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(Text aus der zwischen 2005 und 2010 für oe1.ORF.at verfassten Reihe von Alltags-Kolumnen.)

Ein pralles Weib möchte ich sein, innen wie außen, mit allem, was dazugehört. Wogende Brüste, dicke Locken und ein fettes Lachen. Eine Stimme, die Raum schafft, kubikmeterweise Raum, eine Stimme quasi, die Lufthoheit beansprucht und bekommt, ohne Diskussion. Hornhaut auf den Fußsohlen vom Barfuß gehen, und Ränder unter den Fingernägeln, weil ich einen Garten hätte, mit Brennnesseln, Unkraut, Basilikum und Zitronenmelisse, mit Bienen, Käfern, Ameisen und Regenwürmern, mit alten Bäumen, Himbeersträuchern und einem Feigenbaum mit großen Blättern, unter denen die Kinder spielen, weil, dann wär’s nicht bei dem einen geblieben.

Es wär‘ eine Schar kleiner Dreckspatzen, die nackert in die Pfützen hupfen und aus Schlamm Burgen bauen, am Abend, wenn ich mit meinem Mann und Freunden noch am Gartentisch sitze, bis spät in die laue Nacht, und während wir reden oder nix reden und über den Mond staunen, bauen die G’schrappen aus all dem Zeug, das sie im Garten finden, ein Nest für den Hund, der wedelnd daneben steht und sich nicht reinlegen will, ins Nest, der dumme Köter.

Dann, wenn alle gähnen, wenn sich die Freunde fröstelnd die Bäuche gerieben haben und heimgegangen sind (wir haben ihren Schritten und Stimmen hinterher gelauscht), dann wird’s Zeit zum Schlafengehen. Wir sammeln die Kinder ein, die mit ihren Dreck verschmierten Goscherln schlaftrunken durch den Garten taumeln, und tupfen sie hemdsärmelig mit spitzen Fingern in die Badewanne, eins nach dem andern. Großes Geplärre.

Großes Gekuschle. Bis alle schlafen. Der Tau zieht über die Wiese, der Mond über das Haus, irgendwo rührt sich schon ein Vogel im Gebüsch. Der meine greift nach mir und findet mich nicht gleich, weil ich noch am Fenster stehe, so als pralle Frau, mit breiten Hüften und einem runden Hintern und runden Schultern, und alles wär weich an mir, der Körper, das Wesen und das Denken. Vor allem das Denken. Weich und ausufernd.

Wär‘ ich so eine, dann würde ich in allen Teichen schwimmen, im kühlen, grünen Wasser, zwischen Insekten und Seerosenblättern, am Morgen schon. Ohne was an. Ich würde meinen Kaffee aus einem großen Häferl trinken und mit viel Milch, dazu den Kindern Brote schmieren mit Pflaumenmarmelade und es wär mir ganz egal, ob eine Fliege auf der Butter landet. Landet sie eben.

Die Kinder würden mich liebhaben und an meinem Busen kuscheln, oder mir atemlose Geschichten erzählen, von dem, der dann und dann hat der und dann hat die und weißt du? Dabei würden sie auf meinem Schoß sitzen und mit ihren kleinen Fingern an den Knöpfen meiner Bluse nesteln, so als würden sie der Bluse die Geschichte erzählen, und sie hätten keine Angst vor Wespen, Katzen, Ziegen und Kühen.

Wir würden gemeinsam Schnecken retten, Spitzwegerich sammeln und nach einem Gewitterregen ohne Schuhe auf die Straße laufen, nur um zu sagen: Oh, wie das riecht, riech mal!

Das alles, wenn ich’s wär.

Gott riecht nach Weihrauch

Ein Kreuz liegt vor mir, geschnitzt von Menschen im Heiligen Land, aus dem Holz des Olivenbaums, ein Zeichen der Hoffnung sei es, schreibt Christoph Kardinal Schönborn, und wendet sich dabei an meinen Sohn. Lieber junger Christ. Ein Begleiter auf Ihrem Lebensweg sei das Kreuz, steht in dem Brief, mit blau eingedruckter Unterschrift, die suggeriert: Hier hat wer selbst unterschrieben, so gut wie. Nicht ganz. Die Absicht zählt.

Du sollst nicht lügen, fällt mir zum blau Eingedruckten ein, aber ist das Lüge? Eher die gängige Methode. Die Diözese ist groß, jeden Brief selbst zu unterschreiben unmöglich, auch für einen Diener Gottes. Mein Sohn wollte weder Brief noch Kreuz, beides liegt auf meinem Schreibtisch, beides ungewollt und modern, mit angetäuschter Unterschrift das eine, das andere noch im Zellophansackerl, a „Gift From The Holy Land“, ein T-förmiges Ding, ohne den geknechteten, geschundenen Körper des gestorbenen Jesus, der mich seinerseits vom Briefkopf her ansieht, arrogant und fern.

Ich höre fast auf zu atmen, so gewaltig drückt es auf der Seele. Vor drei Tagen saß ich in der Kirche, eingeladen zur Hochzeit von gläubigen Freunden, hoch über uns wölbte sich ein steinerner Himmel. An den Wänden krochen pausbackige Putten aus allen Winkeln, Blattgold und schwarzes Ebenholz, Schnörkel und hüfthohe Statuen von Heiligen und Marien und Mönchen, ein haushoher Altar, unerreichbar. Gott ist nicht nah, sprach es aus den Steinen und Mauern und Geräuschen, und Du bist nicht würdig, einzugehen unter sein Dach. Die fröhlichen, kindlichen Kirchenlieder des Chores verstärkten das Fremde; von einem liebenden Vater wurde gesungen, dessen Kind man sein möchte und dessen Liebe unendlich sei, und wenn er da war, dieser liebende Vater, dann haben wir uns verpasst, wie immer bei solchen Gelegenheiten.

