Fräulein Luise oder der kleine Lärm
25/01/2011
Der Morgen weht graues Licht durch die Straßen. Fräulein Luise und die anderen verlassen, zerschlissene Jacken umgeworfen, die nächtliche Gruft, ihr Asyl. Sie gehen, stolpern, hinken in den Park, zum Bahnhof, in Wärmestuben, aufs Arbeitsamt, zum Supermarkt, zum billigen Tetra-Pak-Rotwein, den sie teilnahmslos der Kassiererin unter die Nase halten, den diese teilnahmslos abkassiert, worauf in kleinen Münzen umständlich bezahlt wird, derweil dahinter der Herr mit dem Käse-Mortadella-Weckerl ungeduldig ein Wirtschaftsblatt über die Mini-Schnapsflaschen deckt, die, ihrerseits ungeduldig, warten und raunen und klagen, dass sie getrunken werden wollen. Sind praktisch, sagt der Herr in die Fischaugen der Kassiererin, für die Verdauung. Und die sagt nix außer „10,90. Brauchen‘s ein Sackerl?“ Derweil humpelt das Tetra-Pak schon wieder auf der Straße, steigt verboten, weil gratis, in eine Straßenbahn, setzt sich neben eine hübsche Blonde, die dann doch aussteigen möchte, ein paar Stationen zu Fuß wären gut, das Wetter ist so schön, drückt sich vorbei am Geruchskatalog, den Finger an der Nase, man will ja nicht unhöflich sein. Die Straßenbahn hält, die Tür öffnet, die Blonde zieht Luft ein, fragt sich, ob sie wohl jetzt auch stinkt, riecht am Ärmel des guten Mantels, dabei klirren ihre Armreifen, was zwei Männer gegenüber hören, die gerade ein Auto beladen oder entladen, das sieht man von hier nicht so genau, um das zu sehen, müsste man länger hier stehen, und für den Moment ist ohnehin Stillstand im Beladen oder Entladen, weil sie der Bewegung einer Hand zusehen, die Männer, und hellem Haar beim Glänzen. Derweil ihr Chef sein Auto in eine Lücke zwängt, was nicht so einfach ist, wenn die Mini-Schnapsflaschen in der Brusttasche zetern und wetzen, weil sie, endlich, getrunken werden wollen, also touchiert der Herr, um sich zu beruhigen, das Vorderauto, einen Fiat Punto. Weiberauto, raunzt der Herr, dessen knatschiges Touchiergeräusch, dieser kleine Lärm, den Blick der zwei Männer zurückgepfiffen hat, und flugs arbeiten sie weiter. Die Blonde stöckelt davon, befriedigt vom Nichtstinken, gelobt sei die Parfumgöttin, übersieht fast die Pantoffeln vom Fräulein Luise, das sich gewächsartig im Eingang eines leer stehenden Eineuroshops ausgebreitet hat, mit einem Teppich aus Gratiszeitung und Karton unter dem Hintern, zwei mit Fetzen und Zeug prallvolle Billasackerln hinter dem krummen Rücken. Eine verfilzte Kugel, die Jacke falsch geknöpft, darüber zahnloses Misstrauen, darunter dickstrumpfige Beine auf den Gehweg streckend, die Zehen löchrig grüßend. Die Arme, denkt die Blonde, Hausschuhe! Und was für eine Welt. Bückt sich kleingeldgebend, geht weiter, weil genug. 75 Cent, zählt Fräulein Luise, greift sich die Wasserflasche und begießt die Ecken links und rechts, angepisst wirkt besser. Rinnsale wachsen auf Beton, derweil am Praterstern Tetra-Pak begrüßt wird mit großem Hallo.
(Preis der Jury beim Wettbewerb für Kürzestprosa, veranstaltet vom Schreibwerk Berlin im Jänner 2011. Erschienen in der Anthologie „Kühner Kosmos“, Landbeck Verlag.)
Jahr. Aus.
31/12/2010
Also ich und er.
Was noch zu tun ist: Die Wohnung putzen. Einen Plan machen? Duschen. Haare waschen. Dann: Nichts mehr. Am Nachmittag wird das Krachen beginnen, durch den Gassennachhall verstärkter Lärm, den man riechen kann. Sofern man das Fenster öffnet.
