Das U-Wort, die Schlacht
31/08/2006
Mach ja das Beste draus
Interessant. Laut Wikipedia ist der Urahn für den Begriff „Urlaub“ das alt- bzw. mittelhochdeutsche Wort für „Erlaubnis“. Die Ritter baten ihre Lehnsherren um „urloup“, wenn sie in eine Schlacht ziehen wollten. Ich vermeide, das U-Wort in Zusammenhang mit den vergangenen zwei Wochen in Verbindung zu bringen, weil wenn, dann war das eine Schlacht.
Linguistischer Boykott: Ich mag das U-Wort nicht. Es zwingt sich, nach Leichtigkeit zu klingen und nach Meer zu schmecken. Oder alpin. Dabei engt es qualitativ wertvolle Lebenszeit auf einen überschaubaren Zeitraum ein und wehe, du machst nicht das Beste draus. Kurz: Es stinkt vielleicht nicht, aber es müffelt.
Die letzten vierzehn Tage waren nicht schön. Obwohl. Wenn ich lustig wär, könnte ich was draus machen. Titel: Abenteuer-U-Wort. Dahinter ein leichtes Texterl, in das ich Bonmots über den plötzlichen Wettersturz hineinlächle. Gefolgt von flockigen Anmerkungen zur Freizeitgestaltung in der Kleinststadt bei Regenwetter. Und dann lachen wir gemeinsam herzlich über den missglückten DVD-Abend des in der Großstadt verbliebenen Nachwuchses. Missglückt im Sinne von: außer Kontrolle geraten. Wohnung überfüllt. Hausmeisterinnenalarm. Grad nicht Polizei, weil Nachwuchs an sich so nett. Auch das verstopfte Klo bietet Unterhaltung, vor allem, wenn erst nach 24 Stunden alles wieder wie vorgesehen fließt.
So betrachtet und beschrieben klingt das lustig. Und Wochen später kann man darüber lachen, mag sein. Aber jetzt. Sehne mich nach Stille wie schon lange nicht mehr. Nicht nur nach Stille, sondern danach, wie sich die anfühlt. Wie porzellanweißes, kühles Nichts.
Das normalste in letzter Zeit war wahrscheinlich wirklich das Spontanfest ein paar völlig übergeschnappter Jugendlicher in meiner Wohnung und der Regen, der begonnen hat, als wir im Leihwagen gen Westen zogen, der Kurde und ich, als das Handy vom Kurden läutete und ein Freund dran war und sich Beklemmung breitmachte, und dann war alles so eigenartig stimmig. Die Wolken zogen auf, der Sommer vorbei, der Kurde schwieg. Jemand war tot, einer, den wir beide mochten, ich erst kurz und der Kurde schon sehr lang. Hat sich aus dem Leben gebracht.
Vor lauter Grübeln, warum er das getan hat, drängten wir die Trauer zur Tür hinaus. Wir dachten nach, forschten nach Hinweisen, nach Signalen, die wir übersehen haben könnten, erlebten ihn noch einmal und – ich vor allem – immer nur als den, der so, wie er hieß, nicht war. Weil er nur strahlte. Die ganze Zeit.
Vorhin habe ich die letzten äußeren Spuren der Verwüstung beseitigt. (Der Wecker war am Regal angeklebt.) Die Wohnung sieht aus wie vorher, sie riecht auch wie vor dem Fest. Sauber. Aber dann pocht es in diese ruhige Ordnung an die Tür und die Trauer will wissen, ob ich soweit bin – und ich komm‘ mir falsch vor, als ob nur diejenigen trauern dürften, die ihm wirklich nahe waren, dabei ist alles so übermächtig und so kummervoll, so übervoll mit Kummer in diesem porzellanweißen, kühlen Nichts.
Und man sitzt da, die Hände im Schoß, starrt in die Leere und nimmt Abschied, so gut man kann.
Wie sag ich’s meinem Kinde?
15/08/2006
Am besten gar nicht
Es regnet, und der Kurde meint, ich solle nicht laufen gehen. Aber, sage ich, früher, da bin ich bei jedem Wetter gelaufen. Je wilder, je lieber. Schneetreiben in Kombination mit leichtem Nebel bei Dunkelheit. Sich in den Gegenwind werfen, nix mehr sehen, weil der Regen schräg von vorne auf die Brille klatscht. Kurz, bevor die Muskeln das Handtuch werfen, noch einen Zwischensprint hinlegen und fertig – so fertig! – aber glücklich …
Schon gut, meint der Kurde. Das war früher. Da warst du jung. Jetzt bist du alt. Du wirst dich nur verkühlen.
Ich will aber raus. Ich muss. Johnny kommt gleich heim. Der Kurde seufzt und beugt sich wieder über das Notebook. Verstehe. Diese Haltung kenne ich. Das ist die architektonische „Ich schau‘ mir nur schnell den Plan an“-Starre. Dauert zwischen zwei und sieben Stunden. Also keine Hilfe von seiner Seite.
Verzagt greife ich an mein Handgelenk. Dort trage ich ein schlichtes Lederarmband, das mich daran erinnert, die Klappe zu halten: Johnny und ich befinden uns mitten in einem Experiment. Er weiß allerdings nichts davon. Wenn es klappt, schreibe ich einen Erziehungsratgeber und werde reich.