Wie tief das noch sitzt, das Katholische. Man erhebt sich, wenn alle sich erheben, man murmelt sein „Amen“, sein „Wir bitten Dich, erhöre uns“, sein „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“, auf einmal ist man wieder ein kleines Mädchen, mit Faltenrock, weißer Strumpfhose und einem Handtäschchen aus Plastik, das ein Taschentuch und Geld für die Kollekte birgt. Man ist wieder sieben oder acht Jahre alt, rutscht mit seinem kleinen Hintern hin- und her, macht alles, was die Oma macht, oder der Opa, betrachtet die dicken Engel, zeichnet mit dem Finger das Hausschild in der Kirchenbank nach, kaltes Messing, zählt die Ecken der elendshohen Säulen und staunt über die langen, langen Ketten, an denen die Luster hängen, während vorne der Priester aus seinen Worten einen Teppich murmelt, einen Vorhang, eine Decke, bis man schläfrig ist vor lauter Heiligkeit, bis man auf die Knie sinken darf und sich die Strümpfe zerreißt, und Gott riecht nach Weihrauch und Oma nach Kölnisch Wasser, und beide sind ewig.

Der Wind zupft an den Jalousien und bringt mich wieder in die Gegenwart zurück, in die gottlose, der Aquarell-Jesus sieht mich immer noch mit hochgezogenen Augenbrauen an, sein Heiligenschein ist blau wie die eingedruckte Unterschrift vom Erzbischof Wiens. Daneben liegt das Kreuz. Aus Olivenholz geschnitzt. Lieber Herr Schönborn, vielen Dank, wir wollen es nicht. Ich würde es Ihnen gerne zurückschicken, weil wegwerfen geht auch nicht, eigenartig. So sehr hat mich die Kirche noch im Griff, obwohl ich mich schon vor mehr als zwanzig Jahren von ihr verabschiedet habe, von diesem leidenden, katholischen Gott, der in meiner Kleinmädchenfantasie frierend und nackt in einem ungastlichen Kirchenschiff wohnte, ein geschundener Jesuskörper, hinter gotischen Säulen versteckt.

Statt mit mir zu reden, Herr Kardinal, warum ich diese Kirche verlassen habe, sprach der damalige Dechant unserer Kleinstadt lieber meine Mutter an. Er frage die Wirtin, die jeder kannte, in der Volksbank, vor allen Leuten, welcher Sekte ich jetzt angehöre. Hätte ich gewusst, dass die Pfarre das Gasthaus meiner Eltern über Monate meiden wird, weil eines ihrer Kinder, weil ein Mensch aus dieser großen, traditionell katholischen Familie sich entscheidet, nicht dazuzugehören, hätte ich bis zu meinem Umzug nach Wien gewartet. Es ging mir nicht ums Geld. Es ging mir um Nähe, Herr Kardinal, und Ihre Kirche täuscht Nähe nur vor, finde ich, wie blau eingedruckte Unterschriften auf Musterbriefen.

Ihr Schreiben hat meinen Sohn nicht berührt. Nicht ich habe ihn von der Kirche ferngehalten, er ist getauft und gefirmt. Wir haben über Gott geredet, über den Tod, über alles. Die Kirche hat sich selbst von ihm ferngehalten. Sie hat ihm gezeigt, wie man demütig die Hände faltet. Über die Demut selbst hat sie sich ausgeschwiegen. Oder über die Sehnsucht, die in ihm ebenso groß ist wie in mir. Lieber junger Christ. Diese Chance, Herr Kardinal, haben Sie und ihre Kollegen verpasst.

Arg, dass wir das arg finden

Mögen Sie Rhabarberkompott mit Joghurt und Müsli? Wär fein, denn das haben wir grad gefrühstückt, Sie und ich, und dabei haben wir, nein, kein Ö1 gehört, und, nein, auch kein FM4, sondern gelesen. Feines Buch, aber jetzt ist es spät, also hoppauf. Ab ins Bad, duschen, raus aus der Dusche, roter String trifft schwarzen BH, wir hüpfen halbnackt mit der Zahnbürste im Mund durch die Wohnung, am Bett vorbei (wird gemacht), an der Spüle vorbei (schnell abwaschen), suchen die Jeans, die alten, nicht die neuen, verflixt, da hängen sie. Der Rest ist einfach, weil immer, also T-Shirt aus dem Kasten, zurück ins Bad, Mund spülen, Pause. Kritischer Blick.

Meine Herren, da müssen wir durch: Augenbrauen zupfen, so banal ist Banalsein. Links ein bisserl (immer links zuerst, keine Ahnung, warum), rechts ein bisserl, passt, Creme ins Gesicht, Lidschatten (rosa? beigebraun? rosa), Lidstrich, Wimperntusche, Pigmentfleck abdecken, g’schwind Haare bürsten, ein Spritzer Parfüm (jetzt klingt das schon sehr nach Woman-Kolumne, oder? Dabei hab ich Sie gar nicht mit auf die Waage genommen), und raus aus dem Bad. Tasche schnappen, Apfel in die Tasche, Schuhe an, zurück in die Küche (ist der Kühlschrank zu? Das Mistding geht immer auf), vorsichtig die Tür zum Nachwuchszimmer aufmachen (Fenster sind zu, Gott sei Dank, wir müssen nicht rein), Blick auf die Uhr (halb 10, Himmel hilf) und ab.

Im Gang drei Mal an der abgesperrten Tür drücken und zwei Mal ziehen (gelebter Zwang für den Alltag), Lift holen, runter, im Treppenhaus grüßt mich ein Mann mit Motorradhelm in der Hand, schaut gut aus, wir wussten gar nicht, dass wir so was im Haus haben, dann raus, 150 Meter zur U3, an einer Spiegelwand vorbei, kurzer Blick nach links zum Spiegelbild, passt, jetzt nimmer schaun, das wär blöd.

Vierundvierzig Stufen und eine Rolltreppe tiefer (sind Sie noch bei mir?), vier Minuten warten auf U3 Richtung Westbahnhof, mit mehr Zeit hätten wir auch U3 Richtung Simmering nehmen können, dann U2, U4 und den D-Wagen, oder gar keine U-Bahn, sondern den 13A, den 5er und dann den D-Wagen, oder zu Fuß ein Stück, durchs alte AKH, aber was red ich, wir haben eh keine Zeit.

