Hartes Liegen für Fortgeschrittene
15/02/2007
Gäbe es diesen VHS-Kurs, ich hätte ihn besucht
Sind Ihre Kinder, sofern vorhanden, noch in dem Alter, in dem sie im Schlaf rotieren wie die Kreisel, und das, wohlgemerkt, erstens im Tiefschlaf und zweitens nicht im eigenen Bett? Sondern in Ihrem. Dabei ist es ganz egal, wie breit es ist, das Bett: Bei der 90-Zentimeter-Schmalspurversion schrammt sich irgendwann nach Mitternacht ein spitzer Kinderellbogen in die elterliche Seite, in der Luxusausführung liegt halt das ganze Kind quer.
Meins nicht mehr, weil meins (ätsch) ist fast erwachsen und beschränkt den Kontakt zum Mutterschiff auf das versorgungstechnische Minimum. Ich muss mir mein Nachtlager nur mehr ab und an mit diversen Liebhabern teilen, wobei es sich eh bloß um einen handelt, den Kurden. Dem ist im Winter allerdings immer sehr kalt. Daher sieht er mich mehr als Thermophor denn als Lustobjekt, und glauben Sie mir: Wenn sich so ein frierender Kurde an einen kuschelt, muss das nicht unbedingt ein erotisches Highlight nach sich ziehen.
Der Kurde friert außerdem nicht nur ständig, er hat es auch mit dem Kreuz und zieht daher einer schönen weichen Matratze ein Eichenholzbrett mit Matratzenschoner vor. Und da meine alte, ausziehbare Couch einem solchen Brett durchaus entspricht, übersiedelte mein riesiges, wunderbares Bett vor Jahr und Tag ins Zimmer meines Sohnes und der Kurde und ich zogen auf die Couch.
Hartes Liegen für Fortgeschrittene. Gäbe es diesen VHS-Kurs, ich hätte ihn besucht. Mein Problem ist nämlich nicht das Einschlafen, sondern das gleichzeitige Aufwachen aller Gliedmaßen. Mal ist das Bein nicht bei der Gruppe, dann der Arm. Unangenehm. Außerdem hat die Couch einen Spalt in der Mitte und in dem Spalt meistens auch mich, weil sich der Kurde auf der Suche nach Wärmequellen nicht an territoriale Abkommen hält, geschweige denn an Etikette.
Dabei bin ich, was Betten anbelangt, nicht sehr verwöhnt. Obwohl: Das Highlight waren die dreiteiligen Federkernmatratzen meiner Großeltern. Als mein Opa gestorben war und meine Schwester in einem Internat verschwand, übersiedelte ich kurzerhand zur Oma (vom zweiten in den ersten Stock) ins uralte Ehebett. Eigentlich in die Matratzenkuhle im Ehebett. Das war eine Grube, ein Graben, ein Nest, der ideale Zufluchtsort für ein von Werwölfen verfolgtes Wesen wie mich, daneben das regelmäßige Schnarchen der Oma. Ich glaube fast, das war der Höhepunkt nächtlicher Geborgenheit in meinem Leben.
Obwohl, einen kleinen Schreihals auf dem Bauch liegen zu haben und mit ihm gemeinsam (vor Erschöpfung) einzuschlafen, das hat auch was. Ist allerdings schon gut 17 Jahre her, genauso wie die Oma schon lange tot ist, und dazwischen liegen noch andere Tode, vornehmlich von Beziehungen, eine davon verschied übrigens direkt nach der Fertigstellung eines Bettes Marke Eigenbau. Aber, wie immer, die Sehnsucht bleibt. Nicht nach einem selbst geschnitzten Bett, sondern nach einem Rückzugsgebiet à la Matratzenkuhle, besonders, wenn man aus dem Fenster schaut. Oder Nachrichten schaut, oder Fernsehen, oder in leere Gesichter in der U-Bahn. Das reicht völlig.
Dann schaut man auf das versiffte Schlafcouchbrett, das zwar eine Ritze hat, aber keine Kuhle. Und will ein Bett. Ein richtiges. Eines, das einen verschwinden lässt von Zeit zu Zeit, das sich in ein wabberndes Meer verwandelt, wenn man sich umdreht, eines, bei dem man einen kleinen Abhang hinunterkullert, wenn sich jemand neben einen legt, der schwerer ist als man selbst. Aber auch eines, in dem man den Horizont noch sieht aus der Bauchperspektive, besonders in einsamen Nächten. Man kommt sich so schnell verloren vor. So verloren, dass man sich fast wieder einen kleinen lebenden Kreisel wünscht, der gelegentlich vorbeischaut und einem die Beinchen in die Rippen stemmt.
Aber nur fast. Diese Anfälle gehen, gottlob, schnell vorbei. Weil, soviel steht fest: Ich brauch keinen neuen Sohn, sondern ein neues Bett. Und eine Kuhle. Aber die mach ich mir selbst.
Das Schlimmste sind die Krisen
31/01/2007
Mit Rebellion kann man besser umgehen
Wir reden doch immer wieder über Kinder. Hier und generell, das ist schon ein Thema in allen Gazetten und Lebenslagen. Wir reden, schreiben und denken nach übers Kinderkriegen, übers Kinderhaben, übers Kindergroßziehen. Ob man überhaupt welche haben möchte. Oder doch lieber nicht. Ich wollte doch lieber nicht. Nie. Dabei spielte eine eventuelle Antipathie keine Rolle, weil: Kinder sind, wie die großen, nett oder nicht ganz so nett. Mir waren sie immer ein wenig fremd. Bis ich schwanger wurde und Johnny bekam.