Der Plan ist, Johnny mittels paradoxer Intervention zu manipulieren. Die Versuchsreihe begann am ersten und endet am einunddreißigsten August. Eines der Ziele: Johnny entrümpelt sein Zimmer, ohne von mir auch nur ein einziges Mal dazu aufgefordert zu werden. (Der Weg in sein Reich ist eine Einbahnstraße. Was einmal die Türschwelle passiert hat, hat Ausreiseverbot wie weiland die Bürger der DDR.)
Wahrscheinlich ist der Junge immun geworden gegen meine verbalen Interventionen. Egal was ich sage, er hat es schon so oft gehört, dass das Gesagte im Strom der üblichen Alltagsgeräusche verblasst. Seine Hörnerven müssen wieder für meine Stimmfrequenz sensibilisiert werden – und das geht am besten mit totaler Abstinenz. Abgesehen von ein paar netten Worten, ab und an.
Also kein Nörgeln, Herumzupfen, Einfordern und Jammern. Nebenbei: Johnny ist im Juli siebzehn geworden. Jetzt brauche ich Ihnen aber nicht erzählen, was man zu Menschen in seiner Entwicklungsstufe erziehungsmäßig alles sagen kann, oder? Erinnern Sie sich einfach.
Ich fühle mich wie in Dantes Inferno geschleudert: Soviel sehen und nichts sagen dürfen. Die Worte wollen ja trotzdem raus. Kennen Sie den Kaprun-Staudamm? Genau. Siebzehn Jahre lang liebe Gewohnheit: Musst du, willst du, machst du, brauchst du – das vergeht einem nicht von heute auf morgen. Das ist wie ein kalter Entzug.
Ui. Jetzt kommt er. Ich hör ihn schon. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich liebe meinen Sohn. Er ist großartig. Aber: Ich. Muss. Da. Raus. Und zwar bevor ich platze.
Ich schau aus dem Fenster. Es regnet in Strömen. Ich werde mir den Tod holen. Der Kurde sitzt immer noch unbewegt. Johnnys Schlüssel dreht sich im Türschloss. Meine Nackenhaare sträuben sich ein bisschen. Von wegen alt. Schmecks! Ich schlüpfe in die Laufschuhe. Mein Leben für die Wissenschaft.
Sag mir, ist es wichtig?
31/07/2006
So richtig wichtig ist es nicht
Was machen Sie, wenn Ihrem Schlüssel ein vor das Schlüsselloch geklebter Zettel den Weg versperrt? Genauer: Sie wollen nicht rein, sondern raus, ins Freie. Sommer. Freunde treffen. Asphalthitze. Mädels! (Oder Jungs, je nachdem.)
Sie würden sich zumindest wundern. Eventuell sogar den Zettel, auf dem offensichtlich etwas steht, nehmen und lesen. Worauf Sie in die Küche gehen. Den Topf mit der Fleischsauce für die Spaghetti sehen. Den Kühlschrank öffnen. Den Topf hineinstellen. Tür zu, ab durch die Mitte. Die Aktion hätten Sie innerhalb einer Minute erledigt. Oder? Eben.
Das Blöde ist, dass Kinder essen müssen. Auch die Halbwüchsigen. Also stellt man sich (zumindest ab und an) in die Küche, um halb sieben Uhr in der Früh, packt das Faschierte aus und kombiniert es mit Hitze und Fertiggewürz. Während die Nudeln kochen, duscht man sich den Geruch vom Leib und hupft ins G’wand. Weil man muss in die Arbeit. Derzeit ist die Wohnung aber ziemlich temperiert, sommertechnisch. Der Topf sollte also eher früher als später ins Kühle.
Überleg, überleg. Den 17-Jährigen kurz aufwecken und instruieren? Die Erfahrung lehrte: Ganz schlechte Idee. Ich weiß nicht, welche Hormone gerade um die Vorherrschaft in seinem Universum rittern, aber dass sie ihn schwerhörig machen, weiß ich genau. In Kombination mit Tiefschlaf grenzt das an Taubheit. Wir lassen den Knaben schlafen und beschließen als einzig unfehlbare Strategie Barrieren zu bauen: Zettel vor Schlüsselloch. Knapp formulierte Bitte drauf malen. Soviel Logik kann nicht fehlschlagen.
Kann sie doch.
Auf die Frage (mittlerweile hat es die Fleischsauce seit gut sieben Stunden schön warm), ob er den Zettel denn nicht gesehen hat – was eigentlich unmöglich sein kann: O ja, da war was. Und was? Ein Zettel. Und was stand da drauf? Irgendwas von einem Sugo. Du hast Sugo gemacht, stimmt’s?
Das Leben mit einem fast ganz Erwachsenen ist spannend. Auch wenn der eh nie da ist, sondern in einer Parallelwelt unterwegs. Ist ja auch ganz angenehm. Man hat die Wohnung für sich, kann bei der Hitze alle Türen und Fenster offen- sowie die Kleidung bis zur Schamgrenze weglassen und sich ungeniert der Körperpflege widmen. Um sich beispielsweise leicht bekleidet nach der Schütt-Methode die Zehennägel zu lackieren (großflächig Nagellack verteilen, Überschuss mit Wattestäbchen und Nagellackentferner eliminieren).
Meine Zehen streben zum Teil übereinander und müssen während der Trocknungsphase abgelenkt werden. Dabei ist man wie die Giraffe beim Trinken kurz fluchtunfähig. Logisch, dass just in dieser heiklen Phase der Knabe heimkommt, mit einem ganzen Geschwader von Freunden, eh nur kurz, weil er was braucht, und – ebenfalls logisch – steht er mit der ganzen Partie im Wohnzimmer.
