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Auf nach Florida

30/10/2006

Zu Charlie und Maurine

Ich bräuchte mich nur in einen Flieger zu setzen, mailt Charlie. Und keine Sorge, am Flughafen in Tampa würden sie mich dann schon aufgabeln, Maurine und er, und mit dem Chevy nach Ocala bringen – so wie ich sie vor fast genau einem Jahr am Wiener Flughafen aufgegabelt, in ein Taxi gesetzt und in die City gebracht hatte. Ich könne bleiben, solange ich wolle.

Vergangenen Oktober war es grad nicht mehr ganz so warm. Charlie und Maurine thronten zwischen ihren Koffern, im Partnerlook mit dünnen blau-roten Collegejacken, und das erste, was ich mir bei diesem Anblick dachte: Die müssen sich wärmere Jacken kaufen. Als er mich sah, humpelte mir Charlie auf seinen Stock gestützt entgegen. Maurine wuselte um ihn herum, kümmerte sich um Begrüßung und Aufbruch und Taschen-nicht-vergessen gleichzeitig, sog uns in ihren Strudel aus leicht hektischer Aktivität, bis wir schließlich schnaufend im Taxi saßen.

Vor diesem Zeitpunkt waren wir einander noch nie begegnet, hatten uns nur gemailt.

Charlie, der schon an die 80 sein dürfte, sein tatsächliches Alter aber verschweigt, ist einer von den WW2-Veteranen, mit denen ich 2005 Kontakt hatte. Er war schon mit 16 zur Army gegangen, wo er vorgab, 18 zu sein.

Als der Krieg kam, war er immer noch blutjung, kam zur Garde und schließlich als Besatzungssoldat nach Österreich. Er sei so berühmt, erzählt er gern, dass man ihm zu Ehren eine Sondermünze prägen ließ. Wenn man sich die 20-Euro-Silbermünze mit den „Vier im Jeep“ genau ansehe, dann erkenne man ihn deutlich. Meint Charlie, und dann wackelt der ganze Mann vor Lachen, dass man am liebsten ein Gerüst um ihn hochziehen möchte, damit er nicht umfällt. So gern hat man ihn da schon.

Aber der Mann fällt nicht um. Wir haben ihn per Straßenbahn durch Wien geschleppt, sind aufs Cobenzl gefahren, haben gemeinsam mit ihm versucht, die Vergangenheit einzuholen, die schon zu weit weg war. Wir sind langsam durch die Innenstadt gegangen, haben geredet, Eis gegessen und Charlie mit seiner „red sauce“ aufgezogen, die er sich über fast jedes Essen kippte. Schweinsbraten mit Ketchup.

Es war offensichtlich, dass sich hinter all seinen „Jokes“ ein großer, sensibler Mann verbirgt, der, wie er sagt, keine Angst vor dem Tod hat, aber, wie man spürt, innig der Beweglichkeit nachtrauert, die ihm das Alter nach und nach nimmt. Es berührt mich, wie sehr er trauert, wie wenig er es zugibt.

Solange er stehen kann, will Charlie arbeiten. Was er auch macht, obwohl er es nicht mehr müsste. Als Hilfssheriff in einem großen Gefängnis scannt er an drei Tagen in der Woche die Besucher auf Waffen. Maurine arbeitet auch noch, tippt beschlagnahmte Gegenstände in ein Computerprogramm ein, wo sie als Diebesgut identifiziert werden können. Charlie sagt, sie sei Floridas Sherlock Holmes. Er dürfe sich nicht mit ihr anlegen, sie würde ihn „hochgehen lassen“ – dann tut er so, als würde er sich fürchten, und Maurine gibt ihm einen Klaps auf den Unterarm mit dem Anker-Tattoo.

Vor ein paar Wochen hatte Charlie einen „friendly stroke“. Die ersten Mails danach waren sehr kurz. Er finde sich auf der Tastatur nicht mehr so zurecht, mailt Charlie. Maurine schreibt, dass es ihm schlechter geht, als er zugeben würde. Eine Reha-Schwester kommt ins Haus. „Sie malträtiert mich“, tippt Charlie. Aber das würden alle Frauen mit ihm machen. Ja ja, denke ich mir. Die Mails werden wieder länger.

Wie es mir geht, möchte er wissen. Und Johnny, dem Kurden, meinen Eltern, meiner Freundin mit dem Winzig-Baby. Allen gut soweit, antworte ich. Nur mir fällt die Decke auf den Kopf. Mir wird grad alles ein wenig zu viel.

Und da kommt das Mail. In den Flieger setzen. Nach Florida fliegen. Zu Charlie und Maurine. Er würde auch alle Schlangen aus dem Garten vertreiben und mir am Pool ein Plätzchen reservieren. Ich könne bleiben, solange ich möchte.

Werde ich fliegen? Natürlich. Sobald es mir zu kalt wird, bin ich weg.

Gebt mir ein Feld! Und Hosen.

Gestern, früher Morgen. Ich sitze in der Küche, trinke Muckefuck und schaufle Zimtpolenta. Im Pyjama, ziemlich vermuffelt und mit Tonnen Schlaf in den Augen. Plötzlich steht ein gepflegter Herr vor mir. Schwarzer Anzug, grünes Hemd. Perfekte Krawatte, perfekt geknotet. Der Herr mustert mich streng und sagt: Mama, geh jetzt endlich duschen. Du kommst zu spät. Also, äh, eigentlich ist das doch meine Rolle, oder?