Johnny war nicht geplant. Dann steht man da. Unreif, verwirrt, Baby im Arm. Mein Motorrad hatte ich verkauft, die Traurigkeit, die mich in jungen Jahren treu begleitete, ließ sich nicht ganz so leicht beiseite schieben. Aber wir taten unser Bestes, und das war gut so. Anfang zwanzig noch nicht so fix in Sachen Verhütung gewesen zu sein, war, nachbetrachtet, ein Segen für mich. Jetzt, Ende dreißig, würde ich überlegen: Soll ich doch noch?
Nein, ich soll nicht mehr, weil ich hab‘ schon. Und mehr Liebe geht ohnehin nicht, also. Allerdings, ob es auch ein Segen für Johnny war, da bin ich nicht so sicher. Eine so unverspielte Mutter zu haben, eine so unfertige vor allem, das stelle ich mir schwer vor. Auf der Suche nach sich selbst vergisst man oft, dass andere warten, und manchmal, das sehe ich jetzt, habe ich zu intensiv gesucht.
Egal, ich möchte Ihnen nichts vorjammern, ich wollte Sie nur fragen, ob Sie das auch so sehen (falls Sie Kinder haben): Die schwierigsten Situationen sind nicht die, in denen sie Blödsinn machen. So wie: Nix lernen. Das Zimmer vermüllhalden. Bockig werden, rebellieren, ausprobieren, was es eben alles auszuprobieren gilt. Partys feiern, die ausufern. Diskussionen, die manchmal zu Gebrüll werden, mit blanker Wut und Türenknallen. Das ist doch alles zu ertragen und vorbei, sobald die Luft draußen ist.
Das Schlimmste, finde ich, sind die Krisen. Von denen wir Krisengeschulten sagen, da muss man halt durch. Und dass man stärker würde davon, und was es noch so Schmonzes gibt zu dem Thema. Aber wenn dann der Sohn vor einem steht, oder die Tochter, und sprachlos ist ob der Ungereimtheit der Welt, oder planlos, obwohl kein Ziel zu haben anscheinend als grobe Fahrlässigkeit in der Karriereplanung gilt, oder hilflos, weil der Zuckerguss bröckelt und dahinter was Grausames zu spüren ist (das menschlich ist, aber wer weiß das schon). Das ist schlimm.
Weil, wenn man so ein junges Kraftwerk zu Hause hat, dann möchte man es doch pulsieren sehen, und zwar am liebsten immer. Dass es da einen Status quo gibt, in dem gerade mal das Notaggregat läuft, davon redet niemand, wenn es ums Kinderkriegen geht. Oder davon, dass sie einem gegenüber sitzen können und Sachen erzählen, die sie erlebt haben und die sie nicht begreifen und man sich daran erinnert, dasselbe erlebt zu haben vor zwanzig Jahren. Und dann erinnert man sich eben auch an die eigene Hilflosigkeit, der man damals ausgeliefert war – und alles, was man möchte, ist: Ihnen den halbwegs dicken Panzer umhängen, den man sich selbst über die Jahre zugelegt hat.
Bloß, das geht eben nicht. Wenn, wäre man selber ja wieder nackig und schutzlos. Was bleibt, ist eben das Schwerste: Ihnen diese Krisen auch zuzutrauen. Und sie wissen zu lassen, wie man das selbst alles überstanden hat. Und sich selbst nicht allzu tief in der Erinnerung zu verlieren. Kann schon passieren, dass ich noch tief grüble, während Johnny schon wieder mit anderen Dingen beschäftigt ist, zum Beispiel damit, den Kühlschrank zu plündern.
Glauben Sie an Sätze wie „Kinder sind unsere Hoffnung“? Ich nicht. Aber daran schon: Wenn unserem Nachwuchs phasenweise die Hoffnung ausgeht, dann können wir selber ganz schön blöd dastehen. Das sollte auch mal gesagt werden.
Wer funktioniert, darf bleiben
24/01/2007
Der „goldene Boden“ ist ziemlich hart Mein Sohn ist Lehrling. Machen Sie sich nix draus, dann lernt er wenigstens was G’scheites. Handwerk hat ja, wie man so sagt, „goldenen Boden“. Fein, dann fällt er schön hart, wenn er fällt. Derzeit überlegen wir ja, den Kündigungsschutz für Lehrlinge ein bisserl zu lockern. Sorgen müssen wir uns nicht, weil der goldene Handwerksboden für den Kündigungsfall mit ein paar AMS-Kursen gepolstert wird, und alles wird gut. Super, gell?
Super, das finden wir auch, mein Sohn und ich. Mein kluger, hübscher, eigenwilliger Sohn, der gelernt hat, dass man sich nicht jeden Schwachsinn gefallen lassen muss, und der sich damit in seiner Lehrstelle nicht nur Freunde gemacht hat.
Übrigens: Ich kann nicht einfach sagen, Johnny macht eine Lehre. Nein, ich sage: Johnny macht eine Lehre, in einem ausgezeichneten Hotel, internationale Hotelkette, fünf Sterne, beste Chancen für die weitere Karriere im In- und Ausland. Und das reicht nicht, ich sage auch: Johnny wollte auf die Grafische, nach der Aufnahmeprüfung auf Platz vier der Warteliste, grad nicht geschafft, so ein Pech. Dann die HTL, nicht so seines, also Lehre. Wie sein Großvater, der in der Schweiz Topgastronom hätte werden können, wenn er nicht den Familienbetrieb hätte übernehmen müssen, dafür hat er dann am Land Kalbszüngerl und Butterteigpastete eingeführt, immerhin.