Wenn man das Fenster öffnet und nach oben sieht. Dann ist oben ein ferner Himmel, der fern ist, weil er mit unten nichts zu tun hat. Und unten sind Gruppen von Menschen, die sich verschieden bewegen, mit eingezogenen Köpfen oder auf diese ganz lässige Art, die Hände in den Taschen, ohne Schal und sich immer zueinander drehend mit wiegenden, schnellen Schritten – das sind dann meist junge Männer. Ab und zu sind Mädchen dabei, die kreischen, wenn es wieder kracht, und schmiegen sich aneinander, die Mädchen, in gespieltem Schrecken, dabei haben sie weiße Jacken an und hohe Stiefel und lange Haare. Den Rest des Beitrags lesen »
Tell him…
29/09/2010
Die Hoffnung aus Österreich
Den Nachmittag hatte ich in der Stadt verbummelt, war also recht spät unterwegs am Abend, vom Hotel (in der Nähe der Victoria Station), runter zur Albert Bridge, dort ein paar mulmige Momente wegen der engen und einsamen Fußgängerschleuse der für den Autoverkehr gesperrten Brücke, dann von Absolute Radio mit einem 80er-Jahre-Spezial auf Lauftempo gebracht, rund um den dunklen Park getrabt, zurück über die Chelsea Bridge zum Hotel. Das sich fest in pakistanischer Hand befindet.
Kamran, Front-Office-Mitarbeiter mit Migrationshintergrund, lächelte meinem roten Kopf gütig zu. Uns verband ein Erlebnis, in dem ein älterer Italiener und eine zerknitterte Hose eine Rolle spielten. Der Zufall spülte uns zusammen: Ich wartete auf die Rechnung (Barzahlung am ersten Abend ergab Rabatt), der Italiener baute sich neben mir auf und wortschwallte italienisch erst auf Kamran und dann, weil der nichts versteht, auf mich. Ich, neugierig geworden (zum Italiener): You don’t speak Englisch, do you? Italiener: No! Ich: Francais? Er: No! Ich: Deutsch? Er: No! Ich zu Kamran, ob er nicht jemanden holen könne, der Italienisch spricht. Kamran: No! Den Rest des Beitrags lesen »
Stodertal, Ewigschatten
04/08/2010
Im Schweigeraum des Vaters
Gegenüber hockt eine Taube im Abendlicht gerade so hinter der Dachkante, dass nur ihr gedrungener Oberkörper zu sehen ist. Sofern Tauben Oberkörper haben. Sie sieht sich die pfeiligen Schwalben an, folgt ihnen mit Kopf und Schnabel. Drei Äpfel liegen neben mir auf der Holzbank, erst dachte ich, sie wären so duftig, dann war es doch der ganze Garten. Ob die Tauben hier weniger grauslich sind als in Wien? Gegenüber, am Hausdach, wird ein Kopf eingezogen.
Ob hier alles weniger dreckig ist, ich selbst eingeschlossen? Ich sitze (wieder einmal) im Garten der Eltern, mit Taube und der üblichen Katze und schreibe, was ich seh.
Spitzwegerich und Breitwegerich, zum Beispiel. Wenn Sie eine Bremse beißt, eine Gelse sticht, dann zerdrücken Sie das Kraut ein wenig und verreiben den Saft auf dem Dippel. Soll helfen. So geschehen heute, beim Wandern mit Eltern und Bekannten, im sauberen Stodertal neben dem klaren Wasser der Steyr. Der Bremsenbiss lässt mein Handgelenk etwas anschwellen, was die Suche nach dem einen oder dem anderen Wegerich auslöst, ich fühle mich wie ein umsorgtes Kind, was passt, denn heute bin ich die Jüngste.
Mein Vater und ich gehen beim Wandern vorneweg, entfernen uns immer weiter von den anderen. Insgesamt sind wir heute dreizehn Leute, wir waren auch schon mit größeren Gruppen unterwegs, und wir zwei: immer vorneweg, ein anderes Tempo wählend, eines, das uns allein sein lässt. Manchmal schwappen wir in ein kurzes Gespräch, dann sind wir wieder still.
Früher waren die schönsten Momente mit dem Vater diese: Frühmorgens zum Fischen, in der Holzzille auf der Aschach treibend, umgeben von frühnebeligem Wasser und schräger Morgensonne und langem Schweigen und großer Nähe. Ich fing die Rotaugen, er Zander und Hechte, und dann hatte auch ich einen kleinen Hecht an der Angel. Die Zille schwankte und trotzdem musste ich stehenbleiben und mit dem Fisch allein zurechtkommen, bis ihn mein Vater aus dem Wasser keschern konnte. Ich war stolz. Den Hecht ließen wir wieder frei. Mit meinem Vater fischen zu gehen, das hieß, in seinen Schweigeraum einzutreten und dort mit ihm allein sein zu dürfen.