Ich bin doch diejenige, die sich morgens von Weckergeschwadern wach brüllen lässt, damit sie lauschen kann, ob sich in der Nachbarhöhle was regt, und, falls ihr nur Stille entgegen gähnt, an Türen pocht, erst sanft, dann lauter, dann genervt. Ich bin diejenige, die über die Zeit herrscht und Weisungen erteilt, von wegen: Geh jetzt endlich duschen! Jetzt! Steh auf! Es ist … egal, immer irgendwie knapp.

Seine Rolle ist die des Gegenpols: Bleibt liegen, überhört Wecker, kriecht zum Bad, wo er weiterschläft. Er ist derjenige mit der einen Standardantwort für 217 verschiedene Anfragen: Ja, eh gleich.

Da steht also mein Johnny, schickt mich duschen und was sage ich? Das Nahe liegende: Ja, eh gleich. Und während ich das „gleich“ ebenso in die Länge dehne wie er es üblicherweise macht, ist mein Sohn schon auf dem Weg zur Arbeit.

Die Tür knallt ins Schloss, und ich erinnere mich an einen Winzig-Johnny im kleinkarierten Babyanzug, so dick wattiert, dass er zu unserem Gaudium wie ein Schwarz-Weiß gemusterter Seestern liegen blieb, wo auch immer man ihn platzierte. Dann, später, in der großelterlichen Gasthausküche, sicher zwischen Fleischwolf und Kühlschrankwand in der Babywippe verstaut, mit leuchtendrotem Strickpulli, grünen Hosen und braunen Kulleraugen.

Oder bei der Hochzeit meiner Schwester: Im Partnerlook mit seinem gleich alten Cousin, Lederhosen, schickes Trachtenjäckchen und Hut. Ich weiß nicht mehr, wie alt er da war. Drei? Vier?

Als ich vier Jahre alt war, war ich Kapitän. Dickbäuchig, mit Schnurrbart, Kapitänsmütze und Strickjacke. Gerochen habe ich allerdings nicht etwa nach Pfeifentabak, Meer und Freiheit. Sondern nach Essen. Weil die Strickjacke in einem Schrank in der Gasthausküche wohnte. Und der Geruch kam auf dem Kindergartenfaschingsfest gar nicht gut an.

Meine ganze Kindheit roch nach Essen. Wir Kinder halfen im Gasthaus, und zwar in Röcken. Mit kleinen, weißen Schürzchen. Zur Firmung bekamen meine Schwester und ich selbst genähte, bodenlange Dirndlkleider. Und Faltenröcke für den Firmausflug. Inklusive Bluse und Trachtenbeutel. Großartig. Die Dirndl wurden dann für das Gasthaus auf praktische Knielänge gestutzt. Die Strümpfe rutschten mir ständig runter. Und wenn ich einen normalen Rock zum „Mittagsg’schäft“ anziehen wollte, hatte ich sicher keine einzige schwarze Feinstrumpfhose ohne Laufmasche mehr, dafür tausend mit.

Meine jugendliche Auflehnung gegen elterliche Autorität bestand darin, manchmal in Hosen zu servieren. In engen Hosen. (Aber nur an Werktagen.) Unbefangen Röcke zu tragen ist mir (und meiner Schwester) bis heute nicht möglich. Gebt mir Gummistiefel, gebt mir ein Feld! Ich ackere es um mit einem lahmen Ochsen und einem kaputten Pflug – solange es dabei normal ist, Hosen zu tragen.

Ich trinke meinen Muckefuck aus und frage mich, ob sich Johnny per Anzug und Krawatte auflehnt. Angesichts einer Mutter, die im Wechsel Jeans mit T-Shirt und T-Shirt mit Jeans kombiniert, wäre das ja kein Wunder. Aber nein. Im Bad stolpere ich über seine halbzerfetzten Alltagshosen.

Wahrscheinlich macht er das viel subtiler. Indem er langsam den Spieß umdreht. Und mich zum Beispiel duschen schickt. Bald wirft er mich aus dem Bett. Mitten in der Nacht.

Sie auch?

30/09/2006

Anfallsartige Schüchternheit

Im Kleinen, da lässt sich ja viel erklären, ziemlich viel sogar, aber im Großen? Verstehen Sie alles? Gehören Sie zu den Leuten, die zu allem und jedem eine Meinung haben, eine dieser großen Meinungen, die man gerne herzeigt und zur Diskussion stellt? Die sich schon in der Haltung ausdrückt, mit der man ein Zimmer betritt, oder ein T-Shirt trägt, oder die Tasche, oder sonst was?

Sind Sie von jenem Schlag Mensch, der auf alles eine Antwort weiß und wenn nicht, sich das nie anmerken ließe? Haben Sie Kinder? Sitzen Sie in der Straßenbahn, in der U-Bahn und wünschen sich manchmal in eine schneebedeckte, antarktische Einsamkeit, weil alles zuviel ist, zu nah, zu unmittelbar, zu fordernd und vor allem: zu verwirrend?

Hält es Sie an einem anderen Platz als dem des von außen nach innen Schauenden, sei es vom Rand einer Gruppe in die Mitte oder neben sich stehend sich selbst beobachtend?