Aber das so zu sagen, fühlt sich falsch an, denn im Grunde stimmt: Mein Sohn macht eine Lehre, mein Vater war Gastwirt und das ist ok. Nicht ok ist, dass der ohnehin gar nicht so fest sitzende Kündigungsschutz angetastet werden soll, genauso wie es nicht ok ist, dass das Wort Lehre einen unangebrachten Rechtfertigungsaufwand auslöst. Nach dem Motto: Die Lehre war die zweite Wahl nach der angestrebten Bildungsoffensive Richtung Akademiker.
Wahr ist, dass viele Jugendliche Probleme damit haben, eine Lehrstelle zu finden, weil sie nicht ordentlich lesen, rechnen und schreiben können, zusätzlich grad pubertär angemotzt sind und es wenig Lehrstellen gibt. Nicht die besten Voraussetzungen. Finden sie dann eine Lehrstelle, müssen sie „froh sein“ und die Klappe halten, weil es „so ein Glück war“, und wer weiß, ob man eine zweite Chance bekommt, wenn man nicht funktioniert. Das Damoklesschwert heißt „Jugendarbeitslosigkeit“ und ist ganz schön scharf geschliffen.
Und, die Wahrheit über allem ist, dass es verdammt noch eins nicht die Schuld der 14-Jährigen ist, wenn sie nach acht Jahren Schule nix gelernt haben: Das ist Schuld der Schule, und aus. Darüber steht natürlich die Bildungspolitik, der Stellenwert, der dem Bildungssystem zugemessen wird. Und dazu gehört auch Erwachsenenbildung, die Bildung jener Menschen, die erziehen sollen oder lehren. Dazu gehört der Umgang mit den Menschen überhaupt, und wenn jemand müd‘ von der Arbeit, vom Büro, von der Schicht heimkommt, und es nicht mehr schafft, mit dem Nachwuchs Vokabeln zu büffeln, oder Bruchrechnen, oder Latein, dann versteh ich das voll und ganz.
Das ist nämlich auch wahr: Wer keine Kohle hat, muss nehmen, was er kriegt. Also Regelschule. In der wird aber dann im Regelfall keine Rücksicht auf Kinder genommen, die beim Anblick einer Schneeflocke draußen vor dem Fenster vom Winter träumen, und zwar sofort. Statt dem Unterricht zu folgen. Und nach der Regelschule macht man oft nicht, was einem entspricht – sondern wieder nur das, was man kriegt.
Johnny geht es gut. Er hat den Lehrplatz, den er wollte, hat sich dort halbwegs arrangiert und plant über seine Lehrabschlussprüfung hinaus. Das, was er in der Grafischen lernen wollte, bringt er sich selber bei, und wer weiß, was noch alles kommt. Hoffentlich nicht die Lockerung des Kündigungsschutzes. Nicht, weil ich mir Sorgen um meinen Sohn mache. Aber ich kenne genug andere Jugendliche. Und ihre Eltern. Einfach ist das nicht.
Ich befürchte, dass die Lehre (und im Vorfeld die Grundausbildung an sich) nicht aufgewertet wird, sondern genau das Gegenteil passiert. Den Lehrlingen wird ohnehin nicht viel geschenkt. Ein bisschen Sicherheit sollte da zumindest drinnen sein. Das hat auch was mit Wertschätzung zu tun. Oder etwa nicht?
Exorzismus zwischendurch
15/12/2006
Wohin mit der Wut in der niedersten aller Welten
Diese unsere Welt, schreibt Singer in „Die Gefilde des Himmels“, sei laut Talmud die niedrigste aller Welten, in der alles Licht zu Stein werde, zu Knochen und Erde. Vielleicht damit wir es fassen mögen, dieses Licht und daraus machen, was wir daraus zu machen verstehen.
Und Tolstoi lässt in „Der Tod des Iwan Iljitsch“ einen Sterbenden darüber nachdenken, ob er, der von sich geglaubt hat, sein Leben lang beständig aufwärts zu gehen, nicht abwärts gegangen sei statt dessen. Sich seinen Aufstieg nur vorgelogen zu haben, so wie ihm alles auf einmal Lüge erscheint, die Fürsorge seiner Frau, die Zuwendung seiner Freunde, alles.
Mein fast erwachsener Sohn sitzt am Tisch, ich sage etwas, er motzt. Ich explodiere. Nicht: Ich weise ihn zurecht. Das ist grüngallige Wut, die sich hoch steigert in einen völlig hysterischen Ausdruck, dass ich so nicht mit mir sprechen lasse, und die Schnauze hätte ich voll und überhaupt und ohnehin. Bald schreien wir beide, er fassungslos ob der völlig inadäquaten Reaktion meinerseits, ich außer mir, außer jeder jemals gefassten Regel im Umgang mit meinem Kind, mit Menschen generell.
Am Ende finden wir uns im Badezimmer wieder. Er sitzt am Badewannenrand, ich stehe in der Tür, bin atemlos und schäme mich zutiefst. Diese ganze Wut, werde ich ihm und mir später erklären, die meinte nicht dich. Wen dann, fragt er und ich, ich weiß das auch nicht so genau.
Mir ist, als wäre eine Schar Dämonen aus meiner Brust in eine Schweineherde gefahren, oder in die Tauben auf dem Dach. Und der, der den Dämonen das Weichen befohlen hatte, sitzt hier und ist ebenso verstört wie ich. Mein Sohn, der Exorzist. Die Lungen tun mir weh, sie sind ganz leer, aber eigenartig gut fühlt sich das auch an. Leichter nämlich, was die Frage aufwirft, was Schweres drinnen war. Ich dachte ruhig zu sein. Den Grad zu kennen, bei dem Überhitzung droht.
