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Im Schein der Lavalampe

Der Russe boxt dem Ami mehr als eins auf die Nase und gewinnt daher den Boxkampf. Ideales Schwergewicht: Nicht zu groß, aber Masse. Sehr flott auf den Beinen, noch flotter mit den Fäusten. Und aggressiv. Meine Fresse. Samstag im TV, besser als Kino. Mittelgewicht ist vergleichsweise fad. Potemkin heißt er nicht, aber: Povetkin, Alexander Wladimirowitsch. Wie der Amerikaner heißt, habe ich vergessen.

Den Walujew habe ich mir gemerkt, den Lamon Brewster und natürlich die Klitschkos. Obwohl, die kommen mir immer durcheinand‘. Wladimir oder Vitali, wer weiß. Ein Bekannter von mir sieht haarscharf aus wie Klitschko in viel kleiner. Aber ganz genau. Der boxt nicht. Früher hat er mit uns Kung Fu trainiert, der Bekannte, bis das Studium zu arg war und das Kung Fu nicht mehr spannend genug. Dabei ist das sogar sehr spannend. Nach dem Training sind meine Unterarme manchmal voll blauer Flecken. Dann komme ich mir verwegen vor.

Als Mäderl von zehn oder elf Jahren lernte ich Karate. Dass man in Eferding Karate lernen konnte, wusste ich erst, als die Karatekas in unserem Gasthaus Weihnachten feierten. Im Stüberl. Dabei wurden Gläser zerbissen. Am nächsten Tag fragte ich die Eltern, ob ich das auch dürfte. Nicht Gläser zerbeißen. Karate lernen.

Ich durfte. Nach einem Jahr hatte ich den ersten Gürtel, stand vor der zweiten Prüfung und konnte schon die dritte Kata. Und der Club siedelte sich weg. Zu weit weg. Das war sehr traurig, nicht nur wegen dem Karate. Ich war verliebt, in einen Kollegen. Der hatte mich einmal auf dem Gepäckträger seines Fahrrads mitgenommen. Vielleicht war ich auch schon zwölf.

Die Vergangenheit kommt einem so durcheinand‘ wie die Klitschko-Brüder. Fest steht nur: Wäre der Club nicht abgesiedelt, hätte ich jetzt mindestens zwanzig schwarze Gürtel. Und meine eigene Karateschule.

Dass Frauen boxen dürfen, ernsthaft nämlich, erfuhr ich leider zu spät. Ein Teil von mir versucht sich ja im seriösen Lebensstil. Der andere Teil macht Kung Fu und will prügeln.

Reden wir über fast freiliegende Aggressionen oder doch lieber über die Frau mit den zwei dicken Dackeln? Die geht bei uns immer um den Block. Mit Winzigschritten. Kein Vorwärtskommen. Den jüngeren dicken Dackel an der Leine, der ältere (sehr) dicke Dackel watschelt zwanzig Meter hinterher. Bleibt stehen. Hechelt. Geht drei Meter. Steht. Hechelt. Schaut zum Frauerl. Die schaut zum Dackel. Der jüngere dicke Dackel schaut auch.

Alle schauen. Ich könnte das nicht. Würde den einen unter den Arm klemmen und den anderen per Leine weiterschleppen. Hätte ich einen Hund, wär das mindestens ein Border-Collie. Was Schnelles.

Ich sollte eigentlich schlafen, weil die Nacht so kurz ist. Neben mir arbeitet die Lavalampe an der Herstellung verschiedener roter Blasen. Gerade tropft eine runter, in Ultraslowmotion, schwebt nach Quallenart durchs blaugrüne Gallert und vereinigt sich mit dem Untergrund.

Warum hat Österreich eigentlich so viele dicke Dackel und keine guten Boxer?

Povetkin. Merken Sie sich diesen Namen. Achtundzwanzig, um die einsachtundachtzig, zu Hause im Sauerland-Boxstall, Linksauslage. Betreut vom jungen Sauerland persönlich. Unser Lieblingstrainer ist übrigens Ulli Wegner. Keiner sagt „mein Junge“ wie der.

Vielleicht träum ich vom Boxen. Und wache ganz verwegen auf. Wenn ich von den Dackeln träume, bin ich sicher den ganzen Tag müde. Bleibt noch die Lavalampe. Stell ich mir interessant vor. In die Arbeit zu wappern wie durch grünqualliges Gallert. Mal sehen, was das Schlafprogramm zu bieten hat. Was Aggressives wär nett.

Nasenwürmer

31/01/2008

Heißt es der oder das Nasenspray?

 Ich bin allein, allein, allein. An der Decke, im Eck, klebt eine Spinne. Dass ich den Kopf nach oben beugen kann, um sie zu betrachten, ist positiv. Als wir einander zum ersten Mal begegneten, seilte sie sich neben dem Bett ab. Verfolgt von meinen Augen. Mehr nicht. Kopfbewegungen verursachten Erdbeben im Gehirn. Genau. Frau krank. Rhinitis acuta. Rotz inklusive.

Man kann eine Zwiebel zerhacken, in kochendes Wasser geben und den Dampf einatmen. An japanischem Minzeöl riechen. Die Naseneingänge mit Olivenöl einreiben. Ich tauche den Kopf stirnseitig in Infrarot. Extra Wärmelampe gekauft. Meine Freundin meinte immer, es gäbe nur ein Allheilmittel, das allerdings helfe gegen alles. Die Trinität aus Notfallsalbe, Teebaumöl und Sex. Zwei der drei Ingredienzien hätte ich sogar zu Hause. Für die dritte müsste ich kurz telefonieren.

Der Vorteil von Wochenendbeziehungen ist der, dass einer am Montag wieder wegdarf. Der Nachteil aber auch.

Und wenn schon. Auf Sex mit Schnupfennase hat eh keiner Lust. Dafür gibt’s gratis Tipps: Iss Orangen. Viel Schlaf. Bla bla. (…) Unterhalten wir uns weiter über Hausmittel, oder machen wir das Ding hier noch ein wenig spannender? Zum Beispiel, indem wir über Nasenwürmer reden.