Wechseln Sie die Straßenseite, wenn Sie sonst an einer Gruppe fremder Menschen vorbeigehen müssten, die, sagen wir mal, in einem Schanigarten sitzen, in der Spätsommersonne, Sie aber einen plötzlichen Anfall von postpubertärer Schüchternheit haben? Kann es vorkommen, dass Sie auf der Schwelle eines Geschäftes umdrehen, weil drinnen sitzt ein ganz forsch blickender Mensch und will Sie bedienen, aber eigentlich will er es doch nicht, er will nur forsch sein und in seinem Laden sitzen und zeigen, wo die Grenze ist zwischen ihm und dem Rest der Welt, womit er Sie meint, mit dem Rest. Macht Ihnen das auch Angst?

Und: An Tagen, die nicht zum Reden gedacht sind, geht es Ihnen da auch so, dass sich das Gesagtwerdenwollende festkrallt – in den Lungenbläschen oder quer unterm Kehlkopf – und nur in schmerzvollen Splittern hochkommt, weil es keine Anlaufzeit gab, keine Vorwarnzeit beim Angesprochenwerden? Vergleichen Sie sich dann mit einem alten Diesel, der ohne Vorglühzeit kalt gestartet werden soll?

Versuchen Sie manchmal, eine Meinung zu artikulieren und hören sich dann beim Artikulieren so deutlich zu, dass Ihnen alles, was sie sagen, fremd vorkommt und es daher besser scheint, den Mund zu halten? Was Ihr Gegenüber sichtlich verstört, was wiederum Sie selbst noch mehr verstört und endgültig die Rede einfriert?

Denken Sie nicht auch oft, alles Irrsinn, was sich da von den Plakatwänden auf die Straßen schleimt (auf denen Sie permanent die Seite wechseln möchten, aber nicht tun, weil das wäre ja verrückt), oder aus den Postkästen, oder aus den Nachrichten? Wie ist das nun, haben Sie Kinder? Schon fertige, geplante, noch am Überlegen? Falls ja, verwirrt Sie das nicht noch mehr? Was, wenn Sie ihnen die Welt erklären sollen, oder Zuversicht geben, oder einfach nur manchmal eine flotte, eloquente Antwort auf eine kleine, harmlose, niedliche Frage?

Dabei ist man immer noch damit beschäftigt, Antworten auf die eigenen Fragen zu suchen, was heißt, die eigenen Fragen nach irgendeinem halbwegs vernünftigen System zu ordnen, um Überblick zu erhalten, was völlig ohne Aussicht ist. Ehrlich: Für mich war die Ahnung um diesen Lebenszustand Grund genug, mir kein Kind und, wichtiger, mich keinem Kind zuzumuten. Eigentlich.

Denn uneigentlich sitzt mein Sohn jetzt im Wohnzimmer auf der Couch, schaut mit einem hübschen Mädchen fern – das er nicht in sein Zimmer lassen kann, weil, genau, ganz schlimm. Und daher sitze ich in der Küche beim Tippen, und dass das alles so ist, ist auch eines dieser Rätsel, aber immerhin: Es scheint doch zu funktionieren.

Woran man denkt

15/09/2006

… wenn die Nacht lang genug ist

Ich stehe in der dunklen Wohnung am Fenster. Vier Stockwerke unter mir presst sich ein Mann an einen Wagen, es ist schon nach Mitternacht. Zuerst glaube ich, der Mann will das Auto stehlen, aber dann: Er pisst es seelenruhig an. Es sieht nur so aus, als würde er sich an das Auto pressen. Ein anderer Mann geht vorbei, der erste ist fertig, verstaut alles, wo es hingehört, schließt den Gürtel, packt eine Einkaufstasche, biegt um die Ecke und verschwindet.

Was er tut, erinnert mich an etwas, das wir getan hatten, vor mehr als 25 Jahren. Und dann waren wir uns fremd. Eigenartig.

Als ich ein junges Mädchen war, zwölf oder dreizehn Jahre alt, wanderte ich mit meiner damals besten Freundin und einer großen Gruppe von Erwachsenen und Kindern auf einen Berg, ich glaube, es war der Hochlecken. Beim Aufstieg trödelten wir hinterher, beim Abstieg wollten wir die ersten sein und marschierten flott allen voran. Der Abstand zwischen uns und den anderen wurde immer größer, bald waren wir außer Sichtweite, bald außer Rufweite: Wir warteten ein wenig, aber niemand kam, also hatten wir uns wohl verlaufen.

Ich erinnere mich noch genau, wie alles, was vorher schön war, unheimlich wurde. Wir lauschten in eine von kurzen, hallenden Vogelschreien durchbrochene Stille, in eine völlige Abwesenheit vertrauter Geräusche. Es roch grün und feucht und moosig und vor allem gab es keinen erkennbaren Weg, nur Wald. Niemals hätten wir uns unsere Angst eingestanden. Wir beschlossen, einfach weiterzugehen, immer bergab.

Nachdem wir eine Zeitlang gegangen waren, mussten wir pinkeln. Wir schämten uns voreinander und versteckten uns in dieser Abgeschiedenheit hinter Bäumen, was die Scham noch mehr verstärkte. Plötzlich war mir meine Freundin fremd und ich ihr und diese Fremdheit hat uns danach nie mehr ganz verlassen. Es war ein Eingeständnis. Ein Geheimnis. Ich weiß nicht. Es war eigenartig. Ich sah ihre Nacktheit durch die Bäume schimmern und spürte, wir verbargen etwas voreinander.

