Ein pralles Weib möchte ich sein
31/08/2007
(Text aus der zwischen 2005 und 2010 für oe1.ORF.at verfassten Reihe von Alltags-Kolumnen.)
Ein pralles Weib möchte ich sein, innen wie außen, mit allem, was dazugehört. Wogende Brüste, dicke Locken und ein fettes Lachen. Eine Stimme, die Raum schafft, kubikmeterweise Raum, eine Stimme quasi, die Lufthoheit beansprucht und bekommt, ohne Diskussion. Hornhaut auf den Fußsohlen vom Barfuß gehen, und Ränder unter den Fingernägeln, weil ich einen Garten hätte, mit Brennnesseln, Unkraut, Basilikum und Zitronenmelisse, mit Bienen, Käfern, Ameisen und Regenwürmern, mit alten Bäumen, Himbeersträuchern und einem Feigenbaum mit großen Blättern, unter denen die Kinder spielen, weil, dann wär’s nicht bei dem einen geblieben.
Es wär‘ eine Schar kleiner Dreckspatzen, die nackert in die Pfützen hupfen und aus Schlamm Burgen bauen, am Abend, wenn ich mit meinem Mann und Freunden noch am Gartentisch sitze, bis spät in die laue Nacht, und während wir reden oder nix reden und über den Mond staunen, bauen die G’schrappen aus all dem Zeug, das sie im Garten finden, ein Nest für den Hund, der wedelnd daneben steht und sich nicht reinlegen will, ins Nest, der dumme Köter.
Dann, wenn alle gähnen, wenn sich die Freunde fröstelnd die Bäuche gerieben haben und heimgegangen sind (wir haben ihren Schritten und Stimmen hinterher gelauscht), dann wird’s Zeit zum Schlafengehen. Wir sammeln die Kinder ein, die mit ihren Dreck verschmierten Goscherln schlaftrunken durch den Garten taumeln, und tupfen sie hemdsärmelig mit spitzen Fingern in die Badewanne, eins nach dem andern. Großes Geplärre.
Großes Gekuschle. Bis alle schlafen. Der Tau zieht über die Wiese, der Mond über das Haus, irgendwo rührt sich schon ein Vogel im Gebüsch. Der meine greift nach mir und findet mich nicht gleich, weil ich noch am Fenster stehe, so als pralle Frau, mit breiten Hüften und einem runden Hintern und runden Schultern, und alles wär weich an mir, der Körper, das Wesen und das Denken. Vor allem das Denken. Weich und ausufernd.
Wär‘ ich so eine, dann würde ich in allen Teichen schwimmen, im kühlen, grünen Wasser, zwischen Insekten und Seerosenblättern, am Morgen schon. Ohne was an. Ich würde meinen Kaffee aus einem großen Häferl trinken und mit viel Milch, dazu den Kindern Brote schmieren mit Pflaumenmarmelade und es wär mir ganz egal, ob eine Fliege auf der Butter landet. Landet sie eben.
Die Kinder würden mich liebhaben und an meinem Busen kuscheln, oder mir atemlose Geschichten erzählen, von dem, der dann und dann hat der und dann hat die und weißt du? Dabei würden sie auf meinem Schoß sitzen und mit ihren kleinen Fingern an den Knöpfen meiner Bluse nesteln, so als würden sie der Bluse die Geschichte erzählen, und sie hätten keine Angst vor Wespen, Katzen, Ziegen und Kühen.
Wir würden gemeinsam Schnecken retten, Spitzwegerich sammeln und nach einem Gewitterregen ohne Schuhe auf die Straße laufen, nur um zu sagen: Oh, wie das riecht, riech mal!
Das alles, wenn ich’s wär.
Ich bin’s, dein Kardinal
15/08/2007
Gott riecht nach Weihrauch
Ein Kreuz liegt vor mir, geschnitzt von Menschen im Heiligen Land, aus dem Holz des Olivenbaums, ein Zeichen der Hoffnung sei es, schreibt Christoph Kardinal Schönborn, und wendet sich dabei an meinen Sohn. Lieber junger Christ. Ein Begleiter auf Ihrem Lebensweg sei das Kreuz, steht in dem Brief, mit blau eingedruckter Unterschrift, die suggeriert: Hier hat wer selbst unterschrieben, so gut wie. Nicht ganz. Die Absicht zählt.
Du sollst nicht lügen, fällt mir zum blau Eingedruckten ein, aber ist das Lüge? Eher die gängige Methode. Die Diözese ist groß, jeden Brief selbst zu unterschreiben unmöglich, auch für einen Diener Gottes. Mein Sohn wollte weder Brief noch Kreuz, beides liegt auf meinem Schreibtisch, beides ungewollt und modern, mit angetäuschter Unterschrift das eine, das andere noch im Zellophansackerl, a „Gift From The Holy Land“, ein T-förmiges Ding, ohne den geknechteten, geschundenen Körper des gestorbenen Jesus, der mich seinerseits vom Briefkopf her ansieht, arrogant und fern.
Ich höre fast auf zu atmen, so gewaltig drückt es auf der Seele. Vor drei Tagen saß ich in der Kirche, eingeladen zur Hochzeit von gläubigen Freunden, hoch über uns wölbte sich ein steinerner Himmel. An den Wänden krochen pausbackige Putten aus allen Winkeln, Blattgold und schwarzes Ebenholz, Schnörkel und hüfthohe Statuen von Heiligen und Marien und Mönchen, ein haushoher Altar, unerreichbar. Gott ist nicht nah, sprach es aus den Steinen und Mauern und Geräuschen, und Du bist nicht würdig, einzugehen unter sein Dach. Die fröhlichen, kindlichen Kirchenlieder des Chores verstärkten das Fremde; von einem liebenden Vater wurde gesungen, dessen Kind man sein möchte und dessen Liebe unendlich sei, und wenn er da war, dieser liebende Vater, dann haben wir uns verpasst, wie immer bei solchen Gelegenheiten.