Der Pfad führt durch den Wald, im Ewigschatten einer Wegkurve wimmelt es in einer Pfütze, Kaulquappen, hundert mindestens, wahrscheinlich viel mehr, man müsste stehenbleiben und einen Stock oder zumindest einen Blick in das Gewurl versenken, aber er lässt mir keine Zeit und ich will auch vorne gehen, vor den anderen und dann später auf die Mutter warten, die, eingepackt in die Menge von Wanderstöcken und -schuhen und -hosen, schließlich auch kommt und uns für den Moment komplettiert.
Der Schweigeraum des Vaters, das ist so ein Sehnsuchtsort. Die Großmutter hatte auch so einen besonderen Raum um sich, der mich einnahm und das Wirre beruhigte. Wenn ich als Kind die Oma betrachtete, oder einfach neben ihr war, glättete sich das Raue ein wenig oder war zumindest nicht mehr so wichtig. Beim Vater findet sich das wieder und hallt als Echo in mir nach. Man stellt sich in das Dunkle hinter dem Eingang einer Höhle und weiß, man sieht nicht alles und muss es nicht sehen, das ist ein Gefühl von Gewinn und Verlust in einem, ich kann es nicht anders beschreiben.
Ich sitze im stillen Garten und suche nach Worten. Das, was ich sagen will, entzieht sich mir, auch unser Familienleben war etwas, das sich uns immer wieder entzog, meinen Geschwistern, meinen Eltern, mir. Das kennen alle Wirts- und Bauernkinder, wir mussten es inszenieren und waren gut darin und hatten vor allem keine Zeit, genauer hinzusehen. Etwa: Aus welchen Zutaten das Geheime besteht, das den Vater umgibt. Das Einzelne lässt sich definieren. Er ist direkt, genau, beobachtend, er wägt ab, bevor er spricht, er erzählt gern und mag die Stille trotzdem. Aber das Ganze ist nicht so einfach zu fassen. Das ist wie mit diesem mathematischen Phänomen der Kugel, die, in Einzelteile zerlegt und wieder nahtlos zusammengesetzt, plötzlich ein höheres Volumen aufweist, und niemand kann sagen, warum.
Vielleicht wird das noch klarer mit der Zeit. Vielleicht verstehe ich dann auch die unsichtbaren Grenzen besser, die mich umgeben, und die mit Einsamkeit ebenso zu tun haben wie mit intensivem Erleben und Freiraum und Autonomie.
Bei der Kneippstation bleibe ich mit drei anderen Frauen zurück. Wir ziehen uns die Schuhe aus und stelzen durch das eiskalte Wasser, bis die Füße wehtun. Mittlerweile haben uns auch die Langsamsten der Gruppe überholt, ich tauche in das Geplaudere ein und gehe schließlich neben der Mutter das letzte Stück. Mein Vater wartet schon beim Auto, hat dessen Türen und Kofferraum geöffnet, ist abfahrbereit, ein kleiner Punkt auf dem großen Parkplatz, den wir noch überqueren müssen, um ihn zu erreichen. Er drängt nicht. Er ist einfach schon da und wartet. Die Gruppe splittet sich in Untergruppen, die einen wollen einkehren, die anderen – so auch wir – heimfahren, ich biete an, das Auto zu lenken. Mein Vater sitzt neben mir und beschränkt meine Geschwindigkeit auf etwas unter dem Erlaubten. Dazwischen sind wir mit der Außenwelt beschäftigt und damit, wie sie auf uns wirkt, jeder für sich.
Daheim bin ich müde, staubig und das auch innen. Ich schlafe dreckig im Ohrensessel ein, zusammengerollt, als wär ich zehn Jahre alt und nicht vier Mal mehr plus fast drei.
Jetzt, im aufgeräumten Garten. Die Tauben auf dem Dach sind weg, wahrscheinlich waren es gar keine Tauben, sondern Amseln, so, wie sie flogen. Vorhin saß eine auf dem Hochbeet und sah uns direkt in die Augen. Die Katze richtete sich auf und machte Anstalten, aber da war die Amsel auch schon wieder weg.