Weil, das wäre doch interessant. Jemand könnte einen Nasenspray mit genetisch veränderten Zellen befüllen und heimlich in ein Apothekenregal schmuggeln. Ich würde den (oder das?) Nasenspray dann kaufen, natürlich völlig nichtsahnend. Die freundliche Tante Apothekerin mit strengem Blick und weißem Kittel kann dir ja nix Böses wollen! Du bist arm! Ein Kindchen mit verstopfter Nase, verstopften Nebenhöhlen, verstopften Hirnzellen! Also: Ich vertraue, kaufe und sprühe. Links – pfff, pfff. Rechts – pfff, pfff.

In der Beilage, die ich später lesen werde, wird nur ein Sprühstoß empfohlen, und ich werde denken (mir die Würmer aus dem Gesicht wischend): Dumpfbacke, lies das doch vorher! Dabei war es nicht die Überdosierung. Es war das genetisch veränderte Zeugs im Spray. Das hat sich an den Wänden der Cavum nasi, der Nasenhöhle, festgesetzt und an den dünnen Zellhäutchen gekratzt, bis sie sich auftaten, ein Spältlein, und Einlass gewährten, millionenfach auf engstem Raume. Dort ruhte es, das Teufelszeugs, träumte sich bis zum tiefsten Grund des Zellkerns, der sich zitternd in einer winzigen Ecke verbarg, doch umsonst.

Na ja, dann noch die Wärmelampe einschalten. In rotes Licht getaucht kommt es zur allgemeinen Entspannung. Die Kerne hören auf zu zittern. Sonne! Licht! Sie dehnen sich und strecken sich, vollgedröhnt mit jener fremden Substanz, völlig high, verdoppeln im Drogenrausch Chromosomen und DNA, verdreifachen den Einsatz, potenzieren ihn, vergessen sich, zu windenden Würmern mutiert, grünstreifig und schleimig. Kein Wunder, das ich nicht atmen kann. Die Nasenlöcher sind zu Wurmlöchern geworden, nicht jene spannenden im All, die durch Faltung von Zeit und Raum entstehen, oder so, sondern ganz normale. Vögel hocken davor und warten auf Beute, schon gelangweilt, weil der ständige Nachschub das Jagen unspannend macht.

Die Raben sind mir übrigens die liebsten. Für sie verscheuche ich Rotkehlchen und Meisen. Ich sitze also hier mit zwei Raben auf den Schultern, Würmer tropfen mir aus der Nase und die Tastatur ist mit Blaumeisenkot versaut.

Und das alles nur, weil ich keine Packungsbeilagen lese. Oder allem vertraue, was einen weißen Kittel trägt. Oder zu feig bin, trotzdem Sex zu wollen. Oder zu früh wieder arbeiten gegangen bin, obwohl noch krank.

Egal. Ist ja nur erfunden. Morgen frag ich die Ärztin, was sie mir da eigentlich verschrieben hat. Aber vorher schneide ich Zwiebel und pack meine Beine in kochendes Wasser mit drei Kilo Kochsalz, auf das meine Nase wieder frei werde. Und dann geh ich schlafen. Allein, allein, allein. Bis auf die Spinne.

Sanfte Welt

15/01/2008

Ein Teil sehnt sich immer weg

Vorgestern, am letzten Abend 2007, fuhr ich aufs Wien-nahe Land, mit Mann und dessen Vater im Auto, wie auf Eiern fuhr ich durch den Schneeregen auf rutschigen Straßen. „You drive very carefully“, sagte der alte Mann neben mir, im schwarzen Mantel, den Stock in der Hand, den Hut auf dem Kopf. Wir sprachen über Politik, über Pakistan, die Lage im Irak, dort kommt er her, nie wieder wird er zurückkehren.

Dann schwiegen wir. Ich dachte über den Text nach, den Sie jetzt lesen, dachte Sachen wie: Wie soll man leben, wenn es so hell ist überall, wenn die eigene Sehnsucht nach Aufmerksamkeit so groß ist wie die Angst davor, bemerkt zu werden. Dieses Paradoxon. Solipsistische Kampfkröte nannte mich ein Freund vor vielen Jahren, daran hat sich nichts geändert. Vielleicht am Kampf. Der Freund übrigens igelt sich ein mit Frau und Kind und fehlt mir.

Eingeigelt waren wir vorgestern auch, in die Wohligkeit eines vom Kaminfeuer gewärmten, abgedunkelten Zimmers. Wir standen vor den großen Fenstern, die Ebene vor uns ausgebreitet, eine Bühne für tausend Silvester-Raketen. Ganz still waren wir, der Mann, seine Familie und ich. Eingebettet in Glückseligkeit. Nein. Eingebettet in Zuneigung, in vertraute Gewohnheit. Aber. Das Nichtvertraute fehlt. Es ist kein restloses Glück, zu dem tauge ich nicht. Es ist Glück vermischt mit Sehnsucht vermischt mit Ungewissheit.

So wie ich mich durch diesen Text gleiten lasse, lasse ich mich durch die Tage gleiten, an Inseln vorbei treibend, gegen Felsen stoßend, in die Tiefe gezogen und an die Oberfläche gespuckt, nach Luft ringend, ruhiger werdend vor den nächsten Strömungen. Wie das klingt. Dabei steckt nichts anderes dahinter als Angst vor einem Zuviel an Gewohnheit, vor Sattheit, vor Zufriedenheit. Ein Teil steht am Fenster, zerplatzende Raketen sprenkeln den dunklen Himmel, spiegeln sich wieder in Glas und Augen, verstärken die Nähe. Wir lauschen dem Knallen draußen und dem ruhigen Atmen neben uns. Ein Teil sehnt sich weg.

Sehnt sich immer weg. Weniger will ich werden, denke ich kurz nach Mitternacht, aber was heißt das? Diese Bilder, die im Kopf auftauchen, sind klar, ihre Bedeutung ist es nicht. Weniger werden, bedeutet das, weniger von sich reden? Sich weniger in den Mittelpunkt der eigenen Betrachtung stellen? Wie weit kann ich gehen in diesen Texten? Wie weit begleiten Sie mich bei dieser Nabelschau zwischen Fast-Depression und Beinahe-Glück? Und worum geht es in diesem Geschreibe, um schöne Worte, Gefühle, Satz-Konstruktionen? Geht es darum, kommentiert zu werden? Nein. Es geht um das Hinsehen. Um das Zeigen, was man sieht.