Dann gingen wir weiter. Nach einer Ewigkeit stießen wir auf einen Weg, folgten diesem und hörten endlich vor uns die Geräusche unserer Gruppe. Gespräche, Gelächter. Niemand hatte uns vermisst, wir sprachen auch nicht darüber.

Wir blieben befreundet, bis wir ein oder zwei Jahre später verschiedene Schulen besuchten, sie eine Lehre machte, ich mich durch die HAK quälte, sie sehr gläubig wurde, ich aus der Kirche austrat, sie eine Familie gründete, weil sie es wollte, ich ein Kind bekam, weil es so passierte, sie in ein mitten im Hügelland, mitten im Wald gelegenes Haus mit überdachtem Pool zog, ich mein Motorrad verkaufen musste, weil wir kein Geld hatten, dafür ein Würmchen, einen kleinen Tiger, einen Prinzen, der mir nie fremd war oder ist, und wenn ja, dann reicht es still zu sein, bis ich ihn wieder verstehe. Aber sie, meine Freundin, blieb mir fremd, egal, wie still ich war.

Sogar auf Bildern, die uns vor dieser Bergtour zusammen zeigen, glaubte ich später dieses Fremde bereits zu erkennen, denn wenn es nicht damals schon da gewesen wäre, wären wir Freundinnen geblieben, oder? Wahrscheinlich nicht.

Woran man denkt, wenn man in der Nacht am Fenster steht und einem Mann unabsichtlich beim Pinkeln zusieht.

Der Mond hängt am Himmel. Ich bin müde und schließe das Fenster vor den Erinnerungen, die an der Mauer hoch kriechen und gedacht werden wollen, aber, nein danke, für heute ist’s genug.

Mach ja das Beste draus

Interessant. Laut Wikipedia ist der Urahn für den Begriff „Urlaub“ das alt- bzw. mittelhochdeutsche Wort für „Erlaubnis“. Die Ritter baten ihre Lehnsherren um „urloup“, wenn sie in eine Schlacht ziehen wollten. Ich vermeide, das U-Wort in Zusammenhang mit den vergangenen zwei Wochen in Verbindung zu bringen, weil wenn, dann war das eine Schlacht.

Linguistischer Boykott: Ich mag das U-Wort nicht. Es zwingt sich, nach Leichtigkeit zu klingen und nach Meer zu schmecken. Oder alpin. Dabei engt es qualitativ wertvolle Lebenszeit auf einen überschaubaren Zeitraum ein und wehe, du machst nicht das Beste draus. Kurz: Es stinkt vielleicht nicht, aber es müffelt.

Die letzten vierzehn Tage waren nicht schön. Obwohl. Wenn ich lustig wär, könnte ich was draus machen. Titel: Abenteuer-U-Wort. Dahinter ein leichtes Texterl, in das ich Bonmots über den plötzlichen Wettersturz hineinlächle. Gefolgt von flockigen Anmerkungen zur Freizeitgestaltung in der Kleinststadt bei Regenwetter. Und dann lachen wir gemeinsam herzlich über den missglückten DVD-Abend des in der Großstadt verbliebenen Nachwuchses. Missglückt im Sinne von: außer Kontrolle geraten. Wohnung überfüllt. Hausmeisterinnenalarm. Grad nicht Polizei, weil Nachwuchs an sich so nett. Auch das verstopfte Klo bietet Unterhaltung, vor allem, wenn erst nach 24 Stunden alles wieder wie vorgesehen fließt.

So betrachtet und beschrieben klingt das lustig. Und Wochen später kann man darüber lachen, mag sein. Aber jetzt. Sehne mich nach Stille wie schon lange nicht mehr. Nicht nur nach Stille, sondern danach, wie sich die anfühlt. Wie porzellanweißes, kühles Nichts.

Das normalste in letzter Zeit war wahrscheinlich wirklich das Spontanfest ein paar völlig übergeschnappter Jugendlicher in meiner Wohnung und der Regen, der begonnen hat, als wir im Leihwagen gen Westen zogen, der Kurde und ich, als das Handy vom Kurden läutete und ein Freund dran war und sich Beklemmung breitmachte, und dann war alles so eigenartig stimmig. Die Wolken zogen auf, der Sommer vorbei, der Kurde schwieg. Jemand war tot, einer, den wir beide mochten, ich erst kurz und der Kurde schon sehr lang. Hat sich aus dem Leben gebracht.

Vor lauter Grübeln, warum er das getan hat, drängten wir die Trauer zur Tür hinaus. Wir dachten nach, forschten nach Hinweisen, nach Signalen, die wir übersehen haben könnten, erlebten ihn noch einmal und – ich vor allem – immer nur als den, der so, wie er hieß, nicht war. Weil er nur strahlte. Die ganze Zeit.

Vorhin habe ich die letzten äußeren Spuren der Verwüstung beseitigt. (Der Wecker war am Regal angeklebt.) Die Wohnung sieht aus wie vorher, sie riecht auch wie vor dem Fest. Sauber. Aber dann pocht es in diese ruhige Ordnung an die Tür und die Trauer will wissen, ob ich soweit bin – und ich komm‘ mir falsch vor, als ob nur diejenigen trauern dürften, die ihm wirklich nahe waren, dabei ist alles so übermächtig und so kummervoll, so übervoll mit Kummer in diesem porzellanweißen, kühlen Nichts.