Die momentane Peinlichkeit, die sich zu uns gesellt, bemerkt der Knabe genauso wenig wie den Zettel vor dem Schlüsselloch. In Wahrheit ist er mit seinen Konsorten schon wieder so gut wie draußen: Sommer, Sonne, Asphalthitze, Mädels!
Zurück bleiben ich und ein paar panisch zusammengeklebte Zehen.
Ich wasch mir das Zeug ab. Und fühl mich nicht nur ein bisserl überrumpelt, sondern auch ein wenig, als wäre ich alles, was meinen Spross vom Erwachsenwerden trennt – wie so ein Zettel vor dem Schlüsselloch, so eine kleine Barriere auf dem Weg ins Freie, mit irgendeiner Botschaft. Nicht ganz so wichtig halt.
Wir sind vorbei
30/07/2006
Irgendwer muss noch die Flaschen wegräumen
Wir stromerten durch die Stadt, am Sonntagabend, eine Stunde vor Beginn des WM-Finales. Während sich Wien auf das letzte Spiel einstimmte, war das Thema Fußball schon aus einigen Auslagen verschwunden. Die besten Beisl-Plätze (Schanigarten, freie Sicht auf Bildschirm) waren schon besetzt. Oder man wanderte zum „Public Viewing“.
Während die Welt zu Gast bei Freunden war, war Herbert Prohaska zu Gast bei uns. Mein Freund (kein gebürtiger Österreicher) hat einen Narren an ihm gefressen. Er nennt ihn ebenso liebevoll „Frau Haska“ wie mich manchmal „Karinowitsch“ und versäumte bislang fast keine seiner Analysen. Es liegt wohl an Prohaskas unaufgeregter Sprache, in Kombination mit dem zerknautschten Blick – so, als würde ihn die Kamera ein bisserl blenden. Er wird uns fehlen.
Die ganze WM wird uns fehlen, meint mein Freund, der sich auf der Couch in Position geworfen hat. Wir sind gerade noch rechtzeitig nach Hause gekommen, um zu sehen, wie Zidane einen Elfer versenkt. Oder nicht. Oder doch. Doch: Hinter der Linie, also 1:0 für Frankreich.
Mir wird die WM nicht fehlen. Oja, sagte er. Schade, dass sie vorbei ist. Aber nein. Jede Party hat ein Ende, und mehr als eine Party war es nicht. Am Samstag, beim „Match der Herzen“, bei dem dann die Deutschen „Weltmeister der Herzen“ wurden, gaben die Fans auf der Berliner WM-Meile noch einmal so richtig Gas.
Ein ORF-Moderator hatte das Bummerl gezogen: Er musste sich für den Live-Einstieg unters feiernde Volk mischen. Von links grölte man eine Auswahl feinster WM-Gesänge direkt ins Moderatorenohr, von rechts hielt ein leicht bis mittelschwer Illuminierter aus einer Distanz von zwei Zentimetern dagegen, rhythmisch und ununterbrochen einen Vereinsnamen brüllend (ich glaube, es war „Borussia! Borussia!“). Und hinter ihm schwenkte ein pralles Mädel einen schwarz-rot-goldenen Schal mit der schwarz-rot-geilen Spaßparole „Fußball! Ficken! Alkohol!“. Ich finde, damit ist alles gesagt.
Eigentlich sollte ich ja Resümee ziehen über die WM, aber ehrlich: Ich verstehe nach wie vor wenig von Fußball, und man wird sich in den nächsten Tagen vor Resümees ohnehin nicht retten können. Vor gescheiten wie vor blöden. Ich erspare Ihnen meines.
Wenn Sie diesen Text lesen, ist bereits alles vorbei. WM und Party. Irgendwer wird die Flaschen wegräumen, die nach abgestandenem Bier stinken. Das ist noch bei jedem guten Fest so gewesen. Der Kühlschrank ist vollgestopft mit Pizza-, Brötchen- und Kuchenresten. Das reicht locker für drei Tage Resteessen (oder ein bis zwei Wochen Nachberichterstattung).
Bis alle Spuren beseitig sind, vergehen Wochen. Aber schließlich hat man das letzte Chipsbröserl gefunden, den letzten Spielzug analysiert und dann werden es auch die Deutschen leid, nach jeder Autowäsche die Deutschlandfahne wieder neu am Auto zu drapieren. Der WM-Song, ein ganz böser, weil stinklangweiliger Ohrwurm, wird hoffentlich nur mehr dort gespielt, wo ich nicht hinhöre und der hosenlose Löwe verliert sich in diversen Kinderzimmern.
Was ich gelernt habe, ist, dass a) Fußball wirklich spannend sein kann (zumindest, wenn er von echten Profis vorgetragen wird) und dass b) die Qualität einer Mannschaft noch lange kein Grund ist, um zu ihr zu halten. Oder gegen sie.
Die echten Gründe sind: Ich war schon mal in der Toskana. Die Franzosen reden nur französisch. Mein Bäcker kommt aus Costa Rica. Ich mag keine Kiwis. Beckham ist doof. Eine Polin ist böse zu ihrem Ex-Freund. (Und der ist wiederum ein Freund von uns. Ich entschuldige mich hiermit offiziell bei der polnischen Mannschaft.) Und dass c) Herbert „Frau Haska“ Prohaska ohne Schnauzer viel besser ausschaut. Er hat ihn verloren, weil Italien Weltmeister ist.