Nachdem die Intensität des Feuerwerks abgenommen hatte, tranken wir unseren Sekt aus und sahen fern. Eine Show mit alten Hits, „Shadow on the wall“, Roger Chapman. Wir lachten, erinnerten uns daran, wie das früher war. Mit dem Puch Maxi in die Landdisco, 16 Jahre alt und dauernd verknallt, Gedichte schreibend und viel zu ernst für die meisten Jungs. Während wir uns Geschichten erzählten, saß der alte Mann im Lehnstuhl, die Beine hoch gelagert, schlafend. Kurz zuvor hatte er noch zärtlich mit seiner jüngsten Enkeltochter gegurrt, in seiner fremden Sprache, sie zupfte in seinem Gesicht herum und gurrte zurück, babylallend.

Man sieht etwas, und schreibt darüber. Man beobachtet es und notiert. Dieses und jenes. Meinen Sohn, der vielleicht ausziehen wird im Sommer, betrachte ich, aber was ich sehe, teile ich nicht mit Ihnen, im Moment. Diese Zeit jetzt noch mit ihm, die gehört uns allein. Vielleicht ist sein von mir Weggehen Teil des Wenigerwerdens. Vielleicht stelle ich mich auch weniger in Frage, akzeptiere das, was ist, warte auf das, was kommt und gebe dem Kommenden einen Ort zum Anhalten. Das ist nicht von mir, sondern von William Saroyan, der in „Tracys Tiger“ den magischen Satz schreibt: Man musste schnell gehen und sich doch zugleich fast nicht bewegen.

Noch so ein Paradoxon. Ach, was soll’s. Ich werde schon herausfinden, wie weit man sich hier entkleiden darf, und wann es genug ist.

Um halb zwei setzten wir den alten Mann vorsichtig ins Auto, die steile Hauseinfahrt war schneeglatt. Dicke Schneeflocken fielen den ganzen Heimweg lang, sanfte Welt. Bei seiner Wohnung angekommen, umarmte er mich, sagte „Thank you, take care“ und wünschte mir Glück. Dabei hab ich schon soviel davon. Prosit.

Wir nähen ihre Münder zu

Es lassen sich ja doch keine Ecken und Kanten in die Luft schneiden, keine Löcher zum zeitweisen Verschwinden. Aber. Einen schwarzen Stein hab ich in der Tasche und ein Messer und damit zieh ich durch die Straßen, zu Dir, mein Freund, und nehme Dich bei der Hand.

Dezember ist, die Leute heulen sich was vor, packen vor ihre Masken noch Lametta, packen noch eins drauf und spielen Glück, grinsende Monster, es ist zum Verrücktwerden. Aber wir, wir wandern durch die Nächte und nähen mit feinen Nadeln verlogene Münder zu, verknoten die Enden der Fäden. Belangloses Geschwätz. Wir schlagen mit winzigen Hämmern auf rumselige Dumpfheit, die Becher zerklirren zwischen Tannengrün im Dreck, so ist das.

Wovon soll man denn schreiben in so einer Zeit? Vom Glück? Wenige Wochen geballter Sehnsucht und Einsamkeit, schlecht verborgen hinter falscher Vorfreude, wen soll man anlügen? Wir warten auf Entscheidungen, oder darauf, das etwas vergeht, vorüberzieht und reden darüber nur flüsternd und angedeutet. Weil wir Angst haben vor den Fragen, vor der Fehlbarkeit, vor Schwäche und dem Erklären müssen. Na und?

Mein Freund. Ich nehm Dich bei der Hand und zieh Dich auf die Straße. Löcher in die Realität kann ich keine schneiden, aber, wer immer Du bist: Atmen können wir draußen, rennen können wir und alle Leute anrempeln und umstoßen, die uns im Weg stehen. Wir stehlen ihnen die Hauben von den Köpfen, werfen ihre Schals auf die Bäume. Sie werden uns anschreien und nachlaufen, aber nicht weit. Glaub mir, sie laufen nie weit, sie geben auf, aber wir nicht. Wir laufen weiter, raus aus der Stadt. Die Häuser werden niedriger, die Luft klarer, feiner Regen sticht sich tausendfach in unsere Gesichter, in die nackten Arme, weil wir die Jacken ausgezogen haben und die Pullover und einfach weiter rennen, bis nichts mehr geht.

Bis sich die Ungewissheit aus uns herausgeschält hat, das ganze unnütze Sehnen herausgerissen ist, bis wir all die hinter uns gelassen haben, die Vernunft einfordern und Verständnis und elende Geduld, bis ihre Vorwürfe, ihre Forderungen nicht mehr zu hören sind. Bis ich die Hand auf Deinen Arm legen kann, Du ruhiger wirst und still und nichts ist in dem Moment, außer Leere, gar nichts.

Natürlich macht so ein Text keinen Sinn, nur für die, die sich darin wiederfinden und für die ist er geschrieben. Dann wird er zu einer Höhle, in der man sich zusammenrollen kann zu einer wolligen Kugel. Und weil der Boden ein wenig abfällt zum hintersten Eck, und weil wir nicht die einzigen sind, die grad eine dunkle Höhle zum Zusammenrollen brauchen, findet sich dort bald ein kleiner Haufen wolliger, weicher Kugeln, alle in sich gekehrt und aneinander geschmiegt, Berührung.

Letztlich, einsam bleiben wir ja trotzdem irgendwo. Da kann man soviel Paulo Coelho lesen, wie man erträgt, soviel Xavier Naidoo hören, bis einem das Kotzen kommt. Es wird Euch nicht retten. Nur, wenn man das weiß, dass die Einsamkeit so natürlich ist wie dieser Text unnütz und verschroben, dass sie eine ganz logische Sache ist und völlig in Ordnung, dann ist alles nicht mehr so schlimm.