Wie tief das noch sitzt, das Katholische. Man erhebt sich, wenn alle sich erheben, man murmelt sein „Amen“, sein „Wir bitten Dich, erhöre uns“, sein „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“, auf einmal ist man wieder ein kleines Mädchen, mit Faltenrock, weißer Strumpfhose und einem Handtäschchen aus Plastik, das ein Taschentuch und Geld für die Kollekte birgt. Man ist wieder sieben oder acht Jahre alt, rutscht mit seinem kleinen Hintern hin- und her, macht alles, was die Oma macht, oder der Opa, betrachtet die dicken Engel, zeichnet mit dem Finger das Hausschild in der Kirchenbank nach, kaltes Messing, zählt die Ecken der elendshohen Säulen und staunt über die langen, langen Ketten, an denen die Luster hängen, während vorne der Priester aus seinen Worten einen Teppich murmelt, einen Vorhang, eine Decke, bis man schläfrig ist vor lauter Heiligkeit, bis man auf die Knie sinken darf und sich die Strümpfe zerreißt, und Gott riecht nach Weihrauch und Oma nach Kölnisch Wasser, und beide sind ewig.
Der Wind zupft an den Jalousien und bringt mich wieder in die Gegenwart zurück, in die gottlose, der Aquarell-Jesus sieht mich immer noch mit hochgezogenen Augenbrauen an, sein Heiligenschein ist blau wie die eingedruckte Unterschrift vom Erzbischof Wiens. Daneben liegt das Kreuz. Aus Olivenholz geschnitzt. Lieber Herr Schönborn, vielen Dank, wir wollen es nicht. Ich würde es Ihnen gerne zurückschicken, weil wegwerfen geht auch nicht, eigenartig. So sehr hat mich die Kirche noch im Griff, obwohl ich mich schon vor mehr als zwanzig Jahren von ihr verabschiedet habe, von diesem leidenden, katholischen Gott, der in meiner Kleinmädchenfantasie frierend und nackt in einem ungastlichen Kirchenschiff wohnte, ein geschundener Jesuskörper, hinter gotischen Säulen versteckt.
Statt mit mir zu reden, Herr Kardinal, warum ich diese Kirche verlassen habe, sprach der damalige Dechant unserer Kleinstadt lieber meine Mutter an. Er frage die Wirtin, die jeder kannte, in der Volksbank, vor allen Leuten, welcher Sekte ich jetzt angehöre. Hätte ich gewusst, dass die Pfarre das Gasthaus meiner Eltern über Monate meiden wird, weil eines ihrer Kinder, weil ein Mensch aus dieser großen, traditionell katholischen Familie sich entscheidet, nicht dazuzugehören, hätte ich bis zu meinem Umzug nach Wien gewartet. Es ging mir nicht ums Geld. Es ging mir um Nähe, Herr Kardinal, und Ihre Kirche täuscht Nähe nur vor, finde ich, wie blau eingedruckte Unterschriften auf Musterbriefen.
Ihr Schreiben hat meinen Sohn nicht berührt. Nicht ich habe ihn von der Kirche ferngehalten, er ist getauft und gefirmt. Wir haben über Gott geredet, über den Tod, über alles. Die Kirche hat sich selbst von ihm ferngehalten. Sie hat ihm gezeigt, wie man demütig die Hände faltet. Über die Demut selbst hat sie sich ausgeschwiegen. Oder über die Sehnsucht, die in ihm ebenso groß ist wie in mir. Lieber junger Christ. Diese Chance, Herr Kardinal, haben Sie und ihre Kollegen verpasst.
Keine Bobos auf dem Mars
31/07/2007
Ich kann Kung Fu. Kein Witz.
Manchmal muss man sich geschlagen geben und genau das tun, was man eben nicht machen wollte – zum Beispiel wieder eine Kolumne übers Muttersein schreiben. Weil, die letzte ist mir fast etwas zu gut angekommen. Als Ausgleich war für diesmal ein Depri-Text geplant, über die Sehnsucht nach rötlichen Marswüsten, mit Stille, die aufs Trommelfell drückt und einer Leere, in der man sich nicht verliert. Das hätte klappen können. Hätte. Erste kleine Schmiernotizen waren gemacht. Seit am Samstag die Marsidee im Kino entstand (Vorschau zu einem Film, der – nona, wo glauben Sie? – spielt), geht der künstlerische Geist damit schwanger. Mars! Felsebenen! Weite, Weite! Einsamkeit!
Dort gibt’s keine blöden Werbungen für Damenhygieneprodukte, die Frauen unten herum als undicht hinstellen oder als unsauber (‚tschuldigen, das wollte ich schon lang anbringen), keine Sprüche im Radio über – nein, ich sag’s nicht. Ich hab versprochen, weder das W-Wort noch das P-Wort zu erwähnen. (Das eine reimt sich auf netter und das andere auf Schotter.) Kein Ami-Bashing, keinen Feinstaub-Alarm, keine Diskussionen, ob man das Bio-Taubenbrüsterl an weißen Morcheln und von Hand großgezogenen Kartofferln im Lokal X bestellen kann, obwohl die Einrichtung so was von uninspiriert ist. Keine Menschen, die sich als „Bobos“ bezeichnen lassen und darauf noch stolz sind. Nichts, das nervt.
Ja, ich leb auch im siebten Bezirk, ja, ich hab auch einen Job in der Medienbranche, und ja, ab und zu fahr ich mit dem Fahrrad in die Arbeit. Aber wer mich als „Bobo“ bezeichnet, der kriegt es mit mir zu tun. Ich kann Kung Fu. Kein Witz. Mit genügend Adrenalin im Blut, einem gut platzierten Überraschungsmoment und viel Glück könnte ich vielleicht sogar einen Treffer landen. Und dann weglaufen. Vor allem, wenn mir der Gegner körperlich unterlegen ist. Bei „Bobos“ mach ich mir da wenig Sorgen. Die trainieren alle nur Yoga, tragen einen sanften Blick und weite Freizeithosen. Über die sie hoffentlich stolpern. Wenn sie mir nachlaufen.
Fühlt sich jetzt jemand auf den Schlips getreten, der die Bezeichnung „Bobo“ als Kompliment versteht und es sich im entsprechenden Schubladerl schön gemütlich gemacht hat? Wird mir der Fehdehandschuh ins Gesicht geworfen und die Aufforderung, ins MQ zu kommen, um bei einer Boule-Partie Vergeltung zu üben? Ha! Nur zu!
Ich würde mich so was von blamieren. Ich würde erklären, dass mir diese Kolumne ein bisserl aus dem Ufer geraten ist, weil, alle Kolumnen sind eigenständige Tierchen, manche lassen sich zähmen, andere gehen durch. Die hier geht (ich hab sie mit Schaudern überflogen) eindeutig durch. Warum plötzlich diese „Bobo“-Sache? Ich hab nicht wirklich was gegen Leute, die bourgeois sein wollen. Oder/und bohemien. Wo bleibt hier der Mars? Und was hat mein Kung-Fu-Training damit zu tun?