Früher, als wir noch Mädchen waren, öffneten meine Schwester und ich bei einem Gewitter die Fenster unseres Zimmers ganz weit. Wir löschten die Lichter und hörten Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, bis es schwere Tropfen regnete und wunderbar nach Sommer roch. Da waren wir uns einig. Aber dann wieder stritten wir, waren uns spinnefeind, hassten einander, schrien uns an, knallten mit Türen und manchmal prügelten wir uns auch, zugegeben, die Prügeleien fing immer ich an, wenn ich mich mit Worten nicht mehr wehren konnte.
Und danach? Versöhnten wir uns. Nachdem wir uns entladen hatten, waren wir wieder rein und unschuldig, sammelten aufs Neue links und rechts kleine Kränkungen und Ungerechtigkeiten auf, verstauten sie in unseren Kinderseelen, bis der Platz übervoll war und wir uns gegenseitig die Dämonen austreiben mussten.
Ich weiß nicht, wie meine Schwester das heute macht. Wir streiten nicht mehr, wir hören einander zu. Ob das reicht? Manchmal telefonieren wir lange, nehmen auf, was die andere quält und freut. Das ist gut so. Aber was macht sie mit ihren Dämonen?
Was macht die ganze verdammt aufgeklärte Elternschaft da draußen mit ihren Dämonen? Mit dem Frust, erwachsen zu sein, sich nicht mehr prügeln zu dürfen, nicht mehr laut streiten, jetzt und auf der Stelle, Ungerechtigkeit eine solche zu nennen, in dem Augenblick, in dem man sie sieht – egal, ob sie einen selbst trifft oder einen anderen? Mit der Unfähigkeit, jemanden aus ganzem Herzen zu hassen, so wie man die Lehrerin gehasst hat, die einem mit dem Fingerknöchel auf die Stirn pochte und im Takt dazu verhöhnte. Was machen wir mit unserer anerzogenen Gelehrigkeit und Höflichkeit und, vor allem, mit dem Bedürfnis, jedes unpassende Verhalten analysieren zu müssen und – man stelle sich vor! – zu verstehen?
Wie geht man um mit der kleinen alltäglichen Trägheit und den Wiederholungen, dem immer Gleichen, der hinter vordergründiger Gelassenheit versteckten Wehleidigkeit? Wo verbirgt sie sich, diese Wut, und was nährt sie?
Vielleicht ist es die Lüge, die Tolstoi erwähnt, die einem ebenso begegnet, wie sie in einem wohnt. Vielleicht ist das aber auch alles Schwachsinn und man sollte weniger Tolstoi lesen und seinen Sohn einfach aus der Schusslinie halten.
Und was genau das mit dem Licht zu tun hat, das zu Stein und Knochen wird, darüber muss ich wohl noch etwas länger nachdenken.
Heiß duschen in der Nacht
30/11/2006
Wärme ist Luxus. Stille vielleicht auch.
Ich möchte, ich möchte, ich möchte. Ruhig sein. Mir scheint, das ist schwer. Die Leute reden übers Wetter und darüber, dass es zu warm ist. Für die Jahreszeit. Schnee und Kälte wollen sie, immerhin käme die stillste Zeit. Ja wenn! Mein Sohn, der so 17-jährig ist, wie man nur sein kann (und das mit großem Talent, darauf bin ich stolz), will auch Schnee. Aber nicht wegen der Zeit. Sondern wegen des Wintersports.
Tief drinnen wabbert ein Ding, das ist aus Nichts gewoben. So Sachen denk‘ ich, während mich das schäbigste Taxi Wiens nach Hause bringt. Spätnachts, auf Firmenkosten. Es zieht und der Tacho ist kaputt, der Taxler fährt nach Gefühl. Das sagt ihm: Die Frau muss nach Hause, so müd‘ ist die.
Wir rasen durch die Mariahilfer-Straße. Was sind das für Leute, fragt er, immer seh‘ ich sie da stehen. Punks, sag ich. (Taxler:) Wo schlafen die? (Ich:) Weiß nicht, vielleicht in der Gruft. (Er:) Ob die da ihre Hunde mitnehmen dürfen, ins Asyl? (Ich:) Keine Ahnung. Schlafen wahrscheinlich eh woanders.
Im Fenster spiegelt sich Festbeleuchtung. Glitzerkaskaden, Gold, Sterne, Weihnachtszeug. Wir hatten zu Hause ewig lang kein Warmwasser. Einen Boiler hatten wir, und immer, wenn mein Vater den Wirtshausofen anfeuerte, wurde das Wasser warm. An Sperr- und Urlaubstagen blieb es meistens kalt. Wir hatten auch keine Zentralheizung, sondern Öfen. Mal mit Öl beschickt, mal mit Holz und Kohlen. Im Kinderzimmer gab es keinen Ofen, dafür Heizdecken im Bett. Das fast 400-jährige Haus mag dicke Wände haben, aber kalt blieb es allemal.
Wärme ist Luxus. Erst als mein Sohn geboren wurde, rissen wir die alten Böden und Wände auf, verlegten ein Adergeflecht aus Rohren in das Haus, und seither ist es wärmer. Wir können heiß duschen, mitten in der Nacht. Dann zogen wir nach Wien. Da ist es heller im Dezember, lauter güldene Häuser, die um die Wette leuchten.
Aber stiller ist es woanders, denke ich in meinem schäbigen Taxi. Stiller ist es dort, wo es kalt ist. Und aus dem Ding aus Nichts wird ein Sehnen nach der Oma, die schon lange tot ist. Sie war so ruhig, wie ich es sein möchte. In den Raunächten, wenn die Wilde Jagd übers Land zieht, sind wir zwei durchs Haus gewandert, sie mit einem alten Bügeleisen vorneweg (so eines, in das man Glut füllen musste), Weihrauch verbrennend, ich hintennach, in Rauchschwaden gehüllt, Weihwasser versprengend, den runden Omahintern vor mir auf der Treppe.