Und man sitzt da, die Hände im Schoß, starrt in die Leere und nimmt Abschied, so gut man kann.

Am besten gar nicht

Es regnet, und der Kurde meint, ich solle nicht laufen gehen. Aber, sage ich, früher, da bin ich bei jedem Wetter gelaufen. Je wilder, je lieber. Schneetreiben in Kombination mit leichtem Nebel bei Dunkelheit. Sich in den Gegenwind werfen, nix mehr sehen, weil der Regen schräg von vorne auf die Brille klatscht. Kurz, bevor die Muskeln das Handtuch werfen, noch einen Zwischensprint hinlegen und fertig – so fertig! – aber glücklich …

Schon gut, meint der Kurde. Das war früher. Da warst du jung. Jetzt bist du alt. Du wirst dich nur verkühlen.

Ich will aber raus. Ich muss. Johnny kommt gleich heim. Der Kurde seufzt und beugt sich wieder über das Notebook. Verstehe. Diese Haltung kenne ich. Das ist die architektonische „Ich schau‘ mir nur schnell den Plan an“-Starre. Dauert zwischen zwei und sieben Stunden. Also keine Hilfe von seiner Seite.

Verzagt greife ich an mein Handgelenk. Dort trage ich ein schlichtes Lederarmband, das mich daran erinnert, die Klappe zu halten: Johnny und ich befinden uns mitten in einem Experiment. Er weiß allerdings nichts davon. Wenn es klappt, schreibe ich einen Erziehungsratgeber und werde reich.

Der Plan ist, Johnny mittels paradoxer Intervention zu manipulieren. Die Versuchsreihe begann am ersten und endet am einunddreißigsten August. Eines der Ziele: Johnny entrümpelt sein Zimmer, ohne von mir auch nur ein einziges Mal dazu aufgefordert zu werden. (Der Weg in sein Reich ist eine Einbahnstraße. Was einmal die Türschwelle passiert hat, hat Ausreiseverbot wie weiland die Bürger der DDR.)

Wahrscheinlich ist der Junge immun geworden gegen meine verbalen Interventionen. Egal was ich sage, er hat es schon so oft gehört, dass das Gesagte im Strom der üblichen Alltagsgeräusche verblasst. Seine Hörnerven müssen wieder für meine Stimmfrequenz sensibilisiert werden – und das geht am besten mit totaler Abstinenz. Abgesehen von ein paar netten Worten, ab und an.

Also kein Nörgeln, Herumzupfen, Einfordern und Jammern. Nebenbei: Johnny ist im Juli siebzehn geworden. Jetzt brauche ich Ihnen aber nicht erzählen, was man zu Menschen in seiner Entwicklungsstufe erziehungsmäßig alles sagen kann, oder? Erinnern Sie sich einfach.

Ich fühle mich wie in Dantes Inferno geschleudert: Soviel sehen und nichts sagen dürfen. Die Worte wollen ja trotzdem raus. Kennen Sie den Kaprun-Staudamm? Genau. Siebzehn Jahre lang liebe Gewohnheit: Musst du, willst du, machst du, brauchst du – das vergeht einem nicht von heute auf morgen. Das ist wie ein kalter Entzug.

Ui. Jetzt kommt er. Ich hör ihn schon. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich liebe meinen Sohn. Er ist großartig. Aber: Ich. Muss. Da. Raus. Und zwar bevor ich platze.

Ich schau aus dem Fenster. Es regnet in Strömen. Ich werde mir den Tod holen. Der Kurde sitzt immer noch unbewegt. Johnnys Schlüssel dreht sich im Türschloss. Meine Nackenhaare sträuben sich ein bisschen. Von wegen alt. Schmecks! Ich schlüpfe in die Laufschuhe. Mein Leben für die Wissenschaft.

So richtig wichtig ist es nicht

Was machen Sie, wenn Ihrem Schlüssel ein vor das Schlüsselloch geklebter Zettel den Weg versperrt? Genauer: Sie wollen nicht rein, sondern raus, ins Freie. Sommer. Freunde treffen. Asphalthitze. Mädels! (Oder Jungs, je nachdem.)

Sie würden sich zumindest wundern. Eventuell sogar den Zettel, auf dem offensichtlich etwas steht, nehmen und lesen. Worauf Sie in die Küche gehen. Den Topf mit der Fleischsauce für die Spaghetti sehen. Den Kühlschrank öffnen. Den Topf hineinstellen. Tür zu, ab durch die Mitte. Die Aktion hätten Sie innerhalb einer Minute erledigt. Oder? Eben.

Das Blöde ist, dass Kinder essen müssen. Auch die Halbwüchsigen. Also stellt man sich (zumindest ab und an) in die Küche, um halb sieben Uhr in der Früh, packt das Faschierte aus und kombiniert es mit Hitze und Fertiggewürz. Während die Nudeln kochen, duscht man sich den Geruch vom Leib und hupft ins G’wand. Weil man muss in die Arbeit. Derzeit ist die Wohnung aber ziemlich temperiert, sommertechnisch. Der Topf sollte also eher früher als später ins Kühle.