Es hat mich zumindest müd gemacht. Sich in meinem Alter noch mit jungen Burschen zu prügeln, hinterlässt Spuren. Wir (mein Notebook und ich) teilen uns folglich gerade nicht nur das Bett, sondern auch den niedrigen Energielevel. Denn gleich nachdem der Trainer unsere Körper wieder für einen anderen Gebrauch als den des Kampfsports freigegeben hatte, hüpfte ich erst unter die Dusche, dann ins G’wand, dann in die U-Bahn und dann nach Haus, wo ich an meinem Schreibtisch zur Ruhe kam. Computer einschalten. Mars-Schmiernotizen auspacken. Tee griffbereit. Die Finger in Schreibposition … und es geht … nicht los.
Denn der mittlerweile erfolgreich der Minderjährigkeit entwachsene (noch nicht ganz erwachsene) Sohn (viel fehlt aber nimmer) schlurft in mein Zimmer, pflanzt sich auf die Couch und beginnt zu plauschen. Nicht jetzt sagen: Hätten Sie ihn halt wieder raus geschickt! Verstehen Sie: ER beginnt zu plauschen. Er, dem das Gesicht einfriert und die Ohrwascheln einschrumpfen, sobald man den Ansatz eines netten Gespräches erkennen lässt, das über die aktuelle Kühlschrank-Füllhöhe hinausgeht. ER erzählt freiwillig von seiner Arbeit und was er so macht.
Das passiert ungefähr so selten wie eine totale Sonnenfinsternis, daher drehe ich natürlich der Marsstory den Rücken zu und lausche. Ab und an darf sogar ich was reden. Wir unterhalten uns endlich wieder einmal, wie schön.
Mit dem Effekt, dass sich die Marsstory beleidigt verzieht und, als ich mich ihr wieder zuwende, an ihrer Stelle ein paar „Bobos“ herumirren. Verstehen Sie, warum ich nie reich sein werde? Ich könnte Millionen scheffeln mit Erziehungstipps und Mutterkolumnen, stattdessen schreibe ich konfuse Texte über diverse Bevölkerungsgruppen und den Mars. Über Ebenen aus rotem Sand. Mit Fels überzogen. Weite, Weite! Einsamkeit!
Ach. Na ja. Vielleicht das nächste Mal.
My Incognito Is Exploded
15/07/2007
Es ist später Abend, draußen streiten die Nachbarn. Der Straßenlärm bricht sich an der Stille im Zimmer. Ich sitze seit einer Viertelstunde vor dem leeren Word-Dokument und überlege den ersten Satz. Gleichzeitig steigt etwas hoch in mir und sammelt sich im Hals, ein Gewirr an Gefühlen.
Ich schließe die Augen. Lasse die Nachbarn streiten. Stehe blind auf, taste mich blind durchs Zimmer zum Bücherregal, ziehe blind ein Buch heraus, taste mich zurück, setze mich, schlag das Buch auf (noch immer blind) und stecke meine Nase zwischen die Seiten. Guter alter Taschenbuchgeruch. Ich sehe nach, was ich aufgeschlagen habe.
Das ist kein Orakel. Alles was ich wollte, war ein erster Satz für diesen Text. Und diesen hier habe ich bekommen: “My incognito is exploded”, aus Mark Twains “Life on the Mississippi”. Was für ein Zufall, denn mit dem Mississippi habe ich noch eine Rechnung offen. Im April 2003 versprach ich mir in Memphis, am Ufer stehend, die nackten Beine im Flussschlamm, ich käme wieder, wenn mein Junge groß ist, mit mehr Zeit und mehr Ruhe. Seither sind etwas mehr als vier Jahre vergangen.
Toni, mein Sohn, wird am Samstag achtzehn. Ich werde ganz Wien drücken und meine Liebe zu ihm in die Weinberge tätowieren, in Ermangelung von Alternativen. Denn Seine Hochwohlgeboren belieben in Griechenland zu weilen, um dort mit Freunden Geburtstag zu feiern. Ohne Handy, ohne mir zu sagen, wo er genau ist. Irgendwo in Kreta, schon seit fast zwei Wochen. Weswegen es auch so leer und still ist in der Wohnung.
Wir sind eine alleinerziehende Familie, wir zwei, seit gut dreizehn Jahren. Wobei, ganz allein stimmt auch wieder nicht. Meine Eltern haben mitgeholfen. Mein Vater hat ihm solange die Würstl kleingeschnitten, bis ich beschlossen habe: Wir ziehen weg aus der ständigen Reichweite. Essen nach Wunsch gibt es nur in den Ferien. Das war natürlich nicht der wirkliche Grund. Aber damals sagte ich zu meinem Sohn, der gerade zehn geworden war: Nach der Hauptschule gehen wir nach Wien.
Und Toni sagte: Machen wir das doch gleich. Das taten wir dann auch. So war das. Daran ist nichts Romantisches. Auch kein cooles Mutter-Sohn-Ding. Das waren zum Teil beinharte Zeiten und tausend Kämpfe.
Ich habe so viele Fehler gemacht, wie man nur machen kann. Für einige werde ich mich bis an mein Lebensende schämen. Ich wollte nie Mutter sein, weil ich ahnte, wie schwer das für mich sein wird. Aber als ich vor knapp 19 Jahren heulend dem Frauenarzt dabei zusah, wie er mit der Ultraschall-Sonde kaltes Gel auf meinem noch flachen Bauch verteilte, hörte ich schlagartig auf zu heulen, als er mir am Bildschirm dieses fette, kugelrunde Ei zeigte. Sie sind schwanger. Das war ok und ich plötzlich sehr ruhig und voller Freude.
Weil. Deswegen. Wie kann man das erklären. Mein Sohn meint manchmal, dass ich ohne ihn vielleicht studieren hätte können. Er meint manchmal, er wäre eine Bürde für mich gewesen. Natürlich war er das. Nein. Nicht er, niemals er selbst. Nur manchmal die Situation. In Wahrheit war Toni lange Zeit die einzige Konstante in dieser völlig verrückten, unbegreifbaren Welt. In Wahrheit war er die Erdung, ohne die ich, die ständig am Abdriften war, tatsächlich verlorengegangen wäre. Gelegenheiten hätte es genug gegeben. In Wahrheit ist er das immer noch. Er ist tatsächlich und ungeteilt das Beste, was mir je passieren konnte.