Spät ist es geworden. Die Italiener hupen sich durch die Wiener Nacht. Mein Freund ist auf der Couch eingeschlafen. In Deutschland packen die Gäste der Freunde ihre Koffer für die Heimreise. Sofern sie nicht mehr am Saufen sind.
Das Tagesgeschäft geht weiter. Frei nach der Bild-Zeitung: Wir sind vorbei.
Welche WM?
15/07/2006
Irgendwer muss Weltmeister werden
Samstag. Also am Wochenende, an dem Deutschland noch im Spiel war. Mit fettglänzenden Fingern – es gab Gegrilltes – saßen die Jungs vor dem Bildschirm. Und während wir Mädels abwechselnd das kleinere Baby durch die Gegend schleppten und das größere mit Bilderbüchern zum Reinbeißen versorgten, tönte es Uiii! und Ohhh! und Oje! von der Couch. England kickte sich im Elferschießen aus der WM. Pech.
Das kleinere Baby spielte Beckham und kotzte. Nur ein bisschen. Kein Malheur. Hingegen war das Ausscheiden der Engländer ein großer Verlust, anscheinend, aber Portugal ist doch auch ganz nett. Was weiß ein Fremder.
Nichts, weswegen ich in die Runde fragte, wer denn Weltmeister werden soll. Die Mannschaft, in der die wenigsten Männer Haarreifen tragen, so meine Schwester. Sie findet Haarreifen bei Männern peinlich. Herr Filius hingegen hält prinzipiell zu den Underdogs. Die sind allerdings schon draußen. Eugen hoffte noch auf einen Sieg der Deutschen. (Wie wir heute wissen, vergeblich). Denn, so Eugen, der Sieg steigere das Selbstbewusstsein unserer Nachbarn, sie würden derart gestärkt mehr einkaufen, was sich positiv auf die Wirtschaft auswirke, wovon auch Österreich profitieren würde. Oder so ähnlich.
Auch ich wäre für den deutschen Sieg gewesen. Dahinter steckte die Hoffnung, die Bild-Zeitung möge dadurch das nicht mehr zu steigernde Übermaß an „schwarz-rot-geiler“ Euphorie erreichen und sich samt der prallen Britta aus Travemünde, die stets zum Elferschießen bereit ist und gleich zwei Bälle mit ins Spiel bringt, ins Zeitungs-Walhalla katapultieren.
Nicht die Deutschen! Die Couchbesatzung futterte Tiramisu und klärte mich nebenbei auf: Zu arrogant. Die Bild sah es anders und titelte knapp danach: Brasilien-Versager: Zu fett! Zu faul! Zu arrogant! Heute titelt sie, schwach wir ein luftleerer Ballon: Wir sind RAUS! IHR seid trotzdem schwarz-rot-geil.
Aber damals, am Samstag, war die deutsche Fußballwelt noch in Ordnung. Babsi spielte mit den Kindern Twister und legte dabei eine ganz erstaunliche Beweglichkeit an den Tag. (Im Gegensatz zu den Brasilianern, die einfach stehen bleiben, wenn der Gegner ein Tor schießen möchte.) Die Babys wechselten die Fronten und saßen bei den Männern auf der Couch.
Wir Frauen bedienten das Klischee und betrachteten abwechselnd die Babys, die Männer und den Schnurrbart von Herbert Prohaska. Dabei redeten wir über die durchschnittliche Dauer von Schwangerschafts-Übelkeit. Eine von uns ist guter Hoffnung.
Der Grillmeister versorgte uns großzügig mit übrig gebliebenem Grillgut, ebenso großzügig verpackt in Alufolie. Nach uns roch die U-Bahn trotzdem wie ein Grillhähnchen. Wir hetzten nach Hause, um Frankreich gegen Brasilien zu sehen, zumindest die zweite Halbzeit. Diesmal war mir übel – man soll echten Sekt nicht mit Kindersekt mischen. Vielleicht war auch das Tempo zu schnell. Ich hatte keine Ahnung von der Fußball-Leidenschaft meines Freundes. Sie flammt, sagt er, nur zu WM-Zeiten auf. Es ist unsere erste WM.
Zinedine Zidane spielt wie ein Weltmeister, informierte die heimische Couch. Mein Sohn stromerte vorbei. Wer soll die WM gewinnen? Zidane, meinte er. Also Frankreich? Ja, Frankreich. Warum? Weil Zidane danach aufhört, und das wäre doch ein netter Abschluss.
Stimmt. Hollywood hat ganze Film-Legionen aus diesem Stoff gestrickt.
Am nächsten Tag schrieb ich Mails: Freunde, wer soll die WM gewinnen? Es folgten lange Pamphlete und kurze Abhandlungen, bei deren Lektüre mir klar wurde, was eh klar war: Mir persönlich ist es völlig egal. Soll gewinnen, wer mag.
Knapper beantwortet die Frage nur der göttliche Herr Diva: Welche WM?
Ich mutiere
15/06/2006
Die Zeichen sind so subtil wie unübersehbar
Die Zeichen sind subtil. Nein, ganz falsch. Die Zeichen sind Zaunpfähle, mit denen mir das Schicksal winkt. Sie sagen: Auch du wirst eine nervige Mutter sein. Eine, gegen die sich Jungmänner und -weiber nur mit wohlwollender Geringschätzung und lächerlichen Geschenken wehren können.