Drei Minuten. Neben uns löffelt eine Frau in den Vierzigern ein Eis. So früh am Tag. Wir finden das eigentlich arg. Und arg, dass wir das arg finden. Ansonsten sind nur Frauen mit rötlich gefärbten Haaren unterwegs. Weiße, abgesteppte Handtaschen. Großgemusterte C&A-Blusen. Die U-Bahn kommt, rein, eine Station, raus, Rolltreppe rauf, oben drängt sich eine Schülerherde zusammen, lauter Jungs, nur zwei Mädchen leuchten blond und hübsch, wahrscheinlich HTL, weiter, rauf zur U6, nur eine Minute Zeit, um nach vorne zu kommen, ans andere Bahnsteigende, weil, wenn hinten alles drängt, gibt es vorne Luftlöcher, immer, also flott.

Langsame, dicke, dünne und andere Leute versperren uns den Weg, solche mit Kinderwagen, oder Koffer, oder Zwiebelduft, aber wir schaffen das, weichen aus, denken kurz an unseren Süßen (das kling so: mein Süßer, mein Süßer, mein Süßer), wahrscheinlich irgendein leichter Bartansatz in der Menge, kommen zeitgleich mit der U-Bahn am Bahnsteigende an, zwanzig Leute steigen aus, wir steigen ein, Platz frei, am Fenster, perfekt (obwohl uns vor dem Fettfleck am Glas graust, muss man ja nicht sehen), sitzen, gut.

Jetzt ist Zeit. Zum Beispiel, um darüber nachzudenken, warum wir nix Ordentliches schreiben, wie etwa über den neuen guten Trend von kleinen bis mittleren Kommunen, sich für gut integrierte, aber durch Abschub bedrohte Familien ins Zeug zu legen, bei denen immer der Sohn im Fußballverein glänzt und die Tochter in der Schule und die Mama freiwillig wo hilft und der Papa fleißig arbeitet. Das ist schön, es bleibt die Frage nach den schrägen, radebrechenden Leuten in diesem Konzept, aber darüber müssen wir noch nachdenken, damit da kein Blödsinn rauskommt, genauso wie wir noch über großformatige Politikerwerbung für kleinformatige Zeitungen nachdenken müssen, grausliches Geschleime, so daneben, dass es kracht (dass es nicht kracht, irritiert), aber heute sind wir ganz bei uns, leider.

Und deswegen. Starren wir aus dem Fenster. Auf den Gürtel. Und die Autos. Und die Leute. Sieben oder acht Stationen. Lang.

Bis wir ankommen, Spittelau, aussteigen, Treppe runter, raus, der D-Wagen biegt ums Eck, was für ein Glück, aber keine Kollegen, schad, also doch noch den Radio anstöpseln, zwei Stationen, raus, über die Brücke, rein in die Firma, jetzt simma da, in den Lift, kritischer Blick, erst in den Spiegel, dann auf die Speisekarte von der Kantine, mögen Sie makkaroni.gemüse.auflauf? Schad. Andererseits, ich muss jetzt eh arbeiten. Danke für’s Mitkommen und bis bald.

Nur grüner und stacheliger

Wieder schreibe ich nichts über meinen Sohn, auch wenn Sie sagen: Zeit wär’s und überhaupt, was macht er so und wie geht’s ihm denn, und obwohl er natürlich immer noch mehr als genug Stoff für Kolumnen liefert, schreib ich trotzdem nix und dafür gibt es einen Grund. Lieber erzähle ich Ihnen, dass es lustig ist, mit der Bahn zu fahren, etwa mit der Linzer Lokalbahn, wo der Schaffner dem Lokführer bei der letzten Haltestelle „Vorrücken!“ zuruft, wie ein General seiner Armee, und dann rücken wir vor, die bäuerlichen Heerscharen aus dem Eferdinger Becken gegen die Hauptstadt aus Stahl.

Ich weiß, mit dem Krieg soll man nicht spaßen, darüber ließe sich diskutieren, aber immer ist es ja auch nicht lustig, das Bahnfahren, etwa wenn ein kleiner Junge grad reden gelernt hat und die paar Worte, die sich in seinem Köpfchen sinnhaft formen, probehalber in den halbleeren Wagon plaudert, die Oma das aber nicht möchte und dauernd „Psst“ sagt. Psst. Und dass die Eisenbahn böse werden würde, wenn er nicht folgt. Und dass der Herr Schaffner böse werden würde, und dann würde der Zug stehenbleiben und man dürfe nicht mehr mitfahren, das wäre schön dumm, gell?

Fast hätte ich zur fremden Oma „selber Psst“ gesagt, quasi in Stellvertretung für den Kleinen, der zu soviel Schlagfertigkeit noch heranreifen muss. Aber nach dem gedanklichen Durchspielen aller möglichen Konsequenzen ließ ich es doch bleiben. Bin ich nun friedliebend oder konfliktscheu? Womöglich gibt’s da gar keinen Unterschied. Jedenfalls haben mich alle lieb. Sogar die, die nur so tun.

(Jetzt hätte ich gerne ein Stück Schokolade. Nie hat man Schokolade dabei, wenn man sie braucht.)

Was könnte ich Ihnen noch erzählen? Vielleicht, dass ich mich vorhin in Linz in den falschen Zug gesetzt habe, in einen, der ganze zwei Stunden nach Wien braucht und nicht eine Stunde vierzig und überall stehenbleibt. Nicht überall. Aber fast. Das ist zu langsam, ich mag es gern schneller, auch der Text hier sollte ein schneller sein, einer, der über die Seiten rast und um die Kurven fliegt, dass es nur so quietscht und rumpelt, damit Sie sich anhalten müssen beim Lesen und Schutzbrillen tragen und all das Zeug und es in Ihnen nachher noch ein wenig weiterrast, obwohl ich längst wieder weg bin.

Das mache ich mal, aber ich glaube, heute ist eher der Tag für ein Fahrtenspiel, oder wie heißt das, wenn man beim Laufen das Tempo variiert? Weil, gelaufen sind wir heute auch schon, am Vormittag, durch den Auwald, allerdings immer gleich gemächlich, mit vom weichen Waldboden gedämpften Schritten. Immer ruhiger sind wir dabei geworden, ganz andächtig still war es zwischen uns und den Bäumen und dem gebündeltem Licht. Wenn man in so eine grüne Tanne schaut, und der Wind bewegt die Äste sachte auf und ab, dann ist das ein bisschen wie Meer, nur grüner und stacheliger.