Mein Sohn ist jemand, der einen zum Lächeln bringt, nur indem man von ihm redet. Ob das der Besitzer der Pizzeria unten im Haus ist, oder die Hausmeisterin, oder Freunde, oder sonst wer. Sie richten sich auf, fangen an zu lächeln und fragen nach ihm, und in der Frage steckt so viel Zuneigung. Das macht mich sehr glücklich und stolz.
Der Satz “My incognito is exploded” passt genau. Kinder sind ein Paradoxon: Je größer sie werden, desto schwerer kann man sich hinter ihnen verstecken. Muttersein ist ein Inkognito, hinter dem sich der Rest der Frau ganz gut verbergen lässt. Aber wenn die Kinder erwachsen werden, verliert man seine Deckung. Da nützt das ganze Klammern nichts. Man muss sich ungedeckt der Welt stellen. Hat man allerdings – wie ich – einen so spannenden, eigenwilligen Sohn, der einem dabei zur Seite steht, dann ist alles gut.
Alles Gute, mein Schöner. Ich bemüh‘ mich, versprochen.
Originaltext Juli 2007, adaptiert im Dezember 2013
So banal ist Banalsein
15/06/2007
Arg, dass wir das arg finden
Mögen Sie Rhabarberkompott mit Joghurt und Müsli? Wär fein, denn das haben wir grad gefrühstückt, Sie und ich, und dabei haben wir, nein, kein Ö1 gehört, und, nein, auch kein FM4, sondern gelesen. Feines Buch, aber jetzt ist es spät, also hoppauf. Ab ins Bad, duschen, raus aus der Dusche, roter String trifft schwarzen BH, wir hüpfen halbnackt mit der Zahnbürste im Mund durch die Wohnung, am Bett vorbei (wird gemacht), an der Spüle vorbei (schnell abwaschen), suchen die Jeans, die alten, nicht die neuen, verflixt, da hängen sie. Der Rest ist einfach, weil immer, also T-Shirt aus dem Kasten, zurück ins Bad, Mund spülen, Pause. Kritischer Blick.
Meine Herren, da müssen wir durch: Augenbrauen zupfen, so banal ist Banalsein. Links ein bisserl (immer links zuerst, keine Ahnung, warum), rechts ein bisserl, passt, Creme ins Gesicht, Lidschatten (rosa? beigebraun? rosa), Lidstrich, Wimperntusche, Pigmentfleck abdecken, g’schwind Haare bürsten, ein Spritzer Parfüm (jetzt klingt das schon sehr nach Woman-Kolumne, oder? Dabei hab ich Sie gar nicht mit auf die Waage genommen), und raus aus dem Bad. Tasche schnappen, Apfel in die Tasche, Schuhe an, zurück in die Küche (ist der Kühlschrank zu? Das Mistding geht immer auf), vorsichtig die Tür zum Nachwuchszimmer aufmachen (Fenster sind zu, Gott sei Dank, wir müssen nicht rein), Blick auf die Uhr (halb 10, Himmel hilf) und ab.
Im Gang drei Mal an der abgesperrten Tür drücken und zwei Mal ziehen (gelebter Zwang für den Alltag), Lift holen, runter, im Treppenhaus grüßt mich ein Mann mit Motorradhelm in der Hand, schaut gut aus, wir wussten gar nicht, dass wir so was im Haus haben, dann raus, 150 Meter zur U3, an einer Spiegelwand vorbei, kurzer Blick nach links zum Spiegelbild, passt, jetzt nimmer schaun, das wär blöd.
Vierundvierzig Stufen und eine Rolltreppe tiefer (sind Sie noch bei mir?), vier Minuten warten auf U3 Richtung Westbahnhof, mit mehr Zeit hätten wir auch U3 Richtung Simmering nehmen können, dann U2, U4 und den D-Wagen, oder gar keine U-Bahn, sondern den 13A, den 5er und dann den D-Wagen, oder zu Fuß ein Stück, durchs alte AKH, aber was red ich, wir haben eh keine Zeit.
Drei Minuten. Neben uns löffelt eine Frau in den Vierzigern ein Eis. So früh am Tag. Wir finden das eigentlich arg. Und arg, dass wir das arg finden. Ansonsten sind nur Frauen mit rötlich gefärbten Haaren unterwegs. Weiße, abgesteppte Handtaschen. Großgemusterte C&A-Blusen. Die U-Bahn kommt, rein, eine Station, raus, Rolltreppe rauf, oben drängt sich eine Schülerherde zusammen, lauter Jungs, nur zwei Mädchen leuchten blond und hübsch, wahrscheinlich HTL, weiter, rauf zur U6, nur eine Minute Zeit, um nach vorne zu kommen, ans andere Bahnsteigende, weil, wenn hinten alles drängt, gibt es vorne Luftlöcher, immer, also flott.
Langsame, dicke, dünne und andere Leute versperren uns den Weg, solche mit Kinderwagen, oder Koffer, oder Zwiebelduft, aber wir schaffen das, weichen aus, denken kurz an unseren Süßen (das kling so: mein Süßer, mein Süßer, mein Süßer), wahrscheinlich irgendein leichter Bartansatz in der Menge, kommen zeitgleich mit der U-Bahn am Bahnsteigende an, zwanzig Leute steigen aus, wir steigen ein, Platz frei, am Fenster, perfekt (obwohl uns vor dem Fettfleck am Glas graust, muss man ja nicht sehen), sitzen, gut.
Jetzt ist Zeit. Zum Beispiel, um darüber nachzudenken, warum wir nix Ordentliches schreiben, wie etwa über den neuen guten Trend von kleinen bis mittleren Kommunen, sich für gut integrierte, aber durch Abschub bedrohte Familien ins Zeug zu legen, bei denen immer der Sohn im Fußballverein glänzt und die Tochter in der Schule und die Mama freiwillig wo hilft und der Papa fleißig arbeitet. Das ist schön, es bleibt die Frage nach den schrägen, radebrechenden Leuten in diesem Konzept, aber darüber müssen wir noch nachdenken, damit da kein Blödsinn rauskommt, genauso wie wir noch über großformatige Politikerwerbung für kleinformatige Zeitungen nachdenken müssen, grausliches Geschleime, so daneben, dass es kracht (dass es nicht kracht, irritiert), aber heute sind wir ganz bei uns, leider.
Und deswegen. Starren wir aus dem Fenster. Auf den Gürtel. Und die Autos. Und die Leute. Sieben oder acht Stationen. Lang.