Es wird immer dunkler, und: Für heute ist’s genug.
von unten
02/08/2010
von unten
14/06/2010
Alles katzt heute
10/06/2010
Oder: Das Band, das Band, an meiner Hand …
Jetzt wird alles ruhiger, die Sonne ist fast ganz weg. Die Katzen auch. Darunter die eine, die an nackten Zehen kaut, wenn man sie lässt. Ein paar Schwalben sicheln sich noch durch den Himmel. Mücken umzingeln den Tisch, die Blumen schließen für die Nacht. Eine Amsel lärmt quer durch den Garten, und über mir fliegt etwas, das wie ein Reiher aussieht, vorsichtig ostwärts, als täten die Flügel weh. Vorhin, im Abendsonnenschein, noch zum Bruder geradelt, durch dessen Zaun gespäht, keiner daheim außer den Molchen im Teich und den Wasserläufern auf dessen gründunkler Fläche, und wieder zwei Katzen, die sich vor mir auf den Boden werfen. Alles katzt heute.
Langsam, langsam nach Hause. Verwunschene Welt. Zurück zu den Eltern, kurz zwischen den Feldern Halt gemacht, stehen geblieben, dem Weiden-Schneefall zugesehen, dem langsamen, stillen Sinken der Weiden-Watte gelauscht, im Gegenlicht, versucht, das zu fassen und gewünscht, es möge drinnen in einem auch so aussehen, so langsam und still und licht und warm und wattig.
Und jetzt, im Garten, kurz vor dessen Betriebsschluss. Beobachtet von einer fremden Katze, die mit untergeschlagenen Pfoten im hintersten Eck lagert, es ist die „hässliche“ (wie mein Vater sagt), wir kennen sie nicht so genau. Das Lederarmband am linken Handgelenk stört fast gar nicht beim Tippen.
Das Armband trage ich seit ein paar Tagen, gekauft in Wien, danach gleich ein zweites gekauft für die Schwester, weil mein Armband hat eine Botschaft (das der Schwester eine andere), an die es mich erinnert, wenn ich hinsehe, wenn ich es anlege, wenn ich es spüre und dann auch am Abend, wenn es vom Arm genommen wird. Das funktioniert. (Ein kleiner Mückenschwarm zentriert sich vor dem Bildschirm, zerstreut sich und kommt wieder.) Es sollte ja um das Lederband gehen in diesem Text, und darum, was es mir immer wieder sagen soll. Nur drängt sich jetzt der Garten dazwischen.
Wir haben Zeit. Hinter mir blüht ein Topf voller Margeriten, und ich muss immer hinsehen, weil die Farben weniger werden, aber es finden sich noch welche. Das Weiß und Gelb der Margeriten, dunkles Blaulila der Leberblumen (wenn die so heißen), sattes Lilalila einer Wickenart und das siebenfärbige Rot der Fuchsien. Ein grüner Salatkopf, der blaue Plastikpool und die gelben Kugelstrauchblüten. Es gab auch noch einen glühenden Wolkenfinger, in die Sonne gestreckt, aber der ist jetzt weg. (Die Katze ist noch da.)
Mein Handy liegt auf dem orangen Tischtuch, das werde ich bald zusammenfalten, und, klein-geachtelt (es ist kreisrund), mit dem Sessel bei den Rädern verstauen. Dort ist auch der Rasenmäher und das Werkzeug und ein kühler Grasgeruch. Früher war das eines der Tischtücher unseres Gastgartens, da war das Wirtshaus noch in Betrieb, und der Tisch stand mit anderen Tischen unter der Pergola zwischen Oleanderbüschen. (Die Geräusche werden auch spärlicher, dafür die Mücken mehr. Die Nachbarin werkt im Garten und summt dabei.)
Damals war mein Sohn noch klein. Einmal ist er im Gastgarten gestolpert und hat sich nah am Auge ein wenig weh getan. Ich nahm ihn in den Arm, und weil es geblutet hat und wir uns Sorgen machten, sind wir nach Wels ins Krankenhaus gefahren. War dann nichts Schlimmes. Es gab Schlimmeres. Etwa den Unfall mit seinem Vater ein paar Jahre später, unverschuldet, mit viel Glück von beiden fast unbeschadet überstanden.
Ich zupfe dem geschlossenen Sonnenschirm ein paar Falten zurecht. Es wäre einfach, das Handy zu nehmen und ihn anzurufen, also meinen Sohn, der sich vor gut 18 oder 19 Jahren nah am Auge verletzt hat und dann einen schlimmen Unfall überstanden hat und noch anderes, ein Mal war die Hand eingegipst, dann waren da die Schulen und die Lehre und die Sehnsüchte, und ich könnte ihn schon anrufen, aber ich tu es nicht. Hier, im Garten, der seine Farben und Geräusche abdämpft und in den Schatten hinter der einen Solarsteckleuchte tritt.