Meine dicke, ruhige Oma. Sie ist gestorben, da war ich 14. Seither geh‘ ich allein durchs leere Haus, am 24. Dezember, weil das eine Raunacht ist. Und oben, unter dem riesigen Dachstuhl, steh‘ ich eine Zeit und denke nichts. Und unten, in dem alten Erdkeller mit seinem Gewölbe und dem Kellergeruch, steh‘ ich eine Zeit und denk‘ an das Haus, das eine Geschichte hat und darin ist man nur ein kleiner Teil.
Nach einer Zeit ist alles gut. Dann geh ich zu meiner Familie, Weihnachten feiern.
Der Taxler fährt fast an der Straße vorbei, in der ich wohne. In Gedanken ist er noch bei den Punks. Ich hingegen bin wieder aufgetaucht und krame nach der Brieftasche. War heuer früh dran, dieses Sehnen. Na immerhin, jetzt ist es raus.
Im Hintergrund zwei Johnnys
15/11/2006
Und beide singen mit Inbrunst
Im Hintergrund zwei Johnnys. Sie singen mit Inbrunst „Hurt“. Eine Wand und zwei verschlossene Türen sind dabei kein Hindernis: Ich kann so nicht arbeiten. Zumindest nicht an dem Text, an dem ich arbeiten wollte.
Der eine Johnny (Cash) singt dabei noch etwas besser als der andere Johnny (Sohn). Dieser gleicht die fehlende Routine mit Leidenschaft aus. Aber, wie gesagt, ich kann so nicht arbeiten. Zu laut. Zuviel Erinnerung. Der Gesang bricht ab und Johnny trollt sich in mein Zimmer. (Interessant, wie elegant er dabei dem Wäschekorb im Vorzimmer ausweicht.) Er braucht einen Block. Ob ich so was habe. Ich begrabe den geplanten Text endgültig.
Johnny hat nämlich eine Band gegründet und muss Songtexte schreiben. Johnny? (Legen Sie einen erstaunten Ton in das Wort, das machen alle bei dem Teil der Geschichte.) Ja, genau. Johnny. (Und dann müssen Sie fragen:) Welches Instrument spielt er denn? Er singt. Johnny? (Siehe oben.)
Warum denn nicht? Als er mir vor Wochen den Bandbauplan vorlegte, war ich ebenso bass erstaunt. Ich kenne die Stimme meines Sohnes an sich nur sprechend. Wenn bei uns einer singt, dann ist es der Kurde, der beim Duschen gern etwas von den Bee Gees zum Besten gibt. Johnny dröhnt gemeinsam mit seinem MP3-Player um die Wette, ja, das schon. Aber singen? Ernsthaft?
Mein Gehör ist empfindlich. Außerdem war ich einst Mitglied im Eferdinger Auswahlchor, der immerhin beim Bundesjugendsingen eine respektable Leistung zeigte und seine Erfolgsstory mit einem Auftritt im Musikantenstadl krönte. (Während wir zum Vollplayback unsere Münder bewegten, lief der Abspann. Wir hatten beim Einspielen die Strophen vertauscht. Daher der konzentrierte Blick.)
Überhaupt hat meine Familie einen Hang zum Musikalischen. Mein Vater ist der einzige, der das „Stille Nacht“ vor dem Christbaum zu Ende bringt. Die andern kringeln sich meist schon vor dem ersten „schlaf in himmlischer Ruh“ vor Lachen. Von meinem Großvater, einem aus dem Egerland eingewanderten Koch, heißt es, er habe jede Kapelle fehlerlos dirigiert. Besonders, wenn sie einen Egerländer spielten. Und, wirklich, wir haben auch einen gelernten Dirigenten in der Familie.
Johnnys musikalischer Karriere steht also nichts mehr im Wege. Und nachdem alle frühen Versuche, ihn zum Beispiel an ein Klavier zu gewöhnen, an seiner Willenskraft scheiterten, nehme ich die Gelegenheit freudig wahr, ihm bei der Schulung seiner Stimme finanziell unter die Arme zu greifen: Die ersten zehn Stunden gehen aufs Haus.
Eigentlich meinte er, bei der Musik, die sie machen, müsse man nicht singen können. Aber dann hab ich ihm von einem alten Freund erzählt und wie der bei den Mitternachtsmetten die Stadtpfarrkirche in Grund und Boden gesungen hatte. Oder wie wir damals, noch ziemlich jung und leider nicht zeitgleich ineinander verliebt, im herbstlichen Nieselregen die Donau entlang wanderten und er meine jugendliche Schwermut mit einem Blues begleitete.
Und genau diesen begnadeten Sänger habe ich jetzt ausgeforscht. Er lebt in Wien, gibt Unterricht und wird Johnny schon zeigen, wo das Stimmvolumen wohnt.
Mein Sohn sitzt wieder in seinem Zimmer und bastelt am Text. Der andere Johnny (Cash) hat zwischenzeitlich aufgegeben. Und ich?
Ich denke zurück an Memphis, Tennessee. Da war ich nämlich auch schon.
Auf nach Florida
30/10/2006
Zu Charlie und Maurine
Ich bräuchte mich nur in einen Flieger zu setzen, mailt Charlie. Und keine Sorge, am Flughafen in Tampa würden sie mich dann schon aufgabeln, Maurine und er, und mit dem Chevy nach Ocala bringen – so wie ich sie vor fast genau einem Jahr am Wiener Flughafen aufgegabelt, in ein Taxi gesetzt und in die City gebracht hatte. Ich könne bleiben, solange ich wolle.