Dann regt man sich in seiner warmen Kugel, spürt nach draußen, rührt sich ein bisschen, greift nach dem Messer, dem schwarzen Stein und nach einer Hand, mit der man durch die Straßen laufen kann, von Zeit zu Zeit, lebendig und stark. Kalt soll es sein, der Sturm schlägt die Lichterketten von den Häusern, verschlägt uns die Sprache, die Leute drängen sich in die Hauseingänge und wollen uns für verrückt erklären, aber wir haben ihre Münder verschlossen und lachen sie aus, und lachen über uns, laufen weiter, bis alles gut ist. Weil, irgendwann werden wir untergehen, aber jetzt, mein Freund, noch nicht.

Mir träumte von Vampiren

Letzte Nacht träumte mir, ich wäre ein Vampir. Seltsame Menschen gibt es im Übrigen genug. Am Samstagvormittag standen wir vor dem Bahnhof von Traiskirchen. Ein alter Mann kam aus einem Lokal. Trainingshose über dem dicken Bauch fast bis unter die Achseln. Kariertes Hemd. Er humpelte auf unsere Straßenseite. Stellte sich vor ein Verkehrsschild. Spuckte in die Hände. Umfasste dann die Stange, als wolle er sie aus dem Boden reißen. Hob dabei, vorgebeugt, das linke Bein. Dann humpelte er wieder in das Lokal zurück. Später sahen wir ihn noch ein Mal. Weggehen. Mit Krücken.

Kurz darauf saßen wir im Audi des Freundes. Ich hinten, in den Ledersitz geplättet, die Sitzheizung auf Vier. Richtung alte Heimat. Das Gerede der Männer, die Reifen auf dem Asphalt. Ein Geräuschteppich zum Nachdenken. Über Steine im Weg, die Menschen sind. Über. Heimat.

(Im Traum kletterte ich an Häusern entlang wie eine Spinne, die rostigen Fingernägel in den rauen Putz gekrallt, der Schwerkraft trotzend, mit schwarzen Augen und Muskeln und Sehnen und)

Höhe Haag am Hausruck schlief ich ein. Die Woche war hart, das Leben ist grad hart und ich bin hart zurück, dreifache Härte, unnachgiebig, und wenn ich geistig nicht werk, muss ich laufen, rennen, den Körper schinden, bis es mich klescht und die Muskeln einreißen, weswegen ich jetzt selber humple wie der alte Mann.

Eingerissen ist der Muskel im Bezirk Eferding. Beim aus einem Lieferwagen steigen. Nicht aussteigen, sondern von der Ladefläche runter. Ein zu großer Schritt und aus. Eingeladen, umgeladen, rausgetragen wurde das Mobiliar meiner Freundin. Die hat sich ein Haus gemietet in der Stadt, weil sie da, wo sie bis jetzt wohnte, zwar die Rehe husten hörte. Die Igel stöhnen. Aber die drei Jungmenschen immer dahin und dorthin bringen musste, oder abholen. Oder mich abholen. Oder zu mir fahren, wenn ich bei den Eltern war.

(Warm war es im Traum, nämlich warm im Bauch, nur die Ohren waren kalt und die Haare im Wind ganz dünn und ausgefranst, kein schöner Vampir. Ein geschundener Fetzen von Körper, schmerzlos und weggerichtet der Blick, aufgeschlagen die Nase, ganz spitz eisige Luft schnüffelnd und)

Zwischen dem Rehe-Hust-Haus und dem Mitten-Stadt-Haus pendelnd, im Lieferwagen, im Auto, mit Fremden, allein, mit meiner Freundin, dann wieder selbst fahrend, einen Freund ihres Sohnes nach Hause, durch die Nacht, Fraham, Unterhillinglah, Eferding, dort Schränke putzend, während Horden von 13- bis 19-Jährigen vorbeiziehen, Gitarren spielen sich warm, Pizza und Kuchen und Kaffee wird verteilt, eine letzte Fahrt zu den Rehen. Allein. Wir treffen uns oben, sagt meine Freundin, ich bin eher da als sie. Sitze im Wagen. Warte dann in der fast leeren Wohnung, wo noch die Meerschweinchen schlafen.

Wieder was zu Ende. Stehe am Fenster, blicke zum Waldrand. Schau in mich. Es gibt keine Heimat, außer dem Kern in mir. Mein bohnengroßes Heimatstück. Es gibt Seligkeit und Kachelofenwärme, den Vater auf der Couch, die Mutter strickend. Milchkaffee mit Likör beim Bruder, Käsestangen bei der Schwester und Zuneigung, so ein Glück. Aber keine Heimat. Weswegen auch.

Meine Freundin kommt. Stellt sich nicht neben mich, sondern packt Klopapier, Duschzeug und Handtücher in einen Karton. Schaut sich um, dreht das Licht ab. Wir fahren zurück. Erst im Klapperauto nach Eferding, Zauberpunsch trinken beim Schmiedstraßenfest, still und fröstelnd, weil müde und kalt. Und dann, am nächsten Tag, im Audi, Sitzheizung auf Vier, zurück in die Stadt der Lichter.

(Mir träumte. Von eingerissenen Lippen, von Stärke und den anderen, mir träumte von der Gruppe. Wir zogen durch die dunkle Straße, regennass, spürten einander, waren für uns gut, waren grausam, gierig und lebendig.)

Die Kuh träumt

01/12/2007

Dieser schöne, geile Schwachsinn

Ich möchte. Sagt sie. Und schweigt dann wieder. Dem Taxler glühen die Ohren ein wenig. Wir fahren durch die Nacht, und führen fort, was wir zuvor begonnen haben. Meine Süße, sagt sie zu mir, dieses Weibsbild, und ich sag: Du Kuh. Du Gurke. Wir schauen uns an, dann auf die Straße, sie rechts, ich links, wie immer, einander zugeneigt schon lang.

Zuvor, das war noch in einem Lokal, dessen rauchige Luft in unseren Haaren hängt und in den Kleidern und in den Stimmen, die sonst recht nüchtern sind. Meine zumindest. Ihre nicht, weil, die Kuh träumt. Sie sehnt sich.

Ich möchte, sagt sie ein zweites Mal. Ich weiß, sag ich, weil ich es einfach weiß und der Taxler schon genug zum Nachdenken hat. Sie möchte eine Hand auf ihrem Bauch liegen haben, nicht die ihre, sondern die eines Bestimmten. Eines ganz Bestimmten. Der verwirrt sie ein wenig sehr, der Gute, unbewusst, weil, sie weiß ja auch nicht, wo das herkommt, das Herkommen wollen wir ja ergründen, oder, in unserem Gespräch, aber wollen wir das wirklich?