(Man muss übrigens nicht immer Urlaub am Meer machen. Ich war vor kurzem drei Wochen in Florida und in diesen drei Wochen genau dreißig Minuten am Strand von Daytona, von diesen dreißig Minuten ganze drei Minuten bis zu den Waden im Atlantik, und das war’s dann mit Meer, obwohl man bei Florida den Strand gleich mitdenkt, und der Zug bleibt schon wieder stehen, verflixt.)

Hoffentlich setzt sich niemand in mein Abteil, ich habe die Schuhe ausgezogen und immer noch die Laufsocken an, und zugegeben, in meinem Kopf ist es eher konfus heute, aber nachdem mir durchaus lobend mitgeteilt wurde, dass manche meiner Texte gut für Depressionen sind (gut in dem Sinn, dass es dann den Depressionen gut geht), werde ich einen Teufel tun und was Trauriges schreiben, statt dessen habe ich Sie mitgenommen in den Zug und in den Auwald, sogar in Daytona waren wir kurz und haben die Füße in den Atlantik gesteckt, und bald sind wir zu Hause in Wien, wo ich stellvertretend für uns alle ein Stück Schokolade essen werde, jawohl.

Dann werde ich Ihnen gute Nacht wünschen und die Tür zumachen, obwohl mir jetzt tausend Geschichten über meinen Sohn einfallen würden, Erinnerungen an die erste gemeinsame Zugfahrt in eben jener Linzer Lokalbahn, die schon meinen schwangeren Bauch durch die Gegend geschaukelt hat, und so weiter und so fort, aber ich erzähle heute nichts über meinen Sohn, weil, und das ist der Grund: Weil der so großartig erwachsen wird in letzter Zeit. Ganz ohne mein Zutun, immer dann, wenn man nicht hinschaut. Deswegen.

Nichts wird gut

20/05/2007

Wien ist in der Nacht so gelb

Wollten Sie schon einmal ein Boot sein? Nicht im Boot sein, sondern das Ding selbst, wie es da auf einem runden, nordischen See schaukelt, von Wald umgeben, drüber ein Himmel und das Wasser ist graublau, gekräuselt und sicher ziemlich kalt. Jetzt ließe sich gemeinsam weiter spekulieren, welches Boot man vor dem geistigen Auge hat bei Betrachtung dieser Szene, und daraus würde man ein luftiges Textlein basteln, das Sie nicht kratzt und mich nicht kratzt und generell niemanden stört.

Dann würden Sie „bitte zahlen“ rufen, dem Ober ein Trinkgeld und den Mist am Tisch zurücklassen, darunter ein Kugerl aus Schokoladenpapier, weil, so ein Stück Text ist im Grunde auch nicht mehr als das Stück Süßzeug, das man zur Melange bekommt und isst oder liegen lässt, je nachdem. Aber darauf wollte ich nicht hinaus, also zurück zum Boot.

Es ist einfach ein kleines, hölzernes Ruderboot auf einem Bild, das ich vor ein paar Tagen sah und mir dabei dachte: Das wär ich gern.

Gestern waren wir lang unterwegs, feierten, aßen Blinis und steckten die Köpfe zusammen, um uns zu verstehen in dem Lärm. Ich wollte früher gehen, weil noch nichts geschrieben für heute und eh schon müd‘ und so. Aber dann wurde es doch ziemlich spät. Wir rannten wie die Hasen, um die letzte Straßenbahn zu erwischen, saßen im 5er-Wagen, rangen nach Luft und unterhielten uns noch ein wenig, bis der Freund ausstieg und ich, leer geredet, durchs Fenster starrte. Auf die Stadt. Auf die Leute, die noch unterwegs waren. Wien ist in der Nacht so gelb.

Kurz vor der Endstation war dann dieses Plakat, halb zerfetzt und so überklebt, dass nur ein Satz zu lesen war: Nichts wird gut. Und schon war wieder dieses Bild da, vom Boot und dem See, weil: Nichts wird gut? Das widerspricht dem, was ein anderer Freund immer sagt, wenn ich ihn darum bitte, nämlich: Alles wird gut. Und wenn er es sagt, dann glaubt man, dass es stimmt. Und ist getröstet, ein wenig. Obwohl man weiß, dass das gar nicht geht, nie wird alles ganz gut sein. Jetzt muss ich doch noch ein wenig zurück in der Zeit und Sie müssen mit, sofern Sie weiterlesen.

Falls ja, sitzen Sie mit mir in der gelben Wartezone der Abteilung 6F im Wiener AKH und warten. Sie sind seit dem frühen Vormittag im AKH und haben bereits über eine Stunde in der blauen Wartezone der Abteilung 7I verbracht. Keine Sorge, es ist nichts Akutes, nur ein Kontrolltermin anlässlich der alten Baustellen im Körper, zehn Minuten Gespräch mit dem Arzt, der die Blutwerte studiert und dann beschließt: Eh alles im grünen Bereich. Aber dieses und jenes sollten wir uns doch noch näher anschauen, und deswegen sitzen wir jetzt in der gelben Wartezone auf einem grauen Plastiksitz und warten.

Und in uns sitzt auch etwas und nagt an den Eingeweiden, aber daran denken wir lieber nicht, also betrachten wir die Wände, wo Tierbilder kleben und ich frage Sie: Warum kleben in den Wartezonen (in Arztpraxen, Krankenhäusern, wo auch immer) billige Bilder an der Wand, die aus Kinderzeitschriften stammen, ein Eisbär, Pinguine, ein winziges Affengesicht zwischen den Blättern eines riesigen Farns, Pferde und Seerosen und Kolibris, mit Tixo auf Wände geklebt, die immer beige sind und der Boden ist immer rotes Linoleum. Wer klebt diese Bilder an die Wand, und was sollen sie da, außer das hässliche Beige noch hässlicher machen? Trösten?