Überleg, überleg. Den 17-Jährigen kurz aufwecken und instruieren? Die Erfahrung lehrte: Ganz schlechte Idee. Ich weiß nicht, welche Hormone gerade um die Vorherrschaft in seinem Universum rittern, aber dass sie ihn schwerhörig machen, weiß ich genau. In Kombination mit Tiefschlaf grenzt das an Taubheit. Wir lassen den Knaben schlafen und beschließen als einzig unfehlbare Strategie Barrieren zu bauen: Zettel vor Schlüsselloch. Knapp formulierte Bitte drauf malen. Soviel Logik kann nicht fehlschlagen.

Kann sie doch.

Auf die Frage (mittlerweile hat es die Fleischsauce seit gut sieben Stunden schön warm), ob er den Zettel denn nicht gesehen hat – was eigentlich unmöglich sein kann: O ja, da war was. Und was? Ein Zettel. Und was stand da drauf? Irgendwas von einem Sugo. Du hast Sugo gemacht, stimmt’s?

Das Leben mit einem fast ganz Erwachsenen ist spannend. Auch wenn der eh nie da ist, sondern in einer Parallelwelt unterwegs. Ist ja auch ganz angenehm. Man hat die Wohnung für sich, kann bei der Hitze alle Türen und Fenster offen- sowie die Kleidung bis zur Schamgrenze weglassen und sich ungeniert der Körperpflege widmen. Um sich beispielsweise leicht bekleidet nach der Schütt-Methode die Zehennägel zu lackieren (großflächig Nagellack verteilen, Überschuss mit Wattestäbchen und Nagellackentferner eliminieren).

Meine Zehen streben zum Teil übereinander und müssen während der Trocknungsphase abgelenkt werden. Dabei ist man wie die Giraffe beim Trinken kurz fluchtunfähig. Logisch, dass just in dieser heiklen Phase der Knabe heimkommt, mit einem ganzen Geschwader von Freunden, eh nur kurz, weil er was braucht, und – ebenfalls logisch – steht er mit der ganzen Partie im Wohnzimmer.

Die momentane Peinlichkeit, die sich zu uns gesellt, bemerkt der Knabe genauso wenig wie den Zettel vor dem Schlüsselloch. In Wahrheit ist er mit seinen Konsorten schon wieder so gut wie draußen: Sommer, Sonne, Asphalthitze, Mädels!

Zurück bleiben ich und ein paar panisch zusammengeklebte Zehen.

Ich wasch mir das Zeug ab. Und fühl mich nicht nur ein bisserl überrumpelt, sondern auch ein wenig, als wäre ich alles, was meinen Spross vom Erwachsenwerden trennt – wie so ein Zettel vor dem Schlüsselloch, so eine kleine Barriere auf dem Weg ins Freie, mit irgendeiner Botschaft. Nicht ganz so wichtig halt.

Wir sind vorbei

30/07/2006

Irgendwer muss noch die Flaschen wegräumen

Wir stromerten durch die Stadt, am Sonntagabend, eine Stunde vor Beginn des WM-Finales. Während sich Wien auf das letzte Spiel einstimmte, war das Thema Fußball schon aus einigen Auslagen verschwunden. Die besten Beisl-Plätze (Schanigarten, freie Sicht auf Bildschirm) waren schon besetzt. Oder man wanderte zum „Public Viewing“.

Während die Welt zu Gast bei Freunden war, war Herbert Prohaska zu Gast bei uns. Mein Freund (kein gebürtiger Österreicher) hat einen Narren an ihm gefressen. Er nennt ihn ebenso liebevoll „Frau Haska“ wie mich manchmal „Karinowitsch“ und versäumte bislang fast keine seiner Analysen. Es liegt wohl an Prohaskas unaufgeregter Sprache, in Kombination mit dem zerknautschten Blick – so, als würde ihn die Kamera ein bisserl blenden. Er wird uns fehlen.

Die ganze WM wird uns fehlen, meint mein Freund, der sich auf der Couch in Position geworfen hat. Wir sind gerade noch rechtzeitig nach Hause gekommen, um zu sehen, wie Zidane einen Elfer versenkt. Oder nicht. Oder doch. Doch: Hinter der Linie, also 1:0 für Frankreich.

Mir wird die WM nicht fehlen. Oja, sagte er. Schade, dass sie vorbei ist. Aber nein. Jede Party hat ein Ende, und mehr als eine Party war es nicht. Am Samstag, beim „Match der Herzen“, bei dem dann die Deutschen „Weltmeister der Herzen“ wurden, gaben die Fans auf der Berliner WM-Meile noch einmal so richtig Gas.

Ein ORF-Moderator hatte das Bummerl gezogen: Er musste sich für den Live-Einstieg unters feiernde Volk mischen. Von links grölte man eine Auswahl feinster WM-Gesänge direkt ins Moderatorenohr, von rechts hielt ein leicht bis mittelschwer Illuminierter aus einer Distanz von zwei Zentimetern dagegen, rhythmisch und ununterbrochen einen Vereinsnamen brüllend (ich glaube, es war „Borussia! Borussia!“). Und hinter ihm schwenkte ein pralles Mädel einen schwarz-rot-goldenen Schal mit der schwarz-rot-geilen Spaßparole „Fußball! Ficken! Alkohol!“. Ich finde, damit ist alles gesagt.