Ich zieh mir den Schal über die Nase. Neben mir findet eine vitale Katastrophe statt, ein Angriff auf das Sonnengeflecht, dort, wo die Männerhand ruhen sollte – und während ich noch über Chemie und Hormone und so Zeugs nachdenke, setzt sich meine Freundin auf ihre eigenen Hände. Die tun weh, wenn sie verliebt ist. Die brauchen dann Betätigung, wollen greifen und fühlen, erkunden. Die Frau will was, ja, und das, was sie will, ist so komplex wie einfach, wie die Gründe für ihr Wollen auch komplex und einfach sind, und ich sag Ihnen, das ufert noch aus.

Sie möchte: Sex. Klar. Da sitzen wir zwei Mädels im Taxi und reden in Hieroglyphen über Sex. Über das Begehrtseinwollen und das Begehren. Die Stimme des besagten Herrn reiche aus, sagt meine Freundin, um ihr die Brust einzuengen. Mit 14 war das nicht anders als jetzt mit über 40, um keinen Deut anders nämlich. Auch damals wären ihre Hände zu Sensoren mutiert, und schon damals war sie auf der Suche nach dem Auslöser für den Schwachsinn, den schönen, geilen Schwachsinn, der sich da auftut. Seltener sei das geworden, aber nicht minder intensiv.

Neben mir, im Taxi.

Du Kuh, sage ich wieder, lache mit ihr und dann geht’s los: Groß und dunkel sei er, nicht schön, aber doch schön. Kein glattes Gesicht, bei dem der Blick nichts zum Festhalten hat, sondern mit Narben und einem Mund, Mädel, der Mund. Und die Schultern sind breit, der Mann ist stark, er könne sie sicher tragen. (Vielleicht geht es darum, um das Getragenwerden.) Ein direkter sei er, einer, der gern Bier trinkt und sagt, was er sich denkt und redet, ein „erdiger“, keine Ahnung, sie redet vor sich hin und ich lass sie, lass das Bild von dem mir unbekannten Mann wachsen in meinem Kopf, während sich das Taxi mit Sehnsucht füllt, bis wir alle, sie, ich und der Taxler, Herzklopfen haben und sie wieder still ist. Und aus dem Fenster schaut.

Ich schau woandershin. Weil, kenn das ja auch. Gab es schon umgekehrt – sie mich „Kuh“ schimpfend, während ich auf meinen Händen saß, während ich mich sehnte, in Beziehungen hinein, aus Beziehungen heraus, festgehalten, losgelassen, Wunden schlagend, Männer verletzend. Ich glaube, ich hab da ein krankes Plansoll erfüllt und denk zurück und fühle mich schuldig, obwohl. Hab ja nicht nur ausgeteilt. War ja nicht nur Täterin.

Wie kann man so denken, so ein Schwachsinn. Ich erinnere mich an eine Begegnung, an ein Hüttenfest, an nichts mehr als die Gegenwart eines Mannes im ärmellosen T-Shirt mit glatten Oberarmen (Hans hieß er) und dann noch an ein Tischfussballspiel im eiskalten Hinterzimmer, er stopft die Tore mit Fetzen zu, damit der Ball nicht verloren geht, wir haben kein Kleingeld mehr, und wenn das Spiel aus ist, müssen wir zurück in die warme Stube, zu den anderen, wir reden nicht drüber, wir wissen das einfach, und bei den anderen war auch mein damaliger Freund, der ein guter war, ein lieber, warum ihn kränken? Aber die Sehnsucht nach diesem Unausgesprochenen. Lang bin ich auf den Händen gesessen danach.

Ich winke meinen Verflossenen zu, kehre zurück in die Gegenwart, und denke so bei mir: Ach, kompliziert ist die Liebe, die ihre, romantische, genauso wie die meine, mit der Chemie und den Hormonen und den verpassten Gelegenheiten. Aber wer weiß, vielleicht sehnt sich ja in diesem Moment der Mann mit den Narben und dem schönen Mund genauso, vielleicht hat ja sein Sehnen diese Katastrophe ausgelöst. Ich schau meine Freundin an. Und dann schauen wir wieder alle drei auf die Straße, der Taxler, die Kuh und ich.

Die andern sind uns egal

Als Studierende an der Sozialakademie wurde mir einmal gesagt: „Karin, wenn du eine Seminararbeit präsentierst, erklärst du dir die Welt – und wir anderen sind zufällig auch dabei.“ Damals lernte ich einiges über das Lernen an sich. Dass es verschiedene Lerntypen gibt und welcher davon auf mich zutrifft, und dass ich Zusammenhänge erst dann begreife, wenn ich sie mir selbst erkläre. Reichlich spät mit 25, nach einer Schulkarriere, die mehr Tiefen, als Höhen hatte und einige Entscheidungsprüfungen zwischen Nicht- und dann halt doch noch Genügend.

Dazu ein paar Betragensnoten jenseits des „Sehr gut“. Was soll’s. Matura wollte ich haben, als Dramaturgin habe ich mich geträumt, als Sozialarbeiterin bin ich aufgewacht, und allein der Weg von einem zum anderen ist ein kleiner Roman.

Aber darum geht’s nicht. Sondern um meine tiefe Überzeugung, dass das österreichische Schulsystem, so wie es ist, nicht genügt. Weil dieses System ein Kind jahrelang in dem Glauben lassen kann, es sei „schlecht“ und „faul“, statt ihm die richtigen Lernmethoden zu vermitteln. Weil dieses System Menschen klassifiziert, nicht nur in Hauptschüler und Gymnasiasten, sondern sogar innerhalb der Hauptschule noch Platz ist für erste, zweite und dritte Leistungsgruppe, und weil das keine Förderung bedeutet, sondern eine Abstufung. Die guten ins Töpfchen. Und die „nicht guten“? Ich habe mit Jugendlichen gearbeitet, die sich am Ende dieser Lernkette gerade noch festhalten konnten, keine Aussicht auf eine Lehrstelle, nix, keine Chance. Und es war keine Frage von mangelnder Intelligenz.