Wie denn? Mit solchen Bildern verzierte ich als kleines Mädchen stolz mein Zimmer, meinen Kasten, und hier, in der gelben Wartezone der Abteilung 6F, ist die Erinnerung an meine Kindheit das letzte, was ich will, und das nicht, weil sie nicht gut gewesen wäre, sondern weil mit der Erinnerung noch etwas anderes hochkommt, Hilflosigkeit vielleicht, und Einsamkeit und Trauer, die Hilflosigkeit eines kleinen Mädchens eben, die kann ich hier absolut nicht brauchen. Ich bin wütend und traurig. Weil es ist, wie es ist, weil mir das alles so vertraut ist (die Eisbären und Pinguine, die Farben, die kalten Plastiksitze neben lauten Colaautomaten), so vertraut, dass ich heulen möchte und die Bilder von der Wand fetzen, was ich nicht mache. Natürlich nicht.

Am Abend dann lässt alles wieder nach, die Wut und das Traurigsein und ich seh dieses Bild von dem Ruderboot auf dem leeren See und möchte das gern sein, dieses Boot. Weil, nichts wird je ganz gut, aber das ist schon ok so, sofern wir nicht immer darauf gestoßen werden, wie schwach wir eigentlich sind. Und wie viel Angst wir haben.

Mein Urlaub in Ocala Palms

Es gibt elegantere Wege, eine Kolumne anzufangen, als mit Wattestäbchen in Schranklöchern herumzustochern. Hinter mir liegen dreieinhalb Wochen Florida, aber ich kämpfe gegen Lebensmittelmotten und mir graust vor den Viechern.

Außerdem war Tag der Arbeit, und mein Sohn, der Lehrling, hat gelernt, wie man sich mit einer Brotschneidemaschine den Finger ansägt. Um halb sieben in der Früh. Telefongeläut, Taxi, Unfallkrankenhaus. Eh nicht so schlimm, aber Florida hat sich ganz schön verflüchtigt in den letzten Stunden. Dort war es so still.

Ich lausche ein bisschen. Der Computer rauscht. In mir ist nicht viel los im Moment, der Rest meiner Aufmerksamkeit starrt immer noch auf die nackten Mottenmaden, die schon im fest verschlossenen Mistsackerl wohnen, und wer weiß, vielleicht bewegen sie sich ja noch. Wäh.

Schreib doch über Florida. Wie denn, wenn es verblasst. Wissen Sie, dort war es wirklich still. Ich war ja nur ganz kurz in Miami, um mich planlos zu verfahren. Aber sonst: Sogar Tampa war ruhig, weil nachtschlafend, als wir dort ankamen. Am nächsten Tag lieferten mich die Jungs (mein Sohn, ein Freund) in Ocala Palms ab und dort war das lauteste Geräusch die Uhr im Wohnzimmer von Charlie und Maurine. Und dann setzten sich die Jungs Richtung Daytona ab, weil ihr Urlaub viel kürzer war als meiner und weil man seine Mama, oder die Mama von irgendwem, nicht unbedingt mitnehmen muss an den Strand oder zu den Cheerleadern oder in irgendein Nachtleben.

Urlaub in Ocala Palms. Dort dürfen nur Menschen wohnen, die über 55 sind. Die können sich dann zwischen fünf verschiedenen Häusertypen und vier verschiedenen Farben für ihre Häuser (oder umgekehrt) entscheiden. Sie verpflichten sich, mindestens zwei Bäume zu pflanzen und es in ihrem Vorgarten nicht zu übertreiben. Man sieht ganz wenig Plastikflamingos und ganz viele Steinskulpturen. Delfine und so. Kleine steinerne Puppenkinder, die Schubkarren schieben oder sich Küsschen geben. Es ist eigenartig, daran zu denken, wie sie sich immer noch Küsschen geben unter ihren Palmen, und zu wissen, wie sich dort die Nacht anfühlt und die Ruhe und die Luft, während man hier sitzt mit dicken rosa Socken und alles ist schon wieder so weit weg.

Maurine hat nur Rosen in ihrem Garten und eine Katze, die ein schwarzer Kater ist, Sooty heißt und es liebt, am Kinn gekrault zu werden, aber nicht von jedem. Außerdem hat Maurine einen australischen Akzent, sie ist ja von dort, und wenn sie mich als ihre Austrian daughter vorstellte, sagte natürlich jeder: Oh, Australia. Worauf ich: No, Austria, Vienna. Und dann: Oh und ah und wonderful!

Charlie und ich hatten uns 2005 angefreundet, als ich für das Gedenkjahr mit Veteranen zu tun hatte. Er mag Kriegsgeschichten. Gleich am ersten Abend in Ocala drückte er mir das Buch eines Kameraden in die Hand, von dem er mir oft geschrieben hatte. Maurine konterte mit dem Roman eines australischen Schriftstellers, derart ausgerüstet beschloss ich, gar nichts zu lesen und höflicherweise auch die mitgebrachten Bücher zu ignorieren. Stattdessen sahen wir gemeinsam CSI Miami oder M.A.S.H. oder die Andy Griffith Show. Ab und zu tranken wir Black Cow, dazu gibt man Vanilleeis in ein Glas und Cola, bis es eine luftige braune Schaumkrone hat.

Abends zog mich die Sehnsucht nach draußen, in besagte Nacht und auf die warmen, leeren, breiten Wege zwischen den adretten Häusern. Die Namensschilder unter den weißen Postkästchen knarrten ein wenig, auf einem Dach saß eine Eule und drehte den Kopf in meine Richtung und wir starrten uns an, eine Zeit lang. Das Sehnen dehnte sich von der Brust aus bis in meine Hände und hatte nichts zum Ziel, obwohl natürlich, es hatte ein Ziel, oder mehrere. Aber weil es jetzt wieder da ist, dieses Sehen, während ich mit meinen rosa Socken vor dem Computer sitze (Mitternacht ist längst vorbei, mein Sohn schläft nebenan mit dick eingebundenem Finger und die Maden wühlen sich durch den Mist), bin ich mir nicht mehr so sicher, wo das alles (das Sehnen, oder ich) hingehört und vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig.