Eigentlich sollte ich ja Resümee ziehen über die WM, aber ehrlich: Ich verstehe nach wie vor wenig von Fußball, und man wird sich in den nächsten Tagen vor Resümees ohnehin nicht retten können. Vor gescheiten wie vor blöden. Ich erspare Ihnen meines.

Wenn Sie diesen Text lesen, ist bereits alles vorbei. WM und Party. Irgendwer wird die Flaschen wegräumen, die nach abgestandenem Bier stinken. Das ist noch bei jedem guten Fest so gewesen. Der Kühlschrank ist vollgestopft mit Pizza-, Brötchen- und Kuchenresten. Das reicht locker für drei Tage Resteessen (oder ein bis zwei Wochen Nachberichterstattung).

Bis alle Spuren beseitig sind, vergehen Wochen. Aber schließlich hat man das letzte Chipsbröserl gefunden, den letzten Spielzug analysiert und dann werden es auch die Deutschen leid, nach jeder Autowäsche die Deutschlandfahne wieder neu am Auto zu drapieren. Der WM-Song, ein ganz böser, weil stinklangweiliger Ohrwurm, wird hoffentlich nur mehr dort gespielt, wo ich nicht hinhöre und der hosenlose Löwe verliert sich in diversen Kinderzimmern.

Was ich gelernt habe, ist, dass a) Fußball wirklich spannend sein kann (zumindest, wenn er von echten Profis vorgetragen wird) und dass b) die Qualität einer Mannschaft noch lange kein Grund ist, um zu ihr zu halten. Oder gegen sie.

Die echten Gründe sind: Ich war schon mal in der Toskana. Die Franzosen reden nur französisch. Mein Bäcker kommt aus Costa Rica. Ich mag keine Kiwis. Beckham ist doof. Eine Polin ist böse zu ihrem Ex-Freund. (Und der ist wiederum ein Freund von uns. Ich entschuldige mich hiermit offiziell bei der polnischen Mannschaft.) Und dass c) Herbert „Frau Haska“ Prohaska ohne Schnauzer viel besser ausschaut. Er hat ihn verloren, weil Italien Weltmeister ist.

Spät ist es geworden. Die Italiener hupen sich durch die Wiener Nacht. Mein Freund ist auf der Couch eingeschlafen. In Deutschland packen die Gäste der Freunde ihre Koffer für die Heimreise. Sofern sie nicht mehr am Saufen sind.

Das Tagesgeschäft geht weiter. Frei nach der Bild-Zeitung: Wir sind vorbei.

Welche WM?

15/07/2006

Irgendwer muss Weltmeister werden

Samstag. Also am Wochenende, an dem Deutschland noch im Spiel war. Mit fettglänzenden Fingern – es gab Gegrilltes – saßen die Jungs vor dem Bildschirm. Und während wir Mädels abwechselnd das kleinere Baby durch die Gegend schleppten und das größere mit Bilderbüchern zum Reinbeißen versorgten, tönte es Uiii! und Ohhh! und Oje! von der Couch. England kickte sich im Elferschießen aus der WM. Pech.

Das kleinere Baby spielte Beckham und kotzte. Nur ein bisschen. Kein Malheur. Hingegen war das Ausscheiden der Engländer ein großer Verlust, anscheinend, aber Portugal ist doch auch ganz nett. Was weiß ein Fremder.

Nichts, weswegen ich in die Runde fragte, wer denn Weltmeister werden soll. Die Mannschaft, in der die wenigsten Männer Haarreifen tragen, so meine Schwester. Sie findet Haarreifen bei Männern peinlich. Herr Filius hingegen hält prinzipiell zu den Underdogs. Die sind allerdings schon draußen. Eugen hoffte noch auf einen Sieg der Deutschen. (Wie wir heute wissen, vergeblich). Denn, so Eugen, der Sieg steigere das Selbstbewusstsein unserer Nachbarn, sie würden derart gestärkt mehr einkaufen, was sich positiv auf die Wirtschaft auswirke, wovon auch Österreich profitieren würde. Oder so ähnlich.

Auch ich wäre für den deutschen Sieg gewesen. Dahinter steckte die Hoffnung, die Bild-Zeitung möge dadurch das nicht mehr zu steigernde Übermaß an „schwarz-rot-geiler“ Euphorie erreichen und sich samt der prallen Britta aus Travemünde, die stets zum Elferschießen bereit ist und gleich zwei Bälle mit ins Spiel bringt, ins Zeitungs-Walhalla katapultieren.

Nicht die Deutschen! Die Couchbesatzung futterte Tiramisu und klärte mich nebenbei auf: Zu arrogant. Die Bild sah es anders und titelte knapp danach: Brasilien-Versager: Zu fett! Zu faul! Zu arrogant! Heute titelt sie, schwach wir ein luftleerer Ballon: Wir sind RAUS! IHR seid trotzdem schwarz-rot-geil.

Aber damals, am Samstag, war die deutsche Fußballwelt noch in Ordnung. Babsi spielte mit den Kindern Twister und legte dabei eine ganz erstaunliche Beweglichkeit an den Tag. (Im Gegensatz zu den Brasilianern, die einfach stehen bleiben, wenn der Gegner ein Tor schießen möchte.) Die Babys wechselten die Fronten und saßen bei den Männern auf der Couch.

Wir Frauen bedienten das Klischee und betrachteten abwechselnd die Babys, die Männer und den Schnurrbart von Herbert Prohaska. Dabei redeten wir über die durchschnittliche Dauer von Schwangerschafts-Übelkeit. Eine von uns ist guter Hoffnung.