Vergangenen Oktober war es grad nicht mehr ganz so warm. Charlie und Maurine thronten zwischen ihren Koffern, im Partnerlook mit dünnen blau-roten Collegejacken, und das erste, was ich mir bei diesem Anblick dachte: Die müssen sich wärmere Jacken kaufen. Als er mich sah, humpelte mir Charlie auf seinen Stock gestützt entgegen. Maurine wuselte um ihn herum, kümmerte sich um Begrüßung und Aufbruch und Taschen-nicht-vergessen gleichzeitig, sog uns in ihren Strudel aus leicht hektischer Aktivität, bis wir schließlich schnaufend im Taxi saßen.
Vor diesem Zeitpunkt waren wir einander noch nie begegnet, hatten uns nur gemailt.
Charlie, der schon an die 80 sein dürfte, sein tatsächliches Alter aber verschweigt, ist einer von den WW2-Veteranen, mit denen ich 2005 Kontakt hatte. Er war schon mit 16 zur Army gegangen, wo er vorgab, 18 zu sein.
Als der Krieg kam, war er immer noch blutjung, kam zur Garde und schließlich als Besatzungssoldat nach Österreich. Er sei so berühmt, erzählt er gern, dass man ihm zu Ehren eine Sondermünze prägen ließ. Wenn man sich die 20-Euro-Silbermünze mit den „Vier im Jeep“ genau ansehe, dann erkenne man ihn deutlich. Meint Charlie, und dann wackelt der ganze Mann vor Lachen, dass man am liebsten ein Gerüst um ihn hochziehen möchte, damit er nicht umfällt. So gern hat man ihn da schon.
Aber der Mann fällt nicht um. Wir haben ihn per Straßenbahn durch Wien geschleppt, sind aufs Cobenzl gefahren, haben gemeinsam mit ihm versucht, die Vergangenheit einzuholen, die schon zu weit weg war. Wir sind langsam durch die Innenstadt gegangen, haben geredet, Eis gegessen und Charlie mit seiner „red sauce“ aufgezogen, die er sich über fast jedes Essen kippte. Schweinsbraten mit Ketchup.
Es war offensichtlich, dass sich hinter all seinen „Jokes“ ein großer, sensibler Mann verbirgt, der, wie er sagt, keine Angst vor dem Tod hat, aber, wie man spürt, innig der Beweglichkeit nachtrauert, die ihm das Alter nach und nach nimmt. Es berührt mich, wie sehr er trauert, wie wenig er es zugibt.
Solange er stehen kann, will Charlie arbeiten. Was er auch macht, obwohl er es nicht mehr müsste. Als Hilfssheriff in einem großen Gefängnis scannt er an drei Tagen in der Woche die Besucher auf Waffen. Maurine arbeitet auch noch, tippt beschlagnahmte Gegenstände in ein Computerprogramm ein, wo sie als Diebesgut identifiziert werden können. Charlie sagt, sie sei Floridas Sherlock Holmes. Er dürfe sich nicht mit ihr anlegen, sie würde ihn „hochgehen lassen“ – dann tut er so, als würde er sich fürchten, und Maurine gibt ihm einen Klaps auf den Unterarm mit dem Anker-Tattoo.
Vor ein paar Wochen hatte Charlie einen „friendly stroke“. Die ersten Mails danach waren sehr kurz. Er finde sich auf der Tastatur nicht mehr so zurecht, mailt Charlie. Maurine schreibt, dass es ihm schlechter geht, als er zugeben würde. Eine Reha-Schwester kommt ins Haus. „Sie malträtiert mich“, tippt Charlie. Aber das würden alle Frauen mit ihm machen. Ja ja, denke ich mir. Die Mails werden wieder länger.
Wie es mir geht, möchte er wissen. Und Johnny, dem Kurden, meinen Eltern, meiner Freundin mit dem Winzig-Baby. Allen gut soweit, antworte ich. Nur mir fällt die Decke auf den Kopf. Mir wird grad alles ein wenig zu viel.
Und da kommt das Mail. In den Flieger setzen. Nach Florida fliegen. Zu Charlie und Maurine. Er würde auch alle Schlangen aus dem Garten vertreiben und mir am Pool ein Plätzchen reservieren. Ich könne bleiben, solange ich möchte.
Werde ich fliegen? Natürlich. Sobald es mir zu kalt wird, bin ich weg.
Gebt mir Gummistiefel!
15/10/2006
Gebt mir ein Feld! Und Hosen.
Gestern, früher Morgen. Ich sitze in der Küche, trinke Muckefuck und schaufle Zimtpolenta. Im Pyjama, ziemlich vermuffelt und mit Tonnen Schlaf in den Augen. Plötzlich steht ein gepflegter Herr vor mir. Schwarzer Anzug, grünes Hemd. Perfekte Krawatte, perfekt geknotet. Der Herr mustert mich streng und sagt: Mama, geh jetzt endlich duschen. Du kommst zu spät. Also, äh, eigentlich ist das doch meine Rolle, oder?
Ich bin doch diejenige, die sich morgens von Weckergeschwadern wach brüllen lässt, damit sie lauschen kann, ob sich in der Nachbarhöhle was regt, und, falls ihr nur Stille entgegen gähnt, an Türen pocht, erst sanft, dann lauter, dann genervt. Ich bin diejenige, die über die Zeit herrscht und Weisungen erteilt, von wegen: Geh jetzt endlich duschen! Jetzt! Steh auf! Es ist … egal, immer irgendwie knapp.
Seine Rolle ist die des Gegenpols: Bleibt liegen, überhört Wecker, kriecht zum Bad, wo er weiterschläft. Er ist derjenige mit der einen Standardantwort für 217 verschiedene Anfragen: Ja, eh gleich.
Da steht also mein Johnny, schickt mich duschen und was sage ich? Das Nahe liegende: Ja, eh gleich. Und während ich das „gleich“ ebenso in die Länge dehne wie er es üblicherweise macht, ist mein Sohn schon auf dem Weg zur Arbeit.