Vielleicht warten wir ein bisserl, bis die Motten weg sind und Florida wieder da ist und ich erzähle Ihnen dann mehr von Charlie und Maurine und Ocala Palms, wo man nur zehn Meilen pro Stunde fahren darf, und ich sag Ihnen was: So ein Speed Limit hat schon sein Gutes.

Und andere offene Rechnungen

Ein typisches Abendritual meiner Kindheit war die Suche nach Gespenstern. Derer konnten sich viele verstecken in den Nischen und Ecken unseres alten Hauses. Und Hilfe war fern, im Ernstfall. Von den Eltern durch einen Kontinent getrennt, durch ein Gebirgsmassiv und Ozeane – also durch zwei Stockwerke, das Abendgeschäft in unserem Wirtshaus und die strenge Regel, wonach ein Kind um eine bestimmte Zeit im Bett zu sein hat.

Während der Vater in der Küche den Schurz wendete, wenn er einen Gast begrüßen wollte und die Mutter mit den Leuten tratschte, Teller wegräumte und Brösel von der Deckserviette wischte, drehte ich zwei Stiegen weiter oben meine Runde. Die Tür zum Dachboden: Abgesperrt. Im Vorraum der Verschlag vor dem Kamin: Niemand drin. Im Badezimmer: Kein Monster in der Badewanne. Hinter der Couch im Wohnzimmer, unter den Betten im Schlafzimmer: Nichts. Das Kinderzimmer bestand aus einer großen Schrankwand, einem Stockbett und zwei Fenstern, einem zum Dachboden und einem ins Stiegenhaus. Die Schrankwand: Alle Türen zu. Das Fenster zum Dachboden (ein fremder, finsterer Erdteil) war am wichtigsten: Ganz fest zu, der Vorhang spaltfrei zugezogen.

 (Während ich mich hier so schreibend erinnere, steht jemand hinter mir und sieht mir über die Schulter. Das einzige Licht im Zimmer kommt vom Bildschirm meines Notebooks. Ich drehe mich um und starre in das Dunkel. Dann ziehe ich die Beine ein. Im Sommer werde ich 40.)

Nach der Runde durch die Wohnung wickelte ich mich nach einer bestimmten Technik in die Bettdecke. Spürte ich einen Luftzug, zum Beispiel an den Beinen, bedeutete das: Lücke. Und das war schlecht. Frische Luft war nur in unmittelbarer Nähe zu Mund und Nase erlaubt.

Das Stockwerk frei von aktuellen Geistern, der Bettzeugpanzer hermetisch dicht: Ich hätte schlafen können. Stattdessen dachte ich nach: Über die Geschichte von den Werwölfen, die mir meine große Kusine erzählt hatte. Über die Filmbilder im Schaukasten unseres Provinzkinos. Die Körperfresser kommen. Zombies greifen an. Über die Spuk- und Gruselgeschichten, die Sagen und Märchen, die wilde Jagd, die Irrlichter in dunklen Mooren. Über Dämonen, die sich auf die Brust von Schlafenden hocken und ihren Atem trinken.

Überzeugt davon, die Nacht nicht zu überleben, schlief ich ein. Einmal war ein wilder Tiger im Zimmer. In Wahrheit startete ein Moped hinter dem Haus. Mein Herz schlug bis zum Hals. Meine Eltern ahnten nicht, wie viel Angst ich als Kind hatte. Meine Schwester, die im Stockbett unter mir schlief, war auch keine große Hilfe. Wenn wir uns verbündeten, dann gegen die Eltern, aber nicht gegen Geister. Außerdem war sie zu pragmatisch, um sich wirklich zu fürchten.

Meine Albträume endeten damit, dass ich mich schreiend durch eine Schlucht aus wirrem Traumgestrüpp ins Wache rettete und alles Schleichende, Schleimende, mich Anstarrende atemlos zurückließ. Die Albträume meiner ordnungsliebenden Schwester endeten mit der Entsorgung der Leichen. Indem sie diese zum Beispiel mit der Bügelmaschine plättete und zusammengelegt im Schrank verstaute. Ich habe sie zu dieser Zeit wirklich sehr schwer verstanden.

Mit dem Älterwerden milderte sich das Grauen, und als Mutter hat man keine Angst vor Gespenstern – zumindest keine, die man zeigt. Außerdem: Meine Wiener Wohnung ist nichtssagend. Sie ist nett, hell, freundlich, lauscht in der Nacht dem Straßenlärm und den (meist) friedlichen Geräuschen der Nachbarn und erzählt mir vor allem keine Horrorgeschichten.

Allerdings. Die Sommer sind so schön auf dem Land. Und die Wohnung im alten Haus wäre ein guter Platz für Wochenenden abseits von Wien. Mir scheint, wir haben noch eine Rechnung offen, die Gespenster meiner Kindheit und ich. Ich dachte, sie los zu sein. Dabei hängen sie wie Fledermäuse kopfüber im Dachstuhl, immer noch.

Wohin mit der Wut in der niedersten aller Welten

Diese unsere Welt, schreibt Singer in „Die Gefilde des Himmels“, sei laut Talmud die niedrigste aller Welten, in der alles Licht zu Stein werde, zu Knochen und Erde. Vielleicht damit wir es fassen mögen, dieses Licht und daraus machen, was wir daraus zu machen verstehen.

Und Tolstoi lässt in „Der Tod des Iwan Iljitsch“ einen Sterbenden darüber nachdenken, ob er, der von sich geglaubt hat, sein Leben lang beständig aufwärts zu gehen, nicht abwärts gegangen sei statt dessen. Sich seinen Aufstieg nur vorgelogen zu haben, so wie ihm alles auf einmal Lüge erscheint, die Fürsorge seiner Frau, die Zuwendung seiner Freunde, alles.

Mein fast erwachsener Sohn sitzt am Tisch, ich sage etwas, er motzt. Ich explodiere. Nicht: Ich weise ihn zurecht. Das ist grüngallige Wut, die sich hoch steigert in einen völlig hysterischen Ausdruck, dass ich so nicht mit mir sprechen lasse, und die Schnauze hätte ich voll und überhaupt und ohnehin. Bald schreien wir beide, er fassungslos ob der völlig inadäquaten Reaktion meinerseits, ich außer mir, außer jeder jemals gefassten Regel im Umgang mit meinem Kind, mit Menschen generell.