Der Grillmeister versorgte uns großzügig mit übrig gebliebenem Grillgut, ebenso großzügig verpackt in Alufolie. Nach uns roch die U-Bahn trotzdem wie ein Grillhähnchen. Wir hetzten nach Hause, um Frankreich gegen Brasilien zu sehen, zumindest die zweite Halbzeit. Diesmal war mir übel – man soll echten Sekt nicht mit Kindersekt mischen. Vielleicht war auch das Tempo zu schnell. Ich hatte keine Ahnung von der Fußball-Leidenschaft meines Freundes. Sie flammt, sagt er, nur zu WM-Zeiten auf. Es ist unsere erste WM.

Zinedine Zidane spielt wie ein Weltmeister, informierte die heimische Couch. Mein Sohn stromerte vorbei. Wer soll die WM gewinnen? Zidane, meinte er. Also Frankreich? Ja, Frankreich. Warum? Weil Zidane danach aufhört, und das wäre doch ein netter Abschluss.

Stimmt. Hollywood hat ganze Film-Legionen aus diesem Stoff gestrickt.

Am nächsten Tag schrieb ich Mails: Freunde, wer soll die WM gewinnen? Es folgten lange Pamphlete und kurze Abhandlungen, bei deren Lektüre mir klar wurde, was eh klar war: Mir persönlich ist es völlig egal. Soll gewinnen, wer mag.

Knapper beantwortet die Frage nur der göttliche Herr Diva: Welche WM?

Ich mutiere

15/06/2006

Die Zeichen sind so subtil wie unübersehbar

Die Zeichen sind subtil. Nein, ganz falsch. Die Zeichen sind Zaunpfähle, mit denen mir das Schicksal winkt. Sie sagen: Auch du wirst eine nervige Mutter sein. Eine, gegen die sich Jungmänner und -weiber nur mit wohlwollender Geringschätzung und lächerlichen Geschenken wehren können.

Du nörgelst ständig, meint Johnny, und ich entgegne: Ach was, ich weise dich einfach auf etwas hin. Johnny: Stimmt, und das nervt.

Er mache das schon irgendwie, aber das „Irgendwie“ ist mir zu ungenau. Der ganze Knabe ist ja eine einzige Ungenauigkeit auf zwei Beinen. Wie dieses Wesen funktioniert, aus welchen Komponenten es sich zusammensetzt und wo sich der Schutzschalter für Notfälle verbirgt, wird mir mehr und mehr zum Rätsel.

Ist das die „zweite Entbindung“? Erst trennt sich ein Körper vom anderen, dann die Seele? Wie auch immer, da hat sich was verschoben, irgendeine Achse im Zeit-Raum-Kontinuum – und jetzt ist mir seine Welt nicht mehr so leicht zugänglich wie bisher. Was macht die irritierte Mutter? Sie verkrampft sich, um den Anschluss nicht zu verlieren. Heraus kommen sinnlose Konversationen, die eher an Polizeiverhöre erinnern und die Suche nach Spuren von Restlogik in Johnnys Verhalten. Dabei ist die Logik eines Jungmutanten eine völlig andere.

Frage ich ihn etwas, sieht er mich oft völlig entgeistert an. So, als müsste er die Antwort aus den Tiefen des Universums hervortauchen und durch ein transplanetarisches Übersetzungsmodul jagen, bevor er sie in den Mund nehmen kann. Und dazu, so deute ich die Geste, hat er wenig Lust.

Ich habe allerdings wenig Lust darauf, durch Johnnys freie Interpretation von Ordnung ständig an meine diesbezüglichen Entwicklungsjahre erinnert zu werden. Die schmerzlich genug waren. Denn meine Eltern hatten zwar meine Geschwister mit Ordnungssinn und Sparsamkeit ausgestattet. Für mich, der Jüngsten, war jedoch nichts übrig geblieben.

So verlief die Demarkationslinie im Zimmer meiner Schwester und mir quer durch den Raum. Ihre Hälfte zusammengeräumt, meine chaotisch. Das setzte sich überall fort, sogar im Zweimädlszelt auf unserer Campingreise: Beim Aufwachen war neben mir bereits besenrein leergefegt, und meine Schwester schmierte draußen Frühstücksbrote.

Alle Strategien zur ungefähren Aufrechterhaltung einer gewissen Ordnung habe ich mir mühsam selbst erarbeitet, statt zum Beispiel auf den Erfahrungsschatz meiner Mutter zurückzugreifen. Ich sah sie wohl sprechen, sah interessiert, wie sich ihr Mund bewegte, allein: Ich hörte sie nicht. Ihre Ratschläge waberten wie künstlich verzerrte Tonsignale am Rand meiner Wahrnehmung. Eine für Teenager geniale Filterfunktion, aber wie es sich am anderen Ende der Schallwelle anfühlt, weiß ich erst jetzt. Grauslich.

Wie gesagt, ich mutiere. Allerdings, allerdings. Wenn der Prozess abgeschlossen ist, trage ich Strickjäckchen, eine schicke Kurzhaarfrisur mit roten Strähnchen, bestelle im Shoppingkanal Hosen mit praktischem Gummibund und freu mich über Besuche im Wiener Tiergarten.

Wenn schon, dann richtig. Guten Abend.