Du nörgelst ständig, meint Johnny, und ich entgegne: Ach was, ich weise dich einfach auf etwas hin. Johnny: Stimmt, und das nervt.
Er mache das schon irgendwie, aber das „Irgendwie“ ist mir zu ungenau. Der ganze Knabe ist ja eine einzige Ungenauigkeit auf zwei Beinen. Wie dieses Wesen funktioniert, aus welchen Komponenten es sich zusammensetzt und wo sich der Schutzschalter für Notfälle verbirgt, wird mir mehr und mehr zum Rätsel.
Ist das die „zweite Entbindung“? Erst trennt sich ein Körper vom anderen, dann die Seele? Wie auch immer, da hat sich was verschoben, irgendeine Achse im Zeit-Raum-Kontinuum – und jetzt ist mir seine Welt nicht mehr so leicht zugänglich wie bisher. Was macht die irritierte Mutter? Sie verkrampft sich, um den Anschluss nicht zu verlieren. Heraus kommen sinnlose Konversationen, die eher an Polizeiverhöre erinnern und die Suche nach Spuren von Restlogik in Johnnys Verhalten. Dabei ist die Logik eines Jungmutanten eine völlig andere.
Frage ich ihn etwas, sieht er mich oft völlig entgeistert an. So, als müsste er die Antwort aus den Tiefen des Universums hervortauchen und durch ein transplanetarisches Übersetzungsmodul jagen, bevor er sie in den Mund nehmen kann. Und dazu, so deute ich die Geste, hat er wenig Lust.
Ich habe allerdings wenig Lust darauf, durch Johnnys freie Interpretation von Ordnung ständig an meine diesbezüglichen Entwicklungsjahre erinnert zu werden. Die schmerzlich genug waren. Denn meine Eltern hatten zwar meine Geschwister mit Ordnungssinn und Sparsamkeit ausgestattet. Für mich, der Jüngsten, war jedoch nichts übrig geblieben.
So verlief die Demarkationslinie im Zimmer meiner Schwester und mir quer durch den Raum. Ihre Hälfte zusammengeräumt, meine chaotisch. Das setzte sich überall fort, sogar im Zweimädlszelt auf unserer Campingreise: Beim Aufwachen war neben mir bereits besenrein leergefegt, und meine Schwester schmierte draußen Frühstücksbrote.
Alle Strategien zur ungefähren Aufrechterhaltung einer gewissen Ordnung habe ich mir mühsam selbst erarbeitet, statt zum Beispiel auf den Erfahrungsschatz meiner Mutter zurückzugreifen. Ich sah sie wohl sprechen, sah interessiert, wie sich ihr Mund bewegte, allein: Ich hörte sie nicht. Ihre Ratschläge waberten wie künstlich verzerrte Tonsignale am Rand meiner Wahrnehmung. Eine für Teenager geniale Filterfunktion, aber wie es sich am anderen Ende der Schallwelle anfühlt, weiß ich erst jetzt. Grauslich.
Wie gesagt, ich mutiere. Allerdings, allerdings. Wenn der Prozess abgeschlossen ist, trage ich Strickjäckchen, eine schicke Kurzhaarfrisur mit roten Strähnchen, bestelle im Shoppingkanal Hosen mit praktischem Gummibund und freu mich über Besuche im Wiener Tiergarten.
Wenn schon, dann richtig. Guten Abend.
Der Werwolf in der Mauser
15/05/2006
Man kann Haare verlieren. Und die Nerven behalten.
Ich komme von diesem blöden Sonnenuntergang nicht weg. Er legt sich über alle Versuche, eine ordentliche Einleitung zu finden. Dabei geht es gar nicht um Sonnenuntergänge. Mittlerweile wate ich durch verworfene Einleitungssätze, wie: „Kennen Sie ‚American History X‘?“ Oder: „Was haben Sie gestern verloren?“ Ich meinen Sinn für Einleitungssätze.
Der ist im samstäglichen Sonnenuntergang verglüht. Wobei es nicht einmal das Farbenspiel am Horizont war, das mich so berührte. Was mir immer wieder in die Seele greift, ist die am Verschwinden der (riesigen) Sonnenscheibe sichtbar gemachte Erdrotation, die Verdeutlichung der Tatsache, dass sich diese große, feuchte Kugel beständig durch das Weltall schraubt. Und zwar ziemlich flott.
Dazu kommt dann noch die Vorstellung, nur ein wenig Luft ins All pumpen zu müssen, um die Stille mit einem Dröhnen zu füllen, das an einen Maschinenraum erinnert und an „Brazil“. Manchmal würde es ein wenig knarren und ächzen, und leiser hörte man, wie sich die Nachbarplaneten durch den Raum schieben, viel seltener käme aus weiter Ferne ein unklarer Laut. Wir würden uns lauschend am Arm berühren und erklären: Das helle Geklirre wären vermutlich die Ringe des Saturn, man wisse es nicht so genau. Ganz klein wären wir vor Ehrfurcht. Das empfand ich am Samstag so stark, dass dahinter alles andere verblasste.