Ein Lehrer verweigerte ein gemeinsames Gespräch mit einem seiner Schüler und mir mit den Worten: „Sie können gern mit ihm reden. Aber wenn ich ihn seh‘, muss ich kotzen.“ Und das, um die üblichen Argumente vorwegzunehmen, an einer nicht übervollen Schule, mit wenig Migrantenkindern und mitten am Land. Keine heile Welt da draußen. Noch dazu bin ich selbst Mutter, mein Sohn ähnelt mir, sieht aus dem Fenster, eine Schneeflocke, taumelt mit ihr durch die Luft, während vorne der Lehrstoff gepredigt wird.

Noch heute geht es mir so: Stehen einem Vortragenden Nasenhaare aus dem Nasenloch oder die Heizung summt oder draußen schüttelt ein Baum im Wind seine Äste, geht oft nix rein von den Worten, nur die Bilder bleiben picken. Ja Herrschaftszeiten, bedeutet das denn, dass man dämlich ist? Oder nicht eher, dass man sich den Stoff bildhaft erarbeiten muss, sich eine Galerie im Hirn aufbauen soll statt einer Wortliste?

Oft fehlt einfach das Geld für Alternativen. Alleinerziehend, wie ich war, bin ich mit meinem Sohn nach Wien gezogen, nicht nur, aber doch wegen der Auswahl jenseits von Hauptschulen und Frontalunterricht. Aber die richtigen Alternativen, die Schulen mit mehr Platz für Individualität, dort, wo man nachfragen kann und forschen kann und lernen kann, wie man zu lernen hat – diese Schulen konnte ich mir nicht leisten. Jetzt überlegen Sie mal: Ich war zwar allein mit meinem Sohn, verdiente aber doch durch den neuen Job in der sich gerade aufblähenden Internetblase relativ gut. Trotzdem: Die spannenden Schulen waren nicht drin.

Natürlich gibt es auch gute Regelschulen, keine Frage, aber die müssen Sie erst mal finden. Im Prospekt steht vielleicht: Kooperative Mittelschule mit kreativem Schwerpunkt. Die Direktorin schwärmt von der doppelten Lehrbesetzung in den Hauptfächern – damit „kein Kind verloren geht“. Und dann stellt sich heraus, dass sich die Kreativität auf Seidenmalen im Schulkeller beschränkt, und die Mathelehrerin die verbockten Schularbeiten der 2a hämisch in „ihrer“ Klasse, der 2b, präsentiert. Während die andere Mathelehrerin erklärt: Sie unterrichte dieses Fach, weil man zur Korrektur von Deutschschularbeiten viel zu lange braucht. Winke, winke.

Zurück zum Geld: Ich konnte mir wenigstens Nachhilfeunterricht für meinen Sohn leisten, um die Defizite des Unterrichts auszugleichen. Denn ist die Schule nicht eine Dienstleistung mit dem klarem Auftrag und Ziel der Wissensvermittlung? Wie erklärt sich dann die hohe Zahl von Wiederholungsprüfungen und Nachsitzern, wodurch rechtfertigen sich die unglaublich hohen privaten Ausgaben in Sachen Nachhilfe? Der massive wirtschaftliche Erfolg der diversen Lerninstitute sollte der Bildungspolitik die Schamesröte ins Gesicht treiben. Stattdessen behauptet die nach wie vor: Wir sind so super.

Ja, eh. Und Diskussionsverweigerung zeugt von sozialer Kompetenz. Worum geht’s da eigentlich?

Mord im Gesicht

15/10/2007

Wut für ein ganzes Leben

Wenn ich jetzt beginne mit dieser Geschichte von der kalten Wut, die mich am Sonntag packte und bis heute immer wieder packt, obwohl schon spürbar schwächer, aber immerhin, wenn ich das jetzt beginne zu erzählen, dann könnte ich harmlos anfangen, den Text stricken mit dicken Nadeln und dickem Faden, ein weiches Vlies mit etwas Grauslichem in der Mitte. Aber das wäre schwach und falsch und gelogen obendrein.

Denn das Ganze entspricht vielmehr einem dünnen Stück Draht, das in die Finger sticht beim Versuch, es zurechtzubiegen zu einem Zusammenhang, das sich entwindet und störrisch ist und nicht anschmiegen will, sondern im Gegenteil einen eigenen Weg sucht und immer noch und immer weiter noch weh tut in der Brust und im Bauch, und es ist, als hätte man Mord im Gesicht, was das auch heißen mag. Aber es stimmt.

Am Sonntag war alles ganz friedlich, die Stadt, die Frau, die Wohnung, in der sie sich allein aufhielt. Sie tändelte hier ein wenig und dort ein wenig, spülte einen Teller ab, nahm ein Buch zur Hand, aß eine Kleinigkeit und setzte sich hin, um Zeitung zu lesen. Plötzlich war ihr, als bohrte sich etwas mitten durch die Bauchdecke nach außen, etwas Böses, Grausames, und alles nur, weil sie eine kurze Notiz gelesen hatte, die lang genug war, um Mauern einzureißen.

Solche nämlich, die vor mehr als zehn Jahren hochgezogen worden waren rund um einen tiefen Graben, damit niemand hineinfallen möge, damit sich niemand schneide an den scharfen Kanten, vor allem sie selbst natürlich sollte sich nicht mehr daran verletzen, all die Jahre war dem auch so – die Schlucht im Inneren war wahrgenommen worden wie eine Unebenheit, eine Irritation im Fühlen, aber nicht mehr.

Obwohl, damals, als das geschah, was die Mauern nötig machte, kam immer wieder die Frage nach der Wut, wo die bleibe, und dass es nicht natürlich sei, nur zu trauern, statt grüngallig wütend zu werden und zu brüllen und zu spucken – und die Frau spürte dann auch nach und suchte in sich nach dieser Wut, fand nur Trauer und zuckte mit den Schultern: Da ist nichts.