Die Tür knallt ins Schloss, und ich erinnere mich an einen Winzig-Johnny im kleinkarierten Babyanzug, so dick wattiert, dass er zu unserem Gaudium wie ein Schwarz-Weiß gemusterter Seestern liegen blieb, wo auch immer man ihn platzierte. Dann, später, in der großelterlichen Gasthausküche, sicher zwischen Fleischwolf und Kühlschrankwand in der Babywippe verstaut, mit leuchtendrotem Strickpulli, grünen Hosen und braunen Kulleraugen.
Oder bei der Hochzeit meiner Schwester: Im Partnerlook mit seinem gleich alten Cousin, Lederhosen, schickes Trachtenjäckchen und Hut. Ich weiß nicht mehr, wie alt er da war. Drei? Vier?
Als ich vier Jahre alt war, war ich Kapitän. Dickbäuchig, mit Schnurrbart, Kapitänsmütze und Strickjacke. Gerochen habe ich allerdings nicht etwa nach Pfeifentabak, Meer und Freiheit. Sondern nach Essen. Weil die Strickjacke in einem Schrank in der Gasthausküche wohnte. Und der Geruch kam auf dem Kindergartenfaschingsfest gar nicht gut an.
Meine ganze Kindheit roch nach Essen. Wir Kinder halfen im Gasthaus, und zwar in Röcken. Mit kleinen, weißen Schürzchen. Zur Firmung bekamen meine Schwester und ich selbst genähte, bodenlange Dirndlkleider. Und Faltenröcke für den Firmausflug. Inklusive Bluse und Trachtenbeutel. Großartig. Die Dirndl wurden dann für das Gasthaus auf praktische Knielänge gestutzt. Die Strümpfe rutschten mir ständig runter. Und wenn ich einen normalen Rock zum „Mittagsg’schäft“ anziehen wollte, hatte ich sicher keine einzige schwarze Feinstrumpfhose ohne Laufmasche mehr, dafür tausend mit.
Meine jugendliche Auflehnung gegen elterliche Autorität bestand darin, manchmal in Hosen zu servieren. In engen Hosen. (Aber nur an Werktagen.) Unbefangen Röcke zu tragen ist mir (und meiner Schwester) bis heute nicht möglich. Gebt mir Gummistiefel, gebt mir ein Feld! Ich ackere es um mit einem lahmen Ochsen und einem kaputten Pflug – solange es dabei normal ist, Hosen zu tragen.
Ich trinke meinen Muckefuck aus und frage mich, ob sich Johnny per Anzug und Krawatte auflehnt. Angesichts einer Mutter, die im Wechsel Jeans mit T-Shirt und T-Shirt mit Jeans kombiniert, wäre das ja kein Wunder. Aber nein. Im Bad stolpere ich über seine halbzerfetzten Alltagshosen.
Wahrscheinlich macht er das viel subtiler. Indem er langsam den Spieß umdreht. Und mich zum Beispiel duschen schickt. Bald wirft er mich aus dem Bett. Mitten in der Nacht.
Sie auch?
30/09/2006
Anfallsartige Schüchternheit
Im Kleinen, da lässt sich ja viel erklären, ziemlich viel sogar, aber im Großen? Verstehen Sie alles? Gehören Sie zu den Leuten, die zu allem und jedem eine Meinung haben, eine dieser großen Meinungen, die man gerne herzeigt und zur Diskussion stellt? Die sich schon in der Haltung ausdrückt, mit der man ein Zimmer betritt, oder ein T-Shirt trägt, oder die Tasche, oder sonst was?
Sind Sie von jenem Schlag Mensch, der auf alles eine Antwort weiß und wenn nicht, sich das nie anmerken ließe? Haben Sie Kinder? Sitzen Sie in der Straßenbahn, in der U-Bahn und wünschen sich manchmal in eine schneebedeckte, antarktische Einsamkeit, weil alles zuviel ist, zu nah, zu unmittelbar, zu fordernd und vor allem: zu verwirrend?
Hält es Sie an einem anderen Platz als dem des von außen nach innen Schauenden, sei es vom Rand einer Gruppe in die Mitte oder neben sich stehend sich selbst beobachtend?
Wechseln Sie die Straßenseite, wenn Sie sonst an einer Gruppe fremder Menschen vorbeigehen müssten, die, sagen wir mal, in einem Schanigarten sitzen, in der Spätsommersonne, Sie aber einen plötzlichen Anfall von postpubertärer Schüchternheit haben? Kann es vorkommen, dass Sie auf der Schwelle eines Geschäftes umdrehen, weil drinnen sitzt ein ganz forsch blickender Mensch und will Sie bedienen, aber eigentlich will er es doch nicht, er will nur forsch sein und in seinem Laden sitzen und zeigen, wo die Grenze ist zwischen ihm und dem Rest der Welt, womit er Sie meint, mit dem Rest. Macht Ihnen das auch Angst?
Und: An Tagen, die nicht zum Reden gedacht sind, geht es Ihnen da auch so, dass sich das Gesagtwerdenwollende festkrallt – in den Lungenbläschen oder quer unterm Kehlkopf – und nur in schmerzvollen Splittern hochkommt, weil es keine Anlaufzeit gab, keine Vorwarnzeit beim Angesprochenwerden? Vergleichen Sie sich dann mit einem alten Diesel, der ohne Vorglühzeit kalt gestartet werden soll?
Versuchen Sie manchmal, eine Meinung zu artikulieren und hören sich dann beim Artikulieren so deutlich zu, dass Ihnen alles, was sie sagen, fremd vorkommt und es daher besser scheint, den Mund zu halten? Was Ihr Gegenüber sichtlich verstört, was wiederum Sie selbst noch mehr verstört und endgültig die Rede einfriert?