Mein Vater hat die Hecke übrigens ganz bucklig geschnitten. Ich mag das. Und gestern, als ich meine Mutter nach dem Gelsenstecker fragte, synchronisierte ich perfekt und spontan ihre übliche Antwort: Es gibt doch noch gar keine Gelsen.
Der Himmel wolkt. Es ist ganz windstill. Und natürlich rufe ich meinen Sohn nicht an. Er ist in Wien geblieben. Er arbeitet, er lebt, er macht. Ich trete einen Schritt zurück. (In den Weiden-Watte-Schneefall zwischen den lichten Bäumen.) Das ist, als würde man eine zentnerschwere Tür öffnen wollen, einen kleinen Keil hineintreiben, damit sie offen bleibt, und den Spalt dann vergrößern, nach und nach. Ich möchte. Ihn endlich aus dieser Mutterklammer entlassen. Das erdrückt uns beide. Und deswegen, und weil er es sich verdient hat, und weil ich es mir verdient habe, dieses sauschwere Loslassen, sagt mein Armband mir (jetzt kommt’s raus): Ich habe einen erwachsenen Sohn.
Immer wieder. Bis es mir ganz klar geworden ist. Und ihm auch. Wie sonst soll das gehen.
Ich starre in den dunklen Garten. Die Katze ist weg. Sie raunzt beim Nachbarn. (Ich nehme an, dort ist mehr los.)
familie
10/04/2010
gegenüber sitzt eine nervige familie mit einem waschlappen-vater und einer domina-mutter, zwei buben, die jetzt schon ihr erwachsenengesicht tragen und ein kleines mädchen, das ewig kleines mädchen bleiben wird, auch wenn es 40 ist. ich versuche zu schreiben, alles, was geht, ist alte texte redigieren. die mutter gegenüber hat schwarze haare mit roten strähnen und die sonnenbrille in die frisur geschoben. die familie ist raumgreifend und langweilig und laut.
STERNTALER (Textauszug)
19/03/2010
Ich stelle mir den Tod vor, er bildet sich zwischen den Büschen, eine Gestalt aus wirbelndem Sand. Was weiß ich über ihn?
Nichts, er ist nur das zerbrechende Geräusch in der Lunge meiner Großmutter, die in meinen Armen starb, als ich ein Kind war, staunend. Er ist die plötzliche Abwesenheit von Leben, die sich sofort mit neuem Leben füllt, ein Flicken neues Leben über der abgestorbenen Stelle. Ja, aber was weiß ich über den Tod? Nichts. Also verhandle ich mit ihm, nenne ihn Hades, beschwöre ihn, frage: Warum bist du Hades, warum nicht Narkos, dein Bruder, der Schlaf bringt statt Tod?
Was willst du, um ihn freizugeben?
Meine Seele ist leer. Alles, was zu sagen ist, ist gesagt. Bis auf ein Letztes. Während du dich immer weiter von mir entfernst, starrt Hades in meine Richtung, über mich hinweg, als warte er auf etwas, auf das Letzte. Und indem mich die Worte verlassen, kommt auch dieses Letzte nach oben: Was, wenn ich an seiner Stelle sterbe?
Ein Ruck in den Augen des Todes, jetzt sieht er mich an und ich spüre, ja, das wäre die Wahrheit, denn auch das spüre ich: Sie darf es nicht sein. Du stellst dich zwischen mich und den Tod. Wehrst ihn ab. Ein Blick von dir und er wird im Wind zerblasen, Staubteilchen verfangen sich in meinem Haar, feiner Staub, der mich nie verlassen wird.
Aber du sagst: Nein.
Du bist tot. Unwiderruflich. Sand wirbelt um uns, der Wind spielt mit trockenen Blättern.Etwas senkt sich in mir. Sinkt nach unten. Das Licht senkt sich, wird dunkler um einen Ton. Das Hellblau des Himmels färbt sich ins Purpurne. Der Himmel senkt sich auf die Sträucher, verbirgt sie.
Mein Denken sinkt, mein Fühlen, meine Hände sind schwer, mein Kopf senkt sich, meine Schultern. Es, was, zieht mich nach unten, du stehst vor mir, siehst mich an. Ich falle auf die Knie. In dieser beginnenden Dunkelheit, die still ist wie ein Meer. Ein Meer aus Sand.