Oh ja, da war etwas gewesen, gut verborgen hinter den hastig errichteten Wänden, die jetzt eingebrochen waren, da war genug Wut für ein ganzes Leben, so schien es, und diese Wut kroch nicht hervor zwischen den Trümmern am Grabenrand, sie quoll über wie ein Topf Milch, den man auf dem Herd vergessen hat. Sie bahnte sich nicht sorgsam einen Weg ins Freie, um dort zu versiegen, es war mehr eine Eruption, die das ganze Wesen in Brand setzt, und die Frau wollte morden in dem Moment oder einem Toten mit dicken Stiefeln noch in die Brust treten und stampfen, sie wollte Arme haben wie riesige Schaufeln und mit ihnen, über die Stadt erhoben, die Häuser und Türme einreißen und die Hügel, und sich dabei die Lunge aus dem Leib schreien, brüllen und wüten und zerstören, damit der Schmerz aufhört, der mit der Wut wieder hochgekommen war aus seinem Winterschlaf.

Zurück wollte sie, zurück in diese Zeit, wohin die Wut gehörte, aber tausend Arme hielten sie fest in der Gegenwart, wie man jemanden festhält bei einer Schlägerei, damit er den anderen nicht umbringe in seinem Jähzorn, und sie wand sich in diesen Armen und kam nicht frei und verzweifelte daran, denn hätte sie gekonnt, sie wäre zurückgestürmt und hätte gezielt Schläge verteilt, hätte gezielt sich gerächt für das erlittene Unrecht, für das Übermaß an fast nicht zu ertragendem Leid.

Fast nicht zu ertragen, so war das damals gewesen. Die Frau erinnerte sich daran, sah sich wieder im alten Badezimmer, vor dem Spiegel, gekrümmt, weil der Schmerz sie nicht mehr gerade stehen ließ, mit dem Wissen, dass es jetzt aufhören müsse, weil sonst würde man das nicht schaffen, und weil man ein Kind hat, muss man es schaffen, und weil man diesem Bösen nicht die Oberhand lassen will, muss man es schaffen, und zwar jetzt, auf der Stelle, gleich – und so hörte es auf. Hörte auf zu pochen und zu zerren und verschwand in diesem Graben. Bestenfalls ein stumpfes Dröhnen ab und zu, aber nicht mehr.

Gut. Jahre später kommt alles wieder, kommt alles raus. Immer noch in kleineren Schüben, aber genauso intensiv. Ob es reicht, über die Wut selbst zu schreiben, weiß ich nicht. Über ihre Ursache kann ich nicht schreiben, damit würde Raum geschafft werden für etwas, dem ich keinen Raum mehr geben will. Ich bin mir auch nicht sicher, ob das hier der rechte Platz für diese Wut ist, in dieser Alltagsrubrik, aber ich meine: Diese Wut rinnt die Hausmauern runter, tropft von den Bäumen, klebt an den Mistkübeln der Stadt. Sie ist viel alltäglicher, als man glaubt.

Mein Ramadan light

30/09/2007

Weniger will ich werden

 Man geht so in den Tag hinein. „Ganz junge Blüte“, schrieb ich gestern, „hauchzart, mit golden, pfirsichfarbenen Blütenblättern“. Später, schrieb ich weiter, komme das Getrampel. Und dass man so lange an der Nacht herumschaben möchte, „bis der Tag durchschimmert an den wundgeschabten Stellen“.

Dann hörte ich auf mit Schreiben, weil die zehn Minuten vorbei waren und zehn Minuten ohne Denken schreiben pro Tag reicht. Die Finger ständig auf der Tastatur, ob die Nase juckt oder der Schwachsinn, der den Bildschirm sprenkelt, schon weh tut, die Finger, bitteschön, stapfen wie kleine Esel über eine Schotterpiste. Schicht für Schicht den Müllberg im Kopf abtragen. In Säcke packen. Vor die Tür stellen. Jeden Tag einen. Dabei im Pyjama, gewaschen und zahngeputzt sein und gleich ins Bett fallen, traumlos schlafen.

Gestern schrieb ich dann auch noch, dass wieder einmal „der Mond durchs Bild wandert“ (das macht er recht oft), und, dass ich früh aufstehen müsse, frühstücken möchte und mir gut überlegen, was ich anzieh‘. Und was ich sag‘. Dann „mit der Bim in die Arbeit fahren.“ Weiter überlegen, wegen der Kolumne, „aber ich könnte auch über Träume schreiben, in denen Berührungen da sind, oder über die geträumten Begegnungen und warum Gesichter so leicht verschwinden.“

Das ergibt alles wenig Sinn, aber anders betrachtet, doch. Mein Kollege fastet, weil Ramadan ist. Ich faste ein bisschen mit, nenne das „Ramadan light“, und das ist natürlich Blödsinn. Vom ruhigen Glauben meines Kollegenfreundes bin ich so weit entfernt, wie. Ja, wie. Wenn ich mir überlege, wo sich überall Seele versteckt. (Überall, schrieb Ringelnatz, ist Wunderland, überall ist Leben.) Egal, ich faste also mit ihm, auf meine Art, und habe das auch schon beim letzten Ramadan so gehalten. Das hat auch was mit Essen zu tun, mit Gewürzkräutertee statt Kaffee, mit Tofuzeugs statt Käsebrot. Weniger will ich werden, auch wenn, von außen betrachtet, die Frau eh nicht gerade viel ist und isst, aber von innen, meine Herren, da schaut’s halt anders aus.

Von innen betrachtet kann man fett sein, kugelrund und behäbig, übersatt, und das ist der Punkt. Das Übersatte, das legt sich aufs Denken und auf den Blick, das Übersatte macht langsam und wunschlos unglücklich, falsch genügsam. Und da das eine das andere beeinflusst mit der Zeit, muss der eine Hunger zum anderen führen, ich meine: Das, was wir unter Hunger verstehen und eigentlich nur Lust auf Essen ist, das sollte nicht verwechselt werden mit dem echten Hunger, mit dem wirklich nix zum Fressen haben und stumpf werden und tot werden und aus.

Also, bevor ich mich verzettle, dieses kleine bisschen Hunger im Bauch führt, bestenfalls, zu einem kleinen bisschen Hunger im Kopf, und mit dem einen oder anderen Kilo Körperfett geht, hofft man, vielleicht auch das eine oder andere Kilo Denklast weg, die Schwere im Gemüt.