Denn bevor mich das sonnenuntergängliche Dröhnen ans Fenster fesselte, hatten wir gerade über die jüngste Johnny-Anekdote gelacht. Mein Sohn ist berühmt für Blitzaktionen, bei denen sein Verstand keuchend grad noch um die Ecke biegt, während sich der Rest des Knaben schon mitten in der Umsetzung befindet. Unwiderruflich. Was am Freitag (für mich) mit einem Telefonat begann: „Hallo Mama, wo bist Du?“ Und wann ich denn nach Hause käme. Er hätte sich nämlich die Haare geschnitten, mit dem Haarschneider, und dabei sei ein bisserl was schief gegangen. Jedenfalls müsse ich ihm helfen, den Hinterkopf auch zu scheren. Scheren? Johnny hat dichtes, schönes, dunkelbraunes Haar.
Hatte: Ich kam nach Hause, und mein Sohn war verschwunden. Stattdessen stand ein (bartloser) Derek Vinyard vor mir, also der von Edward Norton in „American History X“ (übrigens großartig) gespielte, geläuterte Rassist. Keine Spur von meinem charmanten, hübschen Sohn. Das war ein Fremder im weißen Unterhemd, dem das Fehlen von Haaren eine Härte verlieh, die mich sofort losbrüllen ließ.
Im Badezimmer, das aussah, als wäre ein Werwolf spontan in die Mauser gefallen, beseitigten wir die letzten Haarbüschel. Mit dem ersten Schock war mir auch das Schimpfen vergangen. Johnny, der mit Rassismus sowenig am Hut hat wie der Sonnenuntergang mit dem Rest der Geschichte, hatte sich selbst überrumpelt. Die Konsequenzen daraus – ein Anschiss vom Chef, ein paar schräge Blicke von den Leuten – ertrug er mit Fassung.
Jetzt können wir schon wieder darüber lachen. Derek Vinyard verschwindet in dem Ausmaß, in dem ich mich an meinen neuen Sohn gewöhne. Johnny hat nicht mehr verloren als ein paar Haare, und die kommen wieder (ein Kopfhaar braucht drei Tage für einen Millimeter). Und im Grunde: Er ist 16, es ist sein Kopf, was reg‘ ich mich auf.
Mir schwant übrigens, dass mir auch der Sinn für Schlusssätze abhanden gekommen ist. Ich wollte tatsächlich schreiben: „Johnny ist sein eigener Planet.“ (Aber vielleicht ist das gar nicht so abwegig. Und das Muttertier in mir ist sein Trabant.)
Was red‘ ich
28/02/2006
Einen Cent für jeden Hunderterbund Worte
Einen Cent für jedes Wort. Was red‘ ich. Einen Cent für jeden Hunderterbund Worte, den ich in den vergangenen sechzehneinhalb Jahren an Johnny gerichtet habe. Wir wären reich, mein Spross und ich.
Heute red‘ ich nix. Weil ich erstens eh nichts verdiene damit und zweitens Halsweh habe, ansatzweise, was völlig reicht, um mich verstummen zu lassen. Und drittens: Weil es völlig egal ist, ob ich was sage und falls ich was sage, was ich sage. Was nicht heißen soll, dass ich nichts zu sagen habe. Im Gegenteil: Zu viel! Wenn angeblich ein Mann ein schlichtes Wort ist und eine Frau ein komplexes Wörterbuch (oder umgekehrt) – dann ist eine Mutter (ich) der Brockhaus. Und zwar der vollständige. Und das nur, wenn es um Johnny geht. Sonst weiß ich durchaus Maß zu halten.
Die Leute wundern sich immer, dass ich so ruhig und gelassen bin. Man kriegt nichts mit von mir – ein Kollege meinte kürzlich, er habe mich in den ersten Wochen für „stumm“ gehalten, oder so. In Wahrheit verbrauche ich das mir zugeteilte Wortkontingent fast ausschließlich für pädagogische Zwecke. Für alles andere bleibt nichts übrig. Jede/r Alleinerzieher/in wird mir das bestätigen: Erziehung ist wortreich. Besonders wenn es keinen Partner gibt, der den Wortfluss eindämmen hilft. Ich weiß, es gibt auch andere Ansätze. Eine Zeitlang profitierte ich durchaus erfolgreich von meiner physischen Überlegenheit und konnte die verbale Überzeugungsarbeit – zum Beispiel in Sachen Abwaschen – durch aktives „In-die-Küche-tragen“ unterstreichen.
Dafür ist der Knabe schon zu groß. Er würde mich einfach wieder aus der Küche hinaus tragen. Ich habe auch den leisen Verdacht, dass er mir nicht nur körperlich überlegen ist. Es lässt sich leicht beobachten: Sobald ich mit dem Satz „Komm und setz‘ dich, sofort!“ ein Referat einleite (Inhalt egal), kommt er her, setzt sich und schaut fern. Innerlich. Doch, doch, wir führen schon interessante Gespräche. Wenn er will. Und nur dann.
Ein Klassiker aus der Frühphase: „Probier das, nur einen Bissen!“ Keine Chance. Johnnys Gemüse-Gegenargument: „Wenn du kein Fleisch ist, esse ich kein Gemüse.“ Damals war er zirka fünf. Die Logik meines Sohnes hat mich immer schon verblüfft. Später hat mich Johnny ganz einfach mit meinen eigenen Waffen geschlagen: Sobald ich irgendetwas von ihm wollte (lernen, Mist raus tragen, Großeltern anrufen), verwickelte er mich in eine Diskussion – bis er hinter einem gemeinsam produzierten himalayanischen Wortgebirge verschwunden war und sich aus jenem Staub machen konnte, in dem er seine leer geredete Mutter schnöde zurückließ.