Denken Sie nicht auch oft, alles Irrsinn, was sich da von den Plakatwänden auf die Straßen schleimt (auf denen Sie permanent die Seite wechseln möchten, aber nicht tun, weil das wäre ja verrückt), oder aus den Postkästen, oder aus den Nachrichten? Wie ist das nun, haben Sie Kinder? Schon fertige, geplante, noch am Überlegen? Falls ja, verwirrt Sie das nicht noch mehr? Was, wenn Sie ihnen die Welt erklären sollen, oder Zuversicht geben, oder einfach nur manchmal eine flotte, eloquente Antwort auf eine kleine, harmlose, niedliche Frage?
Dabei ist man immer noch damit beschäftigt, Antworten auf die eigenen Fragen zu suchen, was heißt, die eigenen Fragen nach irgendeinem halbwegs vernünftigen System zu ordnen, um Überblick zu erhalten, was völlig ohne Aussicht ist. Ehrlich: Für mich war die Ahnung um diesen Lebenszustand Grund genug, mir kein Kind und, wichtiger, mich keinem Kind zuzumuten. Eigentlich.
Denn uneigentlich sitzt mein Sohn jetzt im Wohnzimmer auf der Couch, schaut mit einem hübschen Mädchen fern – das er nicht in sein Zimmer lassen kann, weil, genau, ganz schlimm. Und daher sitze ich in der Küche beim Tippen, und dass das alles so ist, ist auch eines dieser Rätsel, aber immerhin: Es scheint doch zu funktionieren.
Woran man denkt
15/09/2006
… wenn die Nacht lang genug ist
Ich stehe in der dunklen Wohnung am Fenster. Vier Stockwerke unter mir presst sich ein Mann an einen Wagen, es ist schon nach Mitternacht. Zuerst glaube ich, der Mann will das Auto stehlen, aber dann: Er pisst es seelenruhig an. Es sieht nur so aus, als würde er sich an das Auto pressen. Ein anderer Mann geht vorbei, der erste ist fertig, verstaut alles, wo es hingehört, schließt den Gürtel, packt eine Einkaufstasche, biegt um die Ecke und verschwindet.
Was er tut, erinnert mich an etwas, das wir getan hatten, vor mehr als 25 Jahren. Und dann waren wir uns fremd. Eigenartig.
Als ich ein junges Mädchen war, zwölf oder dreizehn Jahre alt, wanderte ich mit meiner damals besten Freundin und einer großen Gruppe von Erwachsenen und Kindern auf einen Berg, ich glaube, es war der Hochlecken. Beim Aufstieg trödelten wir hinterher, beim Abstieg wollten wir die ersten sein und marschierten flott allen voran. Der Abstand zwischen uns und den anderen wurde immer größer, bald waren wir außer Sichtweite, bald außer Rufweite: Wir warteten ein wenig, aber niemand kam, also hatten wir uns wohl verlaufen.
Ich erinnere mich noch genau, wie alles, was vorher schön war, unheimlich wurde. Wir lauschten in eine von kurzen, hallenden Vogelschreien durchbrochene Stille, in eine völlige Abwesenheit vertrauter Geräusche. Es roch grün und feucht und moosig und vor allem gab es keinen erkennbaren Weg, nur Wald. Niemals hätten wir uns unsere Angst eingestanden. Wir beschlossen, einfach weiterzugehen, immer bergab.
Nachdem wir eine Zeitlang gegangen waren, mussten wir pinkeln. Wir schämten uns voreinander und versteckten uns in dieser Abgeschiedenheit hinter Bäumen, was die Scham noch mehr verstärkte. Plötzlich war mir meine Freundin fremd und ich ihr und diese Fremdheit hat uns danach nie mehr ganz verlassen. Es war ein Eingeständnis. Ein Geheimnis. Ich weiß nicht. Es war eigenartig. Ich sah ihre Nacktheit durch die Bäume schimmern und spürte, wir verbargen etwas voreinander.
Dann gingen wir weiter. Nach einer Ewigkeit stießen wir auf einen Weg, folgten diesem und hörten endlich vor uns die Geräusche unserer Gruppe. Gespräche, Gelächter. Niemand hatte uns vermisst, wir sprachen auch nicht darüber.
Wir blieben befreundet, bis wir ein oder zwei Jahre später verschiedene Schulen besuchten, sie eine Lehre machte, ich mich durch die HAK quälte, sie sehr gläubig wurde, ich aus der Kirche austrat, sie eine Familie gründete, weil sie es wollte, ich ein Kind bekam, weil es so passierte, sie in ein mitten im Hügelland, mitten im Wald gelegenes Haus mit überdachtem Pool zog, ich mein Motorrad verkaufen musste, weil wir kein Geld hatten, dafür ein Würmchen, einen kleinen Tiger, einen Prinzen, der mir nie fremd war oder ist, und wenn ja, dann reicht es still zu sein, bis ich ihn wieder verstehe. Aber sie, meine Freundin, blieb mir fremd, egal, wie still ich war.
Sogar auf Bildern, die uns vor dieser Bergtour zusammen zeigen, glaubte ich später dieses Fremde bereits zu erkennen, denn wenn es nicht damals schon da gewesen wäre, wären wir Freundinnen geblieben, oder? Wahrscheinlich nicht.
Woran man denkt, wenn man in der Nacht am Fenster steht und einem Mann unabsichtlich beim Pinkeln zusieht.
Der Mond hängt am Himmel. Ich bin müde und schließe das Fenster vor den Erinnerungen, die an der Mauer hoch kriechen und gedacht werden wollen, aber, nein danke, für heute ist’s genug.