Ruhig möchte man sein, oder. Zumindest ein paar Wochen im Jahr. Ruhig in einem leeren Raum. Bin ich allein zu Hause, ist es jetzt fast ganz still. Kein Fernsehen. Kein Radio. Bin ich unterwegs, dann lausche ich. Keine Musik im Ohr. Nur diese paar Wochen. Das zwingt hineinzuhören und das Bild hat schon auch was für sich, dass das Denken eine Herde von wilden Tierchen ist, die, wenn man sie beobachtet, scheu verschwindet, und erst mit der Zeit, wenn man sich ruhig verhält und jähe Bewegungen vermeidet, sich wieder in die Nähe wagt.

Also verhalte ich mich ruhig, so gut es geht. Vielleicht wagt sich wieder etwas in die Nähe. Mag sein, dass ich mich täusche, mag sein, dass das alles ein Irrtum ist, aber eines sage ich Ihnen, die paar Wochen, die sind schon in Ordnung so. Und dass draußen der Tag durchschimmert, ist auch in Ordnung, weil ich hungrig bin und frühstücken werde, und später mit der Bim in die Arbeit fahre, mich in den geträumten Begegnungen verliere, und das Getrampel, keine Sorge, das kommt ohnehin von selbst. „Ganz junge Blüte“, von wegen.

Tag weg, Nacht da

Diesen Text wollte ich gestern Nacht schreiben, viel zu spät, aber na ja. Am Abend kam das Mail, ob ich was vorbereitet hätte für heute, weil, da gebe es einen Rhythmus, demnach wäre ich an der Reihe. Ich hatte nicht. Jener besagte Rhythmus war mir etwas entglitten. Ich, forsch, schrieb zurück: Kein Problem. Um dann – innen wie außen – auf Themensuche zu gehen. Zugeworfen wurde mir zum Beispiel: Schreib über die Barrieren im Kopf. Interessant, da lässt sich was draus machen.

Dachte ich. Nach Hause kam ich spät abends. Gleich schreiben ging nicht, erst duschen, Tee trinken und den ganzen Schmonzes erledigen, den so ein Abend nach sich zieht. Also noch ein wenig blöd vor dem Fernseher hocken, das Gehirn ausleeren. Tag weg, Nacht da, normalerweise geht das dann mit dem Schreiben. Normalerweise hat sich bis dahin aber eine Idee im Kopf festgebissen und will geschrieben werden. Gestern war dem nicht so.

Das Thema Barriere im Kopf war selbstredend. Ging nicht.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht und vor dem Computer. Bei den Nachbarn Freunde zu Besuch. Bei mir: Mein Sohn zu Besuch. Ich mein, er wohnt eh noch bei mir, aber eben überwiegend in seinem Zimmer. Ab und zu hat er so was wie ein Mitteilungsbedürfnis, und das meistens, wenn ich schlafen soll, schreiben will oder pinkeln muss. Das mag jetzt für einige ein Déjà vu sein, denn das hatten wir an dieser Stelle auch schon: Ich dreh mich vom Computer weg, leg die Beine hoch und lausche.

Um halb eins waren wir durch. Sofern man den seelischen Marianengraben eines 18-jährigen Wesens in einer guten Stunde durchtauchen kann. Das Schwierige ist: Man erinnert sich wohl an diese Zeit. Aus weiblicher Sicht. In das männliche Pendant kann man sich da auch nur einfühlen und sich bestenfalls einen Partner suchen, der ein wenig aufwiegt, was der Kindsvater nicht leisten konnte. Kindsvater. Klingt bös, ist aber nicht so gemeint. Der meines Sohnes ist schon o.K., nur halt in vielerlei Hinsicht ein bisserl weit weg.

Übrigens ist es großartig, mit 40 ein fast erwachsenes Kind zu haben. Man befindet sich quasi gemeinsam auf der Suche, ist aber schon ein Stück weniger verzweifelt. Zurück zum Text: Wir sitzen also, reden, über die Liebe diesmal und über Beziehungen und warum das manchmal so lange braucht, bis es was wird, wie Frauen ticken in dem Alter (weiß ich das? war ich so?) und überhaupt. Bis er gähnt, aufsteht und sich wieder in die Höhle trollt. Vorher die Frage: Musst du noch was schreiben? Ich: Ja, eine Kolumne für morgen. Er: Worüber? Ich: Keine Ahnung.

Worauf sich die Schleuse öffnet und sich eine Themenflut über mich ergießt. Schreib über dies und das und jenes. Über 9/11, den Papst, über was Blödes, über was G’scheites. Fein. Mein Sohn geht schlafen, leer geredet, und ich sitz‘ da. Vorher konnte ich nicht schreiben, weil mir nicht einfiel, worüber. Jetzt kann ich die Tür nicht aufmachen, weil ich keine Hand freihab.

Revolte. Ohne die Zähne zu putzen, ohne die Haare zu bürsten, sogar ohne aus dem Fleecepulli zu schlüpfen, geh ich ins Bett. Den Wecker auf halb fünf, sechs und acht gestellt. In der Nacht träume ich wirr, von zwei Texten, die ineinander wachsen, organisch sind, ganz eigenartig. Ich wache öfter auf, als mir der Wecker vorschlägt, das erste Mal um drei Uhr. Um half fünf rast mein aus dem Schlaf gerissenes Herz, um sieben liege ich schließlich in einer Art Halbtrance wach und hoffe, bald mehr als die Augen bewegen zu können.

Na ja, und jetzt: Haben wir immerhin die Nacht miteinander verbracht. Sitzen da (ich zumindest), bei Butterbrot und Gewürzkräutertee, noch ungewaschen, struppig, mit Restschlaf im Gemüt und der Zuversicht, dass sich die zu ehernen Feuerschutztüren ausgewachsenen Barrieren im Kopf beizeiten öffnen werden. Und der gestörte Rhythmus kommt auch wieder ins Lot.

(Cliffhanger: Beim nächsten Mal erzähle ich Ihnen vielleicht davon, wie es ist, einen Freund und Kollegen durch den Ramadan zu begleiten. Eine Art Ramadan light für Nichtmuslime. Stichwort: Gewürzkräutertee. Nicht unspannend.)