Am Ende finden wir uns im Badezimmer wieder. Er sitzt am Badewannenrand, ich stehe in der Tür, bin atemlos und schäme mich zutiefst. Diese ganze Wut, werde ich ihm und mir später erklären, die meinte nicht dich. Wen dann, fragt er und ich, ich weiß das auch nicht so genau.

Mir ist, als wäre eine Schar Dämonen aus meiner Brust in eine Schweineherde gefahren, oder in die Tauben auf dem Dach. Und der, der den Dämonen das Weichen befohlen hatte, sitzt hier und ist ebenso verstört wie ich. Mein Sohn, der Exorzist. Die Lungen tun mir weh, sie sind ganz leer, aber eigenartig gut fühlt sich das auch an. Leichter nämlich, was die Frage aufwirft, was Schweres drinnen war. Ich dachte ruhig zu sein. Den Grad zu kennen, bei dem Überhitzung droht.

Früher, als wir noch Mädchen waren, öffneten meine Schwester und ich bei einem Gewitter die Fenster unseres Zimmers ganz weit. Wir löschten die Lichter und hörten Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, bis es schwere Tropfen regnete und wunderbar nach Sommer roch. Da waren wir uns einig. Aber dann wieder stritten wir, waren uns spinnefeind, hassten einander, schrien uns an, knallten mit Türen und manchmal prügelten wir uns auch, zugegeben, die Prügeleien fing immer ich an, wenn ich mich mit Worten nicht mehr wehren konnte.

Und danach? Versöhnten wir uns. Nachdem wir uns entladen hatten, waren wir wieder rein und unschuldig, sammelten aufs Neue links und rechts kleine Kränkungen und Ungerechtigkeiten auf, verstauten sie in unseren Kinderseelen, bis der Platz übervoll war und wir uns gegenseitig die Dämonen austreiben mussten.

Ich weiß nicht, wie meine Schwester das heute macht. Wir streiten nicht mehr, wir hören einander zu. Ob das reicht? Manchmal telefonieren wir lange, nehmen auf, was die andere quält und freut. Das ist gut so. Aber was macht sie mit ihren Dämonen?

Was macht die ganze verdammt aufgeklärte Elternschaft da draußen mit ihren Dämonen? Mit dem Frust, erwachsen zu sein, sich nicht mehr prügeln zu dürfen, nicht mehr laut streiten, jetzt und auf der Stelle, Ungerechtigkeit eine solche zu nennen, in dem Augenblick, in dem man sie sieht – egal, ob sie einen selbst trifft oder einen anderen? Mit der Unfähigkeit, jemanden aus ganzem Herzen zu hassen, so wie man die Lehrerin gehasst hat, die einem mit dem Fingerknöchel auf die Stirn pochte und im Takt dazu verhöhnte. Was machen wir mit unserer anerzogenen Gelehrigkeit und Höflichkeit und, vor allem, mit dem Bedürfnis, jedes unpassende Verhalten analysieren zu müssen und – man stelle sich vor! – zu verstehen?

Wie geht man um mit der kleinen alltäglichen Trägheit und den Wiederholungen, dem immer Gleichen, der hinter vordergründiger Gelassenheit versteckten Wehleidigkeit? Wo verbirgt sie sich, diese Wut, und was nährt sie?

Vielleicht ist es die Lüge, die Tolstoi erwähnt, die einem ebenso begegnet, wie sie in einem wohnt. Vielleicht ist das aber auch alles Schwachsinn und man sollte weniger Tolstoi lesen und seinen Sohn einfach aus der Schusslinie halten.

Und was genau das mit dem Licht zu tun hat, das zu Stein und Knochen wird, darüber muss ich wohl noch etwas länger nachdenken.

Wärme ist Luxus. Stille vielleicht auch.

Ich möchte, ich möchte, ich möchte. Ruhig sein. Mir scheint, das ist schwer. Die Leute reden übers Wetter und darüber, dass es zu warm ist. Für die Jahreszeit. Schnee und Kälte wollen sie, immerhin käme die stillste Zeit. Ja wenn! Mein Sohn, der so 17-jährig ist, wie man nur sein kann (und das mit großem Talent, darauf bin ich stolz), will auch Schnee. Aber nicht wegen der Zeit. Sondern wegen des Wintersports.

Tief drinnen wabbert ein Ding, das ist aus Nichts gewoben. So Sachen denk‘ ich, während mich das schäbigste Taxi Wiens nach Hause bringt. Spätnachts, auf Firmenkosten. Es zieht und der Tacho ist kaputt, der Taxler fährt nach Gefühl. Das sagt ihm: Die Frau muss nach Hause, so müd‘ ist die.

Wir rasen durch die Mariahilfer-Straße. Was sind das für Leute, fragt er, immer seh‘ ich sie da stehen. Punks, sag ich. (Taxler:) Wo schlafen die? (Ich:) Weiß nicht, vielleicht in der Gruft. (Er:) Ob die da ihre Hunde mitnehmen dürfen, ins Asyl? (Ich:) Keine Ahnung. Schlafen wahrscheinlich eh woanders.

Im Fenster spiegelt sich Festbeleuchtung. Glitzerkaskaden, Gold, Sterne, Weihnachtszeug. Wir hatten zu Hause ewig lang kein Warmwasser. Einen Boiler hatten wir, und immer, wenn mein Vater den Wirtshausofen anfeuerte, wurde das Wasser warm. An Sperr- und Urlaubstagen blieb es meistens kalt. Wir hatten auch keine Zentralheizung, sondern Öfen. Mal mit Öl beschickt, mal mit Holz und Kohlen. Im Kinderzimmer gab es keinen Ofen, dafür Heizdecken im Bett. Das fast 400-jährige Haus mag dicke Wände haben, aber kalt blieb es allemal.