Bis wir ankommen, Spittelau, aussteigen, Treppe runter, raus, der D-Wagen biegt ums Eck, was für ein Glück, aber keine Kollegen, schad, also doch noch den Radio anstöpseln, zwei Stationen, raus, über die Brücke, rein in die Firma, jetzt simma da, in den Lift, kritischer Blick, erst in den Spiegel, dann auf die Speisekarte von der Kantine, mögen Sie makkaroni.gemüse.auflauf? Schad. Andererseits, ich muss jetzt eh arbeiten. Danke für’s Mitkommen und bis bald.
Ein bisschen wie Meer
31/05/2007
Nur grüner und stacheliger
Wieder schreibe ich nichts über meinen Sohn, auch wenn Sie sagen: Zeit wär’s und überhaupt, was macht er so und wie geht’s ihm denn, und obwohl er natürlich immer noch mehr als genug Stoff für Kolumnen liefert, schreib ich trotzdem nix und dafür gibt es einen Grund. Lieber erzähle ich Ihnen, dass es lustig ist, mit der Bahn zu fahren, etwa mit der Linzer Lokalbahn, wo der Schaffner dem Lokführer bei der letzten Haltestelle „Vorrücken!“ zuruft, wie ein General seiner Armee, und dann rücken wir vor, die bäuerlichen Heerscharen aus dem Eferdinger Becken gegen die Hauptstadt aus Stahl.
Ich weiß, mit dem Krieg soll man nicht spaßen, darüber ließe sich diskutieren, aber immer ist es ja auch nicht lustig, das Bahnfahren, etwa wenn ein kleiner Junge grad reden gelernt hat und die paar Worte, die sich in seinem Köpfchen sinnhaft formen, probehalber in den halbleeren Wagon plaudert, die Oma das aber nicht möchte und dauernd „Psst“ sagt. Psst. Und dass die Eisenbahn böse werden würde, wenn er nicht folgt. Und dass der Herr Schaffner böse werden würde, und dann würde der Zug stehenbleiben und man dürfe nicht mehr mitfahren, das wäre schön dumm, gell?
Fast hätte ich zur fremden Oma „selber Psst“ gesagt, quasi in Stellvertretung für den Kleinen, der zu soviel Schlagfertigkeit noch heranreifen muss. Aber nach dem gedanklichen Durchspielen aller möglichen Konsequenzen ließ ich es doch bleiben. Bin ich nun friedliebend oder konfliktscheu? Womöglich gibt’s da gar keinen Unterschied. Jedenfalls haben mich alle lieb. Sogar die, die nur so tun.
(Jetzt hätte ich gerne ein Stück Schokolade. Nie hat man Schokolade dabei, wenn man sie braucht.)
Was könnte ich Ihnen noch erzählen? Vielleicht, dass ich mich vorhin in Linz in den falschen Zug gesetzt habe, in einen, der ganze zwei Stunden nach Wien braucht und nicht eine Stunde vierzig und überall stehenbleibt. Nicht überall. Aber fast. Das ist zu langsam, ich mag es gern schneller, auch der Text hier sollte ein schneller sein, einer, der über die Seiten rast und um die Kurven fliegt, dass es nur so quietscht und rumpelt, damit Sie sich anhalten müssen beim Lesen und Schutzbrillen tragen und all das Zeug und es in Ihnen nachher noch ein wenig weiterrast, obwohl ich längst wieder weg bin.
Das mache ich mal, aber ich glaube, heute ist eher der Tag für ein Fahrtenspiel, oder wie heißt das, wenn man beim Laufen das Tempo variiert? Weil, gelaufen sind wir heute auch schon, am Vormittag, durch den Auwald, allerdings immer gleich gemächlich, mit vom weichen Waldboden gedämpften Schritten. Immer ruhiger sind wir dabei geworden, ganz andächtig still war es zwischen uns und den Bäumen und dem gebündeltem Licht. Wenn man in so eine grüne Tanne schaut, und der Wind bewegt die Äste sachte auf und ab, dann ist das ein bisschen wie Meer, nur grüner und stacheliger.
(Man muss übrigens nicht immer Urlaub am Meer machen. Ich war vor kurzem drei Wochen in Florida und in diesen drei Wochen genau dreißig Minuten am Strand von Daytona, von diesen dreißig Minuten ganze drei Minuten bis zu den Waden im Atlantik, und das war’s dann mit Meer, obwohl man bei Florida den Strand gleich mitdenkt, und der Zug bleibt schon wieder stehen, verflixt.)
Hoffentlich setzt sich niemand in mein Abteil, ich habe die Schuhe ausgezogen und immer noch die Laufsocken an, und zugegeben, in meinem Kopf ist es eher konfus heute, aber nachdem mir durchaus lobend mitgeteilt wurde, dass manche meiner Texte gut für Depressionen sind (gut in dem Sinn, dass es dann den Depressionen gut geht), werde ich einen Teufel tun und was Trauriges schreiben, statt dessen habe ich Sie mitgenommen in den Zug und in den Auwald, sogar in Daytona waren wir kurz und haben die Füße in den Atlantik gesteckt, und bald sind wir zu Hause in Wien, wo ich stellvertretend für uns alle ein Stück Schokolade essen werde, jawohl.
Dann werde ich Ihnen gute Nacht wünschen und die Tür zumachen, obwohl mir jetzt tausend Geschichten über meinen Sohn einfallen würden, Erinnerungen an die erste gemeinsame Zugfahrt in eben jener Linzer Lokalbahn, die schon meinen schwangeren Bauch durch die Gegend geschaukelt hat, und so weiter und so fort, aber ich erzähle heute nichts über meinen Sohn, weil, und das ist der Grund: Weil der so großartig erwachsen wird in letzter Zeit. Ganz ohne mein Zutun, immer dann, wenn man nicht hinschaut. Deswegen.
Nichts wird gut
20/05/2007
Wien ist in der Nacht so gelb
Wollten Sie schon einmal ein Boot sein? Nicht im Boot sein, sondern das Ding selbst, wie es da auf einem runden, nordischen See schaukelt, von Wald umgeben, drüber ein Himmel und das Wasser ist graublau, gekräuselt und sicher ziemlich kalt. Jetzt ließe sich gemeinsam weiter spekulieren, welches Boot man vor dem geistigen Auge hat bei Betrachtung dieser Szene, und daraus würde man ein luftiges Textlein basteln, das Sie nicht kratzt und mich nicht kratzt und generell niemanden stört.
Dann würden Sie „bitte zahlen“ rufen, dem Ober ein Trinkgeld und den Mist am Tisch zurücklassen, darunter ein Kugerl aus Schokoladenpapier, weil, so ein Stück Text ist im Grunde auch nicht mehr als das Stück Süßzeug, das man zur Melange bekommt und isst oder liegen lässt, je nachdem. Aber darauf wollte ich nicht hinaus, also zurück zum Boot.
Es ist einfach ein kleines, hölzernes Ruderboot auf einem Bild, das ich vor ein paar Tagen sah und mir dabei dachte: Das wär ich gern.
Gestern waren wir lang unterwegs, feierten, aßen Blinis und steckten die Köpfe zusammen, um uns zu verstehen in dem Lärm. Ich wollte früher gehen, weil noch nichts geschrieben für heute und eh schon müd‘ und so. Aber dann wurde es doch ziemlich spät. Wir rannten wie die Hasen, um die letzte Straßenbahn zu erwischen, saßen im 5er-Wagen, rangen nach Luft und unterhielten uns noch ein wenig, bis der Freund ausstieg und ich, leer geredet, durchs Fenster starrte. Auf die Stadt. Auf die Leute, die noch unterwegs waren. Wien ist in der Nacht so gelb.
Kurz vor der Endstation war dann dieses Plakat, halb zerfetzt und so überklebt, dass nur ein Satz zu lesen war: Nichts wird gut. Und schon war wieder dieses Bild da, vom Boot und dem See, weil: Nichts wird gut? Das widerspricht dem, was ein anderer Freund immer sagt, wenn ich ihn darum bitte, nämlich: Alles wird gut. Und wenn er es sagt, dann glaubt man, dass es stimmt. Und ist getröstet, ein wenig. Obwohl man weiß, dass das gar nicht geht, nie wird alles ganz gut sein. Jetzt muss ich doch noch ein wenig zurück in der Zeit und Sie müssen mit, sofern Sie weiterlesen.
Falls ja, sitzen Sie mit mir in der gelben Wartezone der Abteilung 6F im Wiener AKH und warten. Sie sind seit dem frühen Vormittag im AKH und haben bereits über eine Stunde in der blauen Wartezone der Abteilung 7I verbracht. Keine Sorge, es ist nichts Akutes, nur ein Kontrolltermin anlässlich der alten Baustellen im Körper, zehn Minuten Gespräch mit dem Arzt, der die Blutwerte studiert und dann beschließt: Eh alles im grünen Bereich. Aber dieses und jenes sollten wir uns doch noch näher anschauen, und deswegen sitzen wir jetzt in der gelben Wartezone auf einem grauen Plastiksitz und warten.
Und in uns sitzt auch etwas und nagt an den Eingeweiden, aber daran denken wir lieber nicht, also betrachten wir die Wände, wo Tierbilder kleben und ich frage Sie: Warum kleben in den Wartezonen (in Arztpraxen, Krankenhäusern, wo auch immer) billige Bilder an der Wand, die aus Kinderzeitschriften stammen, ein Eisbär, Pinguine, ein winziges Affengesicht zwischen den Blättern eines riesigen Farns, Pferde und Seerosen und Kolibris, mit Tixo auf Wände geklebt, die immer beige sind und der Boden ist immer rotes Linoleum. Wer klebt diese Bilder an die Wand, und was sollen sie da, außer das hässliche Beige noch hässlicher machen? Trösten?
Wie denn? Mit solchen Bildern verzierte ich als kleines Mädchen stolz mein Zimmer, meinen Kasten, und hier, in der gelben Wartezone der Abteilung 6F, ist die Erinnerung an meine Kindheit das letzte, was ich will, und das nicht, weil sie nicht gut gewesen wäre, sondern weil mit der Erinnerung noch etwas anderes hochkommt, Hilflosigkeit vielleicht, und Einsamkeit und Trauer, die Hilflosigkeit eines kleinen Mädchens eben, die kann ich hier absolut nicht brauchen. Ich bin wütend und traurig. Weil es ist, wie es ist, weil mir das alles so vertraut ist (die Eisbären und Pinguine, die Farben, die kalten Plastiksitze neben lauten Colaautomaten), so vertraut, dass ich heulen möchte und die Bilder von der Wand fetzen, was ich nicht mache. Natürlich nicht.
Am Abend dann lässt alles wieder nach, die Wut und das Traurigsein und ich seh dieses Bild von dem Ruderboot auf dem leeren See und möchte das gern sein, dieses Boot. Weil, nichts wird je ganz gut, aber das ist schon ok so, sofern wir nicht immer darauf gestoßen werden, wie schwach wir eigentlich sind. Und wie viel Angst wir haben.
Maden, Motten, Palmen
15/05/2007
Mein Urlaub in Ocala Palms
Es gibt elegantere Wege, eine Kolumne anzufangen, als mit Wattestäbchen in Schranklöchern herumzustochern. Hinter mir liegen dreieinhalb Wochen Florida, aber ich kämpfe gegen Lebensmittelmotten und mir graust vor den Viechern.
Außerdem war Tag der Arbeit, und mein Sohn, der Lehrling, hat gelernt, wie man sich mit einer Brotschneidemaschine den Finger ansägt. Um halb sieben in der Früh. Telefongeläut, Taxi, Unfallkrankenhaus. Eh nicht so schlimm, aber Florida hat sich ganz schön verflüchtigt in den letzten Stunden. Dort war es so still.
Ich lausche ein bisschen. Der Computer rauscht. In mir ist nicht viel los im Moment, der Rest meiner Aufmerksamkeit starrt immer noch auf die nackten Mottenmaden, die schon im fest verschlossenen Mistsackerl wohnen, und wer weiß, vielleicht bewegen sie sich ja noch. Wäh.
Schreib doch über Florida. Wie denn, wenn es verblasst. Wissen Sie, dort war es wirklich still. Ich war ja nur ganz kurz in Miami, um mich planlos zu verfahren. Aber sonst: Sogar Tampa war ruhig, weil nachtschlafend, als wir dort ankamen. Am nächsten Tag lieferten mich die Jungs (mein Sohn, ein Freund) in Ocala Palms ab und dort war das lauteste Geräusch die Uhr im Wohnzimmer von Charlie und Maurine. Und dann setzten sich die Jungs Richtung Daytona ab, weil ihr Urlaub viel kürzer war als meiner und weil man seine Mama, oder die Mama von irgendwem, nicht unbedingt mitnehmen muss an den Strand oder zu den Cheerleadern oder in irgendein Nachtleben.
Urlaub in Ocala Palms. Dort dürfen nur Menschen wohnen, die über 55 sind. Die können sich dann zwischen fünf verschiedenen Häusertypen und vier verschiedenen Farben für ihre Häuser (oder umgekehrt) entscheiden. Sie verpflichten sich, mindestens zwei Bäume zu pflanzen und es in ihrem Vorgarten nicht zu übertreiben. Man sieht ganz wenig Plastikflamingos und ganz viele Steinskulpturen. Delfine und so. Kleine steinerne Puppenkinder, die Schubkarren schieben oder sich Küsschen geben. Es ist eigenartig, daran zu denken, wie sie sich immer noch Küsschen geben unter ihren Palmen, und zu wissen, wie sich dort die Nacht anfühlt und die Ruhe und die Luft, während man hier sitzt mit dicken rosa Socken und alles ist schon wieder so weit weg.
Maurine hat nur Rosen in ihrem Garten und eine Katze, die ein schwarzer Kater ist, Sooty heißt und es liebt, am Kinn gekrault zu werden, aber nicht von jedem. Außerdem hat Maurine einen australischen Akzent, sie ist ja von dort, und wenn sie mich als ihre Austrian daughter vorstellte, sagte natürlich jeder: Oh, Australia. Worauf ich: No, Austria, Vienna. Und dann: Oh und ah und wonderful!
Charlie und ich hatten uns 2005 angefreundet, als ich für das Gedenkjahr mit Veteranen zu tun hatte. Er mag Kriegsgeschichten. Gleich am ersten Abend in Ocala drückte er mir das Buch eines Kameraden in die Hand, von dem er mir oft geschrieben hatte. Maurine konterte mit dem Roman eines australischen Schriftstellers, derart ausgerüstet beschloss ich, gar nichts zu lesen und höflicherweise auch die mitgebrachten Bücher zu ignorieren. Stattdessen sahen wir gemeinsam CSI Miami oder M.A.S.H. oder die Andy Griffith Show. Ab und zu tranken wir Black Cow, dazu gibt man Vanilleeis in ein Glas und Cola, bis es eine luftige braune Schaumkrone hat.
Abends zog mich die Sehnsucht nach draußen, in besagte Nacht und auf die warmen, leeren, breiten Wege zwischen den adretten Häusern. Die Namensschilder unter den weißen Postkästchen knarrten ein wenig, auf einem Dach saß eine Eule und drehte den Kopf in meine Richtung und wir starrten uns an, eine Zeit lang. Das Sehnen dehnte sich von der Brust aus bis in meine Hände und hatte nichts zum Ziel, obwohl natürlich, es hatte ein Ziel, oder mehrere. Aber weil es jetzt wieder da ist, dieses Sehen, während ich mit meinen rosa Socken vor dem Computer sitze (Mitternacht ist längst vorbei, mein Sohn schläft nebenan mit dick eingebundenem Finger und die Maden wühlen sich durch den Mist), bin ich mir nicht mehr so sicher, wo das alles (das Sehnen, oder ich) hingehört und vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig.
Vielleicht warten wir ein bisserl, bis die Motten weg sind und Florida wieder da ist und ich erzähle Ihnen dann mehr von Charlie und Maurine und Ocala Palms, wo man nur zehn Meilen pro Stunde fahren darf, und ich sag Ihnen was: So ein Speed Limit hat schon sein Gutes.
Geister im Dachstuhl
15/04/2007
Und andere offene Rechnungen
Ein typisches Abendritual meiner Kindheit war die Suche nach Gespenstern. Derer konnten sich viele verstecken in den Nischen und Ecken unseres alten Hauses. Und Hilfe war fern, im Ernstfall. Von den Eltern durch einen Kontinent getrennt, durch ein Gebirgsmassiv und Ozeane – also durch zwei Stockwerke, das Abendgeschäft in unserem Wirtshaus und die strenge Regel, wonach ein Kind um eine bestimmte Zeit im Bett zu sein hat.
Während der Vater in der Küche den Schurz wendete, wenn er einen Gast begrüßen wollte und die Mutter mit den Leuten tratschte, Teller wegräumte und Brösel von der Deckserviette wischte, drehte ich zwei Stiegen weiter oben meine Runde. Die Tür zum Dachboden: Abgesperrt. Im Vorraum der Verschlag vor dem Kamin: Niemand drin. Im Badezimmer: Kein Monster in der Badewanne. Hinter der Couch im Wohnzimmer, unter den Betten im Schlafzimmer: Nichts. Das Kinderzimmer bestand aus einer großen Schrankwand, einem Stockbett und zwei Fenstern, einem zum Dachboden und einem ins Stiegenhaus. Die Schrankwand: Alle Türen zu. Das Fenster zum Dachboden (ein fremder, finsterer Erdteil) war am wichtigsten: Ganz fest zu, der Vorhang spaltfrei zugezogen.
(Während ich mich hier so schreibend erinnere, steht jemand hinter mir und sieht mir über die Schulter. Das einzige Licht im Zimmer kommt vom Bildschirm meines Notebooks. Ich drehe mich um und starre in das Dunkel. Dann ziehe ich die Beine ein. Im Sommer werde ich 40.)
Nach der Runde durch die Wohnung wickelte ich mich nach einer bestimmten Technik in die Bettdecke. Spürte ich einen Luftzug, zum Beispiel an den Beinen, bedeutete das: Lücke. Und das war schlecht. Frische Luft war nur in unmittelbarer Nähe zu Mund und Nase erlaubt.
Das Stockwerk frei von aktuellen Geistern, der Bettzeugpanzer hermetisch dicht: Ich hätte schlafen können. Stattdessen dachte ich nach: Über die Geschichte von den Werwölfen, die mir meine große Kusine erzählt hatte. Über die Filmbilder im Schaukasten unseres Provinzkinos. Die Körperfresser kommen. Zombies greifen an. Über die Spuk- und Gruselgeschichten, die Sagen und Märchen, die wilde Jagd, die Irrlichter in dunklen Mooren. Über Dämonen, die sich auf die Brust von Schlafenden hocken und ihren Atem trinken.
Überzeugt davon, die Nacht nicht zu überleben, schlief ich ein. Einmal war ein wilder Tiger im Zimmer. In Wahrheit startete ein Moped hinter dem Haus. Mein Herz schlug bis zum Hals. Meine Eltern ahnten nicht, wie viel Angst ich als Kind hatte. Meine Schwester, die im Stockbett unter mir schlief, war auch keine große Hilfe. Wenn wir uns verbündeten, dann gegen die Eltern, aber nicht gegen Geister. Außerdem war sie zu pragmatisch, um sich wirklich zu fürchten.
Meine Albträume endeten damit, dass ich mich schreiend durch eine Schlucht aus wirrem Traumgestrüpp ins Wache rettete und alles Schleichende, Schleimende, mich Anstarrende atemlos zurückließ. Die Albträume meiner ordnungsliebenden Schwester endeten mit der Entsorgung der Leichen. Indem sie diese zum Beispiel mit der Bügelmaschine plättete und zusammengelegt im Schrank verstaute. Ich habe sie zu dieser Zeit wirklich sehr schwer verstanden.
Mit dem Älterwerden milderte sich das Grauen, und als Mutter hat man keine Angst vor Gespenstern – zumindest keine, die man zeigt. Außerdem: Meine Wiener Wohnung ist nichtssagend. Sie ist nett, hell, freundlich, lauscht in der Nacht dem Straßenlärm und den (meist) friedlichen Geräuschen der Nachbarn und erzählt mir vor allem keine Horrorgeschichten.
Allerdings. Die Sommer sind so schön auf dem Land. Und die Wohnung im alten Haus wäre ein guter Platz für Wochenenden abseits von Wien. Mir scheint, wir haben noch eine Rechnung offen, die Gespenster meiner Kindheit und ich. Ich dachte, sie los zu sein. Dabei hängen sie wie Fledermäuse kopfüber im Dachstuhl, immer noch.
Es aschermittwocht, dass es knallt
28/02/2007
Buße unterm Herrgottswinkel
In der Stube unterm Herrgottswinkel. Mir gegenüber der KV, also der Kindesvater. Wir warten auf den MJ, den Minderjährigen, eigentlich das Mindestjährige, so klein ist er noch. Zu reden gibt es nicht viel, wir kennen uns schon seit Monaten, ich weiß, wie es ihm geht, dem KV. Im Moment nicht so gut. Er ist nervös und besorgt und aufgeregt, er hat auch schon geweint vor mir, aber nicht heute. Der Mann büßt für etwas, für das er nichts kann und das er nicht versteht, ich übrigens auch nicht so recht.
Die Tür öffnet sich endlich, der KV steht auf, die Mutter der KM, der Kindesmutter, schiebt den Kleinen in den Raum. Sie sagt: Geh zu dem da. Und deutet mit dem Kopf in die Richtung, ohne hinzusehen. Dann geht sie wieder. Während sich Vater und Sohn begrüßen und miteinander spielen, liebevoll und ernsthaft, bemühe ich mich, nicht da zu sein. Ich hab da nix verloren. Aber die KM sieht das anders, auch ihre Eltern sehen das anders, weil schon so viel passiert ist, man kann ihm nicht trauen, dem KV, deswegen darf er sein Kind nur sehen, wenn „das Amt“ dabei ist. Die „Fürsorge“.
Beim letzten Besuch zum Beispiel, da hat der Kleine von seinem Vater einen Spielzeugbagger bekommen, und, weil ein Bagger etwas zum Baggern braucht, ein paar Münzen aus seiner Börse genommen. Und dann haben sie Schillinge und Groschen umgeladen. Solange ist das schon her, und ich erinnere mich immer noch an die völlig aufgeregte Mutter: Er verzieht mein Kind. Wir bringen ihm Ordnung bei und Sparsamkeit, und er lässt ihn mit Geld spielen, absichtlich. (Ihr Vater hatte seinem Enkel kurz zuvor noch einen Hammer an der rechten Hand festgebunden, weil das Kind lieber mit der linken – also der „schlechten“ – Hand werkt.)
Und außerdem, jedes Mal, wenn er mit dem Kleinen draußen spielt, sei er völlig verdreckt, sie müsse ihn sofort baden und umziehen, und das Kind sei verstört, weine dauernd und dann kommt wieder der Ausschlag. Am besten wäre, meint die Mutter, der Vater würde ganz auf sein Besuchsrecht verzichten. Daran denke ich, während die zwei auf dem Boden sitzen, in diesem hypersauberen, lieblosen Witz von einer Bauernstube, und überlege mir, was man da tun kann. Nicht viel, eigentlich. Unterstützen, wo geht. Beim Durchhalten, Nachgeben und Zugeben. Der Vierjährige würde wohl sagen, dass das Ganze zum aus der Haut fahren ist, und weil er das so noch nicht sagen kann, macht er es einfach. Im Akt steht: Verdacht auf Neurodermitis.
Im Akt steht auch, wie verzweifelt der KV ist, dass er schon damit abgeschlossen hat, seinen Sohn zu sehen. Und dass das alles erst angefangen hat, als die Eltern ihrer Tochter den Bauernhof überschrieben haben, sie zurückbeorderten aus der „Stadt“, wo sie sich schon hochgearbeitet hatte zur Schichtleiterin in der Fabrik und ein Leben führte, das ihr Spaß machte. Aber was soll man tun, erzählte sie mir einmal ganz traurig, wenn die Pflicht ruft. Man kann die Eltern doch nicht im Stich lassen. Also ist sie zurück auf den Hof, der zwar idyllisch liegt, aber am Arsch der Welt. Und um richtig zu büßen, ließ sie den Mann zurück, den ungeliebten Freund der Tochter, „den aus der Stadt“. Das steht nicht im Akt, das denke ich mir jedes Mal, wenn ich hinfahre, zu einem Hausbesuch in der Einöde. Die KM kann auch nicht aus ihrer Haut, sie ist verzweifelt, kann sich nicht wehren, und das macht sie hart.
Das ist kein „Fall“, sondern ein ganzes Netzwerk von Fällen, in denen es um Kränkung geht, oder um Verzicht und Schuld, oder um Traditionen, denen sich die Eltern untergeordnet haben, und daher haben es die Kinder auch zu tun, basta. Sowie man sich am Aschermittwoch das Kreuz auf die Stirn malen lässt und gesenkten Hauptes bereut, ob es nun was zu bereuen gibt oder nicht. Und diese Fälle steuern aufeinander zu, explodieren dort, wo sie aufeinander treffen, und das Ergebnis landet auf deinem Schreibtisch und du selber als Kontrollorgan unterm Herrgottswinkel in einem unterkühlten Haus.
Das habe ich gelernt in meiner Zeit als Sozialarbeiterin: Man hat es immer und ständig mit Buße zu tun. Ob selbst auferlegt oder fremdbestimmt: Es aschermittwocht, dass es knallt.