Pah, Schurke! Seit ich ihm auf die Schliche gekommen bin, wird nicht mehr diskutiert. Also, fast nicht mehr. Er hat mich gut erzogen. Es reicht, ihm das Mistsackerl zu einem günstigen Zeitpunkt in die Hand zu drücken (wenn er gerade die Wohnung verlässt). Dann nimmt er es mit. Es reicht, ihm einfach Essen auf den Tisch zu stellen. Er isst es. (Meistens.) Es reicht, nicht in sein Zimmer zu gehen und die Restwohnung halbwegs sauber zu halten. Irgendwann fällt ihm der Unterschied auf. (Hoffentlich.)
Es reicht sogar völlig, ihm von Zeit zu Zeit die Leviten zu lesen. Kurz und bündig. Vielleicht muss man, um die richtigen Worte zu finden, erst ein paar Millionen davon verlieren … Und wenn sie einem dann völlig ausgegangen sind, die klugen Sätze, dann fällt einem vielleicht auf: He, der Junge kommt wunderbar zurecht – alles, was ihn nervt, ist das ständige Gequatsche.
Also, was red‘ ich? Passt ja eh alles. Und Johnny schleppt jetzt schon eine ganze Enzyklopädie handfesten Mutterwitz mit sich rum. Das sollte vorerst reichen.
Nackt unter Nackten
22/02/2006
Störungsfrei in Schwefelbad
Unterwegs auf Österreichs spannendster Telefonverbindung – auch Westbahnstrecke genannt. Gerüchte wissen, die ÖBB überlegt eine neue Art Telefonjoker: Raten Sie, wie viele Sekunden Ihr Gespräch überleben wird, bevor es sich frustriert aus dem Zugfenster stürzt. Sollten Sie gewinnen, schreiben Sie Namen und Adresse auf ein Taschentuch, schnäuzen sich einmal kräftig hinein und schmeißen Sie das Ergebnis in die eigens von der ÖBB zur Verfügung gestellten Mistbehälter. Gratis.
Entspricht „schnäuzen“ mit „ä“ der neuen Rechtschreibe? Mir gefällt es, weil sich „schnäuzen“ von „Schnauze“ ableitet und es extrem wohltuend ist, wie viele Leute in diesem Zugabteil dieselbe halten – offenbar haben sie sich nix zu sagen ohne mobile Schnittstelle. Fast ist mir, als ob die anonyme Reisekollegenschaft ein stillschweigendes „Pssst!“ vereinbart hätte – extra für mich. (Danke, bin sehr gerührt!) Denn Frau K. entfernt sich gerade von Wien, lässt Beruf, Alltag und das 16-jährige Selbstfindungsprogramm namens Johnny hinter sich, in froher Erwartung eines wohligwarmen Tages in der Therme Bad Schallerbach. Saunieren mit Frau A. steht am Programm, und zwar gründlich. Und kinderlos. (Frau A. nennt drei Monster ihr Eigen. Zu unserem Spezialprogramm zählt „Kinderallergie“ mit Husten- und Würganfällen, vorgetragen am liebsten zu vorgerückter Stunde, meist dann, wenn zufällig ein Nachwuchs das Zimmer quert.)
In Wien bin ich übrigens derart schüchtern, dass Sie mich NIEMALS nackt in einer gemischten Sauna treffen werden. (Angezogen natürlich auch nicht.) Oberösterreich hingegen ist Heimat … Nein. Daran liegt es nicht. Mit Bad Schallerbach verbinden mich nette Erinnerungen. Johnny auch. Er war noch ein ziemlich kleiner Johnny, als seine Mama nach einem Saunagang beschloss, ohnmächtig auf die kalten Fliesen zu sinken. Später meinte er, er hätte erst gar nicht bemerkt, dass ich die Nackte war, die sich da auf dem Boden ausbreitete. Was an den fünf bis sieben älteren Herren gelegen sein mag, die mich besorgt umringten. Und das, dem Wesen der Sauna entsprechend, ebenfalls im Zustand paradiesischer Nacktheit.
Obwohl Adam im Paradies gar nicht die Chance hatte, ein älterer Herr zu werden, bevor er hinaus komplimentiert wurde – was wieder eine interessante theologische Frage aufwirft: Wären Adam und Eva im Paradies gealtert – mit allen Folgen … zum Beispiel jenen, die ich aus der liegenden Perspektive einer aus hilfloser Ohnmacht Erwachenden direkt im Blickfeld hängen hatte?
Ungelogen: Ich wechselte sofort wieder in den Zustand der Bewusstlosigkeit und kann bis heute nicht sagen, ob wirklich nur der schnelle Fluchtversuch Schuld daran trug.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt erkannte mich mein Sohn wieder. Ich ihn allerdings erst, als ich mich auf einer Liege im Außenbereich wieder fand und von Johnny mit Müsliriegeln gefüttert wurde. Der Arme. Sollte er jemals einen Seelenklemptner beschäftigen, kann er mir jedenfalls nicht vorwerfen, nichts Erzählbares erlebt zu haben.
Die Adam-Frage hätte ich damals übrigens gleich direkt in der Sauna mit dem Pfarrer unseres Heimatstädtchens klären können – eine Chance, die ich mir angesichts der unbedeckten Hinteransicht unserer Lokal-Eminenz entgehen ließ.
Wie auch immer: Zwischen mir und dem Tag in der schwefeligen Thermenhitze liegt nur mehr eine holprige Zugfahrt mit der LILO (Linzer Lokalbahn) und eine erfrischende Nacht im Energiesparhaus meiner Eltern (wobei sich das „Energiespar“ eher auf meine Eltern bezieht als auf das Haus). Morgen Abend geht’s zurück nach Wien: Störungsfrei (durch den ÖBB-Telefonservice), porentief rein und garantiert ohne eine weitere unkontrollierte Begegnung mit den nackten Folgen der Schwerkraft gehabt zu haben. (Frau A. ist Krankenschwester. Sie passt auf mich auf.)
Hummer und Schmutzwäsche
22/01/2006
Von führenden Waschmittelpsychologen empfohlen
Ein führender Waschmaschinenhersteller – nein, ganz falsch – ein führender Jugendpsychologe hat in einem seiner Bücher Heranwachsende mit jungen Hummern verglichen, die gerade wachsen, daher den Panzer abgeworfen haben und sich derart verletzbar in ihre mit Unrat gepolsterte Höhle (aka „Zimmer“) zurückziehen. Wobei der Unrat Trost spendet. Oder so. Ich hab‘ mir weder den Namen des Herrn gemerkt, noch das Buch, aus dem ich hier so grob aus dem Gedächtnis zitiere. Auch nenne ich keine Waschmaschine mein eigen. Trotzdem passt das Ganze fein zusammen.
Denn ein- bis zweimal pro Woche drängt es mich, Wäsche zu waschen. Und sofern das einzige Exemplar Waschmaschine frei ist, das uns Mietern zur gemeinsamen Verwendung dient, wird auch gewaschen. Was ich dabei gelernt habe: Wer waschen will, muss schnell sein. (Es sind die kleinen Dinge, die den Alltag spannend machen.) Zusammenraffen, was entfernt an Schmutzwäsche erinnert, zwei Stockwerke hoch hetzen, sich an die Waschmaschine klammern wie Gollum in „Herr der Ringe“ an den Ring („It came to me, my own, my love… my… preciousssss“) und dabei, wenn geht, keine Spur aus Stringtangas, Stinkesocken und Waschpulver hinterlassen.
Sehr praktisch ist bei diesen Hauruck-Aktionen, dass sich meine Wäsche quasi eigenständig zusammenrafft. Sie hat aus jahrelanger Praxis gelernt, sich beizeiten im Schmutzwäschekorb einzufinden. Mit Johnnys Wäsche muss man hier etwas nachsichtiger sein: Sie ist, wie ihr Besitzer, noch nicht ganz so selbständig und verteilt sich über sein Zimmer. Was sag‘ ich. Über die ganze Wohnung.
Gut, dass es Mütter gibt, die praktische Dinge vererben: Zum Beispiel den Wäscheschlachtruf. Eine Großmeisterin dieser Kunst – meine Mutter – hat mir und meiner Schwester diese Tradition weitergegeben. Praktischerweise stand die Waschmaschine meines Elternhauses im überdachten Innenhof, dessen Akustik dazu geeignet war, die ganze Kleinstadt zu beschallen.
Mich wundert heute noch, dass Mutter nur die Familienwäsche wusch, nachdem sie mit ihrem „Hastdunochwaszuwaschen?“-Schrei sämtliche Nachbarn regelmäßig dazu aufforderte, vom Höschen bis zur Bettwäsche „alles“ und „zwar sofort“ abzuliefern, weil sie „eben jetzt“ wasche. Und nicht später. Es war unmöglich, sich dem zu entziehen, egal, ob es gerade passte oder nicht. Weil man beispielsweise unter der Dusche stand, splitternackt, mit Shampoo in den Augen.
Wenn ich also den Hummer, der mein Sohn gerade ist, zur Herausgabe seiner Koch- und Buntwäsche zwingen möchte, greife ich auf Mutters Erbe zurück. Ich habe die Kunst des Wäscheschlachtrufens sogar weiterentwickelt und fokussiere den Schall gezielt auf Johnnys Zimmertür – die Wände in einem 70er Jahre-Neubau sind dünn, und die Nachbarn dürfen nicht spitzkriegen, dass die Waschmaschine frei ist.
Ehrlich: Ich brauche nur anzusetzen und aus der Hummerhöhle fliegt mir ein Wäschekorb entgegen, auf dessen Grund sich sogar ein paar Jeans und einzelne Socken verirrt haben. Die darauf folgende Diskussion mit dem Hummer dient dazu, auch die Wäsche freizupressen, die nicht im Korb lag, sondern sonst wo. Also den Großteil. Bleibt nach erfolgreicher Verhandlung, die Wäsche vom Müll zu trennen, diesen wieder in der Hummerhöhle zu drapieren (Tür auf, werfen, Tür zu) und flott die Waschmaschine zu entern.
Warum ich den Knaben die Wäsche nicht selber waschen lasse? Ach, wissen Sie: Am Vermüllungsgrad der Wäsche lässt sich angeblich erkennen, ob dem Junghummer bereits ein neuer Panzer wächst. Meint der Waschmittelpsychologe. Zumindest ungefähr. (Und wenn nicht: Es sind die kleinen Dinge, die den Alltag spannend machen. Aber das erwähnte ich ja schon.)