Wärme ist Luxus. Erst als mein Sohn geboren wurde, rissen wir die alten Böden und Wände auf, verlegten ein Adergeflecht aus Rohren in das Haus, und seither ist es wärmer. Wir können heiß duschen, mitten in der Nacht. Dann zogen wir nach Wien. Da ist es heller im Dezember, lauter güldene Häuser, die um die Wette leuchten.

Aber stiller ist es woanders, denke ich in meinem schäbigen Taxi. Stiller ist es dort, wo es kalt ist. Und aus dem Ding aus Nichts wird ein Sehnen nach der Oma, die schon lange tot ist. Sie war so ruhig, wie ich es sein möchte. In den Raunächten, wenn die Wilde Jagd übers Land zieht, sind wir zwei durchs Haus gewandert, sie mit einem alten Bügeleisen vorneweg (so eines, in das man Glut füllen musste), Weihrauch verbrennend, ich hintennach, in Rauchschwaden gehüllt, Weihwasser versprengend, den runden Omahintern vor mir auf der Treppe.

Meine dicke, ruhige Oma. Sie ist gestorben, da war ich 14. Seither geh‘ ich allein durchs leere Haus, am 24. Dezember, weil das eine Raunacht ist. Und oben, unter dem riesigen Dachstuhl, steh‘ ich eine Zeit und denke nichts. Und unten, in dem alten Erdkeller mit seinem Gewölbe und dem Kellergeruch, steh‘ ich eine Zeit und denk‘ an das Haus, das eine Geschichte hat und darin ist man nur ein kleiner Teil.

Nach einer Zeit ist alles gut. Dann geh ich zu meiner Familie, Weihnachten feiern.

Der Taxler fährt fast an der Straße vorbei, in der ich wohne. In Gedanken ist er noch bei den Punks. Ich hingegen bin wieder aufgetaucht und krame nach der Brieftasche. War heuer früh dran, dieses Sehnen. Na immerhin, jetzt ist es raus.

Sie auch?

30/09/2006

Anfallsartige Schüchternheit

Im Kleinen, da lässt sich ja viel erklären, ziemlich viel sogar, aber im Großen? Verstehen Sie alles? Gehören Sie zu den Leuten, die zu allem und jedem eine Meinung haben, eine dieser großen Meinungen, die man gerne herzeigt und zur Diskussion stellt? Die sich schon in der Haltung ausdrückt, mit der man ein Zimmer betritt, oder ein T-Shirt trägt, oder die Tasche, oder sonst was?

Sind Sie von jenem Schlag Mensch, der auf alles eine Antwort weiß und wenn nicht, sich das nie anmerken ließe? Haben Sie Kinder? Sitzen Sie in der Straßenbahn, in der U-Bahn und wünschen sich manchmal in eine schneebedeckte, antarktische Einsamkeit, weil alles zuviel ist, zu nah, zu unmittelbar, zu fordernd und vor allem: zu verwirrend?

Hält es Sie an einem anderen Platz als dem des von außen nach innen Schauenden, sei es vom Rand einer Gruppe in die Mitte oder neben sich stehend sich selbst beobachtend?

Wechseln Sie die Straßenseite, wenn Sie sonst an einer Gruppe fremder Menschen vorbeigehen müssten, die, sagen wir mal, in einem Schanigarten sitzen, in der Spätsommersonne, Sie aber einen plötzlichen Anfall von postpubertärer Schüchternheit haben? Kann es vorkommen, dass Sie auf der Schwelle eines Geschäftes umdrehen, weil drinnen sitzt ein ganz forsch blickender Mensch und will Sie bedienen, aber eigentlich will er es doch nicht, er will nur forsch sein und in seinem Laden sitzen und zeigen, wo die Grenze ist zwischen ihm und dem Rest der Welt, womit er Sie meint, mit dem Rest. Macht Ihnen das auch Angst?

Und: An Tagen, die nicht zum Reden gedacht sind, geht es Ihnen da auch so, dass sich das Gesagtwerdenwollende festkrallt – in den Lungenbläschen oder quer unterm Kehlkopf – und nur in schmerzvollen Splittern hochkommt, weil es keine Anlaufzeit gab, keine Vorwarnzeit beim Angesprochenwerden? Vergleichen Sie sich dann mit einem alten Diesel, der ohne Vorglühzeit kalt gestartet werden soll?

Versuchen Sie manchmal, eine Meinung zu artikulieren und hören sich dann beim Artikulieren so deutlich zu, dass Ihnen alles, was sie sagen, fremd vorkommt und es daher besser scheint, den Mund zu halten? Was Ihr Gegenüber sichtlich verstört, was wiederum Sie selbst noch mehr verstört und endgültig die Rede einfriert?

Denken Sie nicht auch oft, alles Irrsinn, was sich da von den Plakatwänden auf die Straßen schleimt (auf denen Sie permanent die Seite wechseln möchten, aber nicht tun, weil das wäre ja verrückt), oder aus den Postkästen, oder aus den Nachrichten? Wie ist das nun, haben Sie Kinder? Schon fertige, geplante, noch am Überlegen? Falls ja, verwirrt Sie das nicht noch mehr? Was, wenn Sie ihnen die Welt erklären sollen, oder Zuversicht geben, oder einfach nur manchmal eine flotte, eloquente Antwort auf eine kleine, harmlose, niedliche Frage?

Dabei ist man immer noch damit beschäftigt, Antworten auf die eigenen Fragen zu suchen, was heißt, die eigenen Fragen nach irgendeinem halbwegs vernünftigen System zu ordnen, um Überblick zu erhalten, was völlig ohne Aussicht ist. Ehrlich: Für mich war die Ahnung um diesen Lebenszustand Grund genug, mir kein Kind und, wichtiger, mich keinem Kind zuzumuten. Eigentlich.

Denn uneigentlich sitzt mein Sohn jetzt im Wohnzimmer auf der Couch, schaut mit einem hübschen Mädchen fern – das er nicht in sein Zimmer lassen kann, weil, genau, ganz schlimm. Und daher sitze ich in der Küche beim Tippen, und dass das alles so ist, ist auch eines dieser Rätsel, aber immerhin: Es scheint doch zu funktionieren.