlaf in himmlischer Ruh“ vor Lachen. Von meinem Großvater, einem aus dem Egerland eingewanderten Koch, heißt es, er habe jede Kapelle fehlerlos dirigiert. Besonders, wenn sie einen Egerländer spielten. Und, wirklich, wir haben auch einen gelernten Dirigenten in der Familie.
Johnnys musikalischer Karriere steht also nichts mehr im Wege. Und nachdem alle frühen Versuche, ihn zum Beispiel an ein Klavier zu gewöhnen, an seiner Willenskraft scheiterten, nehme ich die Gelegenheit freudig wahr, ihm bei der Schulung seiner Stimme finanziell unter die Arme zu greifen: Die ersten zehn Stunden gehen aufs Haus.
Eigentlich meinte er, bei der Musik, die sie machen, müsse man nicht singen können. Aber dann hab ich ihm von einem alten Freund erzählt und wie der bei den Mitternachtsmetten die Stadtpfarrkirche in Grund und Boden gesungen hatte. Oder wie wir damals, noch ziemlich jung und leider nicht zeitgleich ineinander verliebt, im herbstlichen Nieselregen die Donau entlang wanderten und er meine jugendliche Schwermut mit einem Blues begleitete.
Und genau diesen begnadeten Sänger habe ich jetzt ausgeforscht. Er lebt in Wien, gibt Unterricht und wird Johnny schon zeigen, wo das Stimmvolumen wohnt.
Mein Sohn sitzt wieder in seinem Zimmer und bastelt am Text. Der andere Johnny (Cash) hat zwischenzeitlich aufgegeben. Und ich?
Ich denke zurück an Memphis, Tennessee. Da war ich nämlich auch schon